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»Missionar oder Verrückter«

aus DER SPIEGEL 21/1990

Antall, 58, ist der erste demokratisch gewählte Regierungschef Ungarns seit 45 Jahren. Der promovierte Historiker hatte sein nationalkonservatives Demokratisches Forum (MDF) zu einem überzeugenden Wahlsieg geführt. Nach der Niederwerfung des Volksaufstands 1956 war er wegen Widerstands gegen die KP in Haft gekommen, dann erteilte ihm das Kadar-Regime Berufsverbot. Jetzt will er das wirtschaftlich ruinierte Ungarn möglichst schnell an die EG anbinden und dem Westmarkt öffnen.

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, Ungarn ist bankrott, zu einem europäischen Armenhaus verkommen. Wie wollen Sie das Land aus der Misere führen?

ANTALL: Ungarn erlebt nicht einfach nur einen Regierungswechsel und auch nicht nur einen Wechsel von einem politischen Regime zu einem anderen, etwa von einer Diktatur zu einer parlamentarischen Demokratie, wie es in Spanien der Fall war. Bei uns gilt es, die ganze Gesellschaft und das Wirtschaftssystem völlig umzukrempeln. Das ist eine Aufgabe, vor der bisher noch niemand stand.

SPIEGEL: Wo wollen Sie da anfangen?

ANTALL: Wir beginnen mit einer grundsätzlichen Änderung der Eigentumsverhältnisse. Fast 90 Prozent des ungarischen Volksvermögens sind in staatlichem Besitz. Diese 90 Prozent müssen in absehbarer Zeit mindestens auf 30 Prozent gesenkt werden. Solange wir diesen radikalen Privatisierungsprozeß nicht hinter uns haben, solange wir eine soziale Marktwirtschaft im Erhardschen Sinne nicht einführen - so lange kann unser gesamtes Wirtschaftsleben nicht funktionieren.

SPIEGEL: Für viele Ungarn wird diese ökonomische Revolution, ähnlich wie in der DDR, erst einmal fatale Folgen haben - etwa Massenarbeitslosigkeit.

ANTALL: Das ist unbestreitbar.

SPIEGEL: Wie viele der fünf Millionen ungarischen Arbeiter wird dieses Schicksal treffen?

ANTALL: Genau können wir das jetzt noch nicht beziffern. Ich nehme an, daß es zwischen 100 000 und 300 000 Arbeitslose geben wird, hoffe aber, daß dies eine pessimistische Schätzung ist und die wirkliche Zahl niedriger liegt. Um damit fertig zu werden, müssen wir auch ein völlig neues Sozialsystem aufbauen. Als eine meiner ersten Amtshandlungen werde ich ein Arbeitsministerium schaffen, das für Beschäftigungspolitik, Umschulung und alle diese Fragen zuständig ist.

SPIEGEL: Ungarn hat pro Kopf die höchste Auslandsverschuldung in Europa, ein Drittel der ungarischen Bevölkerung lebt unterhalb der offiziellen Armutsgrenze, die Inflation liegt bei 30 Prozent. Da tun radikale Schritte not. Ist das Volk darauf vorbereitet?

ANTALL: Das wurde leider in den vergangenen Jahren versäumt, einer der schlimmsten Fehler der ehemaligen Regierung und Staatspartei überhaupt. Diese Aufgabe haben wir ebenso geerbt wie das Wirtschaftschaos. Wir müssen einen Mittelweg finden, den Ungarn einerseits die bedrückende Situation klarzumachen, ihnen aber gleichzeitig den Glauben zu geben, daß wir aus dieser Notlage auch herauskommen können.

SPIEGEL: Wie wollen Sie das schaffen?

ANTALL: Es wird schwer. Wir müssen ja auch die politische Stabilität wahren und gleichzeitig den Haß und den Rachedurst des Volkes gegen diejenigen eindämmen, die ihm das alles eingebrockt haben. Wir müssen den Zorn von Hunderttausenden Bauern zügeln, die von ihrem Land vertrieben wurden, sowie die Wut ebensovieler Handwerker besänftigen, die durch die Kommunisten ihre Selbständigkeit verloren haben. Wir müssen soziale Gerechtigkeit herstellen. Es darf einfach nicht angehen, daß etwa frühere Gefängniswärter eine fettere Rente beziehen als ihre ehemaligen politischen Häftlinge.

SPIEGEL: Und das trauen Sie sich alles zu?

ANTALL: Der SPIEGEL hat mich schon einmal mit dem Satz zitiert, wer jetzt in Ungarn das Amt des Regierungschefs übernimmt, muß entweder ein Fanatiker, ein Missionar oder ein Verrückter sein . . .

