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»Mit der Mafia ließen wir uns nicht ein«

Mehr als zehn Jahre lang testete Amerikas Geheimdienst CIA die Rauschdroge LSD an ahnungslosen Opfern -- an Universitäten und Krankenhäusern, in Bars und an Badestränden, vor allem aber in eigens eingerichteten »Safehouses«, Bordellen mit Plüsch, durchsichtigen Spiegeln und Mikrophonen in den Steckdosen. In seinem Buch »The Search for the »Manchurian Candidate'"*, dem der folgende Auszug entnommen ist, beschreibt der amerikanische CIA-Experte John Marks die LSD-Experimente, bei denen mindestens eine Testperson starb.
aus DER SPIEGEL 15/1979

Als Amerika 1949 erstmals Bekanntschaft mit dem LSD machte, war die Generation, die es später zum Symbol der Subkultur erhob, noch nicht einmal dem Kindergarten entwachsen.

Amerika verdankt diese Bekanntschaft der Central Intelligence Agency (CIA) und den militärischen Nachrichtendiensten. Dort war der uralte Wunsch wiedererwacht, sich mit Hilfe von Drogen und anderen exotischen Mitteln des menschlichen Hirns zu bemächtigen und Feinde durch Zaubersprüche und Zaubertränke unter Kontrolle zu bringen. Innerhalb der CIA wetteiferten gleich mehrere Abteilungen um die Führungsrolle bei der Hirn-Kontrolle.

Eine dieser Abteilungen war der Technical Services Staff (TSS). Dieser Stab für technische »Dienste« hatte damals offiziell die Aufgabe, in geheimen Tests den Einsatz chemischer und biologischer Kampfmittel zu untersuchen.

Innerhalb des TSS wiederum gab es eine chemische Abteilung, deren genaue Aufgabenstellung sogar im TSS nur wenigen Leuten bekannt war: Einsatz von Chemikalien -- und Bakterien -- gegen Einzelpersonen.

Von 1951 bis 1956, dem Jahr, als das Interesse der CIA am LSD seinen Höhepunkt erreichte, wurde diese Abteilung geleitet von Sidney Gottlieb. der aus der New Yorker Bronx stammte und an der Technischen Universität von Kalifornien zum Doktor der Chemie promoviert hatte. Als er die »Chemical Division« übernahm, war Gottlieb gerade 33 Jahre alt. Gleichwohl gewann er sehr bald die Achtung seiner Kollegen, denn er drückte sich, wie es ein ehemaliger Mitarbeiter formulierte, keineswegs vor »heiklen Aufgaben, die nun einmal erledigt werden mußten«.

* John Marks: »The Search for die Manchurian Candidate«. Timen Books, New York; 242 Seiten; 9,95 Dollar. @ 1979 DER SPIEGEL/New York Times News Service.

Besonders angetan von Gottliebs Qualitäten war ein Mann, der ganz oben im »Direktorium für (Geheim-) Operationen« saß, das besser bekannt ist als »Abteilung für schmutzige Tricks«. Der Name des Gottlieb-Gönners: Richard Helms. In den zwei Jahrzehnten, in denen Helms bis an die Spitze der CIA aufstieg, kletterte Gottlieb automatisch mit nach oben. Er war loyal, befolgte Befehle, und so zog es Helms vor, unter Umgehung der hausinternen Hierarchie, direkt mit Gottlieb zu verkehren.

Am 3. April 1953 schlug Helms dem damaligen CIA-Direktor Allen Dulles vor, unter Leitung von Gottlieb ein Programm für den »geheimen Einsatz biologischer und chemischer Stoffe« aufzubauen.

Die CIA, so argumentierte Helms, könne diese Stoffe in »gegenwärtigen wie künftigen Geheimoperationen« einsetzen. Die so erworbenen Fähigkeiten, fügte Helms hinzu, würden »uns in die Lage versetzen, uns gegen einen Feind zu verteidigen, der im Einsatz dieser Techniken möglicherweise nicht so zurückhaltend ist wie wir«.

Am 13. April 1953 genehmigte Allen Dulles das Programm -.-- im wesentlichen so, wie es von Helms vorgetragen worden war. Dem CIA-Direktor war durchaus bewußt, daß mit dem Projekt »höchst geheime Arbeiten« verbunden waren, und er stimmte zu, es MKULTRA zu nennen.

Er bewilligte einen Anfangs-Etat von 300 000 Dollar, entzog das Programm den Kontrollen, denen die CIA-Finanzen normalerweise unterliegen, und erlaubte dem TSS, seine Forschungsvorhaben »ohne Unterzeichnung der üblichen Verträge« zu beginnen.

