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Mit »Crack« auf den Gipfel der Welt gelangen

SPIEGEL-Report über die neue Droge und die internationalen Handelswege des Rauschgifts Die »Todesdroge« Crack, neuester Abkömmling des Kokain, ist in Europa aufgetaucht. Sie ist billig und wirkt rasch, »Traum eines Drogenhändlers«. Crack ist der neueste Hit in einer Rauschgiftoffensive, die von Ostasien bis Südamerika rollt. Allein US-Bürger konsumieren Drogen im Wert von 110 Milliarden Dollar pro Jahr. *
aus DER SPIEGEL 47/1986

Die Soldaten des Königs Ludwig II. von Bayern, die 1883 durch Wälder und Auen zogen, schienen es mit jeder Armee der Welt aufnehmen zu können. Kein Hindernis war ihnen zu mächtig, kein Marsch zu lang.

Aber kein Training hatte den bayrischen Mannsbildern den unerhörten Kraftschub versetzt, sondern das Trinkwasser, das von Armee-Medicus Theodor Aschenbrandt angemischt und den Soldaten verabreicht worden war - eine chemische Geheimwaffe.

Was der bayrische Feldscher ins Trinkwasser gegeben hatte, war eine Substanz, von der sich einer der damaligen Hersteller »die wichtigste therapeutische Entdeckung des Jahrhunderts« versprach, weil sie die Grenzen der damaligen Heilkunst zu sprengen schien.

Aufs Jahrzehnt genau ein Jahrhundert später erweist sie sich als eines der gefährlichsten Rauschgifte des Drogenzeitalters, dem weltweit Millionen Menschen zu verfallen drohen: Kokain - aber nicht das altbekannte.

In den vergangenen Jahrzehnten mal als »Champagnerdroge«, als »Koks« oder »Charley«, mal als »Schnee« oder schlicht »C« zumeist in Pulverform eingesogen, ist Kokain vielmehr in einer neuartigen Spezialform aufgetaucht, die sich explosionsartig auf dem Markt der illegalen Drogen ausbreitet - als »Crack«.

Seine verheerende Wirkung erinnerte Amerikas »Newsweek« an die »Seuchen des Mittelalters«.

Crack ist mit Backpulver und Wasser vermengtes und zu Klümpchen verbackenes Kokain, das zumeist mit Hilfe eines Gasfeuerzeugs entzündet und durch eine Art Wasserpfeife geraucht wird. Von dem Geräusch, mit dem der Brocken unter Hitzeeinwirkung krachend knackt, rührt der Name Crack.

Crack, heißt es in der amerikanischen Rauschgiftszene, ist »der Traum eines Drogenhändlers«. Denn Crack ist so billig, daß es sich praktisch jeder leisten kann; Crack wirkt so rasch und gründlich und macht zudem so schnell süchtig, daß die meisten Erstverbraucher zu Dauerkonsumenten werden; die kleinen Crack-Brocken ("rocks") ermöglichen einen sicheren, weil leicht zu verschleiernden Verkauf; Crack gewährt hohe Gewinnspannen und sichert hohe Umsätze.

Für rund 1000 Dollar ist derzeit eine Unze (28 Gramm) Kokain erhältlich jedes Gramm kann zu etwa sechs Crack-Brocken verschnitten werden, von denen jeder bis zu 25 Dollar bringt, erzielter Reingewinn: rund 3200 Dollar.

Und: Crack ist leicht herzustellen. Ein ganzes Crack-Labor, wie es die Essener Kripo letzten Monat aushob, ist zur Produktion der Kokainbrocken jedenfalls nicht nötig. Und auch ein Diplomchemiker, den die Kripo in der Essener Crack-Küche verhaftete, muß den Herstellungsprozeß nicht überwachen. Auf jeder Kochplatte läßt sich der Schnee verklumpen, von jedermann.

