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TÜRKEI Mit Präsidentenschimmel

aus DER SPIEGEL 6/1951

Martialische Janitscharen hielten mit geschwungenem Säbel Wache, am Kinoeingang. Der erste türkische Großfilm hatte in Istanbul und Ankara glanzvolle Premiere. »Etwas so Gutes hatte ich nicht erwartet«, sagte Staatspräsident Celal Bayar.

»Die Eroberung von Konstantinopel« wird sich die Welt erobern, hoffen ihre Hersteller von dieser einsamen Höchstleistung der jungen türkischen Produktion

**) Abg. Muckermann gehört der CDU-, die drei anderen Abgeordneten gehören der SPD-Fraktion an. *). In die arabischen Länder ist der Film schon verkauft. Die Türken glauben, auch den »ungläubigen« Westen zufriedenzustellen. Technisch wie politisch Denn objektiv und historisch getreu verdrängt im Film der Halbmond das Kreuz vom Bosporus, wie es 1453 mit dem Fall von Byzanz geschah.

Die Schauspielerelite des Landes wurde verpflichtet. An Kostümen und Dekorationen wurde nichts gespart. Kostenlos machte eine kriegsstarke Division Komparserie mit Säbeln und byzantinischen Pfeilen. 400 Arbeiterinnen einer Streichholzfabrik warfen Blumen und sich selbst den einrückenden Türken entgegen.

Es wurde sehr realistisch gespielt. Kaum einer der siebzig Drehtage ging ohne Verletzte zu Ende. Der Operateur stoppte die laufende Kamera auch nicht, als eine an die Stadtmauer gelehnte Leiter mit einem Dutzend Soldaten drehbuchwidrig wirklich zusammenbrach.

Auf dem prächtigen Schimmel des Staatspräsidenten Celal Bayar zertrat der Darsteller des Sultans einem Komparsen zwei Rippen. Sieben Wochen Krankenhaus.

*) Sie brachte im Jahre 1950 25 Filme heraus (1938: 3, 1948: 15). Die Ausfuhr ging bisher über Cypern und den Libanon selten hinaus. In der Türkei selbst halten Landesprodukte alle Besucherrekorde. Fünfzehn Millionen besuchten 1950 die 70 Kinos der Ein-Millionen-Stadt Istanbul. Der deutsche Film ist seit Kriegsende restlos verdrängt. 350 000 Türkenpfund (= 525 000 DM) soll der Film insgesamt gekostet haben. Die Konkurrenz hält das für Uebertreibung nach amerikanischem Muster. Genau wie die angeblich verbrauchten 27 000 Negativfilm und die 18 000 kriegsspielverpflichteten Soldaten. Von denen sind immerhin einige Tausend gleichzeitig in dem Film zu sehen.

Die Regierung von Ankara und die türkische Presse standen dem Unternehmen zunächst sehr skeptisch gegenüber. Man befürchtete eine finanzielle Katastrophe, eine technische Blamage und politische Verwicklungen. Statt der sonst üblichen fünf wurden neunzehn Zensoren aufgeboten.

Das Drehbuch ist eine dramatische Mischung aus hoher Politik, Verrat, Liebe, Spionage und Heldentum. Durch die unübersteigbaren Mauern des Goldenen Byzanz spinnen sich während der zwei Filmstunden dunkle Intrigen und zarte Bande. Bis der letzte oströmische Kaiser unter den Trümmern seines Reiches begraben wird und Sultan Mehmed in die Stadt einzieht.

Bei der Verteilung der Verräter auf Byzantiner und Türken war man sichtlich um Parität bemüht. Die Griechen, die sich noch immer als Nachfahren der Byzantiner fühlen, und mit denen man offiziell ganz dick befreundet ist, sollten auf keinen Fall verärgert werden.

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