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»MIT LAGERN MACHST DU UNS NICHT BANGE«

Zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution bemüht sich der sowjetische Parteichef Breschnew um eine Rehabilitierung Stalins, den sein Vorgänger Chruschtschow auf dem XX. und dem XXII. Parteitag der KPdSU verurteilt hatte. Bereits vor einem Jahr erinnerte Breschnew an Stalins Verdienste im Krieg. Eine offizielle Berichtigung des Chruschtschow-Verdikts wollte Breschnew auf dem XXIII. Parteitag im Frühjahr 1966 vornehmen. Intellektuelle, Wissenschaftler und junge Offiziere protestierten und verhinderten diesen Plan. Wenige Wochen vor Beginn des Parteitages, am 16. Februar, fand im Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der KPdSU eine stürmische Sitzung der »Abteilung für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges« statt. Die Teilnehmer diskutierten über das Buch »22. Juni 1941« des sowjetischen Historikers Alexander M. Nekritsch, der Stalin für die anfänglichen Niederlagen der Sowjetarmee verantwortlich macht. Das Protokoll der Sitzung, dem die folgenden Auszüge entnommen sind, gelangte erst jetzt in den Westen.
aus DER SPIEGEL 13/1967

Tagesordnung: Diskussion über das Buch »22. Juni 1941« von A. M. Nekritsch. Anwesend: 130 Personen. Vorsitzende: Generalmajor J. A. Boltin, Generalmajor B. S. Telpuchowski. Professor G. A. Deborin und der Doktor der Geschichtswissenschaft A. M. Nekritsch. Sitzungsleiter: Boltin. Beginn: 10.15 Uhr.

Deborin*: Es geht vor allem darum, die Ursachen für die Niederlagen unserer Armee am Anfang des Krieges festzustellen. In dem Kapitel seines Buches »Warnungen, über die man sich hinwegsetzte« vertritt Nekritsch einen falschen Standpunkt. Er führt alles auf die stumpfsinnige Starrköpfigkeit von Stalin selbst zurück. Das ist oberflächlich. Es bedeutet, daß sich das Problem mit dem Tode Stalins erledigt hätte. Das ist nicht wahr: Stalin trägt nicht allein die Schuld.

* Mitglied des »Instituts für Marxismus-Leninismus«, Herausgeber der »Geschichte des Großen vaterländischen Krieges der Sowjet-Union 1941 bis 1945«.

** Marschall Tuchatschewski, General Jakir und weitere hohe Offiziere wurden 1937 zum Tode verurteilt und -- mit einem großen Teil des Offizierskorps -- hingerichtet.

Gewisse Leute redigierten ihre Berichte wahrheitswidrig, um Stalin zu gefallen. Wenn Stalin keine richtigen Informationen erhielt, kam er zu falschen Schlußfolgerungen. Er setzte zu große Hoffnungen auf den deutsch-sowjetischen Vertrag, während die Deutschen sich im Schutz dieses Vertrags auf den Angriff vorbereiteten. Man kann nicht alle Schuld auf Stalin wälzen.

Man hat ihm vorgeworfen, daß er die Produktion der 45-Millimeter-Kanonen einstellen ließ. Aber diese Kanonen waren gegen die deutschen Panzer wirkungslos, und darum hatte die Regierung die Produktion eingestellt.

Eine Stimme im Saal: Das ist falsch. Die 45-Millimeter-Kanone hat den ganzen Krieg mitgemacht. Sie funktionierte ausgezeichnet. Ihre Produktion einzustellen war ein Verbrechen. Wir kämpften gegen die deutschen Panzer mit bloßen Händen. Zu Anfang des Kriegs standen wir völlig ohne Panzerabwehrwaffen da.

Deborin: Man kann auch den Tuchatschewski-Prozeß** nicht Stalin allein in die Schuhe schieben. Auch General Blücher und andere wußten, daß die Gruppe Tuchatschewski-Jakir unschuldig war. Und dennoch haben sie sie verurteilt.

Eine Stimme im Saal: Sicher wußten sie es.

Deborin: Aber Genossen, Ich glaube, daß man nicht daran zweifeln kann, daß (die späteren Marschälle) Woroschilow und Budjonny, die am Tuchatschewski-Prozeß teilnahmen, Männer mit Ehre und Gewissen waren.