Daß die »Todesdroge Crack«, so die Deutsche Presse-Agentur anläßlich der Essener Entdeckung, nun aktenkundlich

auch Europa erreicht hat, war zwar ein »historisches Datum« in der Geschichte der westdeutschen Rauschgift-Bekämpfung, doch für die amtlichen Drogenfahnder nicht überraschend. Für sie verschwand nur ein weiterer weißer Fleck auf der Landkarte der Welt-Drogenmärkte und des Rauschgift-Konsums.

Als »rauchbares Kokain«, das wegen seiner »schnellen Reaktionszeit« und der damit einhergehenden »Schwierigkeit, die Dosis zu kontrollieren« für die Konsumenten ein »erhöhtes Risiko« heraufbeschwört, war Crack bereits im jüngsten Rauschgiftbericht der Weltgesundheitsorganisation WHO aufgetaucht, der im Sommer dieses Jahres erschien.

Anders als das durch die Nase hochgezogene Kokainpulver, das sich über die Schleimhäute im Organismus verteilt und erst nach einigen Minuten seine Wirkung entfaltet, wirkt der Crack-Rauch über die Lunge sekundenschnell auf die Nervenzellen des Gehirns ein. Die Folge ist ein euphorisierendes elektrisches Hirngewitter, dessen Begleitumstände lebensgefährlich sein können.

Jeder Crack-Hit kann der letzte sein. Denn die hochkonzentrierte Kokainladung, warnt der amerikanische Suchtexperte Nicholas Masi, »wirft das gesamte Herz-Kreislauf-System gewaltig aus der Bahn«. Gleich schnell nämlich »verengen sich auch die Blutgefäße und können rasch zu Atemstillstand führen«.

Trotz - und vielleicht auch wegen - des erhöhten Risikos, mit dem der Rauschmittelkonsument den blitzartig sofortigen vollen Genuß erkauft, wurde Crack zu einem Sofort-Hit in der von Drogen-Wellen überfluteten US-Szene. Kein Wunder, daß Amerikas Politiker und Gesundheitswächter auf die neuen Alarmmeldungen den umfassendsten Generalangriff gegen das Rauschgift einleiteten.

Zu Herolden der »Kampagne gegen das Problem Nummer eins im Lande« machten sich Nancy und Ronald Reagan. Mit sicherem Instinkt für die unterschwelligen Ängste von »Middle America« eröffneten sie den größten Anti-Drogenfeldzug in der Geschichte der USA. Amerikas First Lady zog durch die Schulen und warb für ihr simples Geheimrezept. »Just say no« - sag einfach nein zu Drogen, überschrieb sie ihre Kampagne.

Ehemann Ronald forderte mit dem besorgten Gesicht des Landesgroßvaters drogenfreie Arbeitsplätze und eine Schärfung des öffentlichen Bewußtseins gegenüber Rauschgiften aller Art. Dann ging er mit gutem Beispiel voran und ließ seinen Urin untersuchen, Befund, soweit bekannt: negativ.

Da gab es auch unter Reagans Mitarbeitern kein Halten mehr. Justizminister Edwin Meese, der ebenfalls pflichttreu seine Urinprobe ablieferte, entwickelte

einen Plan, nach dem rund 17 Millionen Staatsdiener regelmäßig auf Rauschgiftkonsum untersucht werden sollen. Reagan-Vize George Bush verkündete, der Rauschgifthandel bedrohe die »nationalen Sicherheitsinteressen": Künftig sollen auch US-Streitkräfte in die Schlacht gegen das Rauschgift geworfen werden.

Trotz manchen Zugs von Hysterie - unbestritten ist daß Amerikas Bürger, die täglich drei Tonnen Kopfschmerzmittel schlucken und sich alljährlich 120 Millionen Rezepte über Psychopharmaka ausstellen lassen, für den Rauschmittelgenuß weit anfälliger scheinen als die Bewohner anderer Industrienationen: *___20 Millionen Amerikaner sind Marihuana-Raucher. *___Eine halbe Million hängt an der Heroin-Spritze. *___Fünf Millionen US-Bür ger konsumieren regel mäßig, 17 ____Millionen gele gentlich größere Mengen Kokain. *___Zwischen 10 und 23 Prozent aller Arbeitnehmer koksen ____bisweilen am Arbeitsplatz. *___Der durch Drogenmißbrauch beding te Verlust der ____US-Wirtschaft liegt bei etwa 60 Milliarden Dollar pro ____Jahr.