SPIEGEL: . . . der sich noch dazu mit der besonderen seelischen Befindlichkeit des ungarischen Volkes befassen muß: In Ihrem Land gibt es die meisten Selbstmörder und ein großes Alkoholproblem.

ANTALL: Die hohe Zahl der Selbstmorde ist keine neue Erscheinung in Ungarn. Es hängt wohl mit unserem Nationalcharakter zusammen, daß man sein Leben einfach hinwirft.

SPIEGEL: Wurden Sie selber schon einmal von Suizidgedanken verfolgt?

ANTALL: Ich glaube, jeder Mensch hat schon einmal daran gedacht. Aber seien Sie versichert: Im Moment denke ich nicht daran, mich umzubringen. Solchen Kummer möchte ich meinen Freunden und soviel Freude meinen Feinden nicht bereiten.

SPIEGEL: Sie konnten sich mit der Opposition überraschend schnell auf den neuen Staatspräsidenten einigen. Arpad Göncz, ein Schriftsteller und Widerständler, der jahrelang im Gefängnis saß, genießt überall Anerkennung. Seine Bestellung hat aber einen kleinen Schönheitsfehler: Die ursprünglich beabsichtigte Wahl des Staatsoberhauptes durch das Volk entfällt. Hatten Sie Angst, daß bei einer Volkswahl ein ehemaliger Reformkommunist, etwa Nemeth oder Pozsgay, gewinnen könnte?

ANTALL: Nein, darum geht es überhaupt nicht. Die Stimmung im Land ist nicht so, daß ein Reformkommunist, mag er noch so viele Verdienste haben, gewählt werden würde. Die Wahl des Staatsoberhauptes durch das Parlament ist schon seit dem vorigen Jahrhundert ungarische Tradition. Es ist richtig, dem Volk nach den zwei Runden der Parlamentswahlen und vor den Kommunalwahlen nicht noch einen weiteren Wahlkampf zuzumuten. Außerdem bin ich sicher, daß Arpad Göncz der beste Mann für dieses Amt ist - auch für das Volk.

SPIEGEL: Ungarn hat nicht nur innere Probleme. Beim Nachbarn Rumänien, in Siebenbürgen, wird die ungarische Minderheit blutig verfolgt. Was können Sie für Ihre bedrohten Landsleute tun?

ANTALL: Wir fühlen uns grundsätzlich für alle verantwortlich, die sich, wo immer sie auch leben, als Ungarn bekennen. Es ist daher unvorstellbar, daß wir gute Beziehungen zu einem Land unterhalten, in dem eine ungarische Minderheit unterdrückt wird.

SPIEGEL: Wie steht denn Ihre Regierung zu den Minderheiten, die in Ungarn leben?

ANTALL: Wir haben nur dann die moralische Rechtfertigung, uns für ungarische Minderheiten im Ausland einzusetzen, wenn wir gleichzeitig auch Minderheiten in unserem Land optimal behandeln. Das ist ein Fundament unserer Politik.

SPIEGEL: Gilt das auch für Zigeuner?

ANTALL: Selbstverständlich.

SPIEGEL: Wir denken jetzt nicht an den Zigeuner-Primas, der devisenkräftigen Touristen aufspielt . . .

ANTALL: . . . den meinte ich auch nicht. Ich denke an alle Zigeuner und weiß, daß dies in unserem Land ein ernstes und großes Problem ist, mit dem ich mich persönlich schon lange beschäftige. Aber zurück zur ungarischen Minderheit in Rumänien: Wir unternehmen alles, um Europa auf das Schicksal dieser Menschen aufmerksam zu machen. Wir unterstützen sie materiell wie ideell. Ich bin nach Ceausescus Sturz mit einem der ersten Hilfstransporte selbst hinübergefahren und habe mir vor Ort ein Bild gemacht.

SPIEGEL: Gibt es Gespräche mit Ceausescus Nachfolgern?

ANTALL: Interimspräsident Iliescu hat gerade erst erklärt, daß er mein besonderes Interesse für die zweieinhalb Millionen Ungarn in Rumänien versteht. Das habe ich als erfreuliches Signal empfunden.

SPIEGEL: Rumänische Nationalisten hetzen gegen die Ungarnstämmigen mit dem Argument, daß Ungarn wieder einmal nach Siebenbürgen greife.

ANTALL: Wir haben nie von einer Grenzrevision gesprochen. Wir stehen zur Schlußakte von Helsinki, die jede gewaltsame Grenzveränderung ausschließt. Nicht wir sind es, die Gebietszuwachs anstreben, vielmehr reden rumänische Nationalisten offen davon, sich Teile Ostungarns oder Moldawien einzuverleiben.

SPIEGEL: Hat in Rumänien die richtige Revolution überhaupt schon stattgefunden, oder steht sie noch bevor?

