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Mission im Hauptquartier

aus DER SPIEGEL 5/1968

Mitte 1933 erwartete den angehenden Journalisten Philby ein größerer Geheimauftrag. Er sollte als Kurier nach Wien reisen und die Verbindungen zwischen der verbotenen österreichischen KP, sowjetischen Agenten und den »Auslandsbüros« der Komintern aufrechterhalten, die von Prag aus arbeiteten. Von Prag bekamen die österreichischen Kommunisten ihre finanziellen Mittel, und Philby sollte den Geldtransport sichern.

Aus der Tschechoslowakei wurden auch Waffen und Munition nach Österreich geschmuggelt, die für den sozialdemokratischen Schutzbund bestimmt waren, den die Kommunisten erfolgreich unterwandert hatten. Kim Philby führte seinen Auftrag zur vollen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten aus.

Dabei lernte er eine hübsche, dunkelhaarige Jüdin kennen, die zwei Jahre älter als er und bereits geschieden war. Sie hieß Elisabeth Kohlmann; »Lisl« war früher mit dem Kommunisten Karl Friedmann verheiratet gewesen, der das Parteiorgan »Rote Fahne« redigiert hatte, bis es verboten worden war.

Kim wohnte zunächst in der Wiener Innenstadt, in einem Wohnheim an der Tegetthoffstraße, danach zog er in das Haus der Familie Kohlmann in der Leopoldstadt. Dort erlebte Philby den Ausbruch des Wiener Februarputsches.

Österreichs rechts-katholischer Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß wollte seine beiden schärfsten Gegner -- die Sozialdemokraten und die Nationalsozialisten -- beseitigen, um sein autoritäres Regime zu festigen. Die NS-Bewegung hatte er schon im Juni 1933 verboten, jetzt sollte die © 1968 E. H. Cookridge. Deutsche Buchrechte: Stalling-Verlag, Oldenburg.

Sozialisten bei der Beerdigung erschossener Kameraden auf dem Wiener Zentralfriedhof.

SPÖ unschädlich gemacht werden. Die Sozialdemokratische Partei Österreichs hatte sich in dem »Republikanischen Schutzbund« eine starke paramilitärische Organisation geschaffen, die Waffen aus der Tschechoslowakei bezog, in der eine linksgerichtete Regierung amtierte.

Im Laufe des Jahres 1933 faßte Dollfuß den Entschluß, den Republikanischen Schutzbund zu entwaffnen, die Geschäftsstellen der sozialdemokratischen Organisation zu besetzen und alle sozialistischen Bürgermeister und Landeshauptleute aus ihren Ämtern zu entfernen. Dollfuß wollte nach dem Muster des italienischen Faschismus einen Einparteienstaat errichten.

In der Morgendämmerung des 12. Februar 1934 eröffneten Polizei, Armee und die rechtsgerichtete »Heimwehr« den Angriff. Die Angehörigen des sozialdemokratischen Parteivorstandes und die Gewerkschaftsführer wurden fast sämtlich verhaftet. Bewaffneten Widerstand boten nur wenige Einheiten des Republikanischen Schutzbundes in Wien und in einigen Industriestädten. Dollfuß befahl, die Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus in den Wiener Vorstädten unter Feuer zu nehmen. In Ottakring, Floridsdorf und Favoriten hatten Arbeiter und Schutzbündler die Eisentore zu den Höfen der Wohnblocks geschlossen und verbarrikadiert; mit Ascheimern, Karren und Möbelstücken versperrten die Arbeiter Zufahrtsstraßen zur Wiener Gartenstadt Sandleiten.

Drei Tage lang leisteten Wiens Sozialisten Widerstand. Nachts lag die Stadt in völligem Dunkel, weil die Arbeiter in den Kraftwerken, Gasanstalten und anderen öffentlichen Dienstbetrieben ihre Arbeitsplätze verlassen hatten, um an der Seite ihrer Kameraden zu kämpfen.

Am dritten Tag lag der größte Teil der Wohnsiedlungen in Trümmern. Mit hocherhobenen Armen kamen die Verteidiger hervor, Frauen und Kinder in der Mitte.

Nur einige hundert Schutzbündler wollten den Widerstand fortsetzen; sie zogen sich in Wiens unterirdisches Kanalisationssystem zurück. Ohne Nahrung und Frischwasser setzten sie sich dort noch einige weitere Tage zur Wehr, bis sie sich ergeben mußten.

