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China »Mit Blut bezahlen«

Die Volksrepublik China, die sich 1997 Hongkong und 1999 Macau einverleiben wird, drängt nun auch auf eine baldige Wiedervereinigung mit dem demokratischen Taiwan - notfalls durch eine militärische Invasion. Mit seiner Aggressivität stößt Peking den Westen vor den Kopf und geht auf Konfrontationskurs zu den USA.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Als die Nachbarn Huang Tsin-tan aus dem Erdloch zogen, war er dem Tode nahe, unterkühlt, unfähig, auch nur einen Schritt zu gehen. »Wir hatten es gerade noch in den Bunker im Hof geschafft«, erinnert sich Huang, »dann bekamen wir einen Volltreffer, und das ganze Haus stürzte über uns ein.«

Zwei Kinder auf dem Arm und in der Hocke kauernd, wartete der Verschüttete auf Hilfe. Wasser sickerte in seinen Unterstand, Zentimeter um Zentimeter. Es stand Huang und den Kleinen bis zur Brust, als nach 24 Stunden endlich die Retter ihre Schreie hörten.

Das war im Juni 1960, nachdem US-Präsident Eisenhower dem befreundeten antikommunistischen Taiwan, dem »unversenkbaren Flugzeugträger«, einen Besuch abgestattet hatte. Als Vergeltung für diese »Provokation« beschoß die Volksrepublik China die Quemoy-Insel, die unter Taiwans Kontrolle steht. Innerhalb von zwei Stunden gingen 600 Artilleriegeschosse auf das Dorf des Bauern Huang nieder.

Das 150 Quadratkilometer große subtropische Quemoy liegt gerade 2300 Meter vor dem chinesischen Festland. Nirgendwo wird der Gegensatz zwischen dem demokratischen Taiwan und der kommunistischen Volksrepublik so deutlich wie auf diesem Eiland.

Der Kampfgeist des alten Huang ist auch heute, mehr als 35 Jahre nach dem traumatischen Erlebnis, ungebrochen. Seit der Bauer 1991 als Tourist Peking besuchte, ist er sicher: »Solange die Volksrepublik nicht ihr System der Unfreiheit ändert, ist weder auf unserem kleinen Quemoy noch auf Taiwan irgend jemand für eine Wiedervereinigung zu haben.« Vor den bunten Hausgöttern des Ahnenaltars schwört Huang: »Für unsere Verteidigung sind wir bereit, unser Leben zu geben.«

Der Veteran könnte früher beim Wort genommen werden, als ihm lieb ist. Denn erstmals hat Pekings Premier Li Peng zu erkennen gegeben, wann er das faktisch unabhängige Wirtschaftswunderland Taiwan mit seinen 21 Millionen Bürgern heim ins kommunistische Reich holen will.

»Während der gerade begonnenen Periode des neunten Fünfjahresplans gewinnen wir die Souveränität über Hongkong und Macau zurück«, tönte der Ministerpräsident vergangene Woche vor handverlesenen Kadern in der Großen Halle des Volkes. »Danach wird die Lösung der Taiwan-Frage die wichtigste Aufgabe aller Chinesen sein.«

Und um zu zeigen, wie ernst er es meint, schob der Mann, der die blutige Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor sechseinhalb Jahren mitzuverantworten hatte, eine massive Drohung hinterher: »Wir haben geschworen, daß wir dabei vor Gewalt nicht zurückschrecken.«

Seit Generalissimus Tschiang Kaischek 1949 gegen Ende des chinesischen Bürgerkriegs nach Taiwan flüchtete, betrachtet die kommunistische Regierung die Insel als abtrünnige Provinz, die sich eines Tages dem Festland unterwerfen müsse. Das Ziel der Wiedervereinigung hatte auch die taiwanische Regierungspartei Kuomintang einst zur »historischen Mission« erhoben, sie beharrte gleichfalls auf dem Alleinvertretungsanspruch für Gesamtchina.

