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KERNKRAFTWERKE Mit Hauruck

Nachmittags wurde, heimlich, der Bau des Kernkraftwerks in Brokdorf/Elbe genehmigt. Nachts rückte Polizei an und besetzte das Gelände. So über. rumpelte die Staatsmacht protestierende Bürger.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Zwei Stunden nach Mitternacht, am Dienstag letzter Woche, wurde in der Marsch mobil gemacht. 180 Bereitschaftspolizisten nahmen handstreichartig 30 Hektar menschenleere Wiese bei Brokdorf hinterm Unterelbedeich ein und besetzten Zufahrtsstraßen im Hinterland. Zwei Wasserwerfer wurden strategisch im Gelände, 120 weitere Polizisten abrufbereit im nahen Glückstadt postiert.

Über hundert Uniformierte und mit Schlagstöcken bewaffnete Wach- und Werkschutzmänner zogen zur Verstärkung auf die Wiese. Es war noch zappenduster, Nebel waberte über die schleswig-holsteinische Wilstermarsch, als Arbeiterkolonnen mit über 200 Lastwagen und Baumaschinen anrückten.

Die Bauarbeiter zogen einen mannshohen Stacheldrahtverhau um das 300 000-Quadratmeter-Areal, vergruben Stromkabel und rammten Lichtmasten in den Kleiboden. Wie Pioniere legten sie Stahlmatten als Fahrwege aus. Sie stellten fahrbare Toiletten und Wohnwagen auf und errichteten Hundezwinger hinterm Deich hatte der Bau eines Kernkraftwerks begonnen, auf holsteinische Art.

Mit diesem beispiellosen Aufwand an Schutzmännern und Schutzmitteln will die Kieler Regierung erreichen. daß im Lande bis 1982 der dritte Atommeiler angefahren werden kann und, so ihr erklärtes Ziel. im Norden die Lichter nicht ausgehen. Der Coup sollte, wie Sozialminister Kart Eduard Claussen das »Hauruck-Verfahren« rechtfertigt, Kraftwerksgegner daran hindern, ihrerseits wie einst in Wyhl am Kaiserstuhl -- das Baugelände zu besetzen und so den Reaktorbau zu verzögern. Und Claussen hatte denn auch, pfiffig wie bisweilen, dafür gleich neue Maßstäbe gesetzt: Erst am Feierabend vor dem Marsch-Einsatz unterschrieb der Minister die Baugenehmigung und ordnete zugleich die »sofortige Vollziehung« an.

Die Befürchtungen der christdemokratischen Landesherren waren nicht unbegründet. Schon seit längerem haben Bürgerinitiativen im Unterelbegebiet angekündigt, alles zu unternehmen, um den ersten Spatenstich in Brokdorf zu verhindern. Denn der Streit um Atomstrom aus Brokdorf ist nur der jüngste Konflikt jahrelanger Auseinandersetzungen um radikalen Wandel an der Waterkant: Von Hamburg stromab bis ins Nordseewatt ist die bis vor kurzem noch überwiegend intakte ländliche Region zu einem riesigen Industrierevier verplant:

Auf viele Stromkilometer sind die Elbufer schon heute mit Chemie- und Aluminiumkombinaten zugebaut. Weitere Grundstoff-Produktionsstätten mit zusätzlichen und überwiegend noch unbekannten Umweltfolgen entstehen. Zwei Kernkraftwerke, in Stade und Brunsbüttel. liefern bereits Atomstrom. Ein gutes Dutzend weiterer Atommeiler ist in Planung oder im Gespräch.

Eine zubetonierte Landschaft, das unkalkulierbare Risiko durch Chemieschmutz und Atomstrahlung einte Bürger und Bürgermeister, Wissenschaftler und Naturschützer. Ober 20 0(10 Einwände gegen das Kraftwerk Brokdorf gingen bei den Behörden ein. Die Strategie der Bürgerinitiativen: Ausschöpfung aller Rechtsmittel; werde dieses Mittel aber von der anderen Seite unterlaufen: auch Bauplatzbesetzung.