Kim Philby schloß sich einer solchen Gruppe in den unterirdischen Kanälen von Floridsdorf an. Er schlich sich eines Nachts heraus und eilte zu dem Reuter-Korrespondenten Eric Gedye. Er bat ihn mitzuhelfen, die Männer zu retten. Philby glaubte, Gedye könne beim Polizeikommissar vorsprechen und den Widerständlern freien Abzug sichern Philby bat ihn um Kleidungsstücke, damit wenigstens einige Verwundete, die durch die Montur des Schutzbunds aufgefallen wären, entkommen konnten.

»Ich öffnete den Kleiderschrank«, berichtet Gedye, »um einiges Zeug herauszuholen. »Als Philby im Schrank eine Reihe von Anzügen hängen sah, rief er: »Du lieber Himmel! Sieben Anzüge haben Sie. Ich muß sie haben! In den Kanälen liegen sechs verwundete Freunde, denen der Galgen droht.«

Gedye stopfte sechs Anzüge in einen Koffer und reichte ihn Philby, der seine Genossen auf diese Weise retten konnte. Sie hatten Glück. Viele andere fing man in den Kanälen; sie wurden von Sondergerichten »zum Tode oder zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Philby konnte der Polizei entkommen. Er hatte an den Kämpfen im Bezirk Heiligenstadt teilgenommen und später den Verwundeten in den Kanalschächten geholfen. Selbst wenn er aufgegriffen worden wäre, hätte ihn wahrscheinlich sein britischer Paß vor der Inhaftierung bewahrt.

Er besuchte häufig das Wiener Hauptquartier einer Quäker-Mission in der Singerstraße und traf dort Landsleute, die er bereits von Cambridge her kannte. Er half, Nahrungsmittel und Arzneien an die Verwundeten in den überfüllten Krankenhäusern auszuteilen. Dort konnte er auch seine kommunistischen Genossen treffen und Nachrichten weitergeben.

Geheimkurier Philby hielt vor allem Kontakt zu einem Kreis internationaler Journalisten, die im »Café Louvre« zusammenkamen und Informationen austauschten. Der Österreich-Kenner Gedye führte bei diesen Zusammenkünften den Vorsitz. Täglich empfing er an Nachmittagen und Abenden Besucher, die ins Café kamen und Nachrichten mitbrachten. Die Informanten gehörten den illegalen sozialistischen Geheimgruppen an, die unmittelbar nach dem Putsch entstanden waren.

Philby nahm fast immer an den Tagungen im Café Louvre teil. Er zeigte sich ruhig und schweigsam, hörte aber aufmerksam zu. Gelegentlich brachte er auch Lisl Kohlmann mit. Er stellte sie als seine Verlobte vor. Sie waren jedoch damals bereits verheiratet, am 24. Februar 1934 hatte er mit ihr auf dem Wiener Standesamt die Ehe geschlossen.

Ich traf Philby im Café Louvre zum erstenmal. Dort war ich häufiger Gast, weil ich zur sozialistischen Untergrundbewegung gehätte, die Eric Gedye mit Informationen versorgte.

Nach dem Putsch -- ich war als sozialistischer Journalist verhaftet, aber dann wieder entlassen worden -- hatte ich als Lektor eine Stellung bei der »Österreichischen Monographie« erhalten, einem kleinen Kunstbuchverlag. Das Büro des Verlages lag im Neunten Wiener Stadtbezirk im Gebäude des Handelsmuseums und gehörte zu den geheimen Zentren der illegalen sozialistischen Bewegung. Auch Kim Philby bediente sich des Büros ais Kontaktstelle.

Inzwischen hatten in Brünn geflohene Spitzenfunktionäre ein Exilbüro der Sozialdemokratischen Partei gegründet, das die Geheimarbeit in Österreich steuerte und die verschiedenen Widerstandsgruppen zu einigen versuchte. Denn nach der Desillusionierung der Sozialdemokraten über ihre »alte Garde« und nach dem Debakel der Partei waren die illegalen Gruppen in viele Richtungen zersplittert.

Das versuchten die Kommunisten auszunutzen. Zu ihnen waren bereits viele alte Parteimitglieder, vor allem Studenten und Männer aus den Reihen des Republikanischen Schutzbundes, übergelaufen. Dagegen konnten wir uns nur bemühen, die Sozialisten zusammenzuhalten, durch Zeitungen und Broschüren miteinander in Kontakt zu bleiben und den Angehörigen der in Gefängnissen und Lagern festgehaltenen Parteifreunde zu helfen.

Auch Philby bot seine Hilfe an, und sie wurde gern akzeptiert. Mit seinem britischen Paß konnte er ungehindert Österreich und die Tschechoslowakei bereisen; Österreicher hingegen wurden an der Grenze stets aufgehalten und mußten sich gründlichen Kontrollen unterziehen.