Doch Ende der achtziger Jahre wandelte sich die frühere Wachstumsdiktatur Taiwan allmählich zu einer Demokratie mit freier Presse und fairen Wahlen. Jetzt kratzen viele gesellschaftliche Kräfte in dem erfolgreichen und selbstbewußten Staat, dessen Pro-Kopf-Einkommen 23mal höher ist als in der Volksrepublik, an dem Tabu der Einheitsdoktrin.

Die oppositionelle Demokratische Fortschrittspartei, die bei Parlamentswahlen gut 33 Prozent der Stimmen errang, schrieb die Forderung nach Unabhängigkeit in ihr Parteiprogramm. Selbst der vorsichtige Präsident Lee Teng-hui spricht heute offen aus: »Eigentlich sind wir eine eigenständige staatliche Einheit.«

Das geht den Kommunisten in Peking zu weit. Ein unabhängiges Taiwan wäre für sie ein unerträglicher Affront - und für andere potentielle Separatisten womöglich ein gefährliches Modell. Das »autonome« Tibet, die überwiegend moslemischen Randprovinzen Xinjiang und Innere Mongolei oder der wirtschaftlich aufblühende Südosten könnten sich ermutigt fühlen, ihrerseits gegen die politische Dominanz Pekings aufzubegehren.

Denn die Volksrepublik steckt in einer Identitätskrise. Nach 17 Jahren Wirtschaftsreformen hat die Bevölkerung trotz des unveränderten Primats der Partei den Glauben an die hohlen Floskeln von Kommunismus und Kollektivismus verloren. Sie verlangt jetzt auch eine politische Öffnung, vor allem aber ein Ende der überall grassierenden Korruption, mit der sich die Funktionäre bereichern. China ist in eine Mehrklassengesellschaft zerfallen - fast ohne jeden sozialen Kitt.

Premier Li Peng und Parteichef Jiang Zemin denken nur an den Machterhalt. Drei Viertel der Staatsbetriebe sind nach internen Zahlen massiv in die Verlustzone gerutscht; der Mut, diese industriellen Dinosaurier stillzulegen, fehlt den Machthabern aus Angst vor den sozialen Folgen. Die Landflucht mit über 100 Millionen entwurzelten Wanderarbeitern hat epidemische Ausmaße angenommen - auch dafür haben die Parteibosse keine Lösung.

Nationalismus und Patriotismus, von oben im Stil maoistischer Kampagnen angeheizt, sollen nun den ideologischen Zusammenhalt des Landes und seiner verunsicherten Bevölkerung künstlich sichern.

Ein aufgestocktes Militärbudget verschafft den Großmachtambitionen Nachdruck. Im Südchinesischen Meer will Peking sein Hoheitsgebiet erweitern, indem es die Spratly-Inseln 1500 Kilometer vor seiner Festlandsküste beansprucht; dort werden reiche Ölfelder vermutet. Zum Feindbild Nummer eins aber wird Taiwan aufgebaut.

Seit dessen Präsident Lee Teng-hui sich verstärkt für die internationale Anerkennung seines Landes einsetzt und Taiwan gar einen Antrag zur Aufnahme in die Uno stellte, haben die Genossen in Peking immer militanter reagiert. Im Juni besuchte Lee auf einer privaten Reise seine frühere Universität in den USA. Das KP-Organ Volkszeitung wünschte ihn daraufhin in den »Mülleimer der Geschichte« und beschimpfte die Amerikaner dafür, dem »Verräter« ein Visum gegeben zu haben.

Die drei geplanten Zwischenstopps des Vizepräsidenten Li Yuan-zu in San Francisco, Miami und Los Angeles, die vorigen Mittwoch bekanntgegeben wurden, brachten Peking erneut in Rage. »Ein begrenzter Militärschlag gegen eine begrenzte Unabhängigkeit« haben die Generäle der Volksbefreiungsarmee nun als Losung ausgegeben und »eine volle Invasion gegen eine vollständige Unabhängigkeit«.

