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TIERSCHUTZ Mit Ketten gefesselt

aus DER SPIEGEL 12/1954

Der deutsche Tierschutzbund, der von dem Frankfurter Oberbürgermeister Dr. h. c. Walter Kolb geleitet wird, will sich in seiner nächsten Vorstandssitzung in Frankfurt mit einem delikaten Problem befassen: mit der Frage, ob bei Schlachtungen nach jüdischem Ritus das Blut der Schlachttiere ohne vorherige Betäubung der Rinder entnommen werden soll; das heißt, ob das Schächten in Deutschland weiterhin zu erlauben sei.

Heute bekennen sich 0,1 Prozent der Bewohner des Bundesgebietes zum jüdischen Glauben (1925 waren es im Reichsgebiet 0,9 Prozent). Aber der strengen jüdischen Schächtvorschriften wegen wird eine bedeutend höhere Zahl von Rindern geschächtet, als für die Ernährung dieser religiösen Minderheit notwendig wäre.

Die fleischhaltigen Hinterviertel aller geschächteten Tiere sind beispielsweise nach jüdischen Begriffen »trepher«, d. h. unrein. Sie werden der nichtjüdischen Bevölkerung zugewiesen. Bis zu einem Viertel aller geschächteten Tiere ist zuweilen im jüdisch-religiösen Sinne nicht »koscher« - obgleich nach medizinischen Grundsätzen einwandfrei - und wird darum mit normal geschlachtetem Fleisch zusammen an Nichtjuden verkauft. So wird in der Bundesrepublik regelmäßig ein bestimmter Prozentsatz des Schlachtviehs auf eine Weise getötet, die den deutschen Tierschutzbund

schon am 22. Oktober 1953 zu einer Eingabe an die Bundesregierung veranlaßt hat.

Das Gebot für Angehörige des mosaischen Glaubens, nur Fleisch geschächteter Tiere zu essen, wird aus dem Alten Testament abgeleitet, das als »Thora« Lehre und Gesetz der jüdischen Religion ist. Es heißt dort im ersten Buch Mose, Kapitel 9, Vers 4:

»Allein esset das Fleisch nicht, das noch lebt in seinem Blut.«

Diese göttliche Vorschrift hatte unter den klimatischen Verhältnissen des damaligen jüdischen Siedlungsraumes auch einen hygienischen Sinn: In der Hitze Palästinas verdarb alles Fleisch sehr rasch, wenn es bei der Schlachtung nicht völlig ausgeblutet war. So ist es zu verstehen, daß auch bei anderen Völkern dieses Raumes, bei den Ägyptern, Medern und Persern, geschächtet wurde.

Als Religionsritual ist das Schächten dann von den gläubigen Juden aus dem Morgenland in der Welt verbreitet worden, überall dort, wo sich jüdische Gemeinden bildeten.

Mit dem Aufkommen von Tierschutzbewegungen im 19. Jahrhundert begannen sich Stimmen zu erheben, die eine Tierquälerei darin sahen, den Schlachtrindern ihr Blut ohne vorherige Betäubung abzunehmen. So ist in der Schweiz am 20. August 1893 durch einen Volksentscheid das Schlachten warmblütiger Tiere ohne vorherige Betäubung verboten worden. Norwegen führte den Betäubungszwang 1929 ein, Polen, Schweden und Dänemark folgten. In Deutschland hatte das Königreich Sachsen mit einem Schächtverbot im Jahre 1892 den Anfang gemacht. Bayern folgte 1930, Braunschweig 1931, Oldenburg, Anhalt und Thüringen 1932.

Dann kam Hitler, und durch Gesetz vom 21. April 1933 wurde für das ganze Reich bestimmt: »Warmblütige Tiere sind beim Schlachten vor Beginn der Blutentziehung zu betäuben.«

Als das Dritte Reich untergegangen war, ergänzten die Alliierten unter dem 7. März 1946 das Tierschutzgesetz: »Bei den Schlachtungen nach jüdischem Ritus darf

das Blut ohne vorherige Betäubung der Tiere entnommen werden. Alle Vorkehrungen, welche die vermeidbaren Schmerzen und die Erregung der Tiere verhindern können, sind dabei zu treffen...«

Wie diese Schlachtungen auf deutschen Schlachthöfen heute vor sich gehen, ist in der Nummer 1/1954 der »Deutschen Fleischer-Post«, des Fachblatts der Fleischer, geschildert:

»In einer Ecke stehen mehrere Rinder, die nacheinander zum Schächten kommen. Das erste Tier wird an einem Strick herangeführt und an Vorder- und Hinterläufen mit Ketten gefesselt. Der jüdische Schlachtpriester, genannt 'Schochet', weiht das Rind mit rituellen Sprüchen.

»Schließlich nimmt er ein großes schwertähnliches Messer zur Hand. Nachdem er es sorgfältig gereinigt und noch einmal genau auf Schärfe sowie Schartenfreiheit überprüft hat, geht er mit erhobenem Schlachtschwert murmelnd um das Tier herum.

»Inzwischen haben seine Gehilfen dem Tier eine Kette um die Hörner geschlungen und das Ende an einem Bodenring befestigt. Der Kopf des Tieres wird damit so tief wie möglich zum Boden heruntergezogen. Mit Hilfe einer Winde reißt man ihm dann plötzlich die gefesselten Vorderbeine unter dem Körper weg. Das Schlachttier wird auf den Rücken geworfen.

