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USA Mit Anzug

Clintons Chancen für eine Wiederwahl steigen. Die Republikaner, die vor kurzem noch unschlagbar schienen, beginnen zu verzagen.
aus DER SPIEGEL 1/1996

Anthony Lake zeigte gute Laune. An einem der letzten Adventstage hatte der Sicherheitsberater des Präsidenten zum morgendlichen Gespräch in den Roosevelt-Raum des Weißen Hauses gebeten. Wenn er bedenke, »vor welch fürchterlichen Alternativen wir vor anderthalb Jahren standen«, so Lake zu seinen Gästen, »dann sollten wir ein wenig feiern«.

Bill Clinton, der vor Jahresfrist noch als Zauderer verhöhnt und verspottet worden war, werde heute »in der ganzen Welt als führungsstark angesehen«, lobte Lake. »Sein Gewicht als Staatsmann« sei ein wirksames Mittel der amerikanischen Außenpolitik geworden.

Lake schwelgte im frischen Stolz über Amerikas wiederentdeckte Rolle als alleinige Supermacht: »Wenn rund um den Globus irgend etwas erledigt werden muß, dann klappt das nur mit unserer Hilfe.«

Zum Weihnachtsfest stimmte Außenminister Warren Christopher in den Festtagsjubel ein: 1995 sei »die Bedeutung amerikanischer Führung deutlicher demonstriert worden als je zuvor seit dem Golfkrieg«.

Solches Selbstlob versetzt derzeit Clintons Getreue in heitere Zuversicht: Nicht nur in der Außenpolitik steht der Präsident zu Beginn des amerikanischen Wahljahres vergleichsweise glänzend da. Auch innenpolitisch hat er zu einem unerwarteten Höhenflug angesetzt.

Rund 55 Prozent der Amerikaner sind derzeit mit seiner Amtsführung zufrieden. Und, wichtiger noch: Der Vorsprung des Demokraten vor seinem einzigen ernst zu nehmenden Herausforderer, dem republikanischen Senator Bob Dole, beträgt kurz vor dem eigentlichen Wahlkampfbeginn deutlich mehr als zehn Prozentpunkte.

Clinton, dem noch im Frühsommer nur ganz unbeirrbare Parteigänger Chancen auf eine zweite Amtszeit eingeräumt hatten, gilt zehn Monate vor dem Wahlgang auf einmal als der aussichtsreichste Bewerber für das Wohnrecht im Weißen _(* Am 2. Dezember 1995 in Baumholder. )

Haus bis über die Jahrtausendwende hinaus.

Erneut hat sich der Mann aus Arkansas mit taktischem Geschick und viel Glück als politisches Stehaufmännchen ("Comeback Kid") erwiesen. Clinton, der sich in seiner Amtszeit bereits mehrfach ein neues Image zu schaffen suchte, »ist gewissermaßen mit Verspätung die Aura der Präsidentschaft zugewachsen«, glaubt der Politologe Fred Greenstein von der Princeton-Universität.

Außenpolitsche Erfolge und staatsmännische Auftritte in aller Welt waren wichtige Stationen beim Wiederaufstieg. Die Liste der Erfolge hätte selbst George Bush zur Ehre gereicht, dem außenpolitisch aktivsten US-Präsidenten der jüngeren Geschichte: *___In Haiti besiegelten Wahlen den von amerikanischen ____Invasionstruppen eingeleiteten Demokratisierungsprozeß. *___Kurz vor Weihnachten unterzeichneten ____nordkoreanische Regierungsvertreter ein Atomabkommen, ____das als Eckstein für Washingtons Politik zur ____Verhinderung nuklearer Aufrüstung in Südostasien gilt. *___US-Friedenstruppen beziehen zusammen mit Kameraden ____aus gut zwei Dutzend anderen Ländern im winterlichen ____Bosnien Stellung, nachdem es den Amerikanern gelungen ____war, den Kriegsparteien auf dem Balkan ein ____Friedensabkommen abzuringen. *___Die Waffen schweigen in Nordirland, während sich ____auf Drängen Washingtons die protestantischen und ____katholischen Kontrahenten an den Verhandlungstisch ____begeben wollen. *___In der Nähe der US-Hauptstadt begannen Israelis und ____Syrer Verhandlungen über ein Abkommen, das dem ____Friedensprozeß im Nahen Osten endgültig zum Durchbruch ____verhelfen könnte.