Was Pekings Führer am meisten grämt: Am 23. März stehen die ersten freien Präsidentschaftswahlen in Taiwan an - zum erstenmal überhaupt in der chinesischen Geschichte wird ein Staatsoberhaupt direkt vom Volk gekürt. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird der gebürtige Taiwaner Lee gewinnen und so demokratisch legitimiert - ein gefährlicher Präzedenzfall für Pekings Parteibosse.

Die kaschieren ihre Nervosität mit Lautstärke. »Taiwan ist ein Teil Chinas«, tönt Li Peng, »und nur weil eine Änderung der Führung stattfindet, ändert sich nichts an der Tatsache der Einheit Chinas.« Obwohl Taiwan zum letztenmal vor über hundert Jahren von Peking aus regiert wurde, hält Li daran fest, daß seine »1,2 Milliarden Chinesen« über die Zukunft Taiwans mitbestimmen müssen. Es sei eine »heilige Mission«, drohte die Armeezeitung, die »Abspaltung Taiwans« zu verhindern: »Wir werden nie auf den Gebrauch von Gewalt verzichten.«

Die Möglichkeit eines heißen Konflikts in Fernost alarmierte Taiwans Schutzmacht. Zum erstenmal seit 17 Jahren durchfuhr ein amerikanischer Flugzeugträger die Taiwanstraße - eine klare Warnung. Doch Pekings Parlamentspräsident Qiao Shi, im Politbüro zuständig für die Staatssicherheit, ließ sich nicht abschrecken. Im kleinen Kreis sprach er das Undenkbare aus: »Wenn die Amerikaner jemals ihre Atomwaffen gegen China einsetzen, könnten wir auch New York mit unseren Atombomben in Schutt und Asche legen.«

Qiao Shi gehört zu den Politikern, die sich im Machtkampf um das Erbe des todkranken Patriarchen Deng Xiaoping Hoffnung machen - und versucht deshalb, seine Konkurrenten an martialischer Rhetorik zu überbieten, um die Gunst der Militärs zu gewinnen.

Zu einem Bericht der New York Times, daß China nach den mißliebigen Präsidentschaftswahlen Taiwan täglich mit einer Rakete beschießen werde, wollte der Sprecher des Pekinger Außenamtes keine plausible Erklärung abgeben. Und so schreitet die Eskalation seit Wochen unaufhaltsam fort.

Im Juli feuerten die Generäle schon einmal Raketen in die Gewässer vor Taiwan, zu »Übungszwecken«. Seit Wochen haben die chinesischen Militärs große Verbände in die Provinz Fujian verlegt, direkt gegenüber Taiwan.

Mitte Januar kreuzte eine Flotte von etwa »50 Metallkörperbooten«, so Taipehs Tageszeitung United Daily News, in bedrohlicher Nähe Taiwans. Die Besatzungen beschäftigten sich nicht einmal acht Seemeilen vor der Küste mit Messungen der Meerestiefe - eine ungewöhnliche Provokation, die Taiwan ohne Reaktion hinnahm.

»Aus Angst vor einem möglichen Konflikt«, sagt ein frustrierter Sprecher des taiwanischen Militärs, »schützen wir unser Territorium nicht mehr militärisch.« Als eine Marinepatrouille unlängst chinesische Schmuggler in Insel-Gewässern beschoß, warnte die Pekinger Nachrichtenagentur Neues China: »Taiwan wird dafür mit Blut bezahlen.«

Mehr als 25 000 taiwanische Geschäftsleute haben in den letzten Jahren über 25 Milliarden Dollar in China investiert. Oft sind es die Nachkommen von Tschiang Kai-scheks Soldaten, die mit dem Generalissimus 1949 nach Taiwan flohen und dort heute mit etwa 20 Prozent Bevölkerungsanteil zur Minderheit gehören. Sie betrachten das Land ihrer Ahnen als emotionale Heimat.

