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Tiermast Mit Kombis übers Land

Bundesweit vertreiben geschäftstüchtige Tierärzte gesundheitsschädliche Medikamente. Nur selten fliegen sie auf, denn Kontrollen sind lasch, Behörden verheddern sich im Kompetenzwirrwarr. So wissen Beamte seit über einem Jahr, daß in Kalbslebern alarmierend hohe Kupferwerte gefunden werden. Gewarnt haben sie nicht.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Die niedersächsischen Bauern konnten sich keinen Reim auf die Vorwürfe machen. Fleischkontrolleure im Schlachthof in Emstek hatten immer mal wieder bei ihren Schweinestücken viel zu hohe Arzneimittelrückstände festgestellt - Penicillin im Muskel, Streptomycin in den Nieren, alles deutlich über den Grenzwerten.

Der letzte Medikamenteneinsatz in ihren Ställen liege schon über einen Monat zurück, sagten die Landwirte den Beamten. Längst müßten die Mittel, die sie gegen Infektionen der Tiere ins Futter gegeben hatten, abgebaut sein.

Die Spur der gedopten Schweine führte in den Raum Oldenburg. Dort versorgt ein Tierarzt die Mäster »gut und gern«, so einer der Landwirte, mit Tierarzneien.

Der Tierarzt aus dem Oldenburgischen ist bundesweit bekannt für seine eigenwilligen Mixturen. »Hausspezialitäten« nennt er sie, »Höllenmischungen« sagen Pharmaexperten dazu: Antibiotika wie Penicillin, Streptomycin und Tetracyclin mischt der Tierarzt in immer neuen Kombinationen zusammen - aus, so der Verdacht, nicht zugelassenen Rohstoffen. 15 Tierärzte, ausgestattet mit Handys, Laptops und schnellen Autos, bringen die Cocktails in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern in die Ställe - Stoff für eine Million Schweine.

Durch das Zusammenrühren der unterschiedlichen Substanzen können sich die Abbauzeiten im Fleisch der Tiere addieren, im Schnitzel können gesundheitsgefährdende Rückstände der Mixturen stecken und Resistenzen und Allergien verursachen.

Die Bundestierärztekammer beschäftigt sich derzeit mit Mischungen des Tierarztes, Staatsanwälte in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ermitteln gegen ihn und andere Tierärzte, die mit ihm zusammenarbeiten. »Für Pfuscher gibt es keinen Schutz«, sagt ein Ermittler.

Der Tierarzt kann die Aufregung nicht verstehen. »Wir haben eine hohe Arzneimittelsicherheit«, sagt er. Den Vorwurf der Fahnder, daß er mit Phantombezeichnungen auf seinen Packungen über Inhaltsstoffe und Mengen getäuscht haben soll, weist er von sich.

Der Fall des Mischers aus dem Raum Oldenburg ist typisch für die Grauzone des Marktes mit seinem Gewirr von legalen und verbotenen Präparaten. Je komplizierter die Vorschriften werden, je stärker der Konkurrenzdruck wird, desto mehr geraten Tierärzte in Versuchung, mit illegalen Mittelchen Geschäfte zu machen.

»Da ist bei einigen das Gefühl für die Gesetzestreue völlig abhanden gekommen«, weiß Günter Pschorn, Präsident der Bundestierärztekammer.

Der Bedarf für durchschlagende Arznei ist groß: Die Kälber- und Schweinebestände in der industriellen Tierhaltung erfordern Medikamente gleich tonnenweise. Krankheiten breiten sich in solchen Agrarfabriken rasend schnell aus. Und: »Die Bauern wollen es möglichst billig«, weiß Veterinär Pschorn.

Rund 20 Tierärzte stehen derzeit im Verdacht, in großem Stil illegal mit Medikamenten zu handeln. Mit Dumpingpreisen kommen sie gegen die Konkurrenz des Hoftierarztes ins Geschäft, die Pharmafirmen geben den Massenabnehmern reichlich Rabatt. Die Mediziner versenden - illegal - Listen, mit denen der Bauer ohne Beratung bestellen kann, oder reisen mit Kombis voller Arzneiflaschen übers Land.