Mit 110 Milliarden Dollar, die US-Bürger pro Jahr für illegale Drogen ausgeben, hält die westliche Supermacht eine traurige Weltspitze.

Doch der Rest der Welt holt auf. »Das Drogenproblem«, heißt es in dem WHO-Report, »ist keine vorübergehende Zeiterscheinung, sondern bedroht die Gesundheit und die Lebenserwartung großer gesellschaftlicher Gruppen sowie nationale Volkswirtschaften.«

Nach den der WHO gemeldeten Zahlen von Drogenpatienten und polizeilich erfaßten Drogenkonsumenten gibt es weltweit 1,76 Millionen Opiumverbraucher, 750000 Heroinfixer und 4,8 Millionen Kokainkonsumenten, hauptsächlich in den Industrienationen.

Hinzu kommen 2,3 Millionen Suchtverbraucher von Aufputschmitteln (Amphetaminen) und 3,4 Millionen Menschen, die regelmäßig und mißbräuchlich Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Psychopharmaka schlucken.

So unterschiedlich die gesellschaftlichen Ursachen der Rauschgiftproduktion etwa in Ostasien und Südamerika sind, so undurchsichtig manche der Handelswege, so autonom die Märkte der Konsumenten - ein innerer Zusammenhang besteht zwischen den großen Drogenströmen der Welt, vergleichbar den großen Seuchen von früher und dem großen Hunger von heute.

Der Segen der einen bedeutet den Ruin der anderen. Eigentlich müßte eine Welt-Rauschgiftbehörde den Weltkrieg gegen das Rauschgift eröffnen.

Besonders zugespitzt hat sich die Lage, nächst den USA, in Asien - dank ungewöhnlichem Segen: Seit etwa fünf Jahren kommen aus den traditionellen Mohnanbaugebieten der Länder im »Goldenen Halbmond« (Iran, Afghanistan, Pakistan) und im »Goldenen Dreieck« (Burma, Laos, Thailand) immer neue Rekordernten auf den Weltmarkt.

Auf den unzugänglichen Bergfeldern Burmas etwa gediehen die Mohnpflanzen in der letzten Saison derart prächtig, daß die Pflanzer die gewaltige Menge von 600 Tonnen Rohopium einfuhren. Und in Laos, dessen Opiumernte jahrelang so gering war, daß die Menge statistisch nicht erfaßt werden mußte, wurden in diesem Jahr nach Schätzungen der amerikanischen Drogenbehörde DEA 120 Tonnen Rohopium produziert.

Pakistan, dessen jährliche Opiumernte von 800 Tonnen (1979) während des Ausnahmezustands auf 45 Tonnen (1984) abgesackt war, meldete sich mit 145 Tonnen in diesem Jahr als Opiumlieferant für einen Weltmarkt zurück, der sich erheblich gewandelt hat.

Jahrzehntelang hatten sich Asiens Drogenproduzenten damit begnügt, das gummiartige Rohopium einzusammeln und an auslandische Geheimlabors zu verschiffen. Dort wurde es zu Heroin veredelt und in das Versorgungsnetz für Europas und Amerikas Fixer eingeleitet.

Verführt durch die hohen Gewinnspannen, die zwischen Erzeugung und Veredelung anfallen und erschreckt durch die Zerschlagung etlicher Labors in Europa, begannen Asiens Mohnbarone, vor Ort ihre eigenen Raffinerien _(Oben: Ausgehoben am 17. Oktober 1986; ) _(unten: bei der Unterzeichnung des ) _(Anti-Drogen-Gesetzes am 28. Oktober ) _(1986. )

einzurichten. Hohe Ernteerträge und zunehmende Kontrollen auf den Transitwegen stimulierten die Suche nach neuen Absatzmöglichkeiten; nichts lag näher, als Kundschaft vor Ort zu rekrutieren.

