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Mit Intimitäten fing es an

aus DER SPIEGEL 39/1949

Filmselbstkontrolle antwortet nicht«, schrieb die Lokalreporterin Gisela Mieschel vom »Wiesbadener Kurier« über ihren Artikel. »Es geschieht etwas, das alle angeht - hinter verschlossenen Türen.« Gemeint waren die neuen Schloßbewohner im Rhein-Vorort Biebrich.

Dort, im ehemals kurfürstlichen Schloß, wollen am 28. September die westlichen Militärregierungen das Filmzensur-Recht auf die neugebildete »Freiwillige Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft« übertragen. Von Heuß bis Pommer ist alles zu einem mit Reden garnierten 160-Personen-Kalten-Büfett eingeladen.

Doch wird in Biebrich schon seit neun Wochen zensiert, in aller Stille, aber so geschäftig, daß für Reporter und andere Neugierige keine Zeit mehr blieb. Aber: »Zur offiziellen Uebergabe laden wir die ganze in- und ausländische Presse ein«.

Der Biebricher Hausherr, Curt Oertel, »Michelangelo«-Filmschöpfer und Nestor des deutschen Dokumentarfilms, kann es auf sein Konto buchen, 3 Militärregierungen, 11 Kultus-, 11 Sozial-, 11 Innenminister, 5 Produzenten-, Verleiher- und Theaterbesitzer-Verbände, die ausländischen Verleiher, 3 Kirchen und die Jugendorganisationen in jahrelangen, vorbereitenden Verhandlungen unter einen Hut gebracht zu haben.

»Ich hatte eben die Verbindungen«, erklärt Curt Oertel. Er baute auch die Grundsätze für die Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft zusammen, der sich alle Produzenten, Verleiher und Kinobesitzer freiwillig unterwerfen.

Kein Film soll nach Oertel »Themen, Handlungen oder Situationen darstellen, die geeignet sind,

* das sittliche und religiöse Empfinden zu verletzen, insbesondere verrohend oder entsittlichend zu wirken,

* nationalsozialistische, militaristische, imperialistische, nationalistische und rassenhetzerische Tendenzen zu fördern,

* die Beziehungen Deutschlands zu anderen Staaten zu gefährden, insbesondere deren Regierungen, amtliche Repräsentanten und Einrichtungen herabzusetzen,

* die verfassungsmäßigen und rechtsstaatlichen Grundlagen des deutschen Volkes in seiner Gesamtheit und in seinen Ländern zu gefährden oder herabzuwürdigen,

* durch ausgesprochen propagandistische oder tendenziöse Beleuchtung geschichtliche Tatsachen zu verfälschen ...

Entscheidend für die Anwendung dieser Bestimmung ist die Wirkung der genannten Darstellungen, nicht deren Inhalt oder die Darstellungen als solche.«

Bei jedem Film muß die Prüfkommission entscheiden, ob er a) überhaupt, b) für Jugendliche unter 16 Jahren, c) zur Vorführung am Karfreitag, Buß- und Bettag, Allerseelen und Totensonntag zugelassen werden soll.

Alles das stand noch auf geduldigem Papier, als OMGUS' Motion Picture Branch mit Brief vom 15. Juni das Ende der US-Zensur per 15. Juli ankündigte. Oertel streckte sogleich seine Fühler zu den Engländern und Franzosen aus.

Mit deren O.K. in der Tasche räumte er noch einen guten Teil seines Schloß Biebricher Dokumentarfilm-Ateliers für die Selbstkontrolle aus. Dort kam der Arbeitsausschuß am 18. Juli das erstemal zusammen.

Produzentenverbands-Sachbearbeiter Dr. Albert Rudolph, vom Arbeitsausschuß der deutschen Filmwirtschaft (ADF) zum Selbst-Kontroll-Geschäftsführer bestellt, sein Vize-Direktor Diekhoff und UFA-Lehrschau-Veteran Hanns-Wilhelm Lavies (vom »Deutschen Institut für Filmkunde« nebenan im Mittelflügel) hatten den Betrieb in knapp vier Wochen hin-»laviert«.

Am 19. Juli placierte sich der 6-Mann Arbeitsausschuß zum erstenmal auf die gähnend leere Rangloge der 500-Sitzplatz-Park-Lichtspiele in der Wiesbadener Straße.

»Intimitäten«, eine alte Berlin-Film-Liebes-Story mit Victor de Kowa und Camilla Horn, lief als Prüfling Nr. 1. Dr. Rudolph: »Das haben wir wegen des Titels extra so gemacht!«

Hanns-Wilhelm Lavies hatte für die geheime Abstimmung ein paar rote und weiße Kügelchen von einem Rechenschieber organisiert, weiße für Ja, rote für Nein. In einer großen Papptüte sammelte der Ausschuß-Vorsitzende, Ex-UFA-Chefdramaturg Fritz Podehl, die Kugeln. Ergebnis: Zur Vorführung freigegeben. Für Jugendliche: nein. An hohen Feiertagen: nein.

