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Tschetschenien Mit den Ratten im Keller

aus DER SPIEGEL 5/1995

Die einzige Glühbirne, die den stickigen Keller in trübes Licht taucht, flackert, verlischt, leuchtet wieder auf. Dann ist es völlig finster, und die Leibwache entzündet rasch zwei Kerzen, die auf dem Tisch bereitstehen.

»Gießt Treibstoff nach«, befiehlt Aslan Maschadow seinen Leuten, die im Nebenraum das Notstromaggregat bedienen. Der Generalstabschef der Tschetschenen in Grosny organisiert nach wie vor den Widerstand seiner Kämpfer in der Stadt, die angeblich unter Kontrolle der Russen steht.

»Sie bringen unsere besten Söhne um und behaupten, wir seien alle Banditen«, stößt Maschadow hervor. »Gestern wollten uns die Russen ein Ultimatum stellen, wir sollten unsere Waffen übergeben. Zum Teufel habe ich sie geschickt, der Krieg geht weiter.«

Am Tag zuvor hatte Maschadow den Präsidentenpalast aufgeben müssen, wo sich sein Stabsquartier befand. Doch er ließ 20 »Smertniki«, freiwillige Todeskandidaten, zurück. Sie wollten weiter ausharren und lieber umkommen, als dem Artilleriefeuer und dem Bombenhagel der Russen zu weichen.

Wenn Maschadow die Wahrheit spricht, haben die Invasoren auch den Präsidentenpalast noch nicht endgültig erobert. Tatsächlich erwies sich das Foto in einer Moskauer Zeitung, das eine russische Trikolore auf der Spitze der Ruine zeigte, als Montage. »Der Präsidentenpalast hat keinerlei strategische Bedeutung«, sagt der tschetschenische Generalstabschef.

Maschadow kennt seinen Gegner. Er hat bis 1992 als Oberst in der Sowjetarmee gedient und eine Division in Litauen befehligt, während sein Staatschef Dschochar Dudajew damals in Estland eine Luftwaffendivision kommandierte und am baltischen Drang zur Unabhängigkeit Gefallen fand. Jetzt stehen die ehemaligen Sowjetoffiziere auf der anderen Seite der Barrikaden.

Die tschetschenischen Verteidiger kontrollieren nach Maschadows Angaben noch immer zwei Drittel der Stadt: »Wir haben mehr Freiwillige, als wir zur Zeit brauchen.«

Einer von ihnen, Ramsan Mitajew, 22, hat seit dem 26. Dezember Grosny nicht mehr verlassen. Mit seinen Kameraden hat er sich einen Kilometer südöstlich des Präsidentenpalastes verschanzt. Von seinem Posten aus starrt er im Schneetreiben auf zerbombte, ausgebrannte Gebäude. Rauchsäulen stehen am Horizont. Die Stadt stirbt.

Im Keller hausen an die hundert Bewaffnete im Schichtwechsel auf Matratzen; mit Daunendecken, die sie im Nachbarhaus requiriert haben, schützen sie sich gegen die durchdringende Kälte. Ihre Kost besteht aus Konserven, Brot und Tee. Den Genuß von Alkohol hat Maschadow streng verboten.

Stolz erzählt Ramsan, daß er einen Tag nach Kriegsbeginn zum erstenmal Vater geworden sei. Seinen Sohn hat er noch nicht gesehen. Die Frau hat sich mit dem Kind zu Verwandten in ein Bergdorf geflüchtet.

Anführer seiner Gruppe ist Schabrail Dochajew, 30, von Beruf Bauarbeiter, ein Nachbar Ramsans aus dessen Heimatstadt Gudermes östlich von Grosny. Heute erwartet Dochajew Nachschub von zu Hause, Proviant und frische Kämpfer. Am verabredeten Treffpunkt paßt er den Bus ab, den der Militärkommandant von Gudermes geschickt hat.

Die jungen Kampfeswilligen laden Brot, Dosen mit Nudeln in Tomatensoße und einen großen Leinensack voll Zigaretten, Streichhölzern und Kerzen aus dem klapprigen Fahrzeug. Dann marschiert die Kolonne durch die zerstörte Stadt zu der vom Stab bestimmten Verteidigungsposition.

