Zur Ausgabe
Artikel 54 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Mit Late Night bin ich fertig«

ARD-Star Harald Schmidt, 49, über das Ende seiner nächtlichen Solo-Auftritte, den geplanten Neuanfang mit Nachwuchs-Comedian Oliver Pocher, 29, und den wahren Grund, weshalb er einst zum Fernsehen ging
aus DER SPIEGEL 25/2007

SPIEGEL: Herr Schmidt, vergangene Woche verabschiedeten Sie sich in die Sommerpause. G 8 und Klimawandel, Kirchentag oder Paris Hilton im Knast - bis zuletzt schienen Ihnen die wirklich großen Themen zu fehlen.

Schmidt: Die Wahrheit ist: Es gibt gar keine großen Themen mehr. Alles ist gleich bedeutend - oder gleich wurst. Alles zerbröselt einem unter den Händen. Und eigentlich weiß man immer schon vorher, was passieren wird. Selbst Eins-a-Nummern halten sich maximal noch vier Tage.

SPIEGEL: Was hat die Große Koalition dem Land und Ihnen humortechnisch gebracht?

Schmidt: Eine tiefe Beruhigung. Die Regierung ist auf eine Art erfolgreich, die für das klassische Kabarett ohnehin nicht mehr

zu packen ist. Der Konsens reicht heute von Papst Benedikt XVI. über Bischöfin Margot Käßmann bis zu Daniel Goeudevert, den man mittlerweile als Nebenerwerbs-Philosophen buchen kann. Es ist für alle gesorgt.

SPIEGEL: Die »Weltwoche« warf Ihnen »die Kunst des postumen Moderierens« vor. Wer ist langweiliger geworden - das Land, Sie oder beide?

Schmidt: An dieser Stelle muss bereits ein zentraler Satz unseres Gesprächs fallen: Ich bin unabhängig von diesem Land. Ich lebe hier zwar gern, zahle meine Steuern und bringe meine Kinder zur Schule, aber ich habe bei Goethe gelernt: Niemals irgendwo komplett andocken. Man muss immer bereit bleiben, beim Mittagessen aufzustehen, »Tschüssikowski« zu rufen und nach Italien zu fahren.

SPIEGEL: Eine Art Teilabschied bereiten Sie gerade vor. Ab Herbst werden Sie Ihre Show gemeinsam mit dem verprollten Nachwuchs-Clown Oliver Pocher bestreiten.

Schmidt: Die »Harald Schmidt Show« gibt es seit gefühlten 25 Jahren. Sie wurde von verschiedenen Sendern ausgestrahlt und hieß zwischendurch auch mal »Verstehen Sie Spaß?« Ab Herbst wird sie für 22 Folgen »Schmidt & Pocher« heißen. Das ist alles.

SPIEGEL: Dann werden Sie nur noch einmal pro Woche eine Stunde zu sehen sein. Late Night lebt aber von chronischer Wiederkehr - am besten jeden Abend.

Schmidt: Das stimmt. Und deshalb stimmt auch: Mit Late Night bin ich fertig.

SPIEGEL: Bitte? Früher waren Sie doch überzeugt, erst im Greisenalter mit dem Format in die Gruft zu fahren ...

Schmidt: ... was ich heute für einen Irrtum halte. Ich habe bei Sat.1 acht Jahre lang Late Night gemacht, vier Shows pro Woche. Man hat dann irgendwann nichts anderes mehr, auf jeden Fall nichts, was einem Privatleben noch ähneln würde. Ich habe sogar alle Geschichten aus meinem eigenen Leben so oft erzählt, dass ich bereits selbst anfange, mir zu glauben.

SPIEGEL: Feuilletons und Fans reagierten verwirrt auf die Personalie Pocher.

Schmidt: Geben wir der Wahrheit die Ehre: Es herrschte blankes Entsetzen. Manche beschimpften sogar die ARD, sie würde mir den jungen Mann quasi vorsetzen. Da fand ich die neue WDR-Intendantin Monika Piel schon wieder toll. Die sagte, sie selbst finde Pocher nicht lustig, vertraue aber meiner Urteilskraft. Ich brauche all diese Reaktionen. Ich brauche sie wie ein Junkie die Spritze.

SPIEGEL: Warum Pocher?