Doch wir fragten uns bald, wem sich Philby eigentlich verpflichtet fühlte. Wir wußten sehr wohl, daß die Kommunisten jede Möglichkeit einer Infiltration auszunutzen versuchten, um die sozialistischen Gruppen unter ihre Kontrolle zu bringen.

Philby kam eines Tages mit einer erfreulichen Nachricht zu mir. Er habe einen »sicheren Ort« ausfindig gemacht, an dem unser Zentralkomitee zusammenkommen könne. Wir griffen natürlich sofort zu. Es handelte sich um das Haus einer Engländerin namens Muriel Gardiner, die von einem reichen Amerikaner geschieden worden und 1927 nach Wien gekommen war, um Medizin zu studieren.

Geld besaß sie reichlich. Ihr gehörte eine Villa im Wienerwald, eine große Wohnung in der Rummelhardtgasse und außerdem eine behelfsmäßige Unterkunft in der Lämmergasse, dicht bei der Universität.

Wir durften ihre Wohnungen für unsere geheimen Zusammenkünfte benutzen. Die Schuppen im Garten der Villa waren bald mit Stapeln von Geheimzeitungen und Broschüren vollgestopft. Die Engländerin bestand auch darauf, unseren Boten, deren Fahrtkosten das Zentralkomitee nicht ersetzen konnte, ein Entgelt zu zahlen.

Kim hatte behauptet, er habe Muriel Gardiner für unsere Arbeit gewonnen. Wir fanden jedoch bald heraus, daß nicht er, sondern Ilse Kulczar von der pro-kommunistischen Geheimgruppe »Der Funke« sie aufgespürt hatte. Schon damals blieb nicht verborgen, daß Philby nicht nur den sozialistischen Gruppen half, sondern zugleich auch mit unseren Gegnern, den kommunistischen Organisationen, zusammenarbeitete.

Die schwersten Zweifel an Philby kamen mir in dem Augenblick, da er als kommunistischer Mittelsmann zu uns kam und behauptete, er könne uns die finanziellen Mittel beschaffen, die wir für unsere Arbeit brauchten. Er erwähnte seine engen Kontakte zu dem sowjetischen Konsul Iwan Worobijew und zu einem Sowjetbeauftragten namens Wladimir Alexejewitsch Antonow-Owsejenko, der während des Putsches in Wien aufgetaucht und ganz offensichtlich ein Agent des sowjetischen Geheimdienstes war.

Das Geld, das uns Philby anbot, konnte nur von den Russen kommen, und finanzielle Unterstützung aus Moskau war das letzte, was meine Freunde und ich wünschten. Wir teilten das Philby in unmißverständlichen Worten mit. Wir brachen die. Beziehungen zu Philby ab.

Da traf Philby ein schwerer Schlag. Die kommunistischen Organisationen waren von Polizeispitzeln durchsetzt; einige Männer aus ihren Reihen ließen sich von der politischen Polizei Österreichs überreden, ihre Genossen zu verraten. Eine Verhaftungswelle folgte, mehrere Kommunistenführer wurden festgenommen, andere konnten fliehen und tauchten später in Moskau wieder auf.

Dadurch geriet auch Philby in Bedrängnis. Von Freunden gewarnt, verschwand er im Sommer 1934 aus Wien.

Als er mit seiner Frau nach London zurückkehrte, sah sich Philby in seiner kommunistischen Überzeugung bestärkt. Sein Glaube an den Kommunismus war anfangs theoretisch und gefühlsbedingt gewesen; in Wien jedoch hatte er mit den wirklichen Übelständen des Kapitalismus handgreifliche Erfahrungen gemacht.

In London mieteten Kim und Lisl eine möblierte Wohnung im Stadtteil St. John"s Wood. Philby verfügte dank einer Erbschaft, die ihm seine Urgroßmutter (die Witwe des Generals John Duncan) vermacht hatte, über ein bescheidenes Privateinkommen; zusätzlich erhielt er vom Vater einen kleinen monatlichen Wechsel.

Schon bald nach seiner Rückkehr nahm Philby wieder Kontakt zu seinen sowjetischen Auftraggebern auf. Natürlich durfte er seinen Übertritt nicht offen zur Schau tragen. Die Identität eines Sowjetagenten muß geheim bleiben, und selbst ein unbedeutender Informant darf nur im verborgenen wirken. Es ist einem sowjetischen Agenten auch strikt verboten, mit öffentlich bekannten Kommunisten in Verbindung zu stehen; er muß sogar den Anschein erwecken, als lehne er die kommunistische Ideologie ab.

Auch Philby bewegte sich im antikommunistischen Milieu. Er trat als das auf, was er zum Teil auch war: als ein mittelloser, freiberuflicher Journalist, der eine feste Anstellung suchte.

