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BLINDGÄNGER Mit List und Flüchen

Der Fund einer Monsterbombe versetzte Hamburg in Schrecken. 54 Jahre nach Kriegsende lauern in deutschen Städten noch Gefahren durch Blindgänger.
Von Ulrich Jaeger
aus DER SPIEGEL 39/1999

Der Buddy-Holly-Darsteller Hans Hisleiter schonte Gitarrensaiten und Stimmbänder, sein Musical-Auftritt fiel aus. Hafenrundfahrt-Barkassen dümpelten menschenleer am Kai, das Revier war weiträumig gesperrt, auch die Herbertstraße, wo sich sonst nackte Huren im Fenster räkeln, wurde zur »verkehrsberuhigten Zone« ("Bild").

Zwischen 17 und 19 Uhr am Mittwoch vergangener Woche ging in Hamburg nichts mehr. Dann hatten vier Experten des Kampfmittelräumdienstes mitten im Hafengebiet eine Superbombe entschärft: gut 2 Meter lang, 1,8 Tonnen schwer, davon 1,3 Tonnen tückischer Sprengstoff.

Bei dem Monstrum handelte es sich um eine britische »Großladungsbombe« vom Typ HC 4000 - die größte, die nach Angaben der Innenbehörde je in der Hansestadt entdeckt worden ist. Da hatte die Stadt einen weiteren Superlativ, war doch, bei Arbeiten in der Elbe unweit der Bombe, nur zwei Tage zuvor ein Trumm von einem Granitbrocken, »der größte Findling Europas«, aufgespürt worden.

Den fieseren Fund hielt am Dienstag der Führer eines Schwimmbaggers in den Schaufeln, der Schlick aus dem Hafengrund räumte. Nachdem Hamburgs Chef-Feuerwerker Manfred Schubert den gewaltigen Sprengzylinder begutachtet hatte, riet er vom Transport der Bombe ab. Eine Sprengung der monströsen Ladung war ebenfalls ausgeschlossen, hätte die Druckwelle doch große Teile des Hafens zerstört. So blieb nur die Entschärfung.

Evakuierung und weiträumige Absperrung des Hamburger Hafens gemahnten einmal mehr an das eiserne Erbe, das alle großen deutschen Städte in ihrem Boden tragen: In den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs sind hunderttausende von Spreng- und Brandbomben auf Deutschlands Ballungszentren niedergegangen.

Etwa zwölf Prozent dieser immensen Bombenfracht, so schätzen Experten, bohrten sich als Blindgänger oft viele Meter tief in den Grund: Entweder versagten ihre Zünder oder die Bomben schlugen so flach in den Grund, dass eine Detonation ausblieb.

Die stählerne Ummantelung der Teufelseier korrodiert im Boden sehr langsam. Der Sprengstoff ruht also auch nach Jahrzehnten noch wohlgeschützt in seiner Hülle; die Zünder, aus Messing oder veredeltem Stahl, bleiben ohnehin intakt.

Blindgänger, so der Hamburger Bombenspezialist Peter Voß, werden mit den Jahren sogar gefährlicher. Das liege daran, dass »der Sprengstoff Nitroglyzerin-Anteile ausschwitzt und dadurch zusätzlich berührungsempfindlich wird«. Gealtertes Dynamit reagiert also bei einer Erschütterung wie etwa durch die Greifarme eines Baggers empfindlicher als frischer Bombenstoff.

Auch würden Sicherungen, die Schlagbolzen von Zündern blockieren, über die Jahre instabil - eine Selbstzündung der Bombe mithin wahrscheinlicher. Durchschnittlich explodieren ein bis zwei Blindgänger pro Jahr ohne äußere Einwirkung.

Es waren vor allem die schweren Angriffswellen der »Operation Gomorrha« im Juli und August 1943, die Hamburg in eine brennende Stadt verwandelten. »Blockbuster«, Sprengkörper, wie der jetzt im Hafen entdeckte, fegten Dächer von den Häusern, Brandbomben entfachten Feuer, die sich wie eine Flammenwalze durch die Stadt zogen. Etwa 40 000 Menschen kamen in den Hamburger Brandnächten um.

Aus dieser Zeit, glaubt Hamburgs oberster Feuerwerker Schubert, liegen noch etwa 1500 Blindgänger im Boden. Für Berlin, auf das im Zweiten Weltkrieg mehr Bomben fielen als auf jede andere deutsche Stadt, rechnet die Senatsverwaltung mit noch 3000 zündfähigen Sprengkörpern.

Schlummernde Bomben fanden sich in den vergangenen Monaten in Göttingen und Ludwigshafen, in Berlin und Mannheim. Auch nach mehr als einem halben Jahrhundert nach dem Krieg gibt es keine deutsche Großstadt, in deren Boden Bagger unbeschwert buddeln könnten.

Dabei nutzen alle Städte die Luftbilder alliierter Aufklärungsflugzeuge, um nach Blindgängern zu suchen. Die Aufklärer hatten nach jeder Angriffswelle eine fotografische Schadensbestandsaufnahme der Bombenangriffe erstellt. Als besonders aufschlussreich erwiesen sich Originalluftbilder britischer Aufklärer, die der Hamburger Senat 1985 beschaffte. Auf Bildern von teils exzellenter Qualität konnten neben Bombenkratern auch Einschlaglöcher von Blindgängern bestimmt werden.

Die Möglichkeiten des Bildabgleichs sind weitgehend erschöpft. Feuerwerker Schubert, der die Luftbilder aus England beschafft hatte, weiß, dass es »immer schwerer wird, Blindgänger zu finden«.

Es sind mehr und mehr Zufallsfunde, die Schubert und seinen Kollegen Voß beschäftigen. Das dicke Ding vom Mittwoch hätten er und seine drei Mitstreiter beim Himmelfahrtskommando »mit List, Kraft, Öl und viel Flucherei geschafft«. Die Größe der Bombe habe keine Rolle gespielt, »denn wenn's schief geht, ist die Konsequenz für mich in allen Fällen gleich«.

Schubert hat das Schicksal eines seiner Vorgänger, Wilhelm Westermann, vor Augen. Westermann und drei Helfern misslang kurz nach Kriegsende die Entschärfung eines Blindgängers. Die vier Männer seien, wie es in einer Mitteilung der Stadt heißt, »auf dem Ohlsdorfer Friedhof nur noch symbolisch beigesetzt« worden. ULRICH JAEGER

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