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Briefe

Mit Haut und Haaren
aus DER SPIEGEL 22/1996

Mit Haut und Haaren

(Nr. 20/1996, Titel: Schlaraffenland abgebrannt - Die Pleite des Sozialstaates)

Es ist schade, daß auch Sie sich des abgeschmackten Vorurteils gegen Rentnerinnen und Rentner bedienen, die sich angeblich auf Kosten ihrer Kinder und Enkel ununterbrochen auf Mallorca sonnen. Die latente Altenfeindlichkeit, die die Diskussion um ein krisenfestes Rentensystem derzeit kennzeichnet, mißachtet nicht nur die Lebensleistung Tausender heute alter Menschen, sondern auch die Tatsachen: Nach der letzten vorliegenden Rentenbestandsaufnahme vom Juli 1994 bezogen in Deutschland Rentner im Durchschnitt 1812,91 Mark monatlich, Rentnerinnen 792,92 Mark aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Davon kann man sich selbst bei Billigstangeboten kaum lange auf den Balearen aalen. *UNTERSCHRIFT:

Wiesbaden BARBARA STOLTERFOHT Staatsministerin für Frauen, Arbeit und Sozialordnung

Im November 1995 machte die FDP Furore, als wir vor unserer Parteizentrale ein Großflächenplakat mit dem Slogan »Steuerland ist abgebrannt« präsentierten. Der Aufwand war gering, das Echo gewaltig. Daß nun der SPIEGEL »Schlaraffenland abgebrannt« titelt und damit - zugegeben nach einer gewissen Schamfrist - eine unverhohlene Anleihe bei der FDP macht, empfinden wir als Kompliment. Es passiert nicht oft, daß man vom SPIEGEL kopiert wird. Fazit: Sachverstand wird anerkannt. *UNTERSCHRIFT:

Bonn DR. GUIDO WESTERWELLE Generalsekretär der FDP

Mich erinnert Ihre Titelzeile an die alte Volksweise: »Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt . . .« Sollte es um unser Schlaraffenland schon so schlimm stehen? *UNTERSCHRIFT:

Hildesheim FRIEDA SCHACHT

Sicherlich wird man vom SPIEGEL nicht erwarten können, daß er mit Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden den Sozialgipfel erklimmt. Erwarten können wird man aber, daß er mit dem Sozialstaat und den Menschen, die auf ihn angewiesen sind, fair umgeht. Das genaue Gegenteil geschieht mit Ihrem Titelbild. Wer den Sozialstaat mit dem Schlaraffenland gleichsetzt, muß sich gefallen lassen, als gleichermaßen ignorant und arrogant bezeichnet zu werden. *UNTERSCHRIFT:

Frankfurt am Main KLAUS DÖRRIE Der Paritätische Wohlfahrts-Verband

Langsam fängt's an zu nerven. Die Arthur-D.-Little-Team-Visionen sind richtig, aber auch kalter Kaffee. Das weiß jeder. Wohin es gehen müßte, ist nicht die Frage, sondern: Wie kriegen wir den ersten und die folgenden Schritte hin? In den Führungsetagen der »Deutschland AG« sitzen immer noch zu viele Vorgesetzte und zuwenig Führungskräfte. Grund: Wir haben keine Deutschland AG, sondern einen Deutschland e. V. Der Vereinsvorsitzende kümmert sich zuwenig um die Frage, welchen Typ von Führungskraft er eigentlich benötigt, um aus dem Verein eine AG zu machen. Dabei ist Führung Chefsache. Tip: Man kann Spieler »auch schlicht vom Eis nehmen«. *UNTERSCHRIFT:

Gräfelfing CHRISTOPH HILGENFELD

Die Kostenprobleme der Krankenkassen sind keineswegs durch den »Ansturm der Alten« verursacht. Demographische Faktoren haben für die Ausgabenentwicklung der gesetzlichen Krankenversicherung bis etwa zum Jahr 2010 keine sonderliche Bedeutung. Auch die Behauptung, die Krankenkassen könnten ohne Zuschuß des Finanzministers »nicht mehr leben« und seien deshalb mitschuldig an den Milliardendefiziten in der Staatskasse, stimmt so nicht. Ein Blick in die Einnahmestatistik der Krankenversicherung zeigt, daß es solche Steuersubventionen nicht gibt. *UNTERSCHRIFT:

Bonn DR. GUNNAR GRIESEWELL Bundesministerium für Gesundheit

Die Unternehmensberater haben mit ihren Vorschlägen den Nagel auf den Kopf getroffen. Alle Welt spricht inzwischen von den neuen Steuerungsmodellen für die Verwaltung. Doch die Oberen in Bonn, allen voran Manfred Kanther, wehren sich dagegen mit Haut und Haaren. Mitarbeitergespräche, Karriereplan, Teamwork, Kompetenzverlagerung, leistungsgerechte Bezahlung - das sind doch Fremdwörter in den Ohren der Mächtigen. Eigentlich jammerschade. *UNTERSCHRIFT:

Viernheim (Hessen) TIM SCHÄFER

In einer Grafik zu Ihrem Titel werden das Bruttoinlandsprodukt und die Sozialleistungen in Westdeutschland auf der Basis des Jahres 1960 bis heute dargestellt. Durch die Art der Darstellung wird der Eindruck erweckt, als ob die Sozialleistungen fortwährend stärker als das Sozialprodukt ansteigen. Tatsächlich lag aber die Steigerungsrate der Sozialleistungen in den letzten 20 Jahren unterhalb der des Bruttoinlandsprodukts. *UNTERSCHRIFT:

Hamburg PROF. DR. HANS-JÜRGEN KRUPP Landeszentralbank

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