Schmidt: Warum nicht? Seit er vor vielen Jahren zum ersten Mal als Gast bei mir in der Show war, verfolge ich seinen Werdegang. Er ist ein Riesentalent. Er beobachtet sehr genau. Er ist komisch. Sie müssen ihn mal erleben, wenn er Thomas Gottschalk parodiert, der gerade einen Musikact ankündigt. Oder Mario Barth. Großartig.

SPIEGEL: Er wird auch Witze auf Ihre Kosten machen.

Schmidt: Leider geht alles auf meine Kosten, denn er wird ja von der Kogel & Schmidt GmbH bezahlt. Aber dafür machen Pochi und ich auch künftig die Show. Und ich sage immer, wenn er was abfeuert: Riesig, Baby! Meine Zielvorstellung: Ed McMahon, Sidekick der US-Talklegende Johnny Carson.

SPIEGEL: Sie wollen wirklich nur noch eine Nebenrolle spielen?

Schmidt: Eigentlich hatte ich Pocher angeboten, gleich 250 Late-Night-Shows pro Jahr bei einem befreundeten Sender zu machen, von denen ich allenfalls noch 30 als Urlaubsvertretung gestalten würde, so Las-Vegas-mäßig mit weißem Anzug, offenem Hemd und violetter Sonnenbrille. Darauf wollte er sich nicht einlassen. Er glaubt, er sei noch nicht so weit. Aber wir arbeiten daran. Er ist jedenfalls einer, der mit hundert Ideen kommt.

SPIEGEL: Neuen?

Schmidt: Natürlich nicht. Alles war schon mal da und wurde im Zweifel auch von mir erfolgreich versendet. Aber er hat diesen Elan ... das gefällt mir.

SPIEGEL: Als die Personalie raus war, sagte er im SPIEGEL grob vereinfacht: Harald braucht Hilfe, der alte Sack ist ausgebrannt ...

Schmidt: ... ja ...

SPIEGEL: ... die ARD ist ein lustiger Laden, in dem man eine Show bekommt, ohne mit einem Verantwortlichen zu reden ...

Schmidt: ... stimmt auch ...

SPIEGEL: ... und Manuel Andrack muss von der Bühne.

Schmidt: Andrack bleibt Redaktionsleiter. Oder Bühnenbohrer, vielleicht auch Zitronenfalter. Dass er nicht mehr vor der Kamera sitzen wird, hatten wir schon besprochen, bevor wir gemeinsam auf Pocher zugingen, von dem ich aber auch nicht glaube, dass er der ARD scharenweise junge Zuschauer beschert. Die drücken das Erste einfach nicht. Sie müssen das aber anders sehen: Dass Pocher einen auf Rumpelstilzchen machte, brachte gefühlte 190 000 Google-Einträge, ohne dass ich auch nur husten musste. Der kecke Schelm macht das also schon ganz gut.

SPIEGEL: Wie geht es weiter, wenn die Kooperation erfolgreich ist?

Schmidt: Ich fürchte, es wird sogar fortgesetzt, wenn wir abkacken. Wir müssen ja schon wieder Verträge verhandeln, wenn wir erst ein paar Folgen hinter uns haben.

SPIEGEL: Wollen Sie sich allmählich auflösen? Sie traten zuletzt immer häufiger in Nebenjobs in Erscheinung: Waldemar-Hartmann-Partner bei Winterolympia, Moderation von »Report«, Auftritt bei der ZDF-Konkurrenz vom »heute journal« und in der Vorabendserie »Unser Charly«. Sehen wir Sie demnächst als Gastkoch bei »Kerner«, Eintänzer bei »Let's Dance« oder am Hot Button von Neun Live?

Schmidt: Letzteres wäre sicher das Einzige, was ich mir aus dieser Reihe vorstellen könnte. Ich mache das, was mich interessiert. Als ich meinen Kindern ein Foto zeigte, das mich mit dem ZDF-Schimpansen »Charly« zeigte, war ich zu Hause wer, weil die Serie dort wirklich verehrt wird.

SPIEGEL: So erschließen Sie sich auch mit Ihrer kleinen Rolle als Witwenschüttler auf dem ZDF-»Traumschiff« ganz neue Zielgruppen.

Schmidt: Moment, das heißt Gentleman-Host. Eine Art Uli Wickert auf See. Erstens wollte ich immer schon mal die Route bereisen - von Kuba bis Valparaíso. Zweitens mit dem TV-Produzenten Wolfgang Rademann arbeiten. Es war sen-sa-tio-nell.

