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»Mit der Macht versöhnt«

Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 15/1991

Auf den SPD-Politiker Rudolf Scharping, Spitzenkandidat für die rheinland-pfälzischen Parlamentswahlen am 21. April, wartet ein harter Tagesablauf. In gut zwei Stunden soll er in Mainz die von Ministerpräsident Carl-Ludwig Wagner angekündigte Regierungserklärung beantworten. Die kennt er noch nicht; er wird sich ihr weitgehend unvorbereitet stellen.

Und überdies, mit Verlaub, gibt es ein kleines Restalkoholproblem. Bis weit nach Mitternacht ist der Wahlkämpfer am Abend zuvor bemüht gewesen, im Weindorf Irsch ein paar Dutzend Moselwinzer zur Sozialdemokratie herüberzuziehen. Da hat er sich nicht nur den Menschen, sondern auch ihren Erzeugnissen ein bißchen zugewandt.

Schlechte Voraussetzungen, aber gerade die richtigen, um einen wie Scharping sein Stehvermögen beweisen zu lassen. Gelitten wird souverän - noch etwas benommen, den Müslitopf zwischen den Schenkeln, düst der Oppositionsführer aus dem heimischen Lahnstein in die Landeshauptstadt. »Aus der Lameng« hält er dort eine Rede, die dem Kabinettschef hektische Flecken ins Gesicht treibt.

Daß der Herausforderer soviel Wirkung erzielt, hat mit der Misere der CDU zu tun. Seit die inmitten der Legislaturperiode ihren Regenten Bernhard Vogel abhalferte, quält Scharping sie mit der Frage, wer denn nun sein Gegner sei. Ist es noch Wagner, den er mitleidig-brutal einen »armen Kerl« nennt, oder nicht schon dessen Fraktionsvorsitzender Hans-Otto Wilhelm, »erprobter Königsmörder«, der sich beizeiten selbst auf den Thron setzen möchte?

Die Genossen jubeln, und im Mainzer Parlament spiegelt sich deutlich jene Stimmung, die als Grundgefühl das Land durchzieht: CDU/FDP-Koalition passe - noch ehe der Wähler entschieden hat, scheint es dem Sozi in den letzten Wochen gelungen zu sein, ihm den Eindruck eines gleichsam unvermeidlichen Machtwechsels zu suggerieren.

Die Zahlen von 1987, als Scharping bei seinem ersten Anlauf nur bescheidene 38,8 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte, sprechen zwar eher gegen eine Wachablösung. Aber das irritiert ihn kaum. Auch die Absicht der Christlich-Liberalen, unbedingt beisammenbleiben zu wollen, hält der Kandidat für »das übliche Manöver«.

Wäre doch gelacht, brüstet er sich, wenn die SPD gegen »diesen Pakt der Steuerbetrüger« nicht zumindest die einfache Mehrheit erringen sollte: »Dann kommt der Partner automatisch.«

Sich selber zum heißen Tip zu erklären ist bei Scharping auch eine Frage des Naturells. Wo immer der 43jährige Politologe aufkreuzt - und sei es in den mickrigsten Hinterzimmern von Gasthöfen -, preßt er seiner Stimme die volltönende Kraft ab, die den künftigen Sieger kennzeichnen soll. »Der schwere schwarze Filz mit den paar blau-gelben Nadelstreifen« habe nun endlich ausgedient, lärmt der Kandidat etwa auf der Binger Burg Klopp - in einer Pose, die ein wenig großspurig wirkt.

Daß der frühere Bundesvorständler der Jungsozialisten seinen politischen Aufstieg häufig gravitätisch zur Schau stellt, mag ihm bewußt sein, weshalb er mitunter gegensteuert. An die Seite des aufgeblähten Riesenstaatsmanns tritt dann, wie zum Beispiel in Irsch, der leutselige Stammtischbruder: »He, jetzt mach mal langsam«, unterbricht er dort einen Diskutanten, »ist ja Wahnsinn, was du da sagst, hier will dich doch niemand vergackeiern . . .«

Die Rolle des Würdenträgers wie die des schnoddrigen Halbstarken - alles nur Attitüde, um die chronische Unsicherheit wegzudrücken? So, und darüber hinaus als einen Vertreter des freudlos verbissenen Ehrgeizes, malen ihn die Christdemokraten am liebsten ab. »Der Schmallippige ist unsere Sache nicht«, hat sich sogar der Kanzler an den Charakterstudien zur Disqualifikation des roten Newcomers beteiligt. Aber Kohl weiß zugleich, wie gefährlich Rudolf Scharping seiner Partei werden kann.