Die Folge war laut »Newsweek« »die Heroinisierung« asiatischer Länder.

Nirgendwo ist derzeit Heroin billiger und reichlicher zu haben als in den asiatischen Drogenhochburgen zwischen Karatschi, Bombay, Bangkok und Hongkong: neun Dollar pro Gramm. Ein Schuß der hochreinen injektionsfertigen Heroinspezialität No. 4, die unter dem Handelsnamen »Cobra« oder »Afghan 707« angeboten wird, kommt nicht einmal auf zwei Mark.

Kein Zweifel: Heroin »ist in jeder Stadt und geht quer durch alle gesellschaftlichen Schichten«, sagt Toaha Kureschi, Direktor der pakistanischen Drogenkontrollbehörde, und: »Es ist nicht mehr zu kontrollieren.«

450000 Pakistani hängen inzwischen an der Heroinspritze, auf eine halbe Million schätzt Thailand die Zahl seiner Junkies, und im kleinen Nepal (Einwohner: 16 Millionen) leben derzeit 15000 Heroinsüchtige, knapp 20mal mehr als noch vor fünf Jahren.

Die Todesstrafe, die etwa in Malaysia jedem droht, der mit mehr als 15 Gramm Heroin ertappt wird, hat nicht verhindert, daß auch in Malaysia 110000 Menschen von dem körper- und geistzerstörenden Heroin abhängen. In diesem Monat steht ein deutscher Bankkaufmann vor Gericht, der wenn nicht den Tod, so doch langjähriges Gefängnis zu erwarten hat.

Ausgemacht scheint zudem, daß die asiatische Epidemie auch auf Länder überzuschwappen droht, die unlängst noch von der Drogenkultur unberührt schienen oder deren Existenz in Abrede stellten. Australien beispielsweise hat mittlerweile 30000 Heroinsüchtige.

Auch aus der Sowjet-Union kam jetzt das Eingeständnis: »Der Drogenmißbrauch wird zu einem ernsten Problem, vor dem wir lange unsere Augen verschlossen hielten«, sagte Moskaus Stadt-Parteichef Boris Jelzin. Er bezifferte die Anzahl der registrierten Süchtigen in der Hauptstadt auf 3700.

In Kuibyschew 780 Kilometer südöstlich Moskaus an der Wolga gelegen, fließen »illegale Drogenmengen wie hausgemachter Wodka aus dem Wasserhahn«, zitierte »Newsweek« einen örtlichen Polizisten.

Die Ursachen der modernen Rauschgiftwelle, die in den 60er Jahren in den westlichen Industrienationen einsetzte und nun über den asiatischen Kontinent schwappt, sind nur undeutlich auszumachen. Während sowjetische Experten darauf verweisen, daß 90 Prozent junger Drogenverbraucher - so das Ergebnis einer Umfrage unter jugendlichen Georgiern - nicht wußten, daß Rauschmittel gefährlich seien, scheint bei den asiatischen Drogenverbrauchern eine westliche Komponente im Spiel. Europas und Amerikas Jet-Setter und Rockstars, in deren Umkreis Rauschmittel aller Art nahezu traditionell zum Way of life gehören, gelten vielfach als Vorbild.

Amerikanischem Vorbild folgten auch die Sowjet-Union, Thailand und Burma bei ihrem Versuch, die Seuche am Ort des Entstehens zu bekämpfen - durch Vernichtung der Ausgangsprodukte.

Doch das erklärte Ziel dieser Strategie, durch Verringerung des Angebots den Konsum einzuschränken, wurde so gut wie nie erreicht.

Wohl gelang es zeitweilig durch internationale Abreden, die Anbauflächen für Mohnfelder oder Kokasträucher in der Türkei, in Mexiko oder Bolivien zwangsweise oder freiwillig zu begrenzen. Zwar zerstörte man Marihuana- und Mohnplantagen mit umwelt- und gesundheitsschädlichen Pflanzenkillern und zahlte enorme Summen zum Anbau alternativer Nutzpflanzen wie Erdbeeren oder Kartoffeln an die Farmer.