SPIEGEL: Inhaltlich scheinen Sie keine Gnade mehr zu kennen.

Schmidt: Ich muss ehrlich sagen, bei Engagements gilt für mich die Devise: Drehort geht vor Inhalt. Manchmal versucht der für mich zuständige WDR-Redakteur, mich von etwas Lokalem zu überzeugen - Köln abwärts. Ich sage dann: Zwei Wochen mit den Berliner Philharmonikern in Sydney - drunter läuft gar nichts mehr.

SPIEGEL: Sie wollen irritieren.

Schmidt: Es ist viel schlichter. Meine »Traumschiff«-Folge wurde im Januar gedreht, eine in Deutschland doch eher trübe Zeit. Ich bekam auch noch gutes Geld dafür, bei 30 Grad im Schatten unter blauem Himmel zu sitzen und Faxe aus der Heimat zu empfangen, die mich informierten: Ver.di verschärft Gangart. Das sind verschiedene deutsche Wirklichkeiten, die alle auf diesem Schiff stattfinden. Dann fuhr man durch den Panama-Kanal, vor dessen eigentlichem Baubeginn schon rund 25 000 Arbeiter starben. Und ich horchte in mich hinein, ob wir zu Hause vielleicht doch ein bisschen zu zimperlich sind mit dem Arbeitsschutz.

SPIEGEL: Wann sind Sie gut?

Schmidt: Ich bin eigentlich immer dann am besten, wenn ich den Sender, für den ich arbeite, wirklich hasse.

SPIEGEL: Wie ist es demnach um Ihr Verhältnis zur ARD bestellt?

Schmidt: So langsam kommt's. Ich gebe ja zu: Wir hatten mit meiner Show auch schlechte Phasen. Aber mein Gefühl sagt

mir, dass ich in den nächsten zwei, drei Jahren wieder zu Hochform auflaufen werde. Um mich herum gibt's ja sonst nix.

SPIEGEL: Sie bleiben der ARD treu?

Schmidt: Warum nicht?

SPIEGEL: Weil Sie nur so lange bleiben wollten, wie Günter Struve Programmchef ist. Nächstes Jahr geht er in den Ruhestand.

Schmidt: Durch die Neuausrichtung meiner Show auf nur noch einen Auftritt pro Woche haben sich eh die Vorzeichen geändert. Ich persönlich bedauere aber sehr, dass Dr. Struve geht. Er ist einer der letzten großen Wahnsinnigen des Fernsehens.

SPIEGEL: Was kann man von ihm lernen?

Schmidt: Den großen Satz von literarischer Qualität: Ich erwarte, dass Sie korrupt sind, aber bitte nicht unter zehn Millionen!

SPIEGEL: Sein Ernst?

Schmidt: Jaaa, natürlich. Und meiner auch. Denn was ist denn wirklich die Pest? Dieses Klein-Klein überall. Jedes Mal, wenn ich irgendeinen Tierfutterproduzenten nenne, muss ich gleich die anderen 25 hinterherschieben. Dabei lasse ich mir im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen nicht mal den Zoobesuch von der Privatwirtschaft sponsern via Presserabatt oder VIP-Bonus.

SPIEGEL: Am 18. August feiern Sie Ihren 50. Geburtstag. Werden Sie sich die Gala anschauen, die das Erste für Sie plant?

Schmidt: Da bin ich auf See. Urlaub. Ich werde mir das aber auch danach schenken. Wenn man so lange im Geschäft ist wie ich, sammelt sich unglaublich viel Scheiße an, von der ich hoffe, dass sie niemand mehr sieht. Natürlich schmerzt es mich, dass meine Gala im Ersten übertragen wird, während andere - verdiente - Kollegen in Dritten Programmen abgespeist werden. Ich möchte aber keine Namen nennen. Ich bin da sehr loyal.

SPIEGEL: Hat es für Sie irgendeine Bedeutung, dass Sie selbst nun aus der Zielgruppe jener 14- bis 49-Jährigen fallen, die selbst die ARD heute so verehrt?

Schmidt: Nein. Ich habe diesen Jugendwahn auch nie begriffen. Der Nachwuchs mag besser aussehen, doch er hat ja kein Geld. Es gibt aber größere Leistungen als die Tatsache, 50 zu werden. Zum Beispiel finde ich persönlich es erstaunlich, dass ich 2008 schon 20 Jahre beim Fernsehen sein werde - und 30 am Theater.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich an Ihre erste Rolle?