In der Anfangsphase des MKULTRA-Projekts verbrachten die etwa sechs hauptamtlichen TSS-Mitarbeiter einen Großteil ihrer Zeit damit, die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten von LSD zu prüfen. »Das Faszinierendste daran war«, so erinnert sich einer der Experten, »daß schon winzige Mengen eine so ungeheure Wirkung hatten. Wir dachten etwa daran, dem Trinkwasser einer Stadt LSD beizumischen und so die Bewohner in einen mehr oder weniger glücklichen Zustand zu versetzen, in dem sie nicht besonders an ihrer eigenen Verteidigung interessiert sein würden.«

Aber die Ausschaltung so vieler Menschen fiel in den Zuständigkeitsbereich des Army Chemical Corps' das ebenfalls LSD erprobte. Die CIA konzentrierte sich auf Einzelpersonen.

Doch sogar für diesen begrenzten Einsatzbereich erhofften sich die Leiter des MKULTRA-Projekts zahllose Einsatzmöglichkeiten. Das LSD erschien als furchterregende Substanz, die -- wie einst die Entdeckung des Feuers -- primitive Reaktionen der Furcht und Verehrung auslöste.

Schon eine Spur von LSD genügte, um die elementarsten Reaktionen auch eines willensstarken Menschen völlig zu verändern; Zeit und Raum, Recht und Unrecht, Ordnung und Vorstellungskraft -- alles nahm ein neues Gesicht an.

LSD war eine beängstigende Waffe. Und die Art, wie die Leiter des MKULTRA-Projekts die ersten Test-Einsätze der Droge vorbereiteten, erforderte eine ganz besondere Tollkühnheit: Sie erprobten das LSD im Selbstversuch. Sie gingen im Büro auf den Trip oder in einem der »Safehouses« -- Apartments, die von der CIA eigens für dieses Projekt eingerichtet worden waren und zuweilen auch an den berühmtesten Universitäten und Krankenhäusern Amerikas, deren LSD-Forschung aus geheimen CIA-Fonds unterstützt wurde.

Stets beobachteten, befragten und analysierten sie einander. Das LSD schien Hemmungen zu beseitigen und werde, so glaubten die Projekt-Experten, ihnen die Möglichkeit geben, herauszufinden, was wirklich, unbeschadet aller äußerlichen Handlungen und Prätentionen, im Hirn eines Menschen vorgeht. Wenn es gelang, an das Innerste des Menschen heranzukommen, dann mußte es ein Leichtes sein, ihn zu manipulieren -- oder vor der Manipulation durch andere zu bewahren.

Die MKULTRA-Leute testeten das LSD Anfang der 50er Jahre -- als Stalin noch lebte und (in Amerika der Senator) Joe McCarthy sein Unwesen (als Kommunisten-Jäger) trieb. Es war eine unheilschwangere Zeit -- und nicht nur für Leute, die von Berufs wegen mit derartigen Giften zu tun haben.

So überrascht es denn auch nicht, daß Sid Gottlieb und seine Kollegen die Droge keineswegs als Mittel zur Steigerung der Kreativität oder zum Erwerb transzendentaler Erfahrungen betrachteten. Ein LSD-Trip machte die Menschen vorübergehend verrückt, und das hieß für die CIA: potentiell verwundbar. Die CIA-Tester schluckten die Droge nicht, um selbst LSD-Erfahrungen zu sammeln, um »high« zu werden oder ihr Bewußtsein zu erweitern. Sie erprobten vielmehr eine Waffe und hätten, so gesehen, genausogut in einem ballistischen Labor arbeiten können.

Sie kamen überein, die Droge ohne Vorwarnung aneinander zu erproben: Die Mitarbeiter durften sie ihnen jederzeit verabreichen. Die heimliche Dosis LSD, von der man nichts wußte, wurde sozusagen zum Berufsrisiko.

Rückblickend erscheint es mehr als grotesk, daß CIA-Beamte -- Männer mithin, die, auf dem Höhepunkt des Heißen und des Kalten Krieges gegen die Kommunisten, verantwortlich waren für die Nachrichtendienste und die Wachsamkeit der Nation -- sich gegenseitig LSD in die Kaffeetassen schmuggelten und sich einer Droge auslieferten, deren Wirkung auf den Menschen noch keineswegs erforscht war. Den Realitätssinn Gottliebs und einiger seiner Vorgesetzten, die verschiedentlich LSD nahmen, schienen diese Trips allerdings nicht zu beeinträchtigen. Gottlieb blieb ein überzeugter Meister des wissenschaftlichen Spionagegeschäfts, der Protegé von Richard Helms im inneren Kreis der CIA.