Er bewarb sich im Londoner Zeitungsviertel Fleet Street, aber die ihm angebotenen Stellen als Reporter einer überregionalen Zeitung und als zweiter Redakteur einer Zeitschrift entsprachen nicht seinen Vorstellungen. Lisl mußte einstweilen in einem privaten Kindergarten in Hampstead arbeiten.

Doch schließlich half Sir Roger Chance, der zusammen mit Philbys Vater in Cambridge studiert hatte und im gleichen Klub (dem Londoner »Athenaeum") saß; er beschaffte Kim einen Posten als Redakteur bei der Zeitschrift »Review of Reviews«. Das wöchentliche Gehalt von vier Guineen (51 Reichsmark) reichte eben aus, um die Miete für die möblierte Wohnung zu entrichten.

Bald darauf tauchte Philbys alter Cambridge-Kumpan Guy Burgess wieder in London auf. Er hatte die Sommerferien zusammen mit seinem Gespielen Derek Blaikle, der Oxford eben erst verlassen hatte, in Moskau verbracht. Blaikle gehörte etwa um die Zeit, als Burgess seine Studien in Cambridge abschloß, zu den prominenten Mitgliedern des kommunistischen Universitätsklubs.

Nach Moskau war Burgess unter dem Vorwand gereist, als freiberuflicher Journalist Material für eine Artikelserie zu sammeln. Nach der Rückkehr prahlte er, mehrere führende kommunistische Funktionäre getroffen zu haben. Sein Bericht ist tatsächlich nie veröffentlicht worden.

Burgess hatte vorher keine Gelegenheit versäumt, seine kommunistische Überzeugung zu plakatieren, jetzt aber meinte er, seine Begeisterung für das kommunistische System sei verflogen. Er behauptete, der Kommunismus sei zu einer reaktionären Bewegung geworden. Wirklicher Fortschritt und eine bessere Gesellschaft könnten nur von einer politischen Bewegung kommen, deren Führer -- wie Benito Mussolini -- den genossenschaftlichen Staat praktizierten.

Offensichtlich war Guy Burgess weit nach rechts umgeschwenkt. Er bewarb sich sogar um einen Posten im Hauptbüro der Konservativen Partei. Der Erfolg blieb ihm zwar versagt, doch lernte er immerhin einige einflußreiche Konservative kennen, unter ihnen den ehemaligen Chef des Marine-Geheimdienstes, Admiral Sir Harry Domvile. Im Wahlkampf von 1935 unterstützte er konservative Kandidaten.

Später beschloß er, ins Bankgeschäft einzusteigen und Börsenjournalist zu werden. Der ehemalige Burgess-Kommilitone Victor Rothschild empfahl ihn seiner Mutter als Sekretär und. Berater. Er sollte ihre Investitionen beaufsichtigen.

Seine Liebenswürdigkeit brachte ihm Erfolg. Er wurde großzügig bezahlt, hundert Guineen im Monat (1275 Reichsmark) waren in der Krisenzeit von 1935 eine stattliche Summe. Burgess gab auch einen Informationsdienst heraus, in dem er -- meist falsch -- Schwankungen der Aktienwerte voraussagte. Das Unternehmen ging wieder ein.

Seine politische Bekehrung hinderte ihn nicht daran, erneut mit Kim Philby Fühlung aufzunehmen. Burgess führte ihn bald in eine feudale Gruppe ein, die zu den einflußreichsten und politisch naivsten Zirkeln der britischen Oberschicht zählte: die »Anglo German Fellowship«, die Deutsch-Englische Gesellschaft.

Die Ladys und Gentlemen der Fellowship bewunderten Hitler und waren Anhänger seiner Lehre von der Vorherrschaft der arischen Rasse. In der Fellowship kam eine seltsame Gesellschaft zusammen: überspannte Aristokraten wie Lord Redesdale, der den Führer des Dritten Reiches als den größten Mann des 20. Jahrhunderts feierte, oder Lord Mount Temple, Vater von Earl Mountbattens Frau Edwina, den ein fast schon pathologischer Haß auf den Sozialismus trieb; mürrische, unzufriedene Karrieremacher wie Generalmajor J. F. C. Fuller, ein verdienter Soldat und Historiker, der nicht überwinden konnte, daß ihm der ritterliche Adel verwehrt worden war, und schließlich auch neurotische Damen aus dem vornehmen Londoner Stadtteil Mayfair, die Hitler »himmlisch« fanden und seinen »wunderbaren« Botschafter Joachim von Ribbentrop als Gast auf ihren Dinners vergötterten.