So geht es schon neun Wochen lang. 3 bis 4 Filme täglich, von Dienstag bis Freitag. (Montags und freitags werden organisatorische Fragen durchgesprochen.)

Neben Podehl sitzen noch zwei andere Prüfer hauptamtlich, und im Einvernehmen mit der öffentlichen Hand von der Filmwirtschaft bestellt, im Arbeits-Ausschuß: Dr. Ernst Krüger, wie Podehl einst Dramaturg bei der UFA, und NRW-Kultus-Oberregierungsrätin Dr. Marie-Therese Schmücker, Regie-Assistentin und Film-Akademie-Lehrerin.

Von den drei ehrenamtlichen Ausschuß-Mitgliedern werden zwei von der öffentlichen Hand und eines von der Filmwirtschaft bestellt. Sie wechseln immer ab.

Zu ihnen gehören u. a.: Direktor Kochs, katholische Filmstelle, Pfarrer Heß, evangelischer Beauftragter für Filmfragen, Dr. Perrey, Sekretär des beratenden Filmausschusses der britischen Zone, Alfred Güntzel, Schriftsteller-Bayern, Dr. Götting, Bibliotheksdirektor-Hessen, Heinz Gärtner, sozialistische Jugend »Falken«.

Stimmenmehrheit entscheidet. Bei Stimmengleichheit ist die Stimme des Vorsitzenden ausschlaggebend. 146 Filme wurden so schon zensiert, 2 davon überhaupt abgelehnt, 21 nicht für Jugendliche und 41 nicht an hohen Feiertagen zugelassen.

Reprisen und Auslandsfilme machen den Hauptteil aus. Nur 8 neue deutsche Spielfilme liefen durch die Kontrolle, aber 47 »Ueberläufer« aus der Kriegs- und Vorkriegszeit und 31 ausländische Streifen, meist österreichischer und französischer Produktion. Dazu 32 deutsche Kulturfilme und 28 deutsche Werbefilme.

Elf ausländische und ein deutscher Film machten »außer Konkurrenz« eine »Vorprüfung« durch. Auslandsverleihe lassen ihre Filme zunächst meist »vorprüfen« oder »begutachten«, bevor sie sie synchronisieren lassen.

Da ist z. B. der Farbfilm der London-Film »Vier Federn« ("Four Feathers"). Gegen diese Geschichte von Kitcheners Strafexpedition 1895 in den Sudan hatte seinerzeit die Reichsfilmkammer einzuwenden, sie stelle »eine Verherrlichung des Empires« dar. Die Selbstkontrolle hat jetzt das Bedenken, der Film enthalte zuviel Krieg. Der Verleiher soll noch einmal bis zum nächsten Jahre warten.

Ein anderer Fall: Der neue österreichische Streifen »Der prämiierte Leberfleck«. Er wurde mit drei »Nein« versehen, wegen einiger verfänglicher Szenen und Verächtlichmachung demokratischer Einrichtungen.

Auch die Pat-und-Patachon-Reprise »Blinde Passagiere« kam nicht ungeschoren durch die Kontrolle. Auf dem »Grafen Zeppelin« sah man noch ein Hakenkreuz. Die zehn Hakenkreuz-Meter wurden herausgeschnitten und bei der Selbstkontrolle verwahrt.

Am 28. September wird auch der Hauptausschuß das erstemal zusammentreten. Er zählt 15 Mitglieder, einen hauptamtlichen Präsidenten und 14 ehrenamtliche. Präsident und 7 ehrenamtliche Mitglieder werden von der Filmwirtschaft bestimmt. Drei weitere Mitglieder entsenden die Kultusministerien, je ein Mitglied die evangelische, die katholische Kirche und die israelitische Religionsgemeinschaft und eines die Jugendverbände. Hessens Ex-Premier Karl Geiler wird als Repräsentations-Präsident fungieren.

Der Hauptausschuß ist als erste Berufungsinstanz gedacht. Er entsendet auch die ehrenamtlichen Mitglieder in den Arbeitsausschuß. Als letzte Instanz gibt es noch einen Juristen-Ausschuß.

Die Selbstkontrolle kassiert bei Spiel- und Werbefilmen 50, bei Kultur- und Kurzfilmen 10 Pfennig pro Filmmeter für die Prüfung. Ein normaler Spielfilm ist durchschnittlich 2500 Meter lang. Dr. Rudolph sagt: »Aber die Preise sind noch nicht endgültig«.

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