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»Mit roter Soße übergossen«

Von Hans Joachim Schöps
aus DER SPIEGEL 22/1990

Von der Trauerfarbe Schwarz will dieses Volk nichts wissen. Wenn einer von ihnen sterben muß, so verspricht es die Mythologie, dann erscheint ihm die weiße Todesgöttin und küßt ihn, und unter einem weißen Kreuz kommt er in die Erde.

Ihrer Mundart, verwunderte sich schon im letzten Jahrhundert der deutsche Gelehrte Curt von Bose, ist »ein Wohlklang« zu eigen, der sich »der Sanftheit der italienischen Sprache nähert« - obschon sie mit diesen Romanen nicht das geringste zu tun haben.

Einen Staat, und da hört ja beinahe alles auf, kennen sie gar nicht und nicht einmal ein eigenes Militär, weshalb sie das Wort »Leutnant« aus dem Deutschen entlehnt haben und einfach einflechten. Und doch fordern sie nun das »unveräußerliche Recht« auf die Entfaltung ihrer »nationalen Identität« sowie den besonderen Schutz ihrer Fahne.

Daß diese Leute sich und die Sprache und ihre Kultur bis zum heutigen Tage behauptet haben, gehört für den Historiker Professor Hartmut Zwahr »zum Erstaunlichen neuzeitlicher Geschichte«. Noch erstaunlicher mag es sein, daß sie mitten in Deutschland leben. Das Volk der Sorben zählt zu den Besonderheiten, die von der DDR in das vereinigte Vaterland eingebracht werden - rund 60 000 Menschen des slawischen Genotyps in der Nieder- und Oberlausitz, zwischen Spreewald und Bautzen, wo sie seit über 1000 Jahren seßhaft sind. Die Wende im Osten hat sie wachgemacht, und ihre kleine Revolution haben sie jetzt auch angezettelt.

Es ist eine ethnische Minorität ohne Mutterland, anders als etwa die Dänen am Nordrand der Bundesrepublik. Und sie will nun, wie einer ihrer Führer sagt, der protestantische Pfarrer Jan Malink, »endlich in der Nationalitätenfrage mitsprechen, nicht länger minderwertig vor den Deutschen dastehen« - die sie oft nicht mal beim Namen, sondern meist »Wenden« nannten.

Daß sie sich aus den Zwängen lösen, die ihnen die Germanen und zuletzt die von der SED auferlegt haben, wäre ihnen schon zu gönnen. Aber eine gesamtdeutsche Komplikation mehr bedeutet das allemal. Es wird etwas Geld kosten und, schlimmer noch, ein administratives Umdenken. Und Dreck könnte es auch aufwirbeln: »Juden und Sorben raus«, war jüngst an Mauern im Lausitzer Städtchen Hoyerswerda zu lesen.

Kann sein, daß die Sorben das neue Deutschland um ein sensibles Terrain erweitern - auf dem nationale Minderheiten schon manch anderes Staatswesen des Kontinents in Verlegenheit brachten, die Spanier mit den Basken etwa oder die Italiener mit ihren Tirolern. »Man wird«, so prophezeit der sorbische Schriftsteller Jurij Koch, »im übrigen Europa und besonders im slawischen Raum darauf achten, was die Deutschen nun mit diesem kleinen Völkchen machen.«

Immerhin wäre es dann das erste Mal, daß am Schicksal dieser Überlebenskünstler von höherer Warte aus Anteil genommen wird. Bislang nämlich sind sie immer nur geduckt worden von der Geschichte - die zumeist in teutonischer Gestalt auftrat. »Dies Volk«, so zog im Jahre 1785 der sächsische Wissenschaftler Johann Ephraim Witschel eine Zwischenbilanz, »einst Herren der ausgebreitetsten Länder, Besitzer der schönsten, der fruchtbarsten Gegenden, ein Volk, dem wir's zu verdanken haben, daß unsere Gegenden frühzeitig das geworden sind, was sie noch jetzt bei vielen Völkern zum Beispiele einer angenehmen, fruchtbaren, gesegneten Gegend macht, wurde dann unter dem Drucke deutscher Botmäßigkeit verachtet.«

