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ITALIEN / MATTEI Mit Duce-Virus

aus DER SPIEGEL 45/1962

Dreimal hatten die Gegner seinen Tod beschlossen, dreimal konnte er der Exekution mit knapper Mühe entgehen.

Das erste Todesurteil stammte von einem Kriegsgericht der deutschen Italien-Armee, deren Partisanenjäger im Frühjahr 1945 den katholischen Widerständler Enrico Mattei (SPIEGEL 32/ 1958) festgenommen hatten. Doch noch ehe sich die Deutschen schlüssig werden konnten, ob der Todeskandidat mit dem langgesuchten Partisanenchef Marconi identisch sei - er war es -, hatte der Delinquent das Weite gesucht.

Auch das zweite Todesurteil gegen Mattei trug die Unterschrift deutscher Kriegsrichter. Sie mußten ebenfalls vergeblich auf die Vollzugsmeldung des Hinrichtungskommandos warten - wenige Stunden vor der Exekution war es dem Partisanen abermals gelungen zu fliehen.

Ebenso erfolglos gingen die Henker der französischen Terrororganisation OAS zu Werke, die Mattei im Herbst vergangenen Jahres ein Todesurteil ins Haus schickten, weil er gewagt hatte, mit den algerischen Nationalisten über Öllieferungen zu verhandeln. Ein halbes Jahr später schmuggelten Mattei -Gegner einen Schraubenschlüssel in ein Antriebsaggregat seiner Düsenmaschine und befestigten ihn mit Heftpflaster nur die pedantischen Kontrollen der Piloten verhinderten ein Unglück.

Am vorvergangenen Wochenende aber ereilte ihn sein Schicksal: Enrico Mattei, 56 Jahre alt, Erdgas- und Ölkönig von Italien, Mitbegründer des italienischen Wirtschaftswunders und erfolgreichster internationaler Preisbrecher, stürzte mit seinem Privatflugzeug in der Nähe von Mailand ab.

Der »mächtigste Italiener seit der Zeit des Kaisers Augustus« ("New York Times") starb auf so ungeklärte Weise, daß sich in Italien das Gerücht verbreitete, Ölboß Mattei sei nun doch einem Anschlag seiner zahlreichen Feinde zum Opfer gefallen. Das italienische Verteidigungsministerium sandte eine Untersuchungskommission an die Absturzstelle.

In der Tat mußte die Katastrophe manchen Argwohn wecken: Am Unglücks-Sonnabend hatte Mattei-Pilot Irnerio Bertuzzi mit seiner Maschine vom Typ »Morane Saulnier 760« auf dem Rückflug von Sizilien den Flughafen von Mailand angesteuert. Da zwang ihn ein Blick auf sein Armaturenbrett, den Kontrollturm des Flughafens vorzeitig anzusprechen, weil ihm der Treibstoff auszugeben drohte.

Um 18.55 Uhr bat Pilot Bertuzzi den Flughafen, ihm sofort eine Landung zu erlauben. Doch noch ehe der Kontrollturm von Mailand antworten konnte, war die Funkverbindung abgerissen. 25 Minuten später hatte Mailand Gewißheit. Matteis Maschine war über einem Reisfeld abgestürzt.

Die ersten Untersuchungen ergaben, daß keineswegs Treibstoffmangel den Absturz bewirkt haben konnte. Laut ertönte nun in ganz Italien der Ruf nach einer gründlichen Untersuchung.

Wie auch immer das Urteil der Experten lauten mag - schon jetzt ist offenkundig, daß die Flugkatastrophe von Mailand Enrico Mattei in jenen Bereich populärer Legenden Eingang verschafft hat, in dem der 1961 über Rhodesien abgestürzte Uno-Generalsekretär Dag Hammarskjöld ebenso residiert wie der 1932 durch Selbstmord geendete schwedische Zündholz-König Ivar Kreuger.

Enrico Mattei, der trotz seiner 14 Privatflugzeuge bescheiden blieb, Aufwandsentschädigungen zurückwies und nur drei Zimmer im römischen Hotel »Eden« bewohnte, war aus dem Holz geschnitzt, aus dem die Figuren moderner Wirtschaftsgeschichte gefertigt sind: Sohn eines Carabinieri-Wachtmeisters, 1906 in dem Abruzzendorf Matelica geboren, im Haß gegen die Herrenschicht der »Mangioni« (Fresser) aufgewachsen, hatte sich Mattei zunächst vom Bettstellen-Anstreicher bis zum Vertreter einer deutschen Maschinenfabrik emporgearbeitet. Der Handlungsreisende Mattei wäre freilich unbekannt geblieben, hätte nicht der Zweite Weltkrieg seinen Alltag unterbrochen.