»Jetzt tritt der Schochet in Funktion. Er erfaßt mit der linken Hand die Kehlhaut des Tieres und schneidet ihm mit der Rechten die Kehle bis auf den Wirbelknochen durch. Die Schlachtergehilfen springen zurück und überlassen das Rind nun dem Todeskampf. Seine Vorderläufe werden inzwischen herabgelassen, um die Todeszuckungen nicht zu behindern...

»Der Schochet streift nach dieser ... Prozedur mit zwei Fingern das Blut von der scharfen Klinge seines Schlachtschwertes. Sodann hält er die gereinigte Scheide prüfend gegen das Licht. Stellt er darauf auch nur die kleinste Schramme fest, so ist das Fleisch des geschlachteten Tieres nicht 'koscher' und wird für die jüdischen Landsleute nicht zum Konsum freigegeben.

»Dem geschlachteten Rind werden als erstes die Hörner abgehauen. Nachdem es teilweise enthäutet und der Bauch aufgetrennt ist, greift der Schochet mit der Hand in die Eingeweide des Tieres und nimmt dann seine Untersuchungen vor.«

Nach dem Talmud, der jüdischen Auslegung und Anwendungsvorschrift des Alten Testaments, ist das Fleisch eines Tieres schon dann ungenießbar und damit »trepher«, wenn die Hirnhaut und das Gehirn verletzt sind. Daher schien den Rabbinern eine Betäubung des Schlachttieres durch Schlag vor den Kopf oder Bolzenschuß ins Hirn nicht anwendbar, obgleich eine Betäubung der Schlachttiere an sich nirgendwo in den jüdischen Religionsgesetzen verboten ist.

Am 4. Juli 1951 hatte die sozialdemokratische Stadtratsfraktion in München einen Dringlichkeitsantrag eingebracht, das betäubungslose Schlachten im Städtischen Schlachthof zu verbieten. SPD, Bayernpartei und KPD stimmten geschlossen dafür. Der Antrag wurde angenommen, aber allerlei widrige Umstände haben die Ausführung dieses Stadtratsbeschlusses verhindert.

Ende 1951 wurde im Bayerischen Landtag wieder ein Antrag auf ein Schächtverbot eingebracht. Dieser Antrag wurde aber dann wieder zurückgezogen.

Der Finanzberater des deutschen Generalkonsulats in London, Max Bachmann, war von London nach München gekommen und hatte in Gesprächen mit Josef Baumgartner und anderen bayerischen Politikern darauf hingewiesen, welchen ungünstigen Eindruck es gerade in England machen

würde, wenn im Bayerischen Landtag dieses Thema diskutiert würde; man würde an der Themse auf Antisemitismus in Bayern schließen. So ist jede Diskussion um die Frage, ob man den Schächttieren nicht mit Sicherheit alle Qualen ersparen kann, ohne jüdische Rellgionsgesetze zu verletzen, in Gefahr, auf eine politische und rassentheoretische Ebene gedrängt zu werden.

Die »Deutsche Fleischer-Post« hatte auf ihren Anti-Schächt-Artikel von dem Herausgeber der »Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland«, Karl Marx, einen Brief bekommen, in dem es gegen Schluß heißt: »Sind Sie nicht der Ansicht, daß es noch viele, viele Deutsche gibt, die ihre humane Einstellung erst noch auf anderen Gebieten zu beweisen haben?«

Um zwei Etappen beim Schächtvorgang geht es, die von den Tierschutzvereinen für Tierquälerei gehalten werden:

* um das Umwerfen der Tiere vor dem Schächten; die Rinder werden dadurch in einen Angstzustand versetzt, und

* um den Schächtschnitt selbst am unbetäubten Tier.

Zum ersten Punkt: Daß die Tiere durch das Umwerfen in Angst versetzt werden,

ist bei Gegnern und Befürwortern des Schächtens gleichermaßen anerkannt. Es gibt einen Umlegeapparat, der den Rindern keinerlei Angst zufügt und der vom höchsten Rabbinat genehmigt ist. Aber seine allgemeine Einführung scheiterte bisher an der Armut der von den Nationalsozialisten ausgeplünderten jüdischen Gemeinden in Deutschland.

Zum zweiten Punkt: Im Schächtartikel der »Deutschen Fleischer-Post« heißt es: »Laut röchelnd bäumt sich das gequälte Tier (nach dem Schächtschnitt) auf. Minutenlang strampelt es, von wahnsinnigen Schmerzen gepeinigt, wild umher ... Nach einem qualvollen Todeskampf streckt das Tier leblos alle vier Läufe von sich.«

In dem Brief von Herausgeber Karl Marx heißt es dazu: »Der Schächtschnitt ist, wie das von den größten Kapazitäten der Welt bestätigt wird, unter allen Umständen sofort tödlich. Bei den sich bemerkbar machenden Zuckungen des geschächteten Tieres handelt es sich keinesfalls um Zukkungen, die auf einen Schmerz zurückzuführen sind.«

Es gibt wissenschaftliche Gutachten. die sowohl die eine als auch die andere Auffassung untermauern; der deutsche Tierschutzbund ist indessen der Meinung, die erste sei richtig.

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