Im 5. Jahrhundert hatten die Sorben den Raum zwischen Oder und Saale, Spreewald und Erzgebirge besiedelt. Tüchtige Landleute waren sie, aber zur Machtentfaltung fehlte offenbar alle Begabung. Frühzeitig bedrängten deutsche Talente dieser Art das slawische Bauernvolk, die Ostlandreiter des Mittelalters droschen sie zusammen, gelegentlich fanden auch Böhmen und Österreicher Gefallen an den sorbischen Ländereien.

Mehr als ein Jahrtausend lang war das Volk der Sorben einem drückenden Assimilations- und Germanisierungsprozeß ausgesetzt und behielt doch seine Eigenart. Einen »eigentümlichen Zauber« bescheinigte ein Chronist etwa den Liedern, mit Melodien von »natürlicher Grazie« und »melancholischer Klage«, wozu meistens Anlaß war. In der Märchen- und Sagenwelt erwiesen sich die sorbischen Figuren gegenüber der Grimmschen Übermacht von gleicher Zähigkeit wie ihre Schöpfer; der tückische Wassermann in den Moortümpeln oder fabelhafte Hexen, die in ihrer Hütte an einem Strick melken und dadurch dem Nachbarn die Milch wegzapfen.

Zur Adventszeit, so bestimmt es bis heute das Brauchtum, kommt kein Weihnachtsmann, sondern das Bescherkind, ein junges Mädchen in sorbischer Tracht und mit spitzenverhülltem Gesicht. Am 25. Januar findet die Vogelhochzeit statt, ein Volksfest für die Jugend, und zu Ostern schwingen sich die Männer aufs Pferd und reiten in langer Reihe über die Dörfer.

Eiserne Sparsamkeit rühmten die Volksforscher am sorbischen Wesen; »die Genügsamkeit der Wenden«, schrieb einer im letzten Jahrhundert, übertreffe noch die des Erzgebirglers, und ihren Stolz hatten sie auch: Dem Wenden, so hieß es, müsse »eine besondere Abneigung gegen rauhe Behandlung eigen sein«, denn »gibt man ihm harte Worte, so wird er muckisch und schlägt aus«. Nicht einmal vor den »adligen Grundherren« wollten sie sich richtig bücken, und es lag in »ihrem Benehmen keine Spur der kriechenden Unterwürfigkeit«.

Der politischen und sozialen Abhängigkeit der Sorben über die Jahrhunderte hat dies alles allerdings nicht abhelfen können. Stets waren die anderen die Stärkeren, sie selber unfrei und um so mehr Bürger minderen Ranges, je länger die Geschichte mit ihnen umging.

Beständigen Schutzraum für die nationale Identität bot offenbar die Sprache. Während rundherum die Idiome slawischer Stämme verdorrten, bestand, wie Johann Gottlieb Fichte in seinen »Reden an die deutsche Nation« respektvoll anmerkte, die Sprache des Sorben »noch immer fort, in den ärmlichen Hütten des an die Scholle gebundenen Leibeigenen nämlich, damit er in ihr, unverstanden von seinem Bedrücker, sein Schicksal beklagen könne«.

Erheblich gefährdet wurde der kulturelle Zusammenhalt, als im letzten Jahrhundert die Lausitz, der verbliebene Kernbereich der Sorben, zwischen den Herrschaften aufgeteilt wurde - die niedere um Cottbus an Brandenburg, die obere um Bautzen an die Sachsen fiel. Fortan hatten die Sorben unter zwei denkbar verschiedenen Höfen zu leben, dem recht toleranten in Dresden, wo das schlechte Leben nichts wert war, und dem gestrengen zu Potsdam, der keinen Spaß verstand und schon gar nicht seine Wenden.