Dieses Konzept schlug, einstweilen zumindest, fehl. Denn die bislang möglichen Rechtsmittel, etwa Einwendungen im Genehmigungsverfahren, verhinderten nicht die Bauerlaubnis. Der jetzt angeordnete »sofortige Vollzug« nahm ihnen, so die Rechtslage. die Möglichkeit. im Widerspruchs- und Anfechtungsverfahren. per einstweiliger Anordnung eine aufschiebende Wirkung. mithin einen sofortigen Baustopp zu erwirken.

Und die nächtliche Besetzung des Bauplatzes amtlicherseits beraubte die Kraftwerksgegner auch noch ihres letzten Behelfs. Marschbauer Albert Reimers nach dem Kommando-Unternehmen von Brokdorf: »Die Übermacht ist so gewaltig. daß es eigentlich Selbstmord ist, jetzt noch etwas zu unternehmen.«

Der militante Aufmarsch in der Marsch erscheint politisch ebenso bedenklich wie die von langer Hand im geheimen geplante Vorbereitung der Aktion, die nur einem Ziel diente: die Kraftwerksgegner trickreich auszuhebeln. Das eine könnte geeignet sein, eine neue Qualität der Konfrontation mit der Bevölkerung zu schaffen; das andere zeigt einmal mehr, wie einseitig Landesregierungen und Behörden in Genehmigungsverfahren gelegentlich Partei ergreifen, immer auf derselben Seite.

So waren die Kraftwerks-Bauherren über den Stand des Genehmigungsverfahrens allzeit auf dem laufenden. Für den Tag des Baubeginns konnten sie rechtzeitig Arbeitskolonnen zusammenstellen, Lastwagen und Baumaschinen ordern, Material und Wachmänner bereithalten. Selbst die Chefredakteure regierungsfreundlicher Heimatblätter weihte der Sozialminister bei einem Essen im »Kieler Kaufmann« noch vor seiner Unterschrift in das Unternehmen ein.

Auch die Polizei hatte Gelegenheit, sich in Ruhe auf den Marsch-Befehl vorzubereiten. Schon Ende vorletzter Woche stimmte sie ihren Dienstplan ab und regelte logistische Probleme. Wohl auch nut so konnte klappen, was die Kieler Landesregierung in der Nacht zum Dienstag inszenierte -- gut neun Stunden, nachdem Sozialminister Claussen die »Erste Teilgenehmigung für das Kernkraftwerk Brokdorf« unterschrieben hatte.

Am liebsten hätten die Kieler bei ihrem Brokdorf-Manöver auch gleich noch Unterstützung aus der Luft gehabt. In einem Fernschreiben kamen sie beim Bundesgrenzschutz (BGS) um Hilfe ein: »Aus dem Anlaß des Baubeginns des Kernkraftwerkes Brokdorf und dem damit einhergehenden Einsatz der Landespolizei wird gebeten, Hubschrauber des BGS beim Grenzschutzkommando Küste in Bad Bramstedt anfordern zu können.«

Das Bonner Innenministerium. Dienstherr des BGS, erteilte eine »glatte Absage«. Hubschraubereinsatz werde nur auf Einzelanforderung, etwa im Katastrophenfall, genehmigt.

Auch so aber blieben die Strategen der Landesregierung jederzeit Herr ihrer Lage. Erst im Laufe des letzten Dienstag, als der Stacheldraht längst kein Schlupfloch mehr ließ, versammelten sich kleine Demonstrantentrupps vor dem Gelände und sahen tatenlos dem Macht-Werk zu.

Unter der Woche dann, auf Protestversammlungen in Reimers Scheune, zwischen Jauchefaß und Kartoffelkisten, wurden Parolen ausgegeben ("Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht") und Aktionen fürs Wochenende vorbereitet, etwa »Großveranstaltung in Brokdorf am Deich«.

Und damit die Demonstranten auch am Reformationstag in der Marsch nicht hungern und frieren sollten, empfahl ein Flugblatt: »Zelte, Schlafsäcke und Lebensmittel sind mitzubringen.«

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