ANTALL: Ich bin überzeugt, daß sie noch längst nicht gelaufen ist. Was aber die Situation erheblich kompliziert: Innerhalb der Opposition nimmt die Zahl der eingefleischten Nationalisten immer mehr zu - und ihre Ideologie knüpft direkt an den Nationalismus Ceausescus an. Die Rumänen brauchen einfach ein Feindbild.

SPIEGEL: Und das ist Ungarn.

ANTALL: Ja, das sind wir. Im Vergleich zur Opposition ist die rumänische Interimsregierung weniger nationalistisch. Sie ist allerdings beim Volk kompromittiert, weil nicht wenige ihrer Mitarbeiter ehemalige Kommunisten sind oder unter Ceausescu gedient haben. Andererseits haben sie gegen Ceausescu geputscht - übrigens wohl mit dem stillschweigenden Einverständnis von Michail Gorbatschow.

SPIEGEL: Auch im Reich Ihres Nachbarn Gorbatschow wird die Lage immer verworrener. Geben Sie seinem Reformkurs noch eine Chance?

ANTALL: Ich glaube, daß sich die Perestroika - so wie Gorbatschow sie ursprünglich verkündet hat - nicht durchführen läßt. Unter anderem deshalb nicht, weil der Kommunismus in Wahrheit nicht reformierbar ist. Die optimistische Variante ist, daß sich Teile seiner Reform verwirklichen lassen.

SPIEGEL: Und die pessimistische?

ANTALL: Die sieht so aus, daß es Anarchie oder eine Militärdiktatur in der UdSSR geben kann. Als Nachbarn sind wir daran interessiert, daß die Sowjetunion vorankommt - und daß so bald wie möglich die letzten russischen Soldaten Ungarn verlassen.

SPIEGEL: Befürchten Sie, daß etwa ein Putsch in der UdSSR die demokratische Entwicklung in Ungarn und anderswo in Osteuropa aufhalten könnte?

ANTALL: Ich glaube nicht, daß sich 1956 noch einmal wiederholen kann, die Russen bei uns einmarschieren oder uns wieder in ein enges Militärbündnis zwingen könnten. Übrigens haben in Rußland direkte Militärdiktaturen keine Tradition. Sie wurden sowohl im Za* Im März im rumänischen Tirgu Mures. rismus als auch unter der bolschewistischen Parteiherrschaft stets von politischen Institutionen verdeckt. Aber ganz sicher wären wir beispielsweise wirtschaftlich schwer betroffen - etwa bei der Energieversorgung.

SPIEGEL: Sie haben erklärt, daß Sie sich einen Anschluß an die EG bis 1995 vorstellen können. Halten Sie das noch für realistisch?

ANTALL: Es geht uns zunächst darum, ein zweiseitiges Abkommen mit der EG zustande zu bringen, dazu bin ich bei zahlreichen persönlichen Gesprächen mit europäischen Führern auf ein wohlwollendes Echo getroffen. EG-Kommissions-Präsident Delors hält ein solches Abkommen mit uns für realistisch, es könnte sogar noch vor 1993 zustande kommen, wenn der europäische Binnenmarkt vollendet wird. Völlig unrealistisch wäre es aber, vor 1993 über einen Mitgliedsstatus Ungarns in der EG zu reden. Bis Ende des Jahrhunderts halte ich jedoch eine Vollmitgliedschaft für durchaus möglich.

SPIEGEL: Ungarn ist am Zustandekommen der deutschen Einheit, in durchaus positivem Sinne, nicht ganz unschuldig. Plagen Ungarn angesichts des schnellen Einigungsprozesses die gleichen Sorgen wie andere Nachbarn, daß von einem mächtigen Deutschland wieder Gefahren ausgehen könnten?

ANTALL: Genau die gleiche Frage hat mir kürzlich in Washington ein führender amerikanischer Politiker gestellt. Ich antwortete ihm: Überhaupt nicht. Da sagte er: Dann sind Sie das einzige Land, das ich kenne, welches mit der Wiedervereinigung keine Probleme hat. Ich persönlich war immer ein bedingungsloser Anhänger der deutschen Wiedervereinigung. Im übrigen sind wir Ungarn tatsächlich stolz auf unsere indirekte Rolle beim Fall der Berliner Mauer . . .

SPIEGEL: . . . dem ja die Öffnung der ungarischen Grenze für die DDR-Flüchtlinge vorausging - der Anfang vom Ende des SED-Regimes.

ANTALL: Ich möchte dazu den berühmten ungarischen Politiker Baron Jozsef Eötvös zitieren. Er sagte Mitte des 19. Jahrhunderts: Die ungarische Unabhängigkeit hängt von der deutschen Einheit ab. Ich bin stolz, heute sagen zu können, daß die deutsche Einheit von der ungarischen Unabhängigkeit abhing. f

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