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Mit den Nerven herunter

aus DER SPIEGEL 17/1949

Der erste, der Johann Reichhart herum bekam, war Erich Helmensdorfer. Amerikaner, Engländer, Schweizer mit verlockenden Honorarangeboten mußten ohne Manuskript wieder abziehen. Die Tagebücher der Familie Reichhart, die seit 200 Jahren die Scharfrichter Bayerns gestellt hat, blieben verschlossen, bis der bayerische Nachrichter den Journalisten Erich Helmensdorfer kennenlernte. »Der Mann gefiel mir«. Einen anderen Grund weiß Reichhart nicht dafür, daß er dem ehemaligen DENA-Mann Rede und Antwort stand.

Mit einem Koffer voll Dokumenten, Tagebüchern und Briefen fuhr Helmensdorfer nach Hause. Zwei Monate lang wühlte er in den vergilbten Papieren, der Henker-Dynastie Reichhart.

Johann Reichhart übernahm das Scharfrichteramt von seinem Onkel Franz Xaver Reichhart. Das war ein ganz ungewöhnlich frommer Mann, der sein Vermögen der Kirche vermachte, als er 1934 starb. (Trotzdem hat die Kirche die für 99 Jahre im voraus bezahlten Seelenmessen ohne Erklärungen eingestellt).

Neffe Johann, der Metzger lernte und in Hamburg sein Handwerk versah, wollte erst nicht Scharfrichter werden, beugte sich aber 1924 der Familientradition, als kein direkter Erbe das Amt antreten konnte.

An seine erste Hinrichtung, bei der er gleich zwei Delinquenten - am 4. Juli 1924 in Landshut - köpfen mußte, erinnert sich Johann Reichhart noch recht gut. »Die Nacht vorher war für mich mindestens ebensolang wie für die beiden Verurteilten«. Es klappte aber alles.

Geheimnisvolle Gerüchte über Scharfrichter und Exekutionen seien nämlich meistens Erfindung. Zwar habe man in Preußen bis 1937 mit dem Handbeil hingerichtet (er selbst hat das nie getan, wohl aber sein Berufskollege Reindel aus Magdeburg), doch sei es ein ganz gewöhnliches, besonders gehärtetes Schwungbeil gewesen. Keine Spur von Quecksilberfüllung. Es sei auch noch nie jemand ohne Kopf herumgelaufen. Der Körper zucke zwar manchmal beim Fall des Messers verrate aber sonst kein Leben mehr.

Nach altem Brauch richtete Johann Reichhart im Gehrock und Zylinder hin, die beiden Gehilfen assistierten im schwarzen Anzug. Seine Delinquenten konnten die Guillotine nie sehen. Sie war stets schwarz verhängt. Erst im letzten Augenblick, wenn der leitende Vollzugsstaatsanwalt das Urteil verlesen und den Verurteilten an den Scharfrichter ausgeliefert hatte, wurde eine Augenbinde umgelegt und der schwarze Vorhang zurückgerissen. Der Geistliche sprach die Stoßgebete, dann wurde vollstreckt.

1945 holten die Amerikaner Johann Reichhart. Er mußte nach dem internationalen Kriegsverbrecherprozeß in Nürnberg die Galgen bauen und dem Henker der US-Armee, Sergeant Wood, zeigen, wie man die Schlinge umlegt. In Landsberg trafen sich beide wieder. Im Wechsel hängten sie verurteilte Kriegsverbrecher, einen Reichhart, einen Wood. Reichhart wurde photographiert und gefilmt. Zuweilen verschwanden gebrauchte Stricke als Souvenir.

Die anglo-amerikanische Methode des Hängens hält Reichhart nächst seiner eigenen, im dritten Reich als zu »menschlich« abgelehnten Galgenkonstruktion, für die humanste. Der Delinquent muß nur genau in der Mitte der drei Meter hohen Galgenplattform stehen. Die Plattform ist nämlich eine in der Mitte auseinandergehende Falltür, bei der eine der unter Federdruck stehenden Hälften schon zurückschlagen kann, während der Verurteilte noch nicht weit genug gefallen ist. Dann wird der schräg stürzende Delinquent, meist im Gesicht, verletzt.

Als Johann Reichhart 42 Kriegsverbrecher gehängt und die amerikanischen Henker eingearbeitet hatte, wurde er ins Internierungslager gesteckt. Die Entnazifizierungsmaschinerie rollte über ihn weg.

Jetzt kämpft er, 56jährig, um seine Vergütungen, die ihm der bayerische Staat aus dem mit dem Kabinett Högner geschlossenen Anstellungsvertrag als Scharfrichter schuldet. Er hat von 1924 bis 1946 insgesamt dreitausendundzehn Menschen hingerichtet. Johann Reichharts Nerven sind ein wenig herunter.

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