Nur sechs Monate nachdem Allen Dulles offiziell grünes Licht für das MKULTRA-Projekt gegeben hatte, waren die TSS-Experten bereit, mit der Letzten Phase ihrer Forschung zu beginnen: der systematischen Erprobung von LSD an »Außenstehenden«, die keine Ahnung hatten, daß ihnen eine Dosis der Droge verabreicht werden würde. An einem ganz normalen Tag würden diese Opfer plötzlich das Gefühl haben, ohne ersichtlichen Grund den Boden unter den Füßen zu verlieren. Niemand hatte eine klare Vorstellung, wie sie reagieren würden.

Im November 1953 beschloß Sid Gottlieb, das LSD an einer Gruppe von Armee-Wissenschaftlern in Fort Detrick im Bundesstaat Maryland auszuprobieren. Über eine gleich zweimal erlassene Anordnung, wonach LSD nur mit besonderer Genehmigung benutzt werden durfte, setzte er sich kurzerhand hinweg und mischte den Wissenschaftlern eine Prise LSD in ihren Verdauungsdrink nach dem Abendessen.

Für eines der Opfer, Frank Olson, endete der unfreiwillige Trip in geistiger Umnachtung. Er stürzte sich, einige Tage nach dem Experiment, aus einem Hotelfenster in den Tod.

Seine Familie erfuhr von dem LSD und der Beteiligung der CIA erst 1975 -- aus einem Zeitungsbericht über den Report der Rockefeller-Kommission. Diese (von Präsident Ford zur Untersuchung illegaler CIA-Aktivitäten eingesetzte) Kommission hatte auch den Fall Olson aufgegriffen. Zum Zeitpunkt seines Todes war Olsons Frau lediglich gesagt worden, ihr Mann sei aus dem Fenster »gesprungen oder gefallen«. Tatsächlich jedoch vertrat die CIA offiziell -- wenngleich nie veröffentlicht -- die Ansicht, Olsons Selbstmord sei durch das LSD »ausgelöst« worden.

Der Tod Frank Olsons hätte für das LSD-Testprogramm der CIA leicht einen schweren Rückschlag bedeuten können, blieb aber de facto ohne nennenswerte Folgen -- auch für die Karriere Sid Gottliebs. Zwar wurden die Versuche zeitweilig gestoppt, solange hohe CIA-Beamte den Fall Olson untersuchten und das gesamte Programm zur Debatte stellten. Am Ende jedoch setzte sich Richard Helms mit seinem Standpunkt durch: Es gebe nur einen einzigen »operativ realistischen« Weg, Drogen zu testen, und das sei eben an ahnungslosen Menschen.

Experimente mit Vorwarnung, erklärte Helms, wären »bestenfalls Scheinexperimente und würden einen falschen Eindruck hinsichtlich des Fortschritts und der Einsatzbereitschaft wecken«. Für Allen Dulles und seine engsten Mitarbeiter überwog die mögliche Bedeutung des LSD eindeutig die damit verbundenen Gefahren und die Zweifel, ob es moralisch vertretbar sei, unfreiwillige Testpersonen der Droge auszusetzen.

Nachdem die CIA-Spitze die grundsätzliche Entscheidung getroffen hatte, die Experimente an ahnungslosen Testpersonen fortzusetzen, blieb nach den Worten von Richard Helms »nur noch die Frage, wie man es am besten macht«. Da die Rolle der CIA in der Olson-Affäre um ein Haar bekanntgeworden wäre, mußten sich die TSS-Experten ein besser getarntes Test-System einfallen lassen. Und das hieß vor allem: Sie mußten Testpersonen finden, die nicht so leicht mit der CIA in Verbindung gebracht werden konnten.

Gottlieb fand des Rätsels Lösung, als er in alten Akten Berichte über die Suche des amerikanischen Weltkrieg-II-Spionagedienstes OSS (Office of Strategic Services) nach einem Wahrheitsserum entdeckte. Das OSS, las Gottlieb' hatte einen George White, der vor dem Krieg bei der US-Rauschgiftbehörde beschäftigt gewesen war, mit der Erprobung konzentrierten Marihuanas betraut.

White hatte die Droge nicht nur an des Kommunismus verdächtigen Freiwilligen sowie an ahnungslosen Leuten ausprobiert, sondern sie heimlich auch August Del Gracio verabreicht, einem Vertrauten des Mafia-Bosses Lucky Luciano. White selbst hatte das Experiment als großen Erfolg bezeichnet.

