Zur Ausgabe
Artikel 40 / 151

KABARETT Mit deinem schicken Pony

Die Kabarett-Truppe des Bundestages, in Bonn entstanden, macht in Berlin weiter. Damit auch die Berliner was zu lachen haben.
Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 45/2000

Humorpolitisch lag Bonn im Epizentrum der alten Republik. Köln war gleich um die Ecke und Mainz auch nicht weit weg. Die Rheinländer, von Natur aus heiter und lebensfroh, nahmen nichts wirklich ernst, außer ihren Karneval, die »fünfte Jahreszeit«.

Berlin ist ganz anders. Weit im Osten gelegen, sind nicht nur die Winter kälter, auch die Menschen wirken durchweg verschnupft und unterkühlt. Als Zeichen guter Laune gilt schon, wenn sie sich morgens um zehn Uhr mit »Mahlzeit!« grüßen.

Doch jetzt bekommt Berlin eine Chance, mit Bonn gleichzuziehen. Das Bundestagskabarett »Die Wasserwerker«, scherzhaft auch »Die sechste Fraktion« genannt, nimmt an diesem Mittwoch seinen Betrieb in der Hauptstadt auf. Das Programm heißt »K(l)eine Spree-Renzchen«, steht unter der Schirmherrschaft des Bundestagspräsidenten und behandelt sensible Themen wie »Die Irrfahrten der Abgeordneten« und »Die deutsche Einheit« im zehnten Jahr nach der Wende.

»Wir wollen ja, dass die Leute lachen«, sagt die Chefin der Truppe, die SPD-Abgeordnete Ulrike Mehl, 44, aus dem Wahlkreis Rendsburg-Eckernförde. Als Politiker solle man »dem Volke dienen«, als Kabarettisten »das Volk unterhalten«.

Am Anfang war nur eine vage Idee. Im Herbst 1992 stand der Umzug des Bundestags aus dem Bonner Wasserwerk in den neuen Plenarsaal auf der Tagesordnung, da bat Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth den FDP-Abgeordneten und Bremerhavener Hobby-Kabarettisten Manfred Richter ("Die Müllfischer"), eine »interfraktionelle Truppe« zusammenzustellen, um die Feier »mit selbst gemachter Abgeordnetenkultur« anzureichern. Der Liberale aus dem Norden fand acht weitere Freiwillige, darunter den SPD-Abgeordneten und Städtebau-Experten Peter Conradi und den CDU-Schlagzeuger und Kleinkünstler Wolfgang Börnsen.

Das erste Programm der »Wasserwerker« hieß »Neue Adler braucht das Land« und wurde am 29. Oktober 1992 im Sitzungssaal der CDU/CSU-Fraktion aufgeführt. Dass die Premiere nicht im Plenarsaal stattfand, hatte einen realsatirischen Grund: Einige Abgeordnete fanden es »würdelos« und »nicht angemessen«, dass an der Stelle, »wo die deutsche Einheit beschlossen wurde«, gespottet und gelacht werden sollte. Nachdem der Bundestag umgezogen war, durften die Bundes-Kabarettisten doch noch im »Wasserwerk« auftreten, zu Füßen des Bundesadlers und ohne Rücksicht auf die Historie des Ortes.

Die Berliner Premiere soll auf exterritorialem Gelände stattfinden, in der Botschaft der Tschechischen Republik in der Wilhelmstraße. Man hätte auch in der bayerischen Landesvertretung spielen können, aber man habe schon mal bei den Tschechen in Bonn gespielt, und es sei »ein toller Abend« gewesen, erzählt Ulrike Mehl.

Damals wie jetzt wird das Programm mit dem gleichen Marsch anfangen. Hieß es in Bonn: »Wir sind die Wasserwerker aus Ritas Parlament ...«, wird es in Berlin heißen: »Wir sind die Wasserwerker aus Wolfgangs Parlament.« Der Bundestagspräsident heißt ja mittlerweile Wolfgang Thierse. Der Reim ist derselbe geblieben: »Wir sind die Wasserwerker und liegen voll im Trend.«

Nämlich der rot-grünen Koalition. Vier der acht Kabarettisten gehören der SPD (neben Mehl Jella Teuchner, Reinhold Hemker und Eckart Kuhlwein) an, zwei den Grünen (Ulrike Höfken, Winfried Hermann), einer der CDU (Axel Fischer). Der Mann am Klavier ist parteilos und kein Abgeordneter, sondern ein Naturwissenschaftler, der ein Institut für Atmosphärenphysik in Kühlungsborn leitet: Franz-Josef Lübken.

Ulrike Mehl hätte gern auch jemanden von der PDS in der Truppe. »Es gab auch schon Interessenten, aber da hätte die CDU nicht mitgemacht.« Und den einzigen CDU-Vertreter im Ensemble zu vergraulen und damit zum humoristischen Ableger der Regierung abzusinken, möchte sie nicht riskieren. Auch die überparteiliche Witzischkeit hat taktische Grenzen.

Die Diplomingenieurin macht auch zu Hause in Schleswig-Holstein politische Kleinkunst. »Die marinierten Heringe« - neben ihr ein ehemaliger Abgeordneter, ein Unternehmer und »einer aus dem Öffentlichen Dienst« - touren durch das Land und trommeln für die SPD. Beim letzten Wahlkampf haben sie auf die Melodie von »Seemann, lass das Träumen« ein »wunderschönes Lied« gesungen: »Volker, lass das Träumen«. Dass CDU-Kandidat Rühe die Wahl verlor, lag aber nicht unbedingt am Einsatz der »marinierten Heringe«.

In Berlin allerdings wollen die »Wasserwerker« Gerechtigkeit walten lassen. Alle kommen dran, die einen mehr, die anderen weniger. Ulrike Mehl hat sich Angela Merkel vorgenommen und ihr ein Lied auf den Leib geschrieben: »Wunderbares Mädchen«, auf die Melodie von »Marina": »Bei Tag und Nacht denk ich an dich, Angela. Mit deinem schicken Pony fängst du Wähler ...«

Doch würde die CDU-Chefin sich zur Premiere anmelden, sie bekäme einen Platz in der ersten Reihe. Damit sie beim Refrain mitsingen kann: »Wunderbares Mädchen, früher ''n kleines Rädchen, bist ein Superstar du heute, oh oh, oh oh, oh oh.« HENRYK M. BRODER

* Reinhold Hemker und Eckart Kuhlwein im Juni 1995 im BonnerWasserwerk.

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 151
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.