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TOURISMUS / HAFTUNG Mit Fehlern rechnen

aus DER SPIEGEL 35/1968

Das Zimmer 42 des Hotels Begona in Las Palmas wurde für die deutsche Reiseindustrie zum Symbol einer Niederlage, für Deutschlands Pauschaltouristen zum Zeichen der Hoffnung. Weil das Urlauber-Ehepaar Rothiach aus Hamburg mit dem Zimmer nicht zufrieden war, mußte der Reiseveranstalter den Rothlachs für »entgangenen Lebensgenuß« 300 Mark Schadenersatz zahlen,

So entschied es in letzter Instanz das Landgericht Berlin und unterminierte damit die kleingedruckten »Reisebedingungen, mit denen sich deutsche Ferienvermittler die Folgen von Betriebs-Pannen vom Halse halten möchten. Laut Einheitstext, den die Kunden bei der Buchung ihrer Reise durch Unterschrift anerkennen müssen, treten die Reisefirmen »nur als Vermittler« auf »und übernehmen keine Haftung bei etwaigen Beschädigungen, Verlusten, Verspätungen oder sonstigen Unregelmäßigkeiten«.

Unregelmäßig war es bei der Reise des Werkmeisters Helmut Rothlach, 52, und seiner Ehefrau Elfriede im November 1966 zugegangen: Die beiden hatten beim Berliner Reiseveranstalter Aero-Lloyd eine 15-Tage-Fahrt zu den Kanarischen Inseln gebucht, und dabei war ihnen das Zimmer 42 als eine Unterkunft mit Terrasse auf der zur See gelegenen Seite des Hotels Begona verkauft worden. Es lag aber auf der lauten Straßenseite und hatte keine Terrasse.

Die Rothlachs protestierten sogleich bei der Hotelleitung, beim örtlichen Aero-Lloyd-Vertreter und, telegraphisch, in Deutschland. Nichts half, sie verbrachten ihre Ferien im Zimmer 42, und Aero-Lloyd erklärte sich lediglich bereit, »den versehentlich erhobenen Terrassenzuschlag in Höhe von 46 Mark« zurückzuzahlen.

Das Ehepaar verlangte jedoch darüber hinaus Schadenersatz, weil die Urlaubsfreude durch das Fehlen der Terrasse und den Straßenlärm beeinträchtigt worden sei. Dies und die Telegrammgebühren gestanden ihnen die Berliner Landrichter zu.

Sie zerpflückten die Vorbehaltsklausel, die keinesfalls bedeuten könne, »der Veranstalter hafte ... überhaupt nicht«.

Zweck des Vertrages, der durch eine Reisebuchung zwischen Veranstalter und Urlauber abgeschlossen wird, sei nicht die bloße Vermittlung. Vielmehr herrsche Übereinstimmung, »daß der Veranstalter dem Reisenden die Sorge um Beförderungsmittel und Quartier abnimmt und der Reiselustige die Reise wie gewünscht durchführen kann. Folgerung der Richter: »Dazu gehört, daß der Veranstalter grundsätzlich für den Erfolg seiner Vermittlungstätigkeit einzustehen hat.«

Dem Aero-Lloyd hielt das Gericht vor, er hätte sich davon überzeugen müssen, ob Zimmer 42 auch wirklich Seeblick und Terrasse aufwies.

Nachdem so die Haftpflicht des Aero-Lloyd festgestellt worden war, hielten die Richter auch für Rechtens, »daß eine Beeinträchtigung des erstrebten und erkauften Lebensgenusses in Geld auszugleichen ist«. Denn »es liegt ein echter Vermögensschaden vor, wenn die Erholung nicht in der vertragsgemäßen Weise zustande kommt«.

Deutschlands große Erholungsmittler, die Massenkundschaft haben und deshalb stets mit zahlreichen Fehlern rechnen müssen, gaben sich nach dem Berliner Urteil gelassen. Scharnow in Hannover (400 000 Buchungen pro Jahr): »Wenn wir einen Fehler machen, dann stehen wir natürlich dafür gerade. Aber wenn ein Koch schlecht gekocht hat und der Gast mußte 5,50 Mark bezahlen, obwohl die Mahlzeit nur zwei Mark wert war, dann haften wir natürlich nicht.«

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