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BERLIN-ZUFAHRT Mit Fingernägeln

aus DER SPIEGEL 44/1970

Der Bundestagsausschuß für innerdeutsche Beziehungen erhielt Besuch. Ein Herr aus Ost-Berlin -- Bonner Experten erkannten in ihm einen ehemaligen Mitarbeiter beim DDR-Ministerrat -- offenbarte, wie sich Walter Ulbrichts Deutschland-Spezialisten bei einer künftigen Vereinbarung über den freien Zugang zur Viermächte-Stadt den Schienenweg nach West-Berlin vorstellen.

In seiner Eingabe empfiehlt der Herr, dessen Namen das amtliche Bonn nicht rausrückt, für den zwischen beiden deutschen Staaten zu vereinbarenden Durchgangsverkehr »mit guter Aussicht auf Erfolg« die vor dem Kriege als »schnelle Strecke bekannte Verbindung von Oebisfelde bei Wolfsburg über Gardelegen nach Westberlin« zu wählen. Der Besucher: »Diese Eisenbahnlinie ist für unsere Leute am leichtesten annehmbar.«

Denn die rund 150 Kilometer lange Strecke führe durch relativ gering besiedeltes Gebiet und eigne sich deshalb besonders für einen Zugverkehr, bei dem »das Ein- und Aussteigen von Reisenden, das Hereinnehmen, Hinausreichen und Hinauswerfen von Gegenständen, das Ein- und Ausladen von Waren untersagt ist«.

Um den Einwand zu widerlegen, die DDR wolle auch in Zukunft »humanitäre Kontakte zwischen Deutschen hüben und drüben« unterbinden, empfiehlt der Ost-Berliner Besucher den Ausschußmitgliedern das Studium eines vor Jahresfrist in Wien und Frankfurt unterzeichneten Abkommens zwischen der Deutschen Bundesbahn (DB> und den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) über den planmäßigen Durchgangsverkehr von ÖBB-Triebwagenschnellzügen über die Strecke Salzburg -- Rosenheim -- Kufstein.

In der Tat erhält dieser Vertrag auch die Vorschrift: »Während des Aufenthalts auf den Bahnhöfen der DB ist ... der vor den ÖBB-Triebwagenzügen befindliche Teil des Bahnsteiges für den Verkehr des Publikums zu sperren.«

Dazu der DDR-Emissär: »Was zwischen Österreich und der Bundesrepublik angeraten erschien, müßte sich auch zwischen BRD und DDR arrangieren lassen.«

Bonn nahm den Wink zur Kenntnis. Der Vorsitzende des Parlaments-Ausschusses, der Berliner CDU-Abgeordnete und ehemalige Gesamtdeutsche Minister Johann Baptist Gradl, hält die Korridor-Idee zwar für »zu früh« und »viel zu delikat«, findet sie aber doch so »interessant«, daß er sie in einen von Ministerium und Parlamentsgremium erarbeiteten Wunschkatalog einfügte.

In dieser Geheimliste findet sich alles, »was die von Willy Brandt aufgestellten Kasseler Grundsätze für die Regelung gleichberechtigter Beziehungen verwirklichen kann« (Bundesminister Egon Franke). Hauptforderung des Abschnitts »zwischenmenschliche Beziehungen":

* Freizügigkeit für Reisende von West nach Ost;

* Erhöhung der Zahl von DDR-Bürgern, die zu Besuch in die Bundesrepublik kommen dürfen.

Im einzelnen wünscht Bonn, daß Ost-Berlin die Diskriminierung der Westdeutschen aufgibt, die in die DDR reisen wollen. Im Gegensatz zu westlichen Ausländern, von denen die DDR-Grenzer nur ein Visum sehen wollen, wird den Bundesbürgern zusätzlich der Verwandtschafts-Nachweis oder eine amtliche Einladung abverlangt.

In umgekehrter Richtung, so der Bonner Katalog, sollte durch Herabsetzung der bisherigen Altersgrenze bei Rentnern von 65 auf 60 Jahre weit mehr DDR-Bürgern als bisher der Besuch von Verwandten in der Bundesrepublik ermöglicht werden. Gradl zu Vertrauten: »Die Mauer muß nach beiden Seiten hin durchlässiger werden. Die Forderung, sie abzureißen, ist unrealistisch.«

Indes, noch fehlt der amtliche Anstoß aus Ost-Berlin, den innerdeutschen Dialog nach den Begegnungen der Regierungschefs in Erfurt und Kassel fortzusetzen. Die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Vertrags hat In der SED-Spitze offenbar Differenzen darüber ausgelöst, wie man mit Bonn weiter verfahre (siehe Seite 44).

Minister Franke tippt auf eine Verlängerung der Denkpause. Dennoch ist er darauf eingestellt, »zu jeder Stunde das Gespräch zu beginnen, wenn nur die Bereitschaft vorhanden ist, zu Ergebnissen zu gelangen«. Große Erfolge erwartet Franke auch dann nicht: »Wenn die Stunde kommt, werden wir mit Fingernägeln kratzen müssen, um das Kleinste zu erreichen.«

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