Typen aus der Unterwelt -- das schienen Gottlieb ideale Testpersonen. Allerdings: »Mit der Mafia«, so ein TSS-Mann, »wollten wir uns nicht einlassen.« Statt dessen wählten sie die »Randgruppen der Unterwelt« -- Prostituierte, Rauschgiftsüchtige und kleine Ganoven, die sich nur schwer würden rächen können, wenn sie jemals erführen, was die CIA mit ihnen angestellt hatte; diese Leute würden nichts an die große Glocke hängen.

Sie lebten überdies in einer Welt, in der eine unfreiwillige Dosis Rauschgift, etwa als K.-o. -Tropfen, ohnehin zum Berufsrisiko gehört. Sie waren daher eher in der Lage, mit einem unvermuteten LSD-Trip fertigzuwerden -- und sich davon zu erholen -, als die breite Masse der Bevölkerung. »Sie konnten sich wenigstens sagen: »Da haben sie mir wieder was untergejubelt"', erklärt ein früherer TSS-Beamter. Außerdem seien seine einstigen Kollegen der Meinung gewesen, wenn sie schon die Bürgerrechte eines Menschen verletzen müßten, dann sollten sie lieber dubiose Existenzen auswählen.

George White war nach dem Kriege wieder in die Rauschgiftbehörde zurückgekehrt, in deren New Yorker Büro er 1952 arbeitete. Seine Position als ranghoher Rauschgift-Fahnder lieferte ihm einen perfekten Vorwand, sich mit Drogen und mit den Menschen zu befassen, die sie benutzten.

Sein Talent für geheime Aktivitäten hatte er schon bewiesen, und er hatte mit Sicherheit keine Skrupel, wenn es darum ging, Drogen an ahnungslosen Testpersonen zu erproben. Durch seine Stellung hatte er Zugang zu allen Personen, die möglicherweise von der CIA benötigt würden. Wenn er mit Hilfe von LSD oder anderen Drogen mehr über den Rauschgifthandel herausfinden konnte, um so besser. Und was schließlich das Sicherheitsrisiko betraf, so konnte die CIA leicht jede Verbindung zu White leugnen, und White selbst war zweifellos kein zimperlicher Typ. Für Sid Gottlieb war George White denn auch eindeutig der richtige Mann.

Gottlieb reiste nach New York und machte dem untersetzten Rauschgift-Fahnder (1,70 groß und über 180 Pfund schwer), der mit seinem kahlgeschorenen Kopf eher einer bedrohlichen Bowling-Kugel glich, sein Angebot. Nach einem Gespräch am frühen Morgen des 9. Juni 1952 kritzelte White in sein schweißbeflecktes, ledergebundenes Tagebuch: »Gottlieb schlägt vor, ich soll CIA-Berater werden -- ich nehme an.«

Allein dadurch, daß er so etwas niederschrieb und Gottliebs richtigen Namen benutzte, verstieß White bereits gegen die Sicherheitsvorschriften der CIA, noch bevor er seine Tätigkeit aufgenommen hatte. Aber schließlich war er nie dafür bekannt gewesen, Vorschriften zu befolgen.

George White, ein starker Trinker, leerte mitunter eine Flasche Gin auf einmal. Bei Cocktail-Partys machte er sich oft über die CIA-Horde lustig. Er war ebenso beliebt wie verhaßt, und er lebte mit extremen persönlichen Widersprüchen: Als Beamter der Strafverfolgung hatte er dem Gesetz Geltung zu verschaffen, zugleich aber verstieß er selbst regelmäßig gegen die Gesetze.

Die CIA wandte sich denn auch an ihn wegen seiner Bereitschaft, sich kraft seines Amtes rücksichtslos über die Rechte anderer hinwegzusetzen -- im Namen der »nationalen Sicherheit«, wenn er LSD für die CIA erprobte, im Namen der Ausrottung des Drogenmißbrauchs, wenn er für die Rauschgiftbehörde arbeitete. Er war davon überzeugt, daß der Zweck die Mittel heilige.

George Whites pragmatisches Vorgehen entsprach genau den Anforderungen Sid Gottliebs bei den Drogen-Tests. Im CIA-Jargon firmierte White als MKULTRA-Unterprojekt Nummer 3. Im Rahmen dieses Programms mietete er in (dem New Yorker Künstlerviertel) Greenwich Village zwei aneinandergrenzende Wohnungen, wobei er sich als ein ehemaliger Künstler und Seemann namens Morgan Hall ausgab.