Und kaum ein halbes Jahrhundert später erlebte das Sorbenvolk - immer weiter erodiert durch ein rein deutsches Schulsystem, durch Mischehen und die Industrialisierung - eine neue Dimension der Diskriminierung. Die Herrenrasse kam zum Vorschein, und der Alldeutsche Verband, Vordenker völkischen Unfugs, ließ seine Tapferkeit auch an den slawischen Wenden aus.

Die Nazis taten dann das Ihre: Die 1912 gegründete »Domowina« - »Heimat« auf sorbisch und Dachverband sorbischer Organisationen - wurde aufgelöst, jegliches Kulturleben und der Gebrauch der Sprache verboten. Heinrich Himmler erklärte die Sorben zum »führerlosen Arbeitsvolk«, und sorbische Patrioten endeten im KZ.

Übrig blieb ein Rest europäischer Geschichte, das kleinste slawische Volk, zerstreut in den Lausitzer Räumen und dicht beieinander nur noch im Dreieck zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda sowie in ein paar ethnischen Inseln um Cottbus. Und dann kam die SED.

Vergebens hatten sich 1947 einige Sorben-Führer bei den Sowjets um politische Autonomie bemüht - die ganz gewiß auf den Widerstand der ansässigen Deutschen gestoßen wäre. Statt dessen nahm sich die ostdeutsche Einheitspartei des geprügelten slawischen Brudervolkes an, eine Umarmung, in der es dann kaum noch Luft holen konnte.

Zwar wurde den neuen Genossen, die größtenteils gar keine sein wollten, äußere Hilfe zuteil. Das SED-Regime richtete sorbische Zehnklassenschulen ein und Oberschulen mit vorwiegend sorbischem Unterricht - ein System, das bald allerdings wieder eingeschränkt wurde. Alle Beschriftungen, auf Orts- oder Straßenschildernetwa, hatten nun in der Lausitz zweisprachig zu sein, deutsch und sorbisch.

Der Preis solcher Wohltaten aber war in der staatsüblichen Valuta zu zahlen: einer strikten Einbindung in die Wünsche und Gebote der sozialistischen Machthaber. An der Spitze der neuen Domowina war nur ein Sorbe mit dem Parteibuch der SED geduldet; dem Dachverband wurde in Bautzen ein großes Haus gebaut, doch die besonderen Belange einer völkischen Minderheit waren darin nicht vorgesehen. Versteht sich, daß auch die vielen Einrichtungen, die es nun für die Sorben gab, die Schriftsteller und das Volkstheater, die Filmschaffenden und der Musiker-Verband, nach den Pfeifen im Politbüro zu tanzen hatten.

Besonderes Zutrauen scheinen sich die gekaperten Genossen aber nie erworben zu haben, zumal ein Großteil der Sorben praktizierende Christen waren, die Mehrheit der evangelischen und erst recht der kleinere, in der Oberlausitz siedelnde Anteil der Katholiken. Die Stasi jedenfalls hatte für diese slawischen Brüder eine eigene Abteilung angelegt, mit Dependancen in Cottbus und Bautzen.

Was als sorbische Kulturpolitik ausgegeben wurde, verkam zum Folklore-Rummel - vorzüglich geeignet, die internationale Brüderlichkeit im Arbeiterund-Bauern-Staat hervorzukehren. Alle vier Jahre - und oft mit dem Ehrengast Hans Modrow von der Dresdner SED-Bezirksleitung - wurde ein staatlich finanziertes Sorben-Festival aufgezogen, dessen soziale Botschaft nicht eindringlicher war als die des Kölner Karnevals.