Doch stets waren die Anpflanzer und Veredler, die Großhändler und die kleinen Pusher an New Yorker Straßenecken, in den Diskotheken Frankfurts am Brunnen vor dem Moskauer Bolschoi-Theater oder den Sex-Bars von Bangkok denen, die ihnen das Geschäft erschweren wollten, einen Schritt voraus.

Wenn die US-Drogenbehörde zur Marihuana-Erntezeit hektarweise Cannabis-Pflanzen, die mittlerweile in allen 50 US-Bundesstaaten wachsen, einsackt und verbrennt, kommt es schon mal zu Versorgungsengpässen.

Wenn US-Soldaten wie in diesem Sommer mit einer Hubschrauberflotte nach Bolivien einfallen, um die örtlichen Drogenbekämpfer zur Zerstörung von Kokasträuchern in den Dschungel Boliviens zu liften, stockt schon mal der Nachschub aus diesem Anbaugebiet. Auch gelingt amerikanischen oder europäischen Fahndern mitunter ein spektakulärer Heroinfund wie im Mai 1986 an New Yorks Madison Avenue: Im »Moda 700 Beauty Salon« wurden fünf Dealer verhaftet, die Heroin türkischen Ursprungs im Wert von 400 Millionen Dollar in die USA geschmuggelt haben sollen - in Kosmetik-Flakons.

Doch: Marihuana wächst auch im klimatisierten Kleiderschrank, Kokasträucher gedeihen in Brasilien und Argentinien wie in Bolivien oder Ecuador, und Mohnfelder lassen sich im türkischen Hochland wie in Burma bestellen.

Zudem läßt sich nach dem Markt-Kriterium »Shit stinks and money talks«

auf dem Milliarden Dollar schweren Weltmarkt der Drogen mit Geld so ziemlich alles arrangieren.

Gegen grüne, rote oder blaue Scheine fließt statt des Pflanzenvernichtungsmittels auch unschädliches Wasser in die Tanks von Sprühflugzeugen, werden kokaingefüllte Reifen an Passagierjets geschraubt, schlucken Kuriere heroingefüllte Kondome hinunter und begeben sich beim Empfänger auf die Toilette, binden sich mexikanische Tagelöhner Drogen um den Bauch und schleichen sich dann über die grüne Grenze in die USA.

Einzigartig in der ohnehin starken Dynamik des Drogengeschäfts ist die Entwicklung, des amerikanischen Kokainmarktes. Er hat sich innerhalb eines Jahrzehnts von einem eher obskuren _ Handelszweig zu einem gewaltigen Industrie-Imperium ausgeweitet. Der peruanische Präsident Alan Garcia nannte es zynisch - und wahrheitsgemäß - »den einzig erfolgreichen multinationalen« Konzern den Lateinamerika bislang hervorgebracht habe.

Mitte der 6Oer Jahre hatte die Weltjahresproduktion von Kokain bei etwa 500 Kilogramm gelegen, gerade soviel wie heute ein einziges Schmuggelflugzeug in die USA schafft. Die geringe Nachfrage deckten seinerzeit ein paar Andenbauern in Peru, Bolivien und Chile.

Bevor Amerikas Jugend im Gefolge des Kriegsfrusts über Vietnam Marihuana und LSD zu entdecken begann, war die Bedeutung von Kokain auf dem gleichen niedrigen Stand geblieben wie zu Beginn dieses Jahrhunderts.

Gekokst wurde der Schnee von Ärzten, Hollywood-Darstellern und Intellektuellen, denen der Kokain-Konsum durchweg als Kavaliersdelikt nachgesehen wurde. Denn der Droge, der wie keinem anderen Rauschmittel soviel literarische Aufmerksamkeit, so große Heilserwartung zuteil geworden ist fehlte das soziale Stigma. Kokain war exotisch und extravagant, nichts für die Massen. Die ließen den Joint kreisen.

