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»MIT DEM QUATSCH AUFHÖREN«

aus DER SPIEGEL 52/1966

Die Unlust am Fliegen will den deutschen Außenminister auch in der luxuriösen Intim-Atmosphäre der Bundeswehr-»Jetstar« nicht verlassen, deren Benutzung zu seinen neuen Würden gehört. Unbehaglich, noch im schwarzen Diplomaten-Paletot, hat er sich in eines der sechs Fauteuils dieser vierstrahligen Bonzenschleuder geschnallt und offeriert mir den Sessel vis-à-vis mit der verständnisinnigen Anteilnahme des Leidensgenossen.

Nein, je älter Willy Brandt wird, desto klarer wird ihm, »daß wir wohl doch nicht dafür gemacht sind«, zu fliegen. Die Triebfeder des Globetrotters, der er doch immer war, leiert allmählich aus.

Jetzt freilich, auf diesem 40-Minuten -Luftsprung von Paris-Orly nach Köln-Wahn am Donnerstagabend vergangener Woche, auf dem Rückweg von seiner ersten Reise als Außenminister, verfliegt alle unbehagliche Spannung schneller noch als die Zeit.

Mit dem Mantel entledigt sich Willy Brandt alsbald auch des Ballastes amtlicher Ausdrucksformen, bestellt sich einen Asbach zum Kaffee (aber erst, nachdem seine Begleitung ihm das vorgemacht hat) und überläßt sich - »enthemmt«, wie er selber sagt - der Fülle der Gesichte, aus deren Mitte ihm das eigene Bild, undeutlich noch, in einer neuen Reflexion entgegentritt: Willy Brandt, der Außenminister.

Neu daran ist nicht der Mann; »man wird ja kein anderer Mensch in einem solchen Amt, hoffentlich nicht«. Neu ist nicht das repräsentierende Reisen, und

- von seinem Standpunkt aus - auch

das nicht, was er nun sagt und wie er es sagt.

Aber neu ist, auch in seinen Ohren, das Echo. Gerade weil er nicht leicht darüber hinweg kommt, »daß ein Mann meiner Überzeugungen der deutsche Minister des Auswärtigen geworden ist«, lauscht er diesem neuen Echo nun fast mit einem Gefühl der Befreiung nach: Der Sozialdemokrat und Emigrant Willy Brandt hat als deutscher Außenminister in dieser internationalen Pariser Runde eine Resonanz gehabt, die sein neues Amt allein ihm nicht erklärlich machen kann, sondern allenfalls der Umstand, daß »ein Mann meiner Überzeugungen« jetzt dieses Amt versieht. Das ist, zumindest für ihn selber, die wahre Neuigkeit.

Klargemacht hat ihm dies besonders sein sozialdemokratischer Freund Jens Otto Krag aus Dänemark, der ihm letzten Donnerstag sagte: »Die Rede, die du heute hier vor dem Nato-Ministerrat gehalten hast, hätte kein anderer deutscher Außenminister so halten können.« Und dabei, kommentiert Willy Brandt ohne Koketterie, »merkt man dann, daß man ja Außenminister ist«.

So lückenhaft dieses Bewußtsein noch ist, so faszinierend ist es. Das leugnet er nicht. Es ist die Faszination des Funktionierens, die von der Bedienung eines großen, glänzend eingespielten Apparates ausgeht, ist auch die Faszination der Qualität, wie sie einen Mann ergreifen mag, der nach langen Jahren am Lenkrad eines Mittelklassewagens plötzlich in einen Sechshunderter umsteigt und, wiewohl er das neue Gefährt ein bißchen protzig findet, nicht umhin kann, von dessen gediegener Machart angetan zu sein.

Den General de Gaulle hätte er in der vergangenen Woche freilich auf jeden Fall besucht, auch wenn er nicht Außenminister geworden wäre; die Aufforderung, sich höchsten Orts mal wieder sehen zu lassen, war bereits ergangen. Aber er hätte dem gestrengen Gallier dann nicht sagen können, was er ihm nun, in artiger Anspielung auf Charles de Gaulles historisches Bewußtsein, gesagt hat: »Ich empfinde es als eine Ironie der Geschichte, daß ein Sozialdemokrat deutscher Außenminister werden mußte, um die deutschen Gaullisten an die Hand zu nehmen, damit sie Ihnen nicht mehr so viel Ärger machen.«

Solch delikate Rede entstammt der respektvollen Reverenz des deutschen Sozialdemokraten für den französischen General, aus der Willy Brandt nie ein Hehl gemacht hat, seit er Charles de Gaulle zum ersten Male im Dezember 1958 besuchte, bald nach Chruschtschows Berlin-Ultimatum. Damals heischte der hohe Herr viererlei Auskunft: über den Stand der Dinge in Berlin, in Westdeutschland, »in Preußen« und in der SPD. Und er verabschiedete den Gast, offenbar beeindruckt, mit einer Verheißung: »Monsieur, wir werden einander wieder begegnen.«

Die Herzlichkeit nun, die er der Begegnung mit dem neuen deutschen Außenminister an diesem Donnerstag ausdrücklich hat bescheinigen lassen, tut wundersame Wirkung. Sie macht aus Willy Brandt, mit dem man sonst nicht eben leicht ins Gespräch kommt, einen lockeren Plauderer.

Jetzt erst, so scheint mir, auf diesem Heimflug von seinem ersten internationalen Auftritt als deutscher Außenminister, vollendet sich jener »quasi psychoanalytische Prozeß« (Brandt), den er ein paar Wochen nach der Wahlniederlage von 1965 in Gang gebracht hat, als er daranging, zusammen mit einem seiner jungen Leute; dem 26 Jahre alten Günter Struve, die von dem Emigranten Willy Brandt fern von Deutschland verfaßten Aufsätze durchzusehen und auszuwählen für das Buch, das dann unter dem Titel »Draußen« erschienen ist: als gedrucktes Beweisangebot für Brandts Überzeugung, »daß man das alles vorzeigen kann, daß nichts davon wegerklärt zu werden braucht«.

Als die »Jetstar« zur Landung in Köln-Wahn ansetzt ("Was ist das? Bonn? Wo liegt denn das?"), kann auch der Druck auf den Gehörgang, dem er mit geübtem Griff hinter die Ohrläppchen entgegenwirkt, Willy Brandt die Laune nicht mehr verderben. Während die »Jetstarr ausrollt und die Frage auftaucht, ob draußen vielleicht das Fernsehen warte, erinnere ich den heiteren Heimkehrer daran, daß er vor wenigen Tagen in Berlin noch energisch verlangt hat, man solle »mit dem Quatsch aufhören«, aus Paris und aus Washington gleichermaßen mit der Kunde zurückzukommen, es sei alles nach Wunsch gegangen. Wolle er denn nun wohl etwas anderes sagen?

Einen Augenblick überlegt Willy Brandt. Aber dann fällt dem Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei als Ausweg eine Anekdote über seine friesischen Genossen ein. »Da kann man hinkommen und noch so hinreißend reden - die sagen höchstens: Tscha, das war man gar nich so schlecht.«

Flugreisender Brandt: »Das war gar nicht so schlecht«

Hermann Schreiber

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