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SOWJET-UNION Mit roter Armbinde

Millionen Freiwillige helfen der Polizei beim Streifengang, im Kampf gegen »unmoralische Erscheinungen«. *
aus DER SPIEGEL 24/1983

Elektromonteur Paranin, Schlosser Borowik und Zechenmeister Samerchanow aus der Moskauer »Ordschonikidse«-Werkzeugmaschinenfabrik kennen mehrmals in der Woche keinen Feierabend. Nach Arbeitsschluß gehen sie nicht brav nach Hause, sondern in die Wawilowastraße.

Dort ist der »Ordnungs-Schutzpunkt Nummer 5«, einer von 650 in der Sowjet-Hauptstadt. Die drei Facharbeiter streifen sich rote Armbinden über und machen sich auf den Weg durch Straßen, Parks und Höfe ihres Wohnbezirks: Sie betätigen sich als freiwillige Helfer der Polizei, genannt »Druschinniki«, zu Deutsch »Kämpen«.

Ihre Aufgabe ist es, so jüngst das Parteiorgan »Prawda«, »unter Leitung von Partei und Sowjet-Organen die sozialistische Gesetzgebung zu stärken«. Ein hoher Polizeioffizier: die Freiwilligen müßten »unverzüglich, operativ auf Fälle von Ordnungswidrigkeiten in sozialistischen Wohnkommunen reagieren, wie auch auf unmoralisches Benehmen einzelner Bürger«.

So schleppen die Druschinniki Betrunkene ab oder nehmen Randalierer fest. Sie passen auf, daß es Liebespärchen in den Grünanlagen nicht zu weit treiben, ermahnen Verkehrssünder, verfolgen Schwarzhändler und geben acht, daß die Demonstranten zum 1.-Mai-Umzug auf dem Roten Platz ihre Marschkolonnen nicht verlassen und die Plastikblumen fröhlich schwenken.

Erst jüngst halfen die Druschinniki der Polizei in der Kampagne für mehr Arbeitsdisziplin bei der Suche nach Schwänzern in Kinos, Restaurants, Schwitzbädern und Geschäften. Die Polizei-Helfer verpetzten alle, die ohne Erlaubnis ihren Arbeitsplatz verlassen hatten, bei der Betriebsleitung.

Wer sich den Aufpassern, die keine Waffe tragen, widersetzt, muß mit empfindlichen Strafen rechnen, der Aufpasser selbst mit gefährlichen Risiken: In Gorki erschlugen »Chuligany« (Hooligans, Rowdys) kürzlich einen Druschinnik. Zwei seiner Kampfgenossen kamen voriges Jahr bei der Festnahme eines Verbrechers ums Leben.

Die Kämpen beäugen seit 1959 ihre Mitmenschen. Damals hatte der Parteichef Chruschtschow die Hilfstruppe aufgestellt, um nach dem Terrorregime Stalins zu demonstrieren, daß der Staat fortan Recht und Ordnung durchsetze, und nicht allein der Staat, sogar das Volk selbst. Dabei gibt sich die Sowjet-Polizei schon seit 1917 als »Miliz« aus, worunter einst - wie in der Schweiz - das bewaffnete Volk verstanden wurde.

Bei unangenehmen Einsätzen, zum Beispiel Prügeleien, kann die Polizei seither ihre zivilen Helfer vorschicken, ebenso wenn, etwa bei internationalen Sportveranstaltungen, die Staatsgewalt

optisch im Hintergrund bleiben möchte. Die Druschinniki dienen indes nicht nur als Ausputzer, einige kümmern sich, so im Moskauer Bauman-Bezirk, um straffällige Jugendliche; sie treiben mit ihnen Sport. Wichtiger für die Obrigkeit: Sie bezieht von ihren Hilfspolizisten Informationen über die Stimmung an der Basis.

Das Spitzelnetz ist eng geknüpft, ungefähr jeder 20. Sowjetbürger wirkt nebenher auch als Druschinnik. Allein in der Russischen Föderation gibt es sieben Millionen Polizeihelfer. Mehr als die Hälfte sind Mitglieder der Staatspartei oder des Jugendverbandes Komsomol. In Moskau patrouillieren täglich 15 000 Männer und Frauen, ausgewählt von den Parteizellen der Behörden und Betriebe.

Die Zahl der hauptberuflichen Ordnungshüter dagegen ist Staatsgeheimnis, und es sind immer noch nicht genug. Denn der neue Generalsekretär Andropow nimmt es mit der Ordnung besonders genau. Seit seiner Amtsübernahme tummeln sich auf Moskauer Straßen mehr Uniformierte als früher. Neuerdings klingeln sie auch an den Wohnungstüren und stellen sich als »Sicherheitsbeauftragte« des jeweiligen Straßenzuges vor.

Soviel Wachstum an Staatssicherheit bringt auch den Bürgern mit der roten Armbinde mehr Freizeitbeschäftigung. Nachdem sie früher ihre Streifengänge erst gegen sechs Uhr abends aufnahmen, kontrollieren sie jetzt auch tagsüber. Auf einer Versammlung zur »weiteren Sicherung der Rechtsordnung und der Verstärkung des Kampfes gegen antigesellschaftliche Erscheinungen« im Moskauer »Oktober«-Kino gaben Polizeioffiziere im Januar die Devise aus, die Helfer müßten im Wohnbereich noch aktiver werden. Unerläßlich sei es, »in jedem Haus, in jedem Hauseingang« den Ordnungsdienst zu organisieren.

Das heißt: Die Druschinniki sollen auch herausfinden, was hinter den Türen passiert. Im »Oktober«-Kino sprach Major Smirnow vom 89. Revier ganz offen vom »Ausforschen der Bevölkerung«.

Über die Milizhelfer hoffen die Genossen zu erfahren, wer gern einen über den Durst trinkt, seine Frau schlägt, die Kinder vernachlässigt, häufig den Sexualpartner wechselt und wer aufrührerische Reden führt, gar Kontakte zu westlichen Journalisten hält - der Große Bruder ist wieder überall.

Geld gewährt er seinen vielen Helfershelfern dafür nicht, aber freie Tage und auch Plätze in Ferienheimen. Für Sonderleistungen in der Volksaufsicht winken Prämien: das Konterfei auf der Ehrentafel am Werkstor und sogar ein Ehrentitel »Ausgezeichneter Druschinnik«. Wer aber einen gefährlichen Verbrecher stellt, empfängt ein Geschenk von Wert, womöglich eine größere Wohnung.

Die übrigen müssen sich mit dem schönen Gefühl begnügen, dem Staat zu

dienen, Ordnung zu halten, Mitbürger zu rügen. Einigen genügt das nicht. Der Premier des Bundeslands Kirgisien, Duischejew, beschwerte sich jüngst, daß es zu viele gebe, die sich nur aus einem Grund zum Ehrendienst mit der Armbinde melden: Sie wollen zusätzlichen Urlaub herausschlagen.

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