Ein Jahrzehnt später führten Maßnahmen der Regierungen in Washington und in Nassau (Bahamas) einen dramatischen Wandel herbei. Auf Betreiben der US-Administration begann Mexiko 1975, seine Marihuana-Felder mittels Pflanzengift zu vernichten mit dem Ziel, Amerikas Kiffer zu entwöhnen. Zu etwa der gleichen Zeit sperrte die Regierung der Bahamas ihre Hoheitsgewässer für die in US-Hafen stationierten Lobster-Fischerboote. Diese Maßnahme bedrohte die Existenz von etwa 260 Hummerfischern, darunter viele Exilkubaner, die von Florida aus versuchten, sich einen neuen Beruf aufzubauen.

Die Verknappung des mexikanischen Marihuanas eröffnete kolumbianischen Anbauern die Absatzmöglichkeit, nach der sie schon seit Jahren gesucht hatten - und die ihrer reichen Fanggründe beraubte Hummerflottille stand bereit, kolumbianisches Marihuana in die USA zu verschiffen. Binnen drei Jahren stiegen die Kolumbianer mit 70prozentigem Anteil zum Hauptlieferanten von Marihuana für den US-Markt auf.

Vor rund sechs Jahren ebbte die Nachfrage nach kolumbianischem Marihuana ab. Der Nachschub wurde zudem durch Erfolge der US-Fahnder schwieriger (und unprofitabler). Zur gleichen Zeit öffnete sich ein neuer Markt, den die kolumbianischen Rauschmittellieferanten ebenso entschlossen nutzten: »Koks«, das Rauschgift, das den Gedanken angeblich Flügel macht, entwickelte sich zur neuen Mode-Droge und Kolumbien hat reichlich davon seit Jahrhunderten. Und die Kolumbianer schickten sich an, den US-Markt mit Kokain zu füllen wie vordem mit Marihuana. Daß die Südamerikaner dabei wenig Skrupel zeigten, belegt die Mordstatistik von Miami. Die dortigen Zwischenhändler für Marihuana hatten während der Marktwende versucht, die Kokain-Einfuhr selbst zu betreiben. Sie unterschätzten dabei die Kolumbianer, die mit Maschinenpistolen anrückten und sich den Markt freischossen. 101 Tote im Kokain-Krieg verzeichnete 1981 die Polizei in der Drogenhauptstadt Floridas.

Als die Rollenverteilung klargestellt war, setzten die kolumbianischen Kokain-Könige noch eins drauf. Sie ließen sich in Florida nieder, organisierten ein eigenes Verteilernetz und kontrollierten damit den gesamten Markt von der Herstellung bis zum Einzelhändler.

Die gleichsam in der kolumbianischen Familie verbleibenden Gewinne waren enorm. In einer Analyse des Kokain-Marktes zog die US-Wirtschaftszeitung »Wall Street Journal« jüngst die Bargeld-Reserven der Federal-Reserve-Bank-Filiale in Miami heran, um die Profite im Kokainhandel annäherungsweise zu verdeutlichen. 1971 verfügte die Staatsbank Floridas über einen Bargeldüberschuß von 89 Millionen Dollar, im vergangenen Jahr war er mit 5,9 Milliarden mehr als 6Omal so hoch.

Auf dem amerikanischen Markt werden die kolumbianischen Kokslieferanten, meinen US-Experten, künftig keine vergleichbaren Zuwachsraten mehr erzielen können. Wenn nicht alles täuscht, ist Los Angeles dabei, Miami als Hauptumschlagplatz für Kokain abzulösen.

Die Metropolis an der US-Westküste weist deutliche Standortvorteile gegenüber

dem überschaubaren Miami auf, wo sich Anlieferung, Verarbeitung und Vertrieb des Schnees vergleichsweise schwer verheimlichen lassen. Drogenexperten der US-Administration schätzen, daß derzeit etwa 30 Prozent des Kokains für den US-Markt über Mexiko in den amerikanischen Südwesten gelangen, Szene-Insider sprechen von bereits 80 Prozent.

