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PRIESTER / KLÖSTER Mit Damen

aus DER SPIEGEL 46/1969

Die Audienz beim General-Abt Sighard Kleiner in Rom war kürzer, als der Besucher aus der Bretagne gehofft hatte: Dom Bernard Besret, 34, Prior der Zisterzienserabtei Boquen (Diözese Saint-Brieuc), kam nicht dazu, die neue Klosterordnung für seine Abtei zu unterbreiten.

Kleiner, ranghöchster Zisterzienser, eröffnete dem Mönch im Bischofsrang: Er sei abgesetzt, habe bis 31. Oktober das Kloster zu räumen und sich außerhalb Frankreichs ins Exil zu begeben.

Seit langem ist kein Mönchs-Oberer von seinem Orden so hastig und so weit aus seinem Kloster gejagt worden. Und sogar als der deutsche Benediktiner-Abt Alkuin Heising 1968 unter Protest sein Amt niederlegte, weil er den »autoritären Stil« seiner Kirche für »unerträglich« hielt, bemühten sich Benediktiner-Obere, ihn zur Rückkehr ins Kloster zu bewegen.

Doch anders als Abt Alkuin (der inzwischen geheiratet hat), denkt Dom Besret nicht an Abschied aus dem Priesterberuf. Er will schon jetzt das »religiöse Leben des Jahres 2000 einführen«.

Als 18jähriger hatte sich der glaubenslose Elektriker-Sohn von den Zisterziensern in Boquen zur katholischen Lehre bekehren lassen. 1960, schon vom damaligen Prior zum Nachfolger designiert, reiste Besret nach Rom, wo er promovierte, mathematische Logik lehrte und Bischöfe beim Konzil »beriet.

Unter dem 1964 heimgekehrten Prior Besret ging es in der mit sieben Mönchen belegten Abtei Boquen so frei zu wie in keinem anderen Kloster. Der Prior, zumeist in Blue jeans und Rohkragenpullover, machte aus dem Kloster ein »offenes Haus« mit 60 Betten. Laien beiderlei Geschlechts konnten bei Tagungen oder Seminaren -- freilich getrennt im Hause logieren. Nach einer kurzen Ausbildung wurden sie als sogenannte Animateure in die Klostergemeinschaft aufgenommen -- sozusagen als Laien-Mönche. Jederzeit und formlos konnten sie wieder in das weltliche Leben zurückkehren. Ein benachbarter Abbé zürnte: »Wenn ihr damit anfangt, dann könnt ihr ja auch gleich heiraten.«

Das freilich wollte und will Dom Besret nicht. Aber er weigerte sich, Klosternovizen das Keuschheitsgelübde abzunehmen: »Es wäre unklug, junge Leute für ihr ganzes Leben auf eine Formel zu verpflichten, die die rapide Entwicklung der Gesellschaft und der Kirche täglich in Frage stellt.« Für Priester, die sich dem Zölibat schon verschrieben hatten, schlug er nachträglich ein Jahr Bedenkzeit vor. Danach sollten sie »ihre Wahl entweder bestätigen oder widerrufen dürfen«.

Das Kloster mit Damenbesuch und Zölibats-Zwanglosigkeit begeisterte in Westfrankreich bald die linke Jugend und beunruhigte Bischöfe sowie konservativen Klerus. Traditionswahrer verwüsteten nachts die Bibliothek des Priors.

Zum Eklat kam es, als Dom Besret im August die »erstarrten Mythen des Klosterdaseins« vor Hunderten von Zuhörern kritisierte. Regionalblätter starteten eine Kampagne gegen den »bösen Mönch«.

Inzwischen bezweifelten Dom Besret und seine sieben Mitbrüder selbst, daß Boquen noch im herkömmlichen Sinn als Kloster gelten könne. Sie wollten ihre Neuerungen in Rom legalisieren lassen. Als aber Dom Besret von dort mit der Verbannungs-Order zurückkehrte, formierte sich in Frankreich eine Solidaritätsbewegung für den Amtsenthobenen. Anrufer aus vielen Departements blockierten die Leitungen zur Abtei. 150 Briefe und Telegramme schleppte der Postbote täglich ins Kloster. Und am letzten Oktober-Sonntag pilgerten rund 5000 Gläubige und Neugierige nach Boquen, um Dom Besrets Abschiedsmesse zu hören.

Ex-Prior Besret räumte das Kloster. Seine sieben Mitmönche setzten ihren Orden unter Druck. Gemeinsam erklärten sie, sie würden einem Marschbefehl ihres Ex-Oberen folgen und außerhalb der Ordenszucht eine freie Klostergemeinschaft gründen.

Diese Exodus-Drohung schockte die Zisterzienser-Zentrale in Rom. Generalabt Kleiner revidierte sich und bot einen Kompromiß an: Dom Besret brauche Frankreich nicht zu verlassen, solle aber freiwillig nach Amerika fahren und Kirchenrecht studieren, Ins Kloster dürfe er zurückkehren, allerdings unter einem anderen Vorsteher.

Dom Besret, in Paris untergetaucht, ist reisebereit. In Übersee will er über das Angebot nachdenken.

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