(Empörung im ganzen Saal, Rufe: Woroschilow hat am Prozeß nicht teilgenommen! Was für eine Ehre und was für ein Gewissen? Feige Memmen! Abschaum! Unter dem Lärmen des ganzen Saals steigt Debarin von der Tribüne.)

Anfilow (vom Generalstab): Was Woroschilow und Budjonny angeht, so waren sie Männer ohne Ehre. In unseren Archiven gibt es zahlreiche Dokumente, die wir im Augenblick noch nicht veröffentlichen können, die aber die Tätigkeit dieser beiden Männer in einem völlig negativen Licht erscheinen lassen. Ich führe hier nur eine ganz kleine Episode an. Mitte 1937 erklärte Stalin: »Ich und Woroschilw kamen 1918 in Zarizyn an, und in einer Woche hatten wir alle Feinde des Volkes entlarvt.« Stalin meinte damit eine Reihe früherer Generalstabsoffiziere, die der Sowjetmacht aufrichtig dienten.

Eine Stimme im Saal: Und die alle ohne Prozeß ertränkt wurden. Anfilow: Dann sprach Woroschilow. Er erklärte sich mit Stalin völlig einverstanden und forderte uns auf, unsere eigenen Freunde und Kollegen zu dezimieren. Mir blutet das Herz, wenn ich Woroschilow bei den Paraden auf der Tribüne des Lenin-Mausoleums sehe.

Wenn alle unsere Streitkräfte kampfbereit gewesen wären, was ganz allein von Stalin abhing, dann hätten wir zu Beginn des Kriegs nicht eine so vernichtende Niederlage erlitten!

Sicher muß man auch die Verantwortung unserer führenden Militärbefehlshaber berücksichtigen. Nach ihren Reden und ihren Memoiren zu urteilen, waren Golikow und Kusnezow Helden*. In Wirklichkeit schickte Geilikow Stalin einen Bericht, in dem er den ganzen »Barbarossa-Plan« darlegte, jedoch darauf hinwies, daß dieser Plan eine Provokation sei, um die UdSSR in einen Krieg mit Deutschland zu verwickeln.

Kusnezow schreibt, daß er von dem sowjetischen Marineattaché Woronzow in Berlin einen Bericht mit den Plänen und Daten über den deutschen Angriff erhielt und diese Informationen sogleich an Stalin weiterleitete. Stimmt. Aber wie kam das bei Stalin an? Sie müßten den Bericht lesen! Dort steht, daß die Mitteilung von Woronzow eine Provokation der deutschen Spionageabwehr gewesen sei.

Jedenfalls bleibt Stalin schuldig. Vor kurzer Zeit führte ich ein Gespräch mit Schukow"**. Er sagte mir, daß Golikow Stalin direkt unterstand und daß er weder dem Chef des Generalstabs (Schukow) noch dem Volkskommissar für Verteidigung, Timoschenko, Bericht erstattete. Diese wußten nichts von den Plänen und Daten des deutschen Angriffs. Mir ist es nicht gelungen, mit Timoschenko zu sprechen: Er unterhält sich nicht mit unsereinem.

Sastawenkho (vom Institut für Marxismus-Leninismus): Die Umgebung half Stalin nicht, sich von der Situation eine richtige Vorstellung zu machen. Am 5. Juni 1941 hielt Kalinin*** noch eine Rede vor der Militärpolitischen Akademie, in der er erklärte: »Die Deutschen bereiten sich darauf vor, uns anzugreifen, wir warten darauf. Je schneller, desto besser: Wir werden ihnen den Hals umdrehen.«

Eine Stimme aus dem Saal: Der alte Quatschkopf!

Sastawenko: Das war die Ansicht des Politbüros. Es unterschätzte die Macht Deutschlands. Nicht Stalin allein ist verantwortlich für das, was geschehen ist. (Stimmengewirr im Saal)

Daschitschew (vom Generalstab): Was Deborin über die 45-Millimeter-Kanonen gesagt hat, ist nicht richtig. Zu Beginn des Kriegs durchbohrten die Geschosse dieser Kanone jeden deutschen Panzer. Ihre Produktion einzustellen bedeutete unsere Armee zu entwaffnen, denn es wurde keine andere Panzerabwehrkanone produziert. Die Armee war also ohne Artillerie und ohne Panzerabwehrmunition.