Die Empfänger und Soireen der Anglo-German Fellowship zogen freilich auch führende konservative Politiker und Repräsentanten des Establishment an. Sie billigten zwar die nationalsozialistischen Thesen nicht, befürworteten jedoch eine Verständigung mit Deutschland und förderten eine Beschwichtigung (Appeasement) Hitlers.

Das war der Kreis, in dem sich Burgess rasch zum beliebten Party-Organisator entwickelte. Er übernahm wichtige Funktionen im Vorstand und schleuste schließlich Philby auf Befehl seiner sowjetischen Auftraggeber in die Fellowship ein. Die jüdische Frau Philbys blieb natürlich zu Hause.

In kurzer Zeit schuf sich Philby das Renommee eines gläubigen Appeasement-Apologeten. Er redigierte die Zeitschrift der Gesellschaft, ("Anglo German Review"), übernahm die gesamte Öffentlichkeitsarbeit der Fellowship und wurde Public-Relations-Agent der Lords Redesdale und Mount Temple. Auch einige anonyme Broschüren der Gesellschaft waren von Philby verfaßt.

Er hielt engen Kontakt zu Joachim von Ribbentrop. Philby: »Zwischen 1935 und 1937 bin ich mehrmals auf Geheiß der (sowjetischen) Zentrale nach Berlin gefahren, wo ich viele bedeutende Nazi-Führer traf, am häufigsten Ribbentrop.« Niemand schien eifriger für die Zusammenarbeit mit Hitler-Deutschland zu agieren als Kim Philby.

In Wirklichkeit sollte Philby über alles berichten, was er in der Fellowship und in Klubs erfuhr. Jede Information war für Moskau wichtig. Es kam den Sowjets darauf an, Stimmung und Haltung der führenden politischen Kreise gegenüber dem neuen Deutschland zu kennen, um daraus Rückschlüsse über die Richtung der britischen Politik ziehen zu können.

Vor allem galt es, Zugang zum britischen Geheimdienst zu finden. Burgess war inzwischen Privatsekretär des rechtskonservativen Unterhausabgeordneten John Macnamara geworden. Macnamara zählte ebenso wie der Burgess-Freund Sir Barry Domvile und andere Antikommunisten der Konservativen Partei zu den Bewunderern Hitlers. 1936 reiste Burgess mit Domvile und Macnamara zum Nürnberger Reichsparteitag.

Noch engere Beziehungen bahnte Burgess zu Sir Joseph Ball an, dem Leiter der Forschungsabteilung der Konservativen Partei. Sir Joseph war alter Geheimdienstler und hatte im Ersten Weltkrieg zu den wichtigsten Mitarbeitern des damaligen Chefs des Secret Intelligence Service, Captain Mansfield Cumming, gezählt.

So humorlos Sir Joseph Ball auch sein mochte, dem Charme eines Guy Burgess konnte er nicht widerstehen. Er machte Burgess mit hohen Beamten des britischen Geheimdienstes bekannt und empfahl sogar, ihn im Geheimdienst zu beschäftigen. Doch der britische Spionage-Chef jener Zeit, Admiral Sir Hugh Sinclair, mochte Burgess nicht. Der erste Versuch, in den britischen Geheimdienst einzusickern, war gescheitert.

Fast zur gleichen Zeit hielten die Sowjets für Philby einen neuen Auftrag bereit. Er sollte sich von einer

* Auf einem Bankett der Deutsch-Englischen Gesellschaft am 14. Juli 1936.

Zeitung als Korrespondent nach Spanien schicken lassen. Auf der Iberischen Halbinsel war ausgebrochen, was Moskau mit Furcht und Hoffnung erfüllte: der spanische Bürgerkrieg.

Die Sowjets stellten Philby die schwierige Aufgabe, in das Oberkommando des erzkonservativen Putschisten-Generais Francisco Franco einzudringen, der mit seinen Streitkräften die Links-Republik bedrängte. Kim Philby war der ideale Mann für diese Aufgabe. Er war Engländer, Journalist und stand zudem in dem Ruf, mit den Nazis zu sympathisieren.

Doch zunächst mußte sich Philby eine geeignete Tarnung zulegen. Er wandte sich an den Verleger David Towers, Chef der kleinen Nachrichtenagentur »General Press«, und bot sich als Kriegsberichter für Spanien an. Nur wenige Korrespondenten berichteten damals auf der Seite Francos über den Krieg. Towers akzeptierte deshalb Philbys Vorschlag, wenngleich ihm die Kostenfrage schwierig schien; et bezweifelte, ob sich genügend Zeitungen für Philbys Berichte interessieren würden. Darauf Philby: Ihm bedeute die Chance, seine ersten Erfahrungen als Auslandskorrespondent sammeln zu können, so viel, daß er mit einem geringen Pauschalhonorar und der Vergütung seiner Telegramm- und Telephonspesen zufrieden sei.

