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Briefe

MIT BOXHANDSCHUHEN
aus DER SPIEGEL 39/1968

MIT BOXHANDSCHUHEN

(Nr. 37/1968, Verteidigung -- Gewaltlosigkeit)

Dr. Ebert scheint ein ausgezeichneter Satiriker zu sein, was er zweifelsohne in seinem Artikel »Ohne daß ein Schuß fällt« mit eindrucksvoller Formulie-rungskunst bewiesen hat. Trotzdem ist ihm meiner Meinung nach ein entscheidender Denkfehler unterlaufen, als er von der »weiteren Demokratisierung der BRD« und der weiteren Ausbildung der Bevölkerung im »zivilen Widerstand« spricht. Solche Maßnahmen müßten von der Regierung subventioniert und in Gang gebracht werden, was mir unmöglich erscheint, da sich eine Regierung davor hüten wird, in der Bevölkerung Eigenschaften zu fördern, die eines Tages als Waffe gegen sie selbst verwandt werden könnten.

Kiel UWE NIEHAS

So neu sind Dr. Theodor Eberts Gedanken über gewaltfreie Verteidigung gar nicht. Viele Pazifisten haben sich mit diesem Thema befaßt. Nikolaus Koch, seit zehn Jahren Professor an der Pädagogischen Akademie in Dortmund, hat schon 1951 eine Schrift veröffentlicht: »Die moderne Revolution, Gedanken der gewaltfreien Selbsthilfe des deutschen Volkes. Auch Theodor Ebert hat viel von Professor Dr. Koch gelernt und sollte das nicht vergessen.

Korntal (Bad.-Württ.) GERTRUD WESTHOFF

Ich beginne zu zweifeln: Sind wir eigentlich berechtigt, einen Angriff der DDR zurückzuschlagen? Soviel Humanitätsduselei ist unfaßbar. Übrigens: Wo bleiben die Faktoren Bundeswehr, Nato und Rote Armee? Nach Professor Kahn, Dr. Ebert wird wohl ein anderer Stratege der »weichen Welle« prophezeien, daß 2074 die Armeen nur noch barfuß und mit Boxhandschuhen aufeinander losgehen!

Kassel PETER WILHELM

Natürlich ist das von Ebert gewählte Beispiel -- NVA gegen eine waffenlose BRD -- utopisch; Ebert sagt es selbst. Darüber aber sollte man nicht den Realitäts-Gehalt seiner Ideen übersehen, nämlich die Einsichten,

1. daß die A-Bombe jede bewaffnete Konflikt-Lösung in die Nähe des Wahnsinns rückt.

2. daß man nationale oder soziale Konflikte nicht einfach à la Marcuse wegzaubern kann, indem man von einem »neuen«, friedlichen Menschen phantasiert.

Berlin HANS RUECKER

Wie wirklichkeitsnah Eberts Denkspiel ist, zeigt folgende Überlegung: Wenn die CSSR ihre seit 1945 verausgabten Rüstungsmilliarden anders angelegt hätte, was wäre dann am 21. August passiert? Antwort: Auf jeden Fall nichts Schlimmeres. Ergo: Waffenrüstung ist nutzlos. Bestenfalls!

München ERWIN HEST

Der kleine Gernegroß-Stratege hat bestimmt noch niemals etwas von Kriegsrecht, von Ausnahmezustand, von Standrecht oder gar von Stalin oder von Hitler gehört.

Berlin DR. HANS UNGER

Es ist mir unverständlich, wie Sie die Hirngespinste des

»Friedensforschers« Ebert in Ihrer Zeitschrift aufnehmen können. Mit wenigen Worten könnte man diese Utopien ad absurdum führen, wenn man sich dabei nicht der Gefahr aussetzen würde, landesverräterischen Ambitionen Vorschub zu leisten.

Frankfurt WERNER SCHNEIDER

Diesem erstaunlichen Gedankenexperiment fehlt es an der Erkenntnis, daß eine entschlossene militante Minderheit bei völligem Mangel an Rücksichtsnahme immer auf unabsehbare Zeit eine unentschlossene Mehrheit von Individuen beherrschen kann.

Leerßen (Nieders.) GUIDO ABRAHAM

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