Das Schlimmste ist, daß die sowjetischen Quellen nicht immer zugänglich sind. Wann wird man uns endlich zu

* Marschall Golikow, 1940/41 stellvertretender Generalstabschef und Leiter der mititärischen Spionage; Admiral Kusnezow, 1951 bis 1955 Minister für die Kriegsmarine.

** Marschall Schukow, 1941 Generalstabschef, 1953 bis 1957 Verteidigungsminister.

*** Michail Iwanowitsch Kalinin, 1925 bis kurz vor seinem Tode 1946 formelles Staatsoberhaupt der Sowjet-Union.

allen Quellen Zutritt gewähren? In dem Archiv des Außenministeriums müßte man Hinweise über das Treffen zwischen dem deutschen Botschafter Schulenburg und Molotow im Beisein von Pawlow* finden, bei dem Schulenburg sein eigenes Land verriet, indem er verkündete, Deutschland werde am 22. Juni die UdSSR angreifen. Schulenburg weinte; er bat, die Streitkräfte möchten sich auf den Kampf vorbereiten -- vielleicht bekomme Hitler es mit der Angst zu tun und werde seinen Plan nicht ausführen. Aber man traute Schulenburg nicht.

Golikow war nicht nur ein Verbrecher. weil er die Informationen redigierte, damit sie Stalin gefielen, sondern darüber hinaus, weil er die besten Agenten unserer Spionage-Abwehrdienste im Ausland verhaften ließ.

Eine Stimme im Saal: Einschließlich Sorge!**

Daschitschew: Hat das Buch von Nekritsch die Ursachen der Tragödie vom Juni 1941 voll und ganz aufgedeckt? Man müßte den Dingen noch weiter auf den Grund gehen. Stalin ist für diese Tragödie hauptverantwortlich. Er hat die Situation geschaffen, in der sich damals das Land befand. Das größte Verbrechen Stalins besteht darin, daß er die besten Kader unserer Armee und unserer Partei beseitigt hat. Alle unsere Führer kannten die internationale Situation, aber kein einziger besaß den Mut, sich für die notwendigen Maßnahmen zur Verteidigung des Landes einzusetzen. Das war ihre schreckliche Schuld gegenüber der Partei und dem Volk.

Auch heute behaupten einige noch, man dürfe Stalin nichts Schlechtes nachsagen und er sei es nicht allein gewesen. Das ist falsch. Der Busfahrer ist für jeden Unfall verantwortlich, der durch sein Verschulden herbeigeführt wird. Stalin hat die Verantwortung auf sich genommen, selbständig zu regieren. Seine Schuld ist unermeßlich groß.

Man muß die Gründe besser darlegen, die die Haltung von Schulenburg, Halder und Raeder bestimmten (die beiden letzten waren innerhalb des Hauptquartiers von Hitler gegen einen Krieg mit der UdSSR). Diese Männer waren von

* Stalins persönlicher Dolmetscher, nach Gerüchten sein illegitimer Sohn.

** Deutscher Spion in Sowjet-Diensten, 1964 posthum zum »Helden der Sowjet-Union« ernannt.

keinerlei Liebe für unser Land getrieben. Hitler hat die deutschen Militärs dann stark beeinflußt, als er auf einer Versammlung erklärte: »Die Rote Armee ist enthauptet worden; 80 Prozent ihrer Befehlshaber wurden liquidiert; die Rote Armee ist schwächer denn je. Das ist der Hauptfaktor meiner Entscheidung. Man muß den Krieg führen, bevor neue Kader herangebildet sind.« Jeder Historiker muß den Mut zur Wahrheit haben.

Melnilcow*: Wir wollen uns jetzt einem Problem zuwenden, über das man bis heute noch nicht sprechen konnte, da es zu sehr mit »Tabu« beladen ist: die Verhandlungen von Molotow und Hitler im November 1940 in Berlin. Erinnern wir uns an die Situation! Es war die letzte Phase bei den Vorbereitungen der Operation »Barbarossa«, die Deutschen hatten bereits damit begonnen, Truppen an die sowjetische Grenze zu verlegen.