White erklärte sich bereit, Versuchspersonen in diese »Safehouses« zu locken, sie heimlich unter Drogen zu setzen und Gottlieb und dem TSS über die Ergebnisse zu berichten.

Als Gegenleistung erlaubte die CIA der Rauschgiftbehörde, die Wohnungen, sofern sie nicht gerade von der CIA benötigt wurden, für geheime Aktionen -- und oft auch für persönliche Vergnügungen -- zu benutzen. Sämtliche Kosten trug die CIA, auch die -- sehr wesentlich für White -- für eine gut bestückte Bar. Gottlieb überreichte White die ersten 4000 Dollar persönlich, als Anzahlung für die von White geplante luxuriöse Ausstattung im »Safehouse«.

Gottlieb war keineswegs nur an der Drogen-Erprobung interessiert. Er und andere TSS-Leute wollten zugleich auch neue Überwachungs-Techniken testen. CIA-Techniker installierten deshalb schnell durchsichtige Spiegel und Mikrophone, so daß alles, was in der einen Wohnung passierte, von der Nebenwohnung aus gefilmt, photographiert und auf Band genommen werden konnte.

»Mit Abhörgeräten und durchsichtigen Spiegeln geht immer wieder mal etwas schief«, erklärt ein TSS-Mann. »Wichtig ist, zu wissen, was funktioniert und was nicht. Wenn man jemanden in die Falle locken will, muß man auch Tonbandaufnahmen sowie Bilder präsentieren können, die den Knaben in flagranti zeigen. Wenn man erst weiß, wie man es anstellen muß, damit es komfortabel, gemütlich und unverfänglich wirkt, kann man diese Technik auch im Ausland einsetzen.« Die in der »Operation Safehouse« des George White entwickelten Techniken, so der TSS-Mann, hielten dann auch in der Folge Einzug in die Schlafzimmer Europas.

In den ersten Monaten der Aktion testete White LSD, verschiedene K.-0.-Tropfen und, wie in alten OSS-Tagen, konzentriertes Marihuana. Er mischte die Drogen ins Essen, in Getränke und Zigaretten und versuchte dann, seinen »Gästen« Informationen -- meist zum Thema Rauschgiftschmuggel -- aus der Nase zu ziehen. Gelegentlich reisten aus Washington MKULTRA-Leute zur Beobachtung an.

Anfang 1955 wurde White zum Chef-Fahnder der Rauschgiftbehörde in San Francisco befördert. Gottlieb, der mit Whites Leistungen sehr zufrieden war, entschied, er solle die gesamte Aktion »Safehouse« mit an die Westküste nehmen. So mietete White auf dem Telegraph Hill eine passende »Bude«, wie er es immer nannte, mit traumhaftem Blick auf die Bucht von San Francisco, die Golden Gate Bridge und (die Gefängnis-Insel) Alcatraz. Das aus New York mitgebrachte Mobiliar ergänzte er derart, daß die »Bude« schließlich, durchaus ihrer Bestimmung entsprechend, einem Bordell glich. So kaufte White Toulouse-Lautrec-Poster, das Bild einer französischen Can-Can-Tänzerin und Photos von Frauen in Handschellen und schwarzen Strümpfen.

Zum Abhören wurden vier Mikrophone installiert, getarnt als Wandsteckdosen. Sie waren mit zwei Tonbandgeräten verbunden, die von Agenten nebenan überwacht wurden. Für sich selbst ließ White einen privaten »Anstand« einbauen: eine tragbare Toilette, die hinter einem durchsichtigen Spiegel stand. Auf der saß er dann, meist mit einem Glas in der Hand, und beobachtete das Geschehen.

Das »Safehouse« in San Francisco war auf Prostituierte spezialisiert. Eigentlich hatte George White dafür zu sorgen, daß immer genügend Frauen da waren; aber er delegierte einen großen Teil dieser Zuhälter-Aufgaben an einen seiner Assistenten, Ira ("Ike") Feldman.

Feldman, ein sehr kleiner, muskulöser Mann, bemühte sich noch intensiver als sein Boß, als harter Mann aufzutreten. Er trug gewöhnlich Wildlederschuhe, ausgestellte Hosen, einen Hut mit hochgeklappter Krempe und einen riesigen Zirkon-Ring. Ursprunglieb war Feldman als Geheimagent nach San Francisco gekommen, mit dem Auftrag, sich als Gangster von der Ostküste auszugeben, der einen großen Heroin-Kauf tätigen wollte.