Clintons Auftritte beim Begräbnis des ermordeten israelischen Ministerpräsidenten Jizchak Rabin, dem bosnischen Friedensgipfel in Paris und vor jubelnden Iren zeigten den Bürgern daheim, welches Ansehen ihr Präsident und damit die ganze Nation inzwischen wieder genießen. Und seither ist es auch vorbei mit den Fotos von Clinton in Turnhose oder Freizeitdreß; sogar die Angewohnheit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit Partnern und Gästen auf die Schultern zu klopfen, hat der Staatschef abgelegt.

Clinton wählt heute Anzug und Abstand. »Er ist nicht länger einer von uns«, beschreibt Wohnungsbauminister Henry Cisneros den Wandel seines Chefs vom jovial scherzenden Kumpel zum Staatsmann.

Geholfen hat letztlich sogar das Wahldebakel seiner Partei im November 1994. Erstmals seit 40 Jahren hatten die Republikaner in beiden Kammern des Kongresses die Mehrheit übernommen und den Mann im Weißen Haus zunächst zum Statisten degradiert.

Aus der Zwangspause, die seinem innenpolitischen Tätigkeitsdrang damit auferlegt worden war, machte Clinton eine Tugend. Er suchte sich aus den Programmen der Republikaner jene Punkte heraus, gegen die er als Präsident besonders wirksam Front machen konnte.

Der Budgetstreit, der kurz vor Weihnachten 260 000 Bundesangestellte erneut zum unbezahlten Urlaub verurteilte, bot Clinton ein gutes Forum. Zwar ist er sich mit seinen Gegnern einig, Amerikas Haushaltsloch bis zum Jahr 2002 zu schließen, doch gleichzeitig wehrt der Präsident die drastischen Sparvorschläge der Republikaner zu Lasten der Minderbemittelten ab.

Auf diese Weise hat sich Clinton den Ruf eines Kämpfers gegen weitere Einkommensverluste sichern können. Die Republikaner - und damit auch Präsidentschaftsbewerber Dole - geraten zunehmend in die Defensive. In Umfragen fallen sie bereits wieder deutlich hinter ihre demokratischen Konkurrenten zurück.

Repräsentantenhaussprecher Newt Gingrich, vom Nachrichtenmagazin Time zum »Mann des Jahres« ausgerufen und selbsternannter Vorkämpfer der konservativen Revolution, ist sogar derart heftig in den Abwind geraten, daß er sich auf Rat seiner Mitstreiter vorerst aus dem Rampenlicht täglicher TV-Auftritte zurückgezogen hat.

Ein anrüchiger Buchvertrag, der ihn zum Millionär machen dürfte, sein beleidigtes Gezeter über eine vermeintliche Zurücksetzung im Präsidentenflugzeug Air Force One und schließlich eine Parlamentsuntersuchung über finanzielle Unklarheiten seiner Wahlkampffinanzierung ließen seine Popularitätswerte zusammenbrechen. Schon längst hat Gingrich jeden Anspruch auf eine Bewerbung um die Präsidentschaft in diesem Jahr aufgegeben.

Doch nicht nur darum blieben Clinton viele der Hürden erspart, an denen Vorgänger wie Bush oder Jimmy Carter zu Fall kamen. Mit Überredungskunst und Druck gelang es Clintons innenpolitischem Chefberater Harold Ickes, Gegenkandidaturen aus der eigenen Partei zu verhindern. Ohne von einem Demokraten herausgefordert zu werden, kann Clinton schon in den Vorwahlen sein ganzes Augenmerk auf die republikanischen Gegner richten.

Der möglicherweise aussichtsreichste Rivale, General a. D. Colin Powell, ist gar nicht erst angetreten. Und sollte sich der texanische Milliardär Ross Perot erneut zur Wahl stellen, so würde er wohl vornehmlich das republikanische Lager schwächen.

Gefahren drohen Clinton derzeit nur aus den Schatten seiner Vergangenheit. »Wie eine dunkle Wolke«, so die Los Angeles Times, hängen die Ermittlungen zur sogenannten Whitewater-Affäre über Clinton und Ehefrau Hillary. Finden der Sonderstaatsanwalt oder die beiden Untersuchungsausschüsse im Kongreß doch noch Belastungsmaterial in der undurchsichtigen Grundstücksspekulation aus Clintons Gouverneurszeit in Arkansas, könnte das Vertrauen der Wähler in den Präsidenten schnell dahinschmelzen.

Talkshow-Star David Letterman wähnt den für seinen früheren Hang zu außerehelichen Eskapaden bekannten Clinton in ganz anderer Versuchung: »Wenn seine Zustimmungsrate über 60 Prozent steigt«, witzelte das Lästermaul, »geht der Präsident wieder auf Schürzenjagd.« Y

* Am 2. Dezember 1995 in Baumholder.

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