Schmidt: Einer der Mameluken in Lessings »Nathan der Weise«. Wird normalerweise gestrichen. Aber der Regisseur am Stadttheater Augsburg hat mich gehasst, deshalb musste ich spielen. Mit dem einen Satz: »Nur hier herein!« Exakt mit der ersten Probe begann ich, am Untergang des Regisseurs zu arbeiten ...

SPIEGEL: ... wie später an dem des Fernsehens.

Schmidt: Wie kommen Sie darauf? Ich liebe das Fernsehen. Meine aktuelle Nummer eins ist »Raus aus den Schulden« auf RTL. Da schrei ich mich weg. Dicht gefolgt von der Auswanderer-Soap »Mein neues Leben« auf Kabel eins. Als Letztes sah ich dort ein schwules Pärchen aus der Nähe von Hannover, das in der Karibik kellnern wollte, wobei der eine nicht wusste, dass man dort einer Fremdsprache mächtig sein sollte. Deutsches Fernsehen ist toll. Für mich schließt sich da auch allmählich ein Kreis.

SPIEGEL: Inwiefern?

Schmidt: Als ich mit Kabarett anfing, stand ich manchmal abends vor drei Gästen. Ich

habe dann den Umweg übers Fernsehen eingeschlagen, um bekannter zu werden. Das hat auch geklappt und zugleich meinen Bühnenauftritten Publikum verschafft. Mittlerweile kann ich das Fernsehgeschäft runterschrauben. Man kennt mich ja eh. Und das Schützenhaus in Hankensbüttel ist trotzdem voll.

SPIEGEL: Sie werden nie mehr der Mann für die große Masse.

Schmidt: Dafür gibt es Thomas Gottschalk, Günther Jauch und Hape Kerkeling. Mein

Publikum - das ist eine klar umrissene Million: schwerreiche Supermodels, Nobelpreisträger, vor allem aber Männer, die zum Wasserlassen während der »Sportschau« nicht mehr unbedingt die Couch verlassen.

SPIEGEL: Wie ist das, wenn Ihnen vor Studiopublikum ein Gag verreckt?

Schmidt: Wenig überraschend. Ich weiß es ja vorher.

SPIEGEL: Es gibt keine Lach-Garanten?

Schmidt: »Sag mal, schreit deine Frau auch so, wenn sie kommt? Nee, die hat 'nen Schlüssel.« Das funktioniert auf der Bühne fast immer. Aber im Studio muss ich nehmen, was da ist. Das ist oft sehr dünne.

SPIEGEL: Sie strahlen jetzt dieses »Leckmich-Gefühl« aus, das echte Titanen Ihrer Ansicht nach haben müssen, wie Sie Paul Sahner von der »Bunten« mal verrieten.

Schmidt: Der Paul ist für mich eine Art Beichtvater: Kuschelaugen, whiskyweiches Timbre, diese Ich-versteh-dich-Attitüde und ein paar private Sottisen aus dem Leben anderer Stars. Auf dem Weg zum Taxi schiebt er noch schnell hinterher: Onanierst du viel? Von welchem Mann würdest du dir einen blasen lassen? Die wichtigen Fragen eben. Dann noch Du-ich-schick'sdir-zu und fertig.

SPIEGEL: Auch Ihr Verhältnis zur Presse scheint sich in letzter Zeit sehr entspannt zu haben.

Schmidt: Ich habe den Kollegen vom Boulevard erklärt: Ist mir wurst, was ihr über mich schreibt. Damit ist das Verhältnis ausreichend beschrieben. Mein Maßstab bleibt Franz Beckenbauer: Schreibt's as hoit! Auch die abgewichsteste Drecksau von Yellow Press oder SPIEGEL würde mir nicht unterstellen, Kokain an Kinder zu verfüttern, wenn sie es nicht beweisen könnte. Man ist also meist selbst schuld. Das ist meine Erfahrung. Ich sage das auch deshalb so ruhig, weil ich einen moralisch überwältigenden Lebenswandel vorzuweisen habe.

SPIEGEL: Herr Schmidt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Thomas Tuma. * Beim SPIEGEL-Campus-Forum am Dienstag vergangener Woche an der Bonner Universität.

Zur Ausgabe
Artikel 54 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.