So gesehen nimmt kaum wunder, daß die neueste Marktdrehung des Kokain-Kults in Kalifornien stattfand. Als vor etwa drei Jahren die Zuwachsraten ins Stocken gerieten und die Koks-Konzernherren gemäß den Gesetzen der Marktwirtschaft nach einem neuen Produkt suchten, muß ihnen Crack wie eine neue Hoffnung erschienen sein.

Vermutlich erfand ein Kokain-Tüftler auf den Bahamas das Kokain-Verklumpen, und die erste Crack-Ladung für eine amerikanische Phiole wurde in einer Küche der ehemaligen britischen Kolonie gebacken. Doch ihren zweifelhaften Siegeszug begann die neue Superdroge vor etwa drei Jahren in Los Angeles.

Ein Jahr darauf wütete sie in der texanischen Ölmetropole Houston, ehe sie dieses Frühjahr eintraf, wo sonst immer alles beginnt - in New York.

Der amerikanischen Drogen- und Medienhochburg ist allerdings zu verdanken, daß die US-Bürger schnell und umfassend über die Gefahren der neuen Rauschdroge aufgeklärt wurden und auch deren Auswüchse bis ins kleinste Detail erfuhren.

So über den 16jährigen »crackhead« Victor Aponte, der seine Mutter erstach und das Messer in ihrem Hals steckenließ, weil sie ihren Sohn wegen seines Crack-Verbrauchs zur Rede gestellt hatte. Oder über die gleichaltrige Eva, die sich »für Drogen, namentlich Crack, mit jedem hinlegt«, um »auf den Gipfel der Welt zu gelangen«. Hinweise auf die erschreckende Gefährlichkeit solcher crack-erzeugten Gipfelstürme haben die Suchtmediziner aus der Beobachtung langjähriger Kokainschnupfer gewonnen:

Zunächst erlebt der Kokser das wohlige Gefühl des Kokain-High, er ist sexuell erregbarer und hellwach. Wenn die Wirkung nachläßt, kommt die große Traurigkeit und in schweren Schüben die Depression. Im Verlauf der Entwicklung ihrer Sucht klagen Kokser über Schlaflosigkeit und Paranoia. Schließlich stellen sich schizophrenieartige Psychosen ein, der Suchtige beginnt zu halluzinieren. Typischer Alptraum eines Kokainkranken sind Wanzen und Käfer, die er auf seinem Körper zu spüren meint.

Sämtliche Etappen dieser Sucht vom High bis zur Halluzination, die der herkömmliche Koksschnupfer mitunter erst in Jahren durchschreitet, kann der Crack-Raucher bereits nach wenigen Pfeifen durchleben. Kein Nicht-Süchtiger, warnt der US-Suchtexperte Arnold Washton, »kann die abgrundtiefe Depression nachempfinden, unter der ein Kokainkranker leiden muß.«

Daß Crack den Sprung aus der Trendsetter-Metropole New York in die europäische Rauschgift-Szene schafft, scheint durch einen speziellen Kundenkreis beschleunigt zu werden, der schon auf eine potente Ersatzdroge gewartet hat: Heroinsüchtige, die mittlerweile wissen, daß sie durch Mehrfachbenutzung der Injektionsnadeln Gefahr laufen, sich mit dem Aids-Virus anzustecken.

Und daß Europas Koks-Markt ohnehin ausbaufähig ist, haben Kolumbiens Kokain-Könige erkannt. Sie lieferten im letzten Jahr, wie ein in Kolumbien stationierter DEA-Agent erfuhr, die erste Großmenge von 20 Tonnen Kokain für die Nasen der Alten Welt.

[Grafiktext]

VOM ERZEUGER ZUM VERBRAUCHER: DIE RAUSCHGIFTWEGE wichtige Anbaugebiete von Mohn, Hanf und Koka

[GrafiktextEnde]

Oben: Ausgehoben am 17. Oktober 1986;unten: bei der Unterzeichnung des Anti-Drogen-Gesetzes am 28.Oktober 1986.

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