Zur Ausgabe
Artikel 25 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

CHRISTEN Mission Impossible

Bislang arbeiteten Missionare eher in Afrika oder Lateinamerika - nun sollen sie dem Mangel an Gläubigen auch im Osten der Republik entgegensteuern.
Von Dominik Cziesche
aus DER SPIEGEL 2/2003

Die christliche Botschaft bei Frost verkünden zu müssen ist eine harte Glaubensprüfung. Christoph Scharf meistert sie vergnügt, als stünde er unter der Sonne am Ufer des Sees Genezaret und nicht bei minus acht Grad am Rand des Schweriner Marktplatzes.

Über ihm ein Partyzeltdach, das im Wind flattert wie der »Jesus First«-Schlüsselanhänger um seinen Hals. Seitlich ein Mini-Gehege mit zwei Schafen, blökende Blickfänger für Passanten. Hinter Scharf eine Flanelltafel, auf die sich biblische Figuren pappen lassen, und vor ihm die vierjährige Lea, der er in drei Minuten die Kindheitsgeschichte Jesu Christi erzählt. Scharf will gerade einen Flanell-Josef ins Spiel bringen, als Lea kreischt: »Ist das der Räuber?«

Ein Jammer für Scharf, der im Sommer 2002 als hauptamtlicher Missionar nach Schwerin zog und Ende Dezember mit seiner ersten Aktion startete: »Viele Kinder im Osten haben noch nie eine Geschichte aus der Bibel gehört.«

Anders erwartet hat er es nicht: Vier Jahrzehnte Sozialismus haben die Gotteshäuser verwaisen lassen, und auch im Kapitalismus ging es rapide weiter abwärts. Nun sollen Missionare, die bisher eher in Botswana oder Burundi bekehrten, innerdeutsch den Abwärtstrend stoppen - es ist der verzweifelte Versuch, Ostdeutschland nicht zur No-God-Area werden zu lassen. Denn schon jetzt stehen Kirchen zum Verkauf, Gemeinden sterben nach und nach aus - vielerorts wird nur noch jedes zehnte Kind getauft.

So ernst ist die Lage, dass voraussichtlich zum Sommersemester 2004 in Greifswald für Studenten eigens ein Institut für Evangelisation öffnen soll, um missionarischen Nachwuchs auszubilden.

Nach der Wende waren die Kirchen noch einigermaßen gefüllt, viele Widerständler fühlten sich hier zu Hause. »Jetzt wird es wieder wie in Zeiten der DDR - die Reihen sind gelichtet, die Kassen geleert«, mahnt das christliche Wochenblatt »Rheinischer Merkur«. So waren im Osten zur Jahrtausendwende gerade noch 3,8 Millionen Menschen Mitglied der evangelischen Kirche, über eine Million weniger als 1991 (siehe Grafik).

Jedes Jahr verliert allein die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs mehr als ein Prozent ihrer Mitglieder und fast eine Million Euro Einnahmen. Weil die Leute weniger verdienen und häufiger arbeitslos sind als im Westen, fällt nach Angaben der Landeskirche pro Mitglied im Schnitt noch nicht mal die Hälfte der Summe bayerischer Zahler an.

»Bei uns heißt es: Die Menschen hier haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben«, klagt der mecklenburgische Landesbischof Hermann Beste. »Es gibt kaum religiöse Basis.«

Auch bei den Katholiken, die ebenfalls Missionsversuche starten, sieht es düster aus - sie haben in den vergangenen zehn Jahren fast sieben Prozent ihrer Mitglieder verloren. Schon vor zehn Jahren ließen sich deshalb vier Mönche des katholischen Redemptoristen-Ordens in einer Plattenbausiedlung in Brandenburg an der Havel nieder, um die Umgebung ihres »Hausklosters« zu erschließen. Im Sommer 2002 fand sich niemand mehr, der die Arbeit fortsetzen wollte - Mission Impossible.

Der designierte Direktor des geplanten Missionsinstituts in Greifswald, der Theologieprofessor Michael Herbst, will dennoch »immer öfter« Missionare losschicken. »Vor fünf Jahren war in der Kirche kaum einer dazu bereit, das ist jetzt ganz anders«, sagt er.

Manche Kirchen-Offizielle tun sich mit den Werbeversuchen noch schwer. Die tägliche Seelsorgearbeit, merkt Landesbischof Beste an, sei doch auch eine Form, Gläubige zu gewinnen. »Das ist eher unser Stil.«

Christoph Scharf ist hoch motiviert - 31 Jahre alt, Vater von vier Kindern und gerade mit dem Theologiestudium fertig, möchte er »am liebsten immer sofort loslegen«. Von seiner Plattenbauwohnung aus plant er nun Hausbesuche bei Konfessionslosen und ein zehntägiges »Teens in Mission«-Spektakel mit Konzerten und Ständen in der Stadt. Selbst beim Kinderturnen »geht es eigentlich doch darum, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen«.

Aber sein Auftraggeber, die ultrakonservative evangelische Liebenzeller Mission - laut Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) eine »Erfolgsgeschichte« -, muss im Osten für ihren ersten innerdeutsch entsandten Missionar viel Geduld aufbringen. Angesichts »entchristlichter Landstriche« sei es gut möglich, räumt Scharf ein, dass er zehn Jahre ohne positive Ergebnisse arbeite.

Immerhin ist Verstärkung für ihn schon geplant. Im Sommer soll ein erfahrener Kollege Scharfs nach Schwerin ziehen - der missionierte bislang in Papua-Neuguinea. DOMINIK CZIESCHE

Zur Ausgabe
Artikel 25 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.