Ihr Anführer trägt als einziger einen Stahlhelm. Immer wieder hält er an, mustert mit einem Feldstecher jede Häuserzeile, bevor er den Trupp blockweise weiterlotst. In den ausgebrannten Fensterhöhlen könnten sich russische Scharfschützen verborgen halten. Über Straßen, Plätze und den Bahndamm mit freiem Schußfeld geht es im Laufschritt. Häuserruinen bieten Deckung. Ab und zu grummelt Artillerie.

Die Marschroute, die mehrere Kilometer lang ist, säumen Wachposten der Tschetschenen, Sturmgewehre über den Schneehemden geschultert, Patronengürtel kreuzweise über der Brust. Die meisten kennen sich, begrüßen einander mit Salam und umarmen sich wie Brüder.

Einwohner der Stadt nutzen eine Feuerpause, um sich Nahrung, Wasser und Brennholz zu beschaffen. In einem Hauseingang macht sich ein Mann mit einem Beil zu schaffen. Er hackt Türblätter klein. Andere reißen die Holzverkleidung von Schuppen ab. Dann kochen sie auf Behelfsöfen im Freien ihre Mahlzeit. Gas, Elektrizität und Wasser gibt es in Grosny seit Wochen nicht mehr. Zerschossene Gasleitungen brennen mit meterhohen Flammen ab.

Die letzten Bewohner der Stadt, denen es nicht gelungen ist, in die Berge zu fliehen, sind meist Russen oder Ukrainer. »Wir sitzen mit den Ratten im Keller«, sagt bitter Wassil Tkatschenko, 56. Die Rentnerin Nadeschda Tichonowna, 72, wurde ausgebombt, dann geriet auch der Keller, in dem sie untergekommen war, in Brand. Ein Bombensplitter traf sie an der Hüfte. Nirgends läßt sich Verbandszeug auftreiben. Mit Lappen hat sie das Blut gestillt.

»Wir verteilen jeden Tag Brot an die Menschen in den Kellern«, sagt Dochajew. »Trotzdem hassen sie uns, weil wir weiterkämpfen.« Sie hassen aber auch die Russen, weil sie die eroberten Häuser nach Männern im kampffähigen Alter durchkämmen. Wen sie finden, der ist seines Lebens nicht mehr sicher, auch wenn er unbewaffnet ist.

Dochajew soll mit seinen Leuten den Vorstoß der Russen auf den Süden der Stadt aufhalten. Dort, jenseits des Flusses Sunscha, sind in Kellern und Hausaufgängen Kampfeswillige verschanzt, die keine Tschetschenen sind, aber zu allem entschlossene Feinde der Russen: Freischärler, die aus anderen Ländern der früheren Sowjetunion und deren Kolonien den Tschetschenen zu Hilfe kommen.

Einer von ihnen ist der Ukrainer Saschko, ein drahtiger Mann über 40. Seit Beginn der Gefechte kämpft er mit.

Bis zu 1000 Dollar Sold pro Kampftag, so behauptet der russische Geheimdienst, würden »gedungene« Söldner aus dem Baltikum, aus Afghanistan und der Ukraine erhalten. »Alles gelogen«, erregt sich der Ukrainer. »Ich bin auf eigene Kosten nach Tschetschenien gekommen. Man stellt mir hier Unterkunft und Verpflegung, das ist alles.«

Sein Landsmann Igor, 21, aus Chmelnizki, blond und zwei Meter groß, pflichtet ihm bei. Er hat schon den Bürgerkrieg in Abchasien auf seiten der Georgier mitgemacht. Jetzt ist er dem Stab des tschetschenischen Präsidenten Dudajew für Spezialaufgaben zugeordnet. Auch er erhalte kein Geld für seinen Einsatz, »die Waffen aber, die ich im Kampf erbeute«, erklärt Igor stolz, »die gehören mir«.

Beide Ukrainer sind Mitglieder im rechtsradikalen Bund Ukrainische Nationale Selbstverteidigung (Unso). Das ukrainische Strafgesetzbuch verbietet paramilitärische Formationen, deshalb tarnen sich die Nationalisten in einer Wehrsportgruppe. Sie sind immer dort zur Stelle, wo sie Zugang zu Waffen haben. Die Burschen tummelten sich bereits auf den Kriegsschauplätzen Moldawien und Georgien.