Die Hitler-Diplomaten verstärkten ihre Aktivität auf dem Balkan und in Finnland. Um ihre Vorbereitungen der sowjetischen Regierung zu verheimlichen, schlug Hitler ein Treffen auf höchster Ebene vor. Molotow, der Vorsitzende des Rats der Volkskommissare, begibt sich daraufhin nach Berlin. Hitler legt ihm einen Plan über die Teilung der Welt vor, der sehr allgemein ist. Molotow forderte sehr konkret die Dardanellen, Bulgarien, Rumänien und Finnland. Hitler wollte sich nicht auf eine Debatte einlassen, denn er fürchtete, es könnte etwas zu seinen künftigen Alliierten durchsickern. Als Antwort auf Molotows Forderungen schlug er der Sowjet-Union vor, der Achse Rom-Berlin-Tokio beizutreten**. (Empörung im ganzen Saal) Wir haben nicht das Recht, uns um die Stalin-Frage herumzudrücken.

Wassilenko (Institut für Marxismus-Leninismus): Objektiv hatten wir alle notwendigen Mittel, um dem deutschen Angriff Widerstand zu leisten. Stalin hat aber alles zum Scheitern gebracht. Um seine schmachvolle Niederlage zu rechtfertigen, hat er später die verlogene und gefährliche Theorie aufgestellt, der Aggressor sei immer besser auf den Krieg vorbereitet.

Kulisch: Ob Stalin ganz oder nur begrenzt schuldig ist, immer kommt man zum Personenkult. Wie konnte eine solche Situation entstehen? Wie führte unsere Regierung mit Stalin an der Spitze das Land? Wie verteidigte sie unser Volk gegen die Gefahr? Hat es diese Regierung verstanden, ihre Verantwortung wahrzunehmen? Die Antwort lautet: Nein. Man muß den Prozeß analysieren, in dem Stalin, der seiner Aufgabe nicht gewachsen war, zum Partei- und Staatschef mit unbegrenzten Vollmachten wurde.

Noch eine offensichtliche Unwahrheit: In unserer gesamten Literatur wird der Anschluß der westlichen Ukraine und des westlichen Weißrußland*** als Verbesserung der Verteidigungsfähigkeit unseres Landes bewertet. Aber wir wissen doch, daß es so nicht ist.

Gnedin***: Ich wollte nicht sprechen, aber die Diskussion verläuft so, daß ich

* Professor Melnikow, Verfasser eines Buches über den 20. Juli 1944.

** Nach dem deutschen Protokoll stimmte Molotow grundsätzlich zu.

*** Frühere polnische Ostgebiete, die aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts von der Sowjet-Union annektiert wurden.

**** Altbolschewik, Mitarbeiter des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen.

mich verpflichtet fühle, die Tribüne zu besteigen. Zwei Jahre lang habe ich Stalin und Molotow Informationen übermittelt. Stalin wußte alles, seine Politik bestand darin, keine Maßnahmen zu treffen. In unserer Literatur wird behauptet, Stalin sei am 5. Mai 1941 Regierungschef geworden, um die Verteidigung des Landes vorzubereiten. Nichts rechtfertigt eine solche Behauptung. Stalin hat nichts getan, um das Verteidigungspotential der UdSSR zu verstärken. Wir haben allen Grund zu glauben, daß Stalin nicht Regierungschef wurde, um die Verteidigung des Landes vorzubereiten, sondern um sich mit Hitler zu verständigen.

Sleskin (vom Institut für Geschichte): All das hat dem Land unermeßlichen Schaden zugefügt. Jeder ist auf seine Art schuldig, und sei es, daß er nicht gewagt hat, das zu sagen, was er dachte. Je höher man in der Hierarchie aufsteigt, um so größer ist die Verantwortung. Nicht die Wahrheit zu sagen, um seiner eigenen Vorteile willen, ist ein um so größeres Vergehen, je höher die Stelle ist, die man innehat. Der Hauptschuldige ist Stalin. Der Hitler-Stalin-Vertrag von 1939 war vielleicht notwendig, es war aber ein Verbrechen, auf diesen Vertrag Hoffnungen zu setzen und vor allem, den Kampf gegen den Faschismus einzustellen. Stalin hatte jedoch Befehl erteilt, das zu tun.

Jakir** (vom Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der UdSSR): Einige meiner Vorredner haben vom » Genossen Stalin« gesprochen. Das ist ein falscher Ausdruck. Stalin war niemals Genosse und vor allem nicht unser. Stalin hat der Entwicklung unserer Rüstung Hindernisse in den Weg gelegt, indem er viele ausgezeichnete Techniker beseitigte, unter anderem Langemann (den Erfinder der Stalinorgel). Man muß auch die Frage der Lager untersuchen. Wir waren im Krieg, und in den Lagern befanden sich Millionen gesunder Menschen, Spezialisten auf allen Gebieten wirtschaftlicher und militärischer Fragen. Für ihre Bewachung brauchte man außerdem erhebliche Streitkräfte.

