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»Mit der Diktatur verhandelt man nicht«

Chiles linke Untergrundbewegung Mir, Streitobjekt in Bonn *
aus DER SPIEGEL 32/1987

Die »Movimiento de Izquierda Revolucionaria« (Mir), deutsch: Bewegung der revolutionären Linken, entstand im Sommer 1965 aus einem ideologischen Streit in der Sozialistischen Partei Chiles über die Frage, ob der Sozialismus in Chile nur mit revolutionärer Gewalt durchgesetzt werden könne oder wie die Mehrheit der Partei glaubte auch mit Hilfe demokratischer Reformen.

Ein Dutzend Studenten aus der Industriestadt Concepcion, darunter auch die späteren Anführer, die Gebrüder Enriquez, war nicht mehr bereit, die »reformistischen Illusionen« der Sozialisten zu teilen, flogen aus der Partei und gründeten im politischen Untergrund die revolutionäre Bewegung.

Ebenso entschieden wie von den Sozialisten grenzten sich die Dissidenten gegenüber der Moskau-hörigen KP Chiles ab: Ihre erklärten Vorbilder waren die Stadtguerilla in Brasilien, die »Tupamaros« in Uruguay und vor allem die auf Kuba siegreichen Volkshelden Fidel Castro und Che Guevara.

Entsprechend waren auch die Kampfzellen der Mir organisiert: Kleinstgruppen, die in eigener Verantwortung operierten, untereinander stärker durch den gemeinsamen Kampf als durch politische Zielvorstellungen verbunden. Die Zahl der Aktiven - mehr Studenten und Intellektuelle als Arbeiter und Bauern - ist über ein paar hundert nie hinausgekommen, die Zahl der Sympathisanten hingegen war zumindest im frühen Stadium betrachtlich.

Die wichtigsten Aktionsfelder der Mir waren anfangs die Universitäten und das flache Land, wo sie sich vor allem durch illegale Landbesetzungen für die landlosen Bauern und die verarmte indianische Minderheit, die Mapuches, einsetzte.

Als dann im September 1970 wider Erwarten der Sozialist Salvador Allende die Präsidentschaftswahl gewann und als erster demokratisch gewählter Marxist der Welt in Chile die Macht übernahm schlug die Mir ein Angebot Allendes aus, mit in das Regierungsbündnis »Unidad Popular« einzutreten.

Hauptgründe für die Weigerung: Allende gehe nicht hart genug gegen die herrschende Klasse vor. Außerdem sei auch die verhaßte KP an der Volksfront beteiligt. Mir-Anführer Miguel Enriquez berief sich bei seiner starren Haltung auf den rabiaten französischen Revolutionsführer Saint-Just: »Wer die Revolution halb macht, schaufelt sich sein eigenes Grab.«

Gleichwohl holte Allende die Mir aus dem Untergrund. Ihre politischen Häftlinge wurden freigelassen, ihre Organisation legalisiert, die Sprecher der Bewegung bekamen Zugang zu den Rundfunkanstalten und eine eigene Presse.

Wieder kam es zum Richtungskampf: Ein Großteil der Mir-Guerilla wollte an der Seite Allendes politisch wirken und den subversiven Kampf einstellen, ehemalige »Miristas« traten sogar in die Leibwache des Präsidenten ein. Der harte Kern der Guerrilleros aber zog es vor den Volkskrieg im Untergrund fortzusetzen.

Aus dieser Zeit stammt auch der lose Kontakt zur deutschen RAF und zur japanischen Terroristen-Organisation »Rote Armee«. Mit den Deutschen gab es Krach, weil die Chilenen deren volksfernes elitär-konspiratives Revolutionskonzept nicht nachvollziehen wollten mit den Japanern wegen der Forderung, den Kampf gegen die Herrschenden weltweit auszuweiten.

Als drei Jahre später in Chile das Militär putschte, Allende ermordet wurde und Augusto Pinochet die Macht an sich riß, war die revolutionäre Bewegung nur noch ein Torso. Trotzdem wird in der chilenischen Opposition bis heute heftig darüber diskutiert, ob nicht gerade die Gewaltaktionen der Mir während der Allende-Zeit dem Militär den Vorwand zum Eingreifen gaben.

Der Blutzoll, den die Guerilla der Konterrevolution liefern mußte, war beträchtlich: Hunderte von Mir-Verdächtigen wurden liquidiert oder in den Gefängnissen zu Tode gequält, nur wenige Untergetauchte überlebten Pinochets antikommunistischen Staatsterror.

Ein Angebot der Militärjunta, die Gefangenen der Mir auf freien Fuß zu setzen, wenn die Organisation für zwei Jahre den bewaffneten Kampf einstellt, lehnten die Untergrundkämpfer ab: Sie hielten die Offerte für eine Falle.

Wenig später, im Herbst 1974, spürte die Polizei südlich von Santiago das Hauptquartier der Bewegung auf, in einem Feuergefecht wurde Generalsekretär Miguel Enriquez erschossen. Nachfolger des legendären Führers, auf dessen Kopf Pinochet eine Belohnung von 40000 Mark ausgesetzt hatte, ist seither Andres Pascal Allende, ein Neffe des ermordeten Präsidenten.

Aktiver mit Anschlägen auf Kasernen und Polizeistationen, mit Überfällen auf Banken und Geschäfte ist die Bewegung erst wieder seit Anfang der 80er Jahre.

Im August 1983 wurden Generalmajor Carol Urzua, Militärgouverneur von Santiago, und zwei seiner Begleiter auf offener Straße erschossen, angeblich von der Mir. Pascal Allende gab die Parole aus: »Mit der Diktatur verhandelt man nicht, man muß sie zerstören.«

Für dieses Ziel - Verunsicherung der Herrschenden durch Attentate und Überfälle - nahmen Untergrundkämpfer auch den Tod von Polizisten und Wachpersonal in Kauf, Morde, die der chilenische Geheimdienst unbewiesen der Mir anlastet. Auch alle 14 von der Todesstrafe bedrohten Chilenen, um die es beim Bonner Koalitionsstreit geht, werden der Teilnahme an gewalttätigen Aktionen der Mir bezichtigt.

Dem blutigen Weg des radikalen Pascal Allende folgen andererseits keineswegs alle Mir-Leute - schon deshalb sind Pauschalurteile wie das von Straußens Zimmermann, der die Mir-Mitglieder »Mörder« nannte, leichtfertig.

Teile der Bewegung arbeiten inzwischen gewaltlos mit der politischen Opposition zusammen oder unterstützen das vom Erzbistum Santiago eingerichtete Komitee zum Schutz der Menschenrechte.

Zudem hat die revolutionäre Bewegung Konkurrenz bekommen. Neben der Mir sind in Chile noch zwei andere Guerilla-Gruppen aktiv: die »Patriotische Front Manuel Rodriguez« (FPMR) und die »Milicias Rodriguistas«, beide benannt nach einem chilenischen Freiheitskämpfer gegen die spanische Fremdherrschaft Anfang des 19. Jahrhunderts.

Beide Gruppen unterstehen angeblich der verbotenen chilenischen KP. Auch das mißglückte Attentat auf Diktator Pinochet im vergangenen Jahr geht auf ihr Konto - nach Meinung der Mir ein »dilettantisch geplantes Unternehmen«.

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