Mit Hilfe einer rauschgiftsüchtigen Prostituierten namens Janet Jones, die Feldman nach Aussagen ihres Ehemanns mit Heroin entlohnte, lockte der Geheimagent eine Reihe von verdächtigen Dealern in das »Safehouse«, wo George White sie dann mit Feldmans Hilfe verhaftete.

Als örtlicher Chef der US-Rauschgiftbehörde hatte es White in der Hand, eine Prostituierte zu belohnen oder zu bestrafen. White bezahlte die Frauen für ihre Dienste mit einer genau festgelegten Zahl von »Gutscheinen«. Für jeden »Gutschein« schuldete er ihnen einen Gefallen. »Wenn das Mädchen das nächste Mal mit einem Freier festgenommen wurde«, sagt ein MKULTRA-Veteran, »gab es dem Polizisten Whites Telephonnummer. Die Beamten kannten White und arbeiteten mit ihm zusammen, ohne Fragen zu stellen. Und wenn er wollte, ließen sie das Mädchen wieder frei.«

Die Männer vom TSS wollten soviel wie möglich über die Anwendung von Sex in der Spionage herausfinden. So wurde aus dem Prostituierten-Projekt zunächst ein allgemeines Lern- und dann ein Ausbildungszentrum für lustbetonte CIA-Aktivitäten »Wir haben Prostituierte und ihre Verhaltensweisen grundsätzlich studiert«, erzählt ein TSS-Mann. »Zunächst wußte keiner so recht, wie man sie einsetzen sollte. Wie sollte man sie ausbilden, wie mit ihnen arbeiten? Wie bringt man einer Frau, die bereit ist, ihren Körper für Geld zu verkaufen, bei, daß es auch noch wichtigere Dinge gibt, Staatsgeheimnisse zum Beispiel?«

Die TSS-Leute versuchten laufend, ihre Kenntnisse zu vertiefen. Bald schon erkannten sie, daß sie ihre eigentlichen Ziele am besten »bei der Zigarette danach« erreichen konnten. »Die meisten Männer, die zu einer Prostituierten gehen«, erklärt ein Eingeweihter, rechnen damit, daß die Frau anschließend gleich wieder auf die Straße will, um mehr Geld zu verdienen. Wenn sie plötzlich an eine Prostituierte geraten, die bereit ist, noch ein wenig zu bleiben, wirkt das wie ein Schock; es macht auf den Mann einen ungeheuren Eindruck. Es schmeichelt seinem Ego, wenn sie ihm sagt, sie könne noch ein paar Stunden bleiben. Meistens ist er dann ziemlich hilflos. Worüber soll er reden'? Nicht über Sex. Also fängt er an, von seiner Arbeit zu reden. Und hier kann sie ihn dann sanft führen. Aber dazu muß man Prostituierte erst einmal ausbilden.«

Die MKULTRA-Leute lernten eine Menge über verschiedene sexuelle Präferenzen. »Damals wußten wir noch nichts über verborgenen Sadismus und dergleichen«, sagt einer der Projekt-Mitarbeiter. »Wir haben viel menschliche Natur im Schlafzimmer gelernt. Wir sammelten Erkenntnisse, die sich für unsere Einsätze als nützlich erweisen konnten. Doch den Großteil unserer Erkenntnisse konnten wir nie operativ einsetzen. Jetzt erst wird klar, daß wir bloß herumspielten und all diese vom Steuerzahler finanzierten exotischen Möglichkeiten lediglich der Befriedigung unserer verborgenen Triebe dienten. Ich will nicht behaupten, daß das Beobachten von Prostituierten nicht aufregend war, doch eigentlich hatte das ganze Programm ja einen bestimmten Zweck.«

Zur selben Zeit, als sie ihren Erfahrungsschatz über die Prostituierten von San Francisco erweiterten, versuchten die TSS-Leute auch außerhalb des »Safehouse«, in Restaurants, Bars und an Badestränden, auf mannigfache Art LSD unters Volk zu bringen. Zum Beispiel schoben sie Figuren aus der Halbwelt LSD unter, während sie ihnen einen Drink kauften oder Feuer für eine Zigarette gaben. Anschließend bemühten sie sich herauszufinden, ob sich Wirkungen der Droge zeigten. Da sich die MKULTRA-Wissenschaftler aber nicht völlig ungezwungen und unauffällig in diesem Personenkreis bewegen konnten, verloren sie gelegentlich ein ahnungsloses Opfer in der Menge: Ein mit LSD vollgepumpter Mensch war auf sich selbst angewiesen.