Der faschistische Sturmtruppler Mattei wandelte sich zum linkskatholischen Partisanengeneral, kämpfte an der Spitze der »Divisionen Gottes« und galt schließlich als so prominent, daß ihn seine Freunde im »Nationalen Befreiungskomitee« die Chance seines Lebens boten: Kommissar Mattei sollte die staatliche Brennstoffgesellschaft »Agip« liquidieren, die Mussolini gegründet hatte, um den Boden Italiens nach Erdöl zu durchforschen.

Indes, Mattei sabotierte den Liquidationsbefehl des Komitees. Er ließ die Agip-Geologen heimlich weiterforschen, fand statt des erwünschten Öls das ebenso dringend benötigte Erdgas, schuf in der Po-Ebene durch riesige Pipelines das drittgrößte Erdgasnetz der Welt und erschloß damit Italien eine wichtige Energiequelle.

Von Stunde an war Staatswirtschaftler Mattei davon überzeugt, es sei seine historische Mission, die Energiebasis des kohlearmen Italien zu vergrößern. Er ließ sich zum Präsidenten des staatlichen Energie- und Brennstoff-Trustes »Ente Nazionale Idrocarburi« (ENI) küren und errichtete in kurzer Zeit das (neben Fiat) größte Wirtschaftsimperium Italiens, das dem Lande eine weitere Energiequelle erschließen sollte: Erdöl.

Er suchte zunächst im eigenen Lande nach Petroleum und verdrängte die Ölschnüffler amerikanischer Firmen. Als sich aber der italienische Boden als nicht fündig genug erwies, drang Matteis »ENI« in Ölreservate des Nahen Ostens ein und scheuchte die »sieben Schwestern« - die sieben marktbeherrschenden Ölgesellschaften Amerikas, Englands und Hollands - vom westöstlichen Diwan auf.

Mochte auch Italiens christdemokratischer Parteipatriarch Don Luigi Sturzo warnen: »Mattei hat den Duce -Virus, er glaubt, wie Mussolini, unfehlbar zu sein« - der italienische Ölzar vollbrachte, was noch niemand gewagt hatte: Er unterbot die Ölkonkurrenten.

In Verträgen mit dem Schah des Iran und Saudiarabiens König begnügte sich Mattei anstelle der bis dahin üblichen Fifty-fifty-Gewinnteilung mit einem 25prozentigen Gewinn und zerstörte die hergebrachte Preisordnung.

Amerikanische Zeitungen bezichtigten zwar den Christdemokraten Mattei des Verrats am Westen, dennoch baute er keck seine Öl-Stellungen aus. Ende 1961 schloß er sogar einen Vertrag mit Moskau ab, der Enrico Mattei zum größten westlichen Abnehmer des billigen Sowjetöls machte.

Je mehr aber Mattei ("Ich habe mich wie David dem Goliath zum Kampf gestellt") mit seinem Staatstrust die etablierten Mächte in der italienischen Privatwirtschaft und auf den Weltmärkten bekämpfte, desto dichter wurden die Reihen seiner Konkurrenten. Schon mußten die Gegner befürchten, Matteis »ENI« werde auch die jüngst verstaatlichten Elektrizitätswerke Italiens schlukken, da fand der Gefürchtete den Tod.

Sein Ende ist bereits Legende. Auch nach dem Selbstmord des Zündholzkönigs Kreuger vermochten die scharfsinnigsten Experten-Urteile nicht die Version zu zerstören, Kreuger sei einem Mordanschlag seiner Konkurrenten zum Opfer gefallen. Ebenso wird sich noch lange Zeit der Mythos halten, Mattei sei seinen Gegnern erlegen.

Denn: Zu viele Mächte hat Italiens Ölkönig bekämpft, zu viele profitieren von seinem Tode.

Schwedischer Zündholzkönig Kreuger Einem Mordanschlag ...

... der Konkurrenz erlegen?: Italienischer Ölkönig Mattei, Schah Reza

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