Doch wenn die Investoren glaubten, durch ihre patriotische Hilfe Peking zu besänftigen, haben sie sich getäuscht. »Manche Taiwaner werden die brutalen Regeln des Machterhalts der Kommunisten nie kapieren«, sagt ein Wissenschaftler in Peking. »Sie haben weder aus der Besetzung Tibets, dem Gemetzel der Kulturrevolution noch aus dem Tiananmen-Massaker gelernt.«

Kein Machtwechsel in der kommunistischen Geschichte sei ohne Gewalt vonstatten gegangen, meint dieser Experte. »Wenn KP-Chef Jiang Zemin glaubt, er braucht einen Militärschlag gegen Taiwan, um sich als Nachfolger von Deng Xiaoping zu behaupten, dann läßt er die Armee marschieren.« In der ostchinesischen Militärregion Nanking, die für einen Angriff auf Taiwan zuständig wäre, befinden sich 300 000 Soldaten in Alarmzustand. Die Parteipresse in der Küstenprovinz Fujian rasselt fast täglich mit dem Säbel: »Wenn die Einheit des Vaterlandes gefährdet ist, muß jeder Opfer bringen.«

Gegen die mit modernem Kriegsgerät gerüsteten Taiwaner fiele der Sieg nicht leicht; zudem würde der Westen den Aggressor zweifellos mit einem Wirtschaftsboykott bestrafen. Dennoch erinnert die nationalistische Kampagne in den staatlich kontrollierten Medien an die aufgepeitschte Stimmung Anfang 1979, als Deng Xiaoping ohne Rücksicht auf die Weltmeinung gegen Vietnam in den Krieg zog - auch das gedacht als Demonstration der Stärke.

»Wenn es wirklich zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen China und Taiwan kommt«, sagt Su Jing-chang, Rüstungsexperte des privaten taiwanischen Instituts für nationale politische Forschung, »dann findet der erste Schlagabtausch auf den Inseln Quemoy und Matsu statt.«

»Eine Invasion zu verhindern wäre ziemlich schwierig«, gibt Quemoy-Kreisrat Chen Hsui-tsai zu, der 23 Jahre als Oberst auf der Insel stationiert war, bevor er sein ziviles Amt übernahm. »Doch sollten die Chinesen es wagen, müssen sie mit einem schrecklichen Blutzoll rechnen.«

Wie ein absurdes Museum des Kalten Kriegs wirken die kleinen, küstennahen Inseln. Die gelben Sorghum-Felder sind mit Betonpfeilern gespickt, deren Metallspitzen feindliche Fallschirmjäger aufschlitzen sollen. Die verminten Strände sind mit Stacheldrahtverhauen bewehrt. Aus samtgrünen Baumgruppen und blankgefegten Festungsanlagen ragen 155-Millimeter-Geschütze gegen Westen. Dort laufen, mit bloßem Auge erkennbar, die grauen Landungsboote der chinesischen Marine in den nahen Hafen von Xiamen ein.

Um den Feind im Notfall zurückzuschlagen, befinden sich die rund 50 000 auf den vorgelagerten Inseln stationierten taiwanischen Elitesoldaten in ständiger Alarmbereitschaft.

Seit drei Generationen schmilzt der Schmied Wu Tseng-tung auf Quemoy alte Granatsplitter ein, die Bauern zu Zehntausenden auf ihren Feldern fanden. Was passiert, wenn die Kommunisten wieder die Geschütze donnern lassen? »Das wollen wir nicht«, sagt Wu mit stoischer Ruhe. »Aber sollte es soweit kommen, gehen wir in die Bunker, bis es vorbei ist. Und anschließend machen wir aus dem verbliebenen Stahl, was wir immer gemacht haben - Obst- und Gemüsemesser.«

Auch für den Export aufs Festland, sagt er, denn: »Geschäfte sind besser als Krieg.«

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Kartenausschnitt: Taiwan und Insel Penghu

[GrafiktextEnde]

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