Im »Safehouse«, wo die meisten Experimente stattfanden, waren Ärzte selten anwesend. Dr. James Hamilton, Psychiater der Stanford Medical School und früherer OSS-Kollege von White, besuchte das Haus zwar von Zeit zu Zeit, aus wissenschaftlichem Interesse sozusagen an den Drogen-Experimenten und ungewöhnlichen sexuellen Praktiken. Doch weder Hamilton noch andere Ärzte garantierten eine medizinische Überwachung der Experimente. George White andererseits konnte seine Drogenopfer von seinem verborgenen Beobachtungsposten auf der Toilette auch nur oberflächlich beobachten -,--- sogar ein geschulter medizinischer Fachmann hätte auf diese Art kaum eine Überdosis feststellen können.

Außer dem LSD, um dessen schwere, wenn nicht tödliche Wirkung sie wußten, ließen die TSS-Beamten White sogar noch exotischere Drogen erproben, Drogen, von denen niemand sagen kann, ob sie nicht möglicherweise bereits von anderen CIA-Beauftragten im Menschenversuch erprobt worden sind. »Wenn wir uns vor einer Droge so sehr fürchteten, daß wir sie an uns selbst nicht ausprobieren wollten«, erinnert sich ein früherer TSS-Mann, »schickten wir sie nach San Francisco.«

In einem CIA-Dokument heißt es denn auch: »In mehreren Fällen waren die Testpersonen stunden- oder tagelang krank und mußten in zumindest einem Fall ins Krankenhaus eingeliefert werden. (White) konnte den Fällen nur durch behutsame Fragen auf der Spur bleiben, nachdem die Testpersonen ins normale Leben zurückgekehrt waren.«

In zunehmendem Maße benutzten die TSS-Mitarbeiter das »Safehouse"' um -- nach den Worten desselben Berichts -- Drogen »an Menschen aller sozialen Schichten, hohen und niedrigen, an gebürtigen Amerikanern und an Ausländern« zu erproben. Schließlich waren sie an einem Erfolg ihres Programms interessiert und wußten, daß die Menschen aufgrund verschiedener Faktoren, von Gesundheit und Stimmung bis hin zur Persönlichkeitsstruktur, auf LSD unterschiedlich reagierten.

Wenn die TSS-Leute etwa ausländische Staatsmänner heimlich unter LSD setzen wollten -- wie sie es bei Fidel Castro planten -, versuchten sie es zunächst mit einer dem geplanten Opfer möglichst ähnlichen, ahnungslosen Testperson. So wurde das »Safehouse« zu einer Art Test-Station für »Probeläufe« im Zwischen-Stadium von Labor und tatsächlichem Einsatz.

Für diese Generalproben lockten George White und Ike Feldman Männer mit Hilfe von Prostituierten in die Wohnung. Die nichtsahnenden Freier glaubten, sie hätten eine vergnügliche Nacht vor sich, doch am Ende waren sie vollgepumpt mit Drogen.

Die TSS-Beamten hielten das »Safehouse« in San Francisco für so erfolgreich, daß sie zwei weitere Test-Zentren eröffneten -- eines in New York und das andere, unter der Schirmherrschaft von George White, auf der anderen Seite der Golden Gate Bridge am Strand von Mann County.

Anders als das Stadt-Apartment, in das man, so ein MKULTRA-Mitarbeiter, »Leute für einen Quicky nach dem Mittagessen bringen konnte«, erwies sich die Filiale draußen in Mann County als nützlich für Experimente, die eine gewisse Abgeschiedenheit erforderten.

Dort testeten die TSS-Wissenschaftler MKULTRA-Spezialitäten wie Stinkbomben, Juck- und Niespulver und Mittel zum Auslösen von Durchfall. White erhielt diese von dem TSS-Mitarbeiter Ray Treichler, einem Chemiker der Stanford University -- desgleichen »Träger-Systeme« wie ein mechanisches Abschußgerät, das Stinkbomben fast 100 Meter weit schleudern konnte, Glasampullen, die beim Einsatz in einer Menschenmenge jedes beliebige Treichler-Pülverchen unter die Leute brachten, Spritzen, mit denen man Drogen durch den Korken in eine Weinflasche injizieren konnte, und ein mit Drogen präparierter Cocktail-Quirl.

Die TSS-Leute planten, das Mann-County-»Safehouse« auch für ein -- dann allerdings erfolgloses -- Experiment zu benutzen, zu dessen Vorbereitung die TSS-Psychologen David Rhodes und Walter Pasternak eine Woche lang Bars besuchten und Fremde zu einer Party einluden: Sie wollten aus einer Spraydose LSD auf die Gäste sprühen.