So brach er am 11. Februar 1937 als Korrespondent der Londoner »General Press« nach Burgos auf, dem Sitz des Hauptquartiers General Francos. Er war bald in der Lage, wertvolle Informationen aus dem nationalspanischen Hauptquartier durch die Front zu schmuggeln und kommunistischen Kommissaren zuzustellen, die an der Spitze der aus ausländischen Freiwilligen zusammengestellten Internationalen Brigaden standen. Wie er das machte, ist nicht bekannt.

Ein ehemaliger Angehöriger des britischen Bataillons der XV. Internationalen Brigade berichtet, daß ihm der politische Kommissar seines Bataillons, George Aitken, einmal von einem englischen Journalisten erzählt habe, »der in Francos Hauptquartier lebt und für uns arbeitet«.

Fred Copeman, kommunistischer Agenten-Werber in London, wurde noch deutlicher: »Wir haben da drüben einen Burschen, der uns jede Woche, manchmal sogar noch öfter, ausgezeichnete Nachrichten schickt und uns genau sagt, was im Generalstab dieser Bastarde los ist.«

Ein einziger falscher Schritt hätte nicht nur den Tod, sondern brutale Folter durch die Sicherheitspolizei Francos bedeutet. Einmal wurde Philby von der nationalspanischen »Seguridad« verhaftet und durchsucht, doch er konnte noch rechtzeitig ein wichtiges Papier -- den Geheimkode -- unbemerkt schlucken; man ließ ihn wieder frei.

Philby heute: »Für mich als Geheimdienstagenten war das eine Schule für praktische Erfahrungen. Ich eignete mir die Fähigkeit an, meine Gedanken zu verbergen und mich für jemanden auszugeben, der ich gar nicht war.«

Seine pro-faschistischen Beziehungen halfen ihm dabei. Auf seiner Reise nach Spanien hatte er sich dem in die Grenzstadt Hendaye übergesiedelten britischen Botschafter Sir Henry Chilton vorgestellt. Philby gab sich hocherfreut, als der Franco-Freund Sir Henry herausfand, daß sie unter den Mitgliedern der Anglo-German Fellowship viele gemeinsame Freunde hatten.

Der Botschafter schrieb Philby Empfehlungsbefehle an mehrere nationalspanische Funktionäre und Generale. Die Briefe waren sehr nützlich, um Philbys Ruf als »Kommunistenfresser« auch in Spanien zu begründen.

Er verkehrte bald in einflußreichen Kreisen und freundete sich mit wichtigen Militärs an, so mit General Sanchez Dávila, dem Chef des Hauptquartiers.

Kim bewegte sich völlig frei unter Offizieren des Generalstabes, als gehörte er zu ihnen. Auch sein Ansehen als Journalist wuchs rasch. Philbys Berichte an die »General Press« waren so gut geschrieben, daß sie in der Fleet Street Aufmerksamkeit erregten.

Mehrere Zeitungen, darunter auch die »Times«, druckten Philbys Berichte ab. Schließlich schrieb er an den Herausgeber der »Times« und schlug vor, man möge ihn zum Sonderkorrespondenten ernennen. Die Zeitung unterhielt bereits drei Korrespondenten in Spanien, dennoch wurde seine Bewerbung angenommen.

»Times« -Korrespondent Philby ergriff eifrig Partei für Francos Lager; einige seiner Berichte hätten von den Presseoffizieren des Generalissimus selbst verfaßt worden sein können. Er beschrieb begeistert die Leistungen der Franco-Truppen, kritisierte die britische Hilfe für Frauen und Kinder der zerbombten Stadt Guernica ("Kriegsverlängerung") und schalt seine kommunistischen Genossen »Extremisten, die durch ihr Vorgehen gegen politische Gegner die Gesetze der Menschlichkeit verletzt haben«.

Am 23. Mai 1937 feierte er in der »Times« den Caudillo: »General Franco ist nicht der Mann, Kompromisse hinzunehmen. Großbritannien darf sich nicht in Interventionsmanöver ziehen lassen. Das Spanien General Francos widerspricht nicht im geringsten den britischen Interessen.«

Kim Philby war in Beruf und Krieg, in Politik und Gesellschaft wohlgelitten, auch die Frauen flogen ihm zu. Er hatte sich inzwischen mit Lady Frances Mary Lindsay-Hogg liiert, der geschiedenen Frau eines britischen Gardeoffiziers, die einst unter ihrem Mädchennamen »Bunny« Doble in Musicals im Londoner Westen aufgetreten war.