Denn gilt der Genosse mit dem messerscharf ausrasierten Vollbart in der Riege der SPD-Enkel-Generation auch als der blasseste, ist er doch allgemeiner Einschätzung nach der härteste Arbeiter. Allen voran Willy Brandt gefällt die von seinem Mainzer Musterschüler bevorzugte Mischung aus Rackerei und »grenzenlosem Optimismus«. Ehe Björn Engholm ins Gespräch kam, hielt er ihn deshalb für durchaus fähig, die Bonner Baracke zu übernehmen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen die rheinland-pfälzische SPD den gebürtigen Westerwälder als Verlegenheitslösung ansah. Nicht nur deren Wahlauseinandersetzung ist so zu einer Art One-man-Show geworden, auch ansonsten zieht der Kandidat an allen Fäden. »Nach meinem und dem Willen der Sozialdemokraten« heißt in dieser Reihenfolge eine seiner selbstbewußt gebrauchten Standardfloskeln.

Straff führt Scharping, Sohn eines Möbelkaufmanns, der mit seiner neunköpfigen Familie bankrott ging, sowohl die Fraktion als auch den Landesverband. Das sei halt so auf ihn »zugerollt«, sagt er etwas von oben herab. Bester Jusoschule folgend - Organisationsfragen sind Machtfragen -, hat er die verharschten Parteihierarchien Zug um Zug aufgeweicht.

Worunter frühere Kandidaten, zum Beispiel Wilhelm Dröscher, der »gute Mensch von Kirn«, oder der weltläufige Klaus von Dohnanyi litten, scheint für den gegenwärtigen Ober-Sozi keine Schwierigkeit zu sein: Die eifersüchtigen Bezirksfürsten kuschen - »Ich habe denen gesagt, wenn ihr wollt, daß ich Ministerpräsident werden soll, will ich die dafür geeigneten Personalentscheidungen treffen«.

Mag sein, daß er auch deshalb nur wenig Widerspruch herausfordert, weil er sich mit inhaltlichen Aussagen spürbar zurückhält. Endgültig erledigt haben sich die Träume einer aufgewühlten Jungmännerphase, als der Marx-und-Engels-belesene »antikapitalistische Strukturreformer« gegen Staat und Partei anrannte. »Du lieber Himmel . . .!« Da muß er daheim in der Küche denn doch noch mal einen Schluck nehmen, um sich vergnüglich erinnern zu können. War da nicht was? War er da als Juso nicht »zum Beispiel wg. Aufsässigkeit« aus der SPD geflogen?

So ist es gewesen; »ein ziemlicher Scheiß war das damals«, den er nun nur noch beim Namen zu nennen vermag, indem er darüber in triefende Selbstironie verfällt. Wie auch immer: Dem SPD-Spitzenkandidaten anno '91 ist das »alles schnurzpiepegal«. Weder nimmt er Anstoß daran, daß die Linke mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus einen Teil ihrer Orientierung verlor, noch schert ihn sonst ein gedanklicher Überbau.

Anstatt sich mit »solchem Quatsch« zu befassen, schmeichelt sich Scharping, der sich in den Siebzigern als Landtagsnovize den Ruf eines »Genossen Scharfsinn« erwarb, mit einer Reihe wohlfeiler Allerweltsforderungen beim Wahlvolk ein: »Rheinland-Pfalz braucht eine ruhige, kompetente Politik«, eine Stärkung des gewerblichen Mittelstandes, der Winzer - in Rheinland-Pfalz soll »jeder Mensch, der anständig schafft, auch anständig davon leben können«.

Stünde der Freund und Anhänger Lafontaines nicht in Sachen Kernkraft unnachgiebig zum Parteiprogramm ("In Mülheim-Kärlich ist Schluß"), hätte die CDU kaum Anlaß, sich aufzuregen. So kommt es denn nicht von ungefähr, daß Scharping auch in der überwiegend konservativ geprägten Presse ein bemerkenswertes Echo findet. Springers Bild am Sonntag widmet ihm eine rührende Homestory; die schwarze Koblenzer Rhein-Zeitung jammert, der Kandidat sei sträflich »unterschätzt« worden.

