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Affären Mit dem Ölscheich

Der britische Innenminister Maudling ist in einen Skandal verwickelt, bei dem es um Korruption geht.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Die Sofort-Reaktion der Öffentlichkeit war: Wieviel mehr Gesellschaften und Abgeordnete sind in so etwas verwickelt? Jeder Abgeordnete wurde sofort verdächtig.« So erläuterte der liberale Abgeordnete John Pardoe einen Antrag auf eine Untersuchung wegen »angeblicher Korruption«. Davon betroffen ist der Innenminister Reginald Maudling, 55.

Es geht um Geld von John Poulson, 62, der einst Europas angeblich größtes Architektenbüro (mit bis zu 750 Angestellten und Jahreseinnahmen von über einer Million Pfund) unterhielt.

Bevor Poulson, der Mammutaufträge in England. Schottland, im Nahen Osten und in Afrika ergattert hatte, jetzt einen Nervenzusammenbruch erlitt und verhandlungsunfähig wurde, mußte er vor dem Gericht in Wakefield bei Leeds Auskunft über seine Geschäftsführung geben. Dabei kamen Zahlungen an Maudling und zwei andere Abgeordnete, außerdem Zuwendungen an drei Beamte ans Licht.

Maudling war, als die konservative Partei in der Opposition stand, Aufsichtsratsvorsitzender einer von Poulsons Gesellschaften gewesen. Durch andere Geschäftstätigkeit (er saß insgesamt in den Aufsichtsräten von neun Gesellschaften, fünf davon gingen später bankrott) verdiente er in jenen Jahren ohnehin etwa 30 000 Pfund im Jahr, wie er Freunden erzählte. Weitere Einnahmen wären fast zu 100 Prozent weggesteuert worden. Er ließ sich darum für den Poulson-Posten nicht honorieren, sondern akzeptierte, so Poulson, daß der Architekt einem Balletttheater in der Provinz -- das unter der Schirmherrschaft von Maudlings Frau stand -- 22 000 Pfund zahlte (die Bühne behauptete später, nur 15 000 Pfund bekommen zu haben).

Was Maudling jetzt unerwähnt ließ, fanden erst Zeitungen heraus: Auch andere Mitglieder seiner Familie waren beteiligt. Ein Sohn war Generaldirektor einer Poulson-Gesellschaft, seinen anderen Kindern kaufte er Anteile im Nennwert von 750 Pfund, einem Viertel des nominellen Gesellschaftskapitals.

Peinlich erinnnerte die Enthüllung daran, daß Englands einstiger Schatzkanzler schon einmal in Geschäftsdingen ausgerutscht war. Er hatte sich von dem amerikanischen Finanzmann Jerome Hoffman, der heute in einem US-Gefängnis sitzt. 1969 zum Vorsitzenden einer zweifelhaften Investitionsfirma ("Real Estate Fund of America") ernennen lassen.

Maudling trat zwar nach wenigen Monaten zurück, doch wurde ruchbar, daß er sich für seine Tätigkeit mit (wertlosen) Refa-Aktien hatte bezahlen lassen -- ein Umstand, den er wiederum seinerzeit nicht bekanntgegeben hatte.

Britischen Abgeordneten steht es wie ihren deutschen Kollegen frei, Nebenbeschäftigungen nachzugehen, um ihr Salär (4500 Pfund) aufzubessern. Etwa 70 Prozent aller Volksvertreter tun das. Fast ein Drittel der 630 Abgeordneten verdient dadurch zusätzlich 5000 Pfund Im Jahr oder mehr.

Das gilt von M. P. Abse, Wahlkreis Pontypool (Partner in der größten Anwaltsfirma in Cardiff) bis M. P. Younger, Wahlkreis Ayr (Viehzüchter auf dem Familiengut). Sozialist Edelman schreibt Romane, der Konservative Sir Tufton Beamish verwaltet Golfplätze; Du Cann (konservativ) gehört zur Elite der City, Drayson (konservativ) treibt Ost-West-Handel.

Am ehesten könnten Abgeordnete durch ein Votum in einem Parlaments-Ausschuß die Geschäfte eines anderen beeinflussen. Maudling hatte in seinen Oppositionsjahren durch seine Kenntnisse und Beziehungen erheblich mehr tun können: Unter anderem verhandelte er für Poulson mit dem Ölscheich von Abu Dhabi sowie dem Präsidenten von Liberia und erreichte, daß sein Arbeitgeber mit dem Bau eines Hotels am Persischen Meerbusen beauftragt wurde.

Bei der Bildung der Regierung Heath 1970 legte er nach englischem Brauch alle Wirtschaftsposten nieder. In seiner Partei galt Maudling als der Leiter des fortschrittlichen Flügels -- obgleich er es war, der 1970 Rudi Dutschke zum Verlassen Englands zwang, und obgleich er für die Todesstrafe eintrat. Letzthin wurde seine Stellung dadurch ramponiert, daß Premier Heath ihm die Kompetenz für Nordirland entzog und einem Sonderminister. William Whitelaw, übertrug.

Die Poulson-Affäre könnte politisch für Maudling »tödlich« werden, meinte der »Observer«. Der Liberale Pardoe über die ganze Poulson-Affäre: »Nach Auffassung von Abgeordneten mag gar keine Bestechung vorliegen, aber für die Öffentlichkeit stinkt es.« Der »New Statesman« riet dem Minister, der noch innerhalb der Legalität geblieben war: »Er sollte sofort zurücktreten.«

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