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FRANKREICH / ABTREIBUNG Mit Nadeln und Lauge

aus DER SPIEGEL 44/1970

Im Blumengarten der Familie Lelièvre verscharrt, fanden Gendarmen die Skelette von sieben Neugeborenen.

Yvette und André Lelièvre, die Eltern von fünf weiteren wohlgenährten und guterzogenen Kindern, bei den Nachbarn als freundlich und arbeitsam geachtet, hatten Familienplanung betrieben, wie sie in entlegenen ländlichen Gegenden Frankreichs bis heute gelegentlich praktiziert wird. Denn Abtreibung ist verboten, und Engelmacherinnen sind teuer.

Die Lelièvres ertränkten sechs Babys und verbrannten das siebente im Küchenherd -- weil im Ziergarten vor dem Haus kein Platz mehr für ein weiteres Baby-Grab war -, genauso wie es manche ihrer bäuerlichen Landsleute taten. Doch die Lelièvres waren indessen in die Stadt Nemours umgesiedelt. Dort gaben Unbekannte der Polizei einen Tip.

Die Affäre Lelièvre Ist nur der bekanntgewordene makaberste Fall von Familienplanung. In Frankreich werden derzeit jährlich zwischen 300 000 und einer Million Embryos von mitleidigen Nachbarinnen oder professionellen Stümpern mit Stricknadeln, Gardinenstangen, Weidenruten, Hühnerknochen oder mit Seifenlauge abgetrieben.

Die Folgen: unfreiwillig sterilisierte Frauen, Mißgeburten und jährlich 300 bis 800 Mütter, die den illegalen Eingriff nicht lebend überstehen.

Die Folge von Artikel 317 des französischen Strafgesetzbuchs, das legale Abtreibung nur gestattet, wenn zwei Ärzte vorher Gefahr für das Leber der Mutter attestieren: jährlich 500 bis 1500 Verurteilte.

Für die abtreibende Mutter sieht das Gesetz Gefängnisstrafen zwischen sechs und 24 Monaten vor, für die Engelmacher ein bis zehn Jahre.

Gegner der Mutterschaftsunwilligen sind nicht nur eifersüchtige Frauen, die Geliebte ihrer Ehemänner anzeigen, Kirchenmänner wie der Jesuit Georges Dunne, der behauptete, wer abtreibe, wolle auch »Euthanasie und öffne die Türen der Gaskammern«, und fahndende Kriminalisten, sondern die Ärzte.

Denn französische Mediziner sind, wenn sie etwa Komplikationen nach einem Abortus behandeln müssen. nicht an ihre ärztliche Schweigepflicht gebunden. Ihre Möglichkeiten zu »pädagogischen Maßnahmen« sind unbeschränkt, erinnert sich der Pariser Professor Paul Milliez.

In einer Frauenklinik von. Boulogne-Billancourt nahe Paris habe ein Chefarzt, der sich für progressiv hielt, so Milliez, befohlen, »ohne Narkose auszuschaben«, damit die Frauen sich auch an ihre Abtreibung erinnern könnten.

Zwar soll die französische Nationalversammlung demnächst auf Vorschlag von Gaullisten über einen Änderungsantrag des Abtreibungs-Paragraphen beraten, die Schwangerschaftsunterbrechung soll auch gestattet werden für vergewaltigte Frauen oder nach ärztlichem Nachweis der bevorstehenden Geburt eines körperlich oder geistig anomalen Babys.

Das Ziel einer revolutionären Feministen-Bewegung in Paris ("Mouvement pour la libération de la femme") aber ist: Schwangerschaftsunterbrechung auch aus sozialer Indikation.

»Denn die Ethik, die der Frau die Freiheit zur Mutterschaft abspricht« -- so der Mediziner und Mitbegründer der Feministen-Bewegung Dr. Dalsace -, sei ein »Produkt der Männerwelt, in der Frauen zur Kategorie der Kinder, Schwachsinnigen und Sklaven gehörten«.

Aber die Ziele der liberalen Frauen haben im konservativen Frankreich, wo noch 1943 eine Wäscherin hingerichtet werden konnte, weil sie ihr Kind abtrieb, keine Chance.

Die orthodoxe Haltung der Gaullisten benachteiligt primär Franzosen der unteren Einkommensschichten, Familien wie die Lelièvres.

Zwei Drittel aller französischen Frauen, die abortieren, glauben, ein weiteres Kind nicht mehr ernähren zu können. 24 Prozent davon leben ohne eigene Wohnung in Hotelzimmern, und 35 Prozent logieren bei Eltern oder Schwiegereltern. Fünf Prozent hausen in Slums.

Die Französin der gehobeneren Einkommensschicht aber meldet sich in einer der Kliniken in der Harley Street von London an. Kosten der in England erlaubten Abtreibung: zwischen 1500 und 4000 Mark.

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