Als »Aldi« unter den Tierärzten gilt Kollegen Friedrich Stampa aus Brokstedt bei Itzehoe. Er bietet zu Billigstpreisen an, zehn Tierärzte reisen für ihn von Hof zu Hof. Nun jedoch ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Doktor, weil er im Verdacht steht, illegal Medikamente zu vertreiben. Bei einer Hausdurchsuchung stellten Fahnder Unterlagen sicher, im Keller fanden sie 2,6 Tonnen des Tiermedikaments Ronidazol. Das Präparat wurde gegen Durchfall eingesetzt, ist aber seit 1994 verboten - es steht im Verdacht, daß es Erbgut schädigt und Krebs erzeugt. Die Fahnder glauben Beweise zu haben, daß Stampa das Mittel auch nach dem Verbot noch in die Ställe brachte. Stampa bestreitet den Vorwurf.

Die Leichtigkeit, mit der Dealer im Stall an verbotene Arzneimittel oder Masthilfsmittel herankommen können, dokumentierten die beiden ARD-Fernsehautoren Jörg Heimbrecht und Herbert Klar. Sie gründeten die Scheinfirma »AB AgroChem«.

Das Tarnunternehmen orderte weltweit. In Prag etwa meldeten sich die Schein-Manager beim Pharmahändler Chemapol. Eine Lieferung von 1,5 Tonnen Chloramphenicol pro Woche sagte die Prager Firma zu - nicht ohne den Hinweis, daß das Mittel in der Mast verboten ist (SPIEGEL 4/1996).

In Eschborn bestellten die falschen Händler bei der Niederlassung eines ungarischen Unternehmens das künstliche Sexualhormon Nandrolon. Der Geschäftsführer sagte zu, etwa 100 Kilogramm zu liefern. Das reicht als Masthilfe für einige hunderttausend Rinder. Derartige Mittel können mühelos über den Zoll geschafft werden, ihr Einsatz ist zwar verboten, nicht aber ihre Einfuhr.

Trotz des schwunghaften Handels werden in Deutschland nur relativ selten verbotene Substanzen im Fleisch entdeckt. In den vergangenen Jahren stellten Veterinärkontrolleure bundesweit in weniger als einem Prozent aller untersuchten Rinderkörper etwa Clenbuterol fest. Doch die Fachleute glauben zu wissen, daß es fast jeder Rinderhalter illegal spritzt.

Daß nicht mehr kriminelle Mäster gefaßt werden, liegt vor allem an laschen Kontrollen. Nur zwischen 0,5 und 2 Prozent der Schlachttiere werden bei Rückstandskontrollen in der Bundesrepublik untersucht.

Schon Anfang der neunziger Jahre inspizierten Veterinäre der EU das deutsche Kontrollsystem. Ihr Dossier, das auch der Bundesregierung vorliegt, wird bis heute geheimgehalten - aus gutem Grund. Bei Kontrollen in Schlachthöfen und Analysen im Labor werde geschlampt, vor Untersuchungen würden Teile des Tiers, in die gespritzt worden sein könnte, beiseite geschafft.

Ein Grund für die Schlamperei, so die EU, sei der Kompetenzwirrwarr zwischen Bund und Ländern. So fielen Amtstierärzten im Schlachthof in Freiburg schon vor über einem Jahr seltsam aufgedunsene Kälberlebern auf, sie stammten von Tieren aus Cloppenburg.

Chemiker stellten hohe Kupferwerte fest. Weitere Untersuchungen ergaben, daß Kupfer in den Kälbern »ein bundesweit verbreitetes Phänomen« sei, so ein Amtsveterinär. Ein Hinweis an die Verbraucher unterblieb, nur die Hersteller von Säuglingsnahrung warnte Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer. Kupfer bindet das Eisen im Tierkörper und führt zu Blutarmut. Das Fleisch wird weiß, was viele Konsumenten schätzen. Bei Menschen können Kupferrückstände schwere Übelkeit auslösen.

Das Problem wurde zwischen Bundes- und Landesbehörden gut ein Jahr lang hin- und hergeschoben. Seit letzter Woche tagt in Stuttgart ein Krisenstab. Die Experten haben sich mangels eines amtlichen Grenzwertes auf einen vorläufigen Richtwert von maximal 200 Milligramm Kupfer pro Kilogramm Fleisch geeinigt.

Bundesweite Analysen ergaben im letzten Jahr, daß 41 Prozent der untersuchten Lebern darüberlagen. Spitzenwert: 700 Milligramm. Die baden-württembergische Lebensmittelüberwachung will die stark belasteten Lebern jetzt »als zum Verzehr nicht geeignet« einstufen.

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