Schwer für die Union, gegen einen Sozi zu bestehen, dem sogar der Rheinische Merkur »statt visionärer Sprüche solides kommunalpolitisches Knowhow«, eine »subtile Kenntnis der spezifischen Probleme einzelner Regionen« attestiert. Um seiner Partei ein bißchen zu helfen, nörgelt der Kanzler deshalb an des Oppositionsführers Biographie herum. »Unerträglich« findet es Kohl, einen Mann an der Macht zu sehen, der seine Karriere »auf dem Reißbrett« geplant habe.

Da könnte was dran sein. Auch insoweit hat sich der mögliche rheinlandpfälzische Landesvater von dem ehemaligen einiges abgeguckt. Scharpings Ehrenjobs in der Gewerkschaft (ÖTV) oder beim Roten Kreuz, zugunsten der Arbeiterwohlfahrt oder als Boß eines Fußballvereins sprechen für kalkulierte Zukunftsplanung. Schließlich: Wie der junge Oggersheimer seine Promotion einem politischen Thema widmete, hielt es desgleichen der Lahnsteiner. Dessen Magisterarbeit handelt vom »regionalen Wahlkampf«.

Mit dem einen Bein im Inneren der Partei zu wirken, mit dem anderen außerhalb, nannten die Jusos früher Doppelstrategie - eine Technik, die bei Scharping haftengeblieben ist. Ins arglos Positive gewendet, heißt das, daß die Sozialdemokratie »kein isolierter Klub, keine geschlossene Gesellschaft sein darf«. SPD-intern betrachtet, schwächt das den Einfluß der Funktionäre.

Folglich hat der Kandidat beizeiten einen Wirtschaftsrat gegründet und das Gespräch mit den Kirchen gesucht: »Die Bischöfe«, sagt er, »waren am Anfang ganz verblüfft«, aber nun sieht es so aus, als trüge »der dialogische Ansatz« zur Popularität seines Erfinders bei.

Ausfluß dieser Konzeption der Öffnung ist das Scharpingsche Schattenkabinett. Sollte sich die SPD tatsächlich durchsetzen, werden zwei der wichtigsten Ressorts von »Nicht-Politikern« angeführt.

Für das Finanzministerium steht das Vorstandsmitglied der Deutschen Pfandbrief- und Hypothekenbank AG, Edgar Meister; künftiger Wirtschaftsminister wäre dann der Marketingexperte Jürgen Olschewski.

Insbesondere ihn, der vormals für Nixdorf und Olivetti arbeitete und später als Geschäftsführer des Computerherstellers Nokia Data die Umsätze steigerte, preist der Spitzengenosse als Superclou an. Keine Wahlkampfveranstaltung, auf der er nicht verzückt dessen ökonomischen Sachverstand in den Blickpunkt rückte: »Die CDU redet vom Aufschwung - unser Olschewski produziert Millionengewinne!«

Läßt sich so ein Manager, wenn es denn die Lage erforderte, mit den Grünen zusammenspannen? Rudolf Scharping, der Mann für alle Fälle und Konstellationen, scheint sich sicher zu sein, daß er auch das hinkriegt. Aber lieber sähe er als Bündnispartner natürlich die FDP.

Ist das die erneuerte Sozialdemokratie, von der ihr rheinland-pfälzischer Statthalter häufig nur in unlustig dahingenuschelten Halbsätzen berichtet? Er habe »dem Engholm ein paar Blatt mit Stichworten aufgeschrieben«, sagt er lapidar und wühlt in seinem Mainzer Büro vergebens in den Papierstapeln. »Weiß der Himmel, wo die abgeblieben sind.«

Doch was soll's: Daß es mit »dem Verein« nicht zum Besten steht, hat der Kandidat auch so im Kopf. Sein Groll richtet sich gegen die Großstädte-SPD, allem voran die »Käseglocke Bonn; da stinkt's vor Eitelkeiten«. Die Genossen seien eben »noch immer nicht mit der Macht versöhnt«.

Wie erfolgverheißend läßt sich statt dessen nach Scharpings Beobachtungen die Entwicklung im Hinterland an. Sein Lob, das er sich selbst und einer »weitgehend intakten Dorfpartei« ausspricht, erinnert abermals an Helmut Kohl, der vor Jahren mit der gleichen Entschiedenheit gegen »die Arroganz des Urbanen« zu Felde gezogen war.

Die Parallele ist dem SPD-Vormann »Wurscht, das juckt mich nicht«. Immerhin zog der schwarze Provinz-Primus dann ja doch in die Bundeshauptstadt, während der rote daheim zu bleiben beteuert. Noch. o

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