Sie war zwölf Jahre älter als Philby. Spanischen Freunden stellte er Bunny als seine »novia« vor, was in Spanien alles heißen kann -- Freundin, Verlobte. Geliebte. Bunny und Kim lebten in Spanien mehr als zwei Jahre zusammen. Die Lady begleitete ihn auf vielen Reisen, obwohl er darauf bestand, daß sie der Front nie zu nahe kommen dürfe. Das erwies sich bald als eine weise Vorsichtsmaßnahme.

Mitte Dezember 1937 eröffneten die Republikaner eine Offensive gegen Teruel. Der Vorstoß der »Roten« kam für die »Nationalen« völlig überraschend. Francos Verbände mußten sich von den Höhen um Teruel absetzen und in die Stadt zurückziehen, die darauf von den Republikanern eingeschlossen wurde. Der Caudillo beschloß, eilig Verstärkungen nach Teruel zu entsenden.

Die Nachricht von Francos Rückschlag erreichte Philby und andere ausländische Korrespondenten im Hauptquartier des Generals Aranda in Zaragoza. Die Journalisten baten um die Erlaubnis, die Front besuchen zu dürfen. Der General warnte, das heftige Artilleriefeuer dauere noch an, war aber schließlich einverstanden, daß einige Korrespondenten in einem Konvoi aufbrachen.

Armee-Lastwagen fuhren voraus und bildeten auch den Schluß der Kolonne. Philby saß mit drei Kollegen (Neu, Sheepshanks und Johnson) in einem Wagen, als eine schwere Detonation ertönte. Was dann geschah, beschrieb Philby den Lesern der »Times« am 2. Januar 1938 so:

»Plötzlich explodierte eine Schrapnellgranate in Höhe des Kühlers und durchlöcherte den Wagen mit Splittern. Ihr Korrespondent konnte den Wagen verlassen und über den Platz zu einer Mauer laufen, hinter der eine Gruppe Soldaten in Deckung lag. Von dort wurde er zu einem Sanitätsposten gebracht, wo seine leichten Kopfverletzungen schnell verbunden wurden.

»In der Zwischenzeit bemühten sich spanische Offiziere tapfer darum, trotz der immer noch einschlagenden Granaten die Insassen des Wagens zu bergen. Granatsplitter hatten Mr. Johnson die Seite aufgerissen, er muß augenblicklich tot gewesen sein. Mr. Sheepshanks atmete noch, als der Rettungstrupp mit Bahren ankam. Er war im Gesicht und am Kopf schwer verwundet worden. Er starb um 7 Uhr abends im Krankenhaus von Monreal.

»Mr. Neu war bei vollem Bewußtsein, als er zu einem Sanitätsposten in Caude gebracht wurde. Er sorgte sich um das Schicksal seiner Schreibmaschine. Sein Bein war an zwei Stellen gebrochen, später wurden aus dem Bein 35 Splitter entfernt. Man brachte ihn nach Zaragoza, wo er operiert wurde. Das Wundfieber hatte aber bereits eingesetzt; er starb heute mittag.«

Der Tod von drei ausländischen Journalisten verursachte im Feldquartier General Arandas beträchtliche Aufregung. Aranda meldete den Vorfall an General Dávila, Philbys Freund in Burgos, der inzwischen Francos Verteidigungsminister geworden war.

Zwei Monate später erfuhr Philby -- er hatte sich längst von seiner leichten Verwundung erholt -- offiziell, daß ihm Generalissimus Franco das Rote Kreuz des spanischen Militärverdienstordens 1. Klasse zuerkannt habe, das für Tapferkeit vor dem Feind verliehen wird.

Der Sowjetbürger Philby weiß noch heute die für einen kommunistischen Agenten ungewöhnliche Szene auszukosten: »Eines Tages«, erinnert er sich, »kam zu mir ein Offizier aus Francos Hauptquartier, er setzte mich in seinen Wagen und brachte mich in die faschistische Zentrale in Burgos. Man führte mich in einen Saal, wo eine Gruppe lächerlich aufgeblasener Generale wartete. In der Mitte stand »Generalissimus' selbst. Ich erregte dadurch Aufsehen, daß sie alle, einschließlich Francos, sehr klein waren.

»Ich wurde vorgestellt. Nach einigen Minuten überreichte mir der »Caudillo« feierlich dieses Kreuz. Es war mir später bei meiner Arbeit sehr nützlich.«

Kim Philby verließ Spanien und kehrte im Frühjahr 1939 nach London zurück. Er wurde in der Redaktion der »Times« herzlich willkommen geheißen. Seine Berichte über den spanischen Bürgerkrieg hatten große Anerkennung gefunden; der Chefredakteur sicherte ihm eine Dauerstellung als Auslandskorrespondent zu und schlug vor, Philby solle als Sonderberichterstatter nach Deutschland gehen.