Aber »das Wetter«, so sagte Rhodes vor dem Senat aus, »machte uns einen Strich durch die Rechnung«. Wegen der sommerlichen Hitze konnten sie Türen und Fenster nicht so lange geschlossen halten, daß das LSD hängenblieb und eingeatmet wurde. Als er merkte, daß die Aktion schiefzugehen drohte, schloß sich MKULTRA-Kollege John Gittinger, der die Droge aus Washington mitgebracht hatte, im Badezimmer ein und ließ dort seinen Spray ausströmen. High jedoch, so sagte Rhodes aus, sei Gittinger nicht geworden. Die Party wurde abgeblasen.

Das MKULTRA-Team setzte seine Versuche an ahnungslosen Testpersonen fort, bis im Sommer 1963 der neue Generalinspekteur, John Earman, während einer routinemäßigen Inspektion der TSS-Aktivitäten auf die »Safehouses« stieß.

Sehr zum Verdruß von Sid Gottlieb und Richard Helms stellte Earman die Zweckmäßigkeit dieser Einrichtungen in Frage und bestand darauf, den damaligen CIA-Direktor, John McCone, ausführlich zu informieren. Obwohl McCone schon ein Jahr zuvor von Präsident Kennedy mit der Leitung der CIA betraut worden war, hatte der ausgekochte Profi Helms es nicht für nötig gehalten, seinem Chef, der nicht aus den Reihen der CIA kam, über einige der heikelsten Aktivitäten, darunter auch die »Safehouses«, zu unterrichten.

Angesichts der Forderungen Earmans erklärte Helms sich bereit, McCone selbst über die »Safehouses« zu informieren -- statt es Earman zu überlassen, der mit Sicherheit eine negative Beurteilung des Programms abgegeben hätte. Es versteht sich, daß McCone -- so Helms hinterher, zu Earman -- keine Einwände gegen die Experimente mit ahnungslosen Testpersonen (wie Helms sie dargestellt hatte) erhob.

Earman konterte mit einem schriftlichen Bericht an McCone, in dem er die Schließung der »Safehouses« empfahl. Er verwies auf eine mögliche Aufdeckung der Drogen-Experimente und erklärte, viele Leute inner- und außerhalb der CIA fänden »das Konzept der Manipulation menschlichen Verhaltens ... abscheulich und unmoralisch«.

McCone setzte die Experimente daraufhin aus, vertagte aber eine endgültige Entscheidung. Im Laufe des folgenden Jahres drängte Helms, der damals die »Abteilung für schmutzige Tricks« leitete, mindestens dreimal schriftlich auf eine Wiederaufnahme der Experimente. Er verwies auf »Anzeichen ... einer sowjetischen Aggressivität auf dem Gebiet heimlich verabreichter Chemikalien« und behauptete, »die operative Fähigkeit der CIA zum Einsatz von Drogen geht angesichts des Mangels an realistischen Experimenten zurück«.

Helms verstand es meisterhaft, verschiedenen Leuten verschiedene Geschichten zu erzählen, um seine Ziele zu erreichen. Zur selben Zeit, als er die sowjetische Bedrohung beschwor, um McCone in Panik zu versetzen und die Wiederaufnahme der Experimente zu bewirken, schrieb er der Warren-Kommission (die den Mord an Präsident Kennedy untersuchte), die Sowjets lägen auf dem Gebiet der Verhaltensforschung um fünf Jahre hinter dem Westen zurück.

McCone unternahm zwei Jahre lang nichts. Dennoch setzte seine Unentschlossenheit schließlich dem Programm ein Ende. 1965 schlossen die TSS-Beamten das »Safehouse« in San Francisco.

In zehnjährigen Experimenten mit ahnungslosen Testpersonen erzielten die MKULTRA-Leute offenbar keinen entscheidenden Durchbruch mit LSD. Es gelang ihnen nicht, der CIA die Kontrolle über den menschlichen Geist zu verschaffen.

Jahre später schrieb George White in einem persönlichen Brief an Sid Gottlieb einen Nachruf auf seine Rolle in diesem Programm: » Ich war ein höchst unbedeutender Missionar, ein Ketzer praktisch. Aber ich habe aus ganzem Herzen in den Weinbergen geackert, weil es Spaß, Spaß und nochmals Spaß machte. Mit dem Segen des Allerhöchsten lügen, töten, betrügen, stehlen, vergewaltigen und plündern -- wo sonst hätte ein echter Amerikaner das tun können?«

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