Igor hofft, daß sich der Tschetschenien-Krieg noch lange hinzieht, Krieg ist seit zwei Jahren seine Hauptbeschäftigung. Der Umgang mit Waffen stärkt sein Selbstbewußtsein, die rauhe Männerwelt gibt ihm soziale Wärme. »Die Unso bleibt in Tschetschenien«, verkündet er, »solange die Beziehungen zwischen unseren Führern und Dudajew so gut bleiben.«

Die Verbindung nach Grosny hat Anatolij Lupinis, 57, geknüpft. In Kiew zu Hause, organisiert der graubärtige Ukrainer alle Kampfeinsätze der Unso-Abenteuertouristen außerhalb der ukrainischen Grenzen. Ihn treibt politisches Kalkül, vom Haß auf russischen Imperialismus angefacht. Lupinis hat fast sein halbes Leben in sowjetischen Lagern zugebracht: 23 Jahre.

Zum viertenmal ist er in Grosny. Er rühmt sich bester Beziehungen zur tschetschenischen Führung bis hinauf zu Dudajew. Diesmal lautet sein Auftrag, einen sicheren Korridor zu erkunden, über den sich noch mehr Ukrainer nach Tschetschenien einschleusen lassen.

Der Weg, den Lupinis ausgetüftelt hat, führt über Kiew nach Baku. Emissäre der tschetschenischen Regierung haben in der aserbaidschanischen Hauptstadt einen Anlaufpunkt: Ihr Partner ist eine ultrarechte, offiziell nicht zugelassene Bewegung, die sich nach türkischem Vorbild Graue Wölfe nennt. Lupinis duzt sich mit Aserbaidschans Vizepremier Abbas Abbassow, der heimlich Geld für den tschetschenischen Unabhängigkeitskampf sammelt. Abbassow: »Mein Herz ist in Grosny.«

Sammelpunkt für Freiwillige ist das Hotel »Juschnoje« an der Aserbaidschan-Allee. Dort finden sich tschetschenische Studenten ein, die aus der Türkei zurückkehren und in ihre Heimat, die formal zur Russischen Föderation gehört, nicht einreisen dürfen. Sie werden illegal über die Grenze gebracht, ebenso wie die Kämpfer aus der Ukraine.

Für die Passage an russischen Kontrollposten vorbei sorgen Lesginen, eine weitere kaukasische Völkerschaft, die auf beiden Seiten des Grenzflusses lebt. Sie nutzen die neue Marktlücke und bieten Schlepperdienste an. Für 50 Dollar pro Mann führen sie kleine Gruppen durch das mehrere Kilometer breite Flußtal, umgehen die Grenzposten und leiten auf der russischen Seite die Kriegswilligen weiter in Richtung Tschetschenien. Nur bei Nacht wagen sich Verwegene, die das Kopfgeld sparen möchten, auch ohne Begleitung durch das hüfthohe Wasser.

Nach vier Autostunden ist die Stadt Chassawjurt in der zur Russen-Föderation gehörenden Republik Dagestan erreicht, 25 Kilometer vor der tschetschenischen Grenze. Dort befindet sich der Sitz des Nationalrats der in Dagestan lebenden Tschetschenen. Stadt und Umland von Chassawjurt sind überwiegend von Tschetschenen bewohnt - die Grenze im Kaukasus hatte Stalin einst unabhängig von den Siedlungsgebieten gezogen.

Hier sammeln sich die Flüchtlinge aus Grosny, und von hier aus gelangen die Kriegsfreiwilligen nach Tschetschenien.

Die Erinnerung an Schamil, den Freiheitskrieger wider die russischen Eroberer im vorigen Jahrhundert, ist überall präsent. »Schamil und Dudajew - Helden des Kaukasus«, prangt als Plakat am Eingang der Baracke, die den tschetschenischen Nationalrat von Chassawjurt beherbergt. Die Grosny-Flüchtlinge bekommen eine warme Mahlzeit und den Einweisungsschein für ein Quartier. 170 000 Menschen sind aus Tschetschenien geflohen; die Hälfte wartet in Chassawjurt auf einen Frieden, während die Ukrainer ins Gefecht ziehen.

In einer Baracke harrt Lisa Nassajewa, 61, auf Nachricht von ihrem Mann, der Grosny verteidigt. Seit ihrer Flucht aus der Stadt vor vier Wochen hat sie nichts von ihm gehört.

Sie wartet auf den Sieg. »Wenn wir bei Rußland bleiben müssen«, versichert Nassajewa unbeirrt, »kehre ich nach Grosny nicht zurück. In so einem Tschetschenien will ich nicht leben.« Y

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Tschetschenien: Lage von Grosny

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Martina Helmerich
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