Für Kim war die Rückkehr nach London nicht sonderlich angenehm gewesen. Er besaß dort kein Heim, seine Ehe mit Lisl bestand praktisch nicht mehr. Die beiden Eheleute einigten sich auf eine Scheidung.

Phiiby reiste für die »Times« nach Berlin. Seine Beziehungen zur Anglo-German Fellowship und seine Bekanntschaft mit Nazifunktionären machten ihn zu einem britischen Korrespondenten, der in Berlin gern gesehen wurde.

Die Berichte, die er aus Berlin für die »Times« schrieb, waren ebenso brillant wie seine Kriegsreportagen. Er trat für den Frieden ein, denn ein europäischer Krieg lag nicht im Interesse der Sowjet-Union. Trotz Hitlers wachsender Aggressionspolitik hielt er am Frieden fest -- und vereinigte sich für kurze Zeit mit seinem Vater, dem grimmigen Imperialismus-Kritiker und Pazifisten Harry St. John Philby.

Dem alten Herrn waren selbst die Freunde in der Labour Party zu »kriegslüstern« geworden, er wollte sich bei einer Nachwahl in Kent als Kriegsgegner ins Unterhaus votieren lassen. Sohn Kim half ihm dabei. Die Nachwahl fand am 20. Juli 1939 statt. St. John Philby erlitt eine schwere Niederlage und verlor sein Wahlgeld. Es war ein Abschied: Kim Philby ging in den Krieg.

Sofort nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde das Britische Expeditionskorps unter General Lord Gort nach Frankreich entsandt, Philby folgte ihm als einer der ersten Kriegsberichterstatter. Die »Times« hatte ihn zum Chefreporter ernannt. Im Hauptquartier Lord Gorts in Le Mans besaß Philby Vorrang vor allen anderen britischen Korrespondenten. Bei seinen Kollegen machte ihn das nicht gerade beliebt. Auch manche Offiziere mochten ihn nicht.

In Pariser Restaurants kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Philby und britischen Offizieren, die seine sarkastischen Äußerungen über das Britische Expeditionskorps übelnahmen. Einmal wurde er als »verdammter Nazi« beschimpft und aus einem britischen Offiziersklub hinausgeworfen.

In Paris entdeckte Philby einen Freund, der sich als lustiger Trinckumpan und als wertvolle Nachrichten-Quelle erweisen sollte. Es war Philbys einstiger Kommilitone Donald Maclean, der in Cambridge Guy Burgess so sehr bewundert hatte.

1938 war Maclean zur Britischen Botschaft versetzt worden, nachdem er seine Lehrjahre im Foreign off ice abgedient hatte. Drei Jahre in Whitehall und ein Jahr in Paris hatten aus dem scheuen und linkischen Jungen einen selbstsicheren und wohlinformierten jungen Diplomaten gemacht.

Nicht geändert hatten sich jedoch Macleans politische Ansichten. Auch der Botschaftssekretär Maclean war überzeugter Marxist. Schon bei der ersten Begegnung mit Philby erklärte er leidenschaftlich: Welche Partei auch immer den Krieg gewinne, er werde mit der Weltrevolution und dem Entstehen einer großen »Union der Sozialistischen Republiken von Europa« enden.

Hitlers heranrollende Panzerkolonnen trennten die Freunde im Juni 1940 wieder. Maclean floh mit seiner soeben geheirateten Frau, der Amerikanerin Melinda Marling (sie wurde später Philbys vierte Frau), über Bordeaux nach England, Philby blieb als Kriegsberichter bei der britischen 50. Division -- er war einer der letzten Briten, die am Strand von Dünkirchen evakuiert wurden.

In London arbeitete Philby zunächst wieder in der Redaktion der »Times«. Doch der Posten befriedigte ihn nicht. Da wußten seine sowjetischen Auftraggeber eine neue Rolle für ihn, die Rolle seines Lebens: roter Doppelagent im britischen Geheimdienst.

Einige Tage nach seiner Ankunft in London traf er Guy Burgess. Er erzählte Philby, er habe einen ganz geheimen Posten bei einer Abteilung des Secret Service erhalten, und zwar auf Empfehlung seines alten Bekannten, Sir Joseph Ball. der stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsamtes geworden war.

Burgess behauptete, er könne auch Kim einen Geheimdienstposten verschaffen. Philby war zunächst unentschlossen, dann aber schlug er ein.

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