Petrowski (vom Institut der historischen Archive): Man muß daran erinnern, daß der Faschismus schon zu Lebzeiten Lenins entstand: Die Machtergreifung Mussolinis in Italien, der Kapp-Putsch und so weiter. Lenin bezeichnete den Faschismus als den Hauptfeind. Stalin mißachtete diesen Hinweis Lenins und ernannte zum Hauptfeind die Sozialdemokratie. Seine »Theorie« fand weite Verbreitung und spaltete Millionen Arbeiter in der ganzen Welt. Das gab den Faschisten die Möglichkeit, die Macht zu ergreifen. Stalin ist ein Verbrecher ...

Boltin: Genosse Petrowski, in diesem Saal und auf dieser Tribüne muß man seine Ausdrücke wählen. Sind Sie Kommunist?

Petrowski: Ja.

Boltin: Ich habe nicht gehört, daß irgendwo in den Direktiven unserer Partei, die für uns beide verpflichtend sind, davon gesprochen wird, daß Stalin ein Verbrecher sei.

Petrowski: Auf dem XXII. Parteikongreß wurde verordnet, Stalin wegen seiner Vergehen gegen die Partei aus dem Mausoleum zu entfernen. Das bedeutet: Er ist ein Verbrecher. Man kann Stalin nicht rechtfertigen. Das hieße jede beliebige Diktatur vom Typ Stalins oder Mao Tse-tungs entschuldigen.

Snegow***: Stalin hätte erschossen werden müssen. Statt dessen versucht man heute, ihn zu rechtfertigen.

Warum hat Deborin versucht, Stalin zu rechtfertigen? Als Hitler die Aggression gegen Polen vorbereitete, half ihm Stalin. Er hat alle polnischen Kommunisten in der UdSSR erschießen lassen und die Kommunistische Partei Polens für vogelfrei erklärt. Warum wurde die vierte Teilung Polens als Befreiungsbewegung ausgegeben? Wie kann man Kommunist sein und mit Ruhe von Stalin sprechen, der die Kommunisten verraten und verkauft hat, der fast alle Delegierten des VII. Parteikongresses und fast alle auf diesem Kongreß gewählten Mitglieder des Zentralkomitees beseitigt hat, der die Spanische Republik, Polen und alle Kommunisten in allen Ländern verraten hat.

Deborin (Schlußwort): Ich habe mir nicht zur Aufgabe gemacht, Stalin zu verteidigen oder zu rechtfertigen. Man muß alle Aspekte des Personenkults eingehender untersuchen. Zum Diskussionsbeitrag von Snegow darf ich sagen, daß wir das, was er über Polen gesagt bat, schon mehr als einmal gehört haben; diese Bemerkungen kamen aber damals aus dem feindlichen Lager. Das sagt unter anderem der westdeutsche Professor Jacobsen. Es ist eigenartig, daß Snegow ebenfalls diesen Standpunkt vertritt. Genosse Snegow muß uns sagen, zu welchem Lager er gehört!

Snegow: Ich gehöre zum Lager von Kolyma****

Deborin: Das muß alles nachgeprüft werden. (Der Saal explodiert vor Empörung. Zurufe: »Telephon-Nummer gewünscht?« »Rückfall in die Vergangenheit?« Die Zuhörer gestatten es nicht, daß Deborin fortfährt.)

Snegow: Ich dachte, ich würde an einer wissenschaftlichen Diskussion teilnehmen. Deborin hat als wissenschaftliche Demonstration die »Beweise« nach der Art von 1937 vorgebracht. Aber mit Lagern machst du uns nicht bange! Wir lassen uns nicht einschüchtern. Die Zeiten haben sich geändert, und die Vergangenheit kommt nie mehr zurück. (Applaus)

* Links: Hitlers Hofphotograph Heinrich Hoffmann.

** Sohn des 1938 erschossenen Generals Jakir.

*** Sowjetischer Dichter.

**** Zwangsarbeiterlager der Stalinzeit in Nordostsibirien.

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