Und wenn schon das Neue Deutschland sich bequemte, über Sorbisches zu berichten, dann über »bunte Röcke, weiße Hauben, ornamentbestickte Bänder«. »Wir müssen«, beklagte der Musikdramaturg des »Staatlichen Ensembles für sorbische Volkskultur«, Detlev Kobela, die Zustände, »herunter vom Image der immerfort Trachten tragenden, Ostereier malenden Minderheit.«

Sorbische Erfahrungen aus der Feudalzeit ließen sich bei den sozialistischen Herren wieder auffrischen: Wer weiterkommen und etwas erreichen wollte, hatte sich anzupassen und im übrigen deutsch zu reden. »Die SED«, sagt nun die Lehrerin Erika Jahn, engagierte Sorbin in der Niederlausitz, »hat uns fast zu Tode gefördert.«

An die Substanz gingen schließlich politische und wirtschaftliche Prozesse in der DDR. Die Kolchosierung der Landwirtschaft bedeutete für das Bauernvolk der Sorben wieder einmal sozialen Abstieg und Zerstörung der dörflichen Gemeinschaft. Und gigantische Gebietsverluste brachte den Sorben der Braunkohlen-Tagebau. Mehrere Millionen Quadratmeter ihres angestammten Landes zwischen Cottbus und Bautzen kamen Jahr für Jahr unter die Bagger. 60 Dörfer verschwanden für Energie und Fortschritt. Dafür gibt es dort nun ein qualmendes Gemeinwesen mit dem Ortsnamen »Schwarze Pumpe«, und so sieht es auch aus.

Zuflucht vor der allgegenwärtigen Staatsmacht boten, wie überall in der DDR, die Kirchen, und als besonders widerstandsfähig erwiesen sich die Katholiken im Süden - wo es nördlich von Bautzen noch manche Gemeinde mit einem hohen, manchmal 90prozentigen Sorbenanteil gibt. Da ging der Schuldirektor, der von Staats wegen in der SED zu sein hatte, sonntags in die Messe, und so etwas, sagt Hochwürden Martin Wicaz, Pfarrer und Sorbensprecher im Dörfchen Ralbitz, »gab es nur bei den Sorben«.

Und als in den fünfziger Jahren aus allen sorbischen Schulklassen die Kruzifixe entfernt und durch ein Porträt des Staatsratsvorsitzenden ersetzt wurden, schickten die Eltern ihre Kinder so lange nicht in den Unterricht, bis der Gekreuzigte wieder neben Walter Ulbricht hing.

Die Kirchenleute sind nun denn auch bei den treibenden Kräften, die im Zuge der ostdeutschen Wende das Sorbische ebenfalls neu ausrichten wollen. »Alles wurde mit roter Soße übergossen«, blickt Pastor Jan Malink zurück, »offiziell gab es sorbische Folklorefeste, auf der Straße hieß es: ,Laß das Sorbischgequatsche.'«

Mit anderen, die die Soße satt hatten, gründete Malink die »Sorbische Volksversammlung« - ein »etwas loser Haufen, basisdemokratisch organisiert« von Kirchenleuten, aber auch Atheisten. Die Absichten waren eindeutig: nicht nur die Positionen der Sorben auszubauen, und zwar jenseits der Trachtenhäubchen, sondern auch die Domowina mit ihren rund 15 000 Mitgliedern umzukrempeln. Zunächst jedoch brachten sie die Deutschen gegen sich auf.

Aus dem Kreise der Rebellen drang nämlich die Idee nach draußen, in der DDR ganz rasch ein »Land Lausitz« zu etablieren - ein neues politisches Gebilde, in dem die Sorben sich dann endlich entfalten könnten. Das hat, sagt Malink, »eine wahnsinnige Aufregung gegeben und natürlich sofort wieder Stimmung gemacht bei den Deutschen«.

Zwar wunderte sich der Schriftsteller Benedikt Dyrlich: »Die Deutschen wollen ein Deutschland und verstehen nicht, daß die Sorben eine Lausitz wollen.« Doch die Volksversammlung hielt sich an die Realitäten und versicherte rundum, das sei nur mal so eine Idee gewesen.

Im März, beim Bundeskongreß der Domowina mit Neuwahl des Vorstandes, unterlag dann allerdings der Oppositionskandidat Jan Malink knapp dem Ingenieur Bjarnat Cyz - Mitarbeiter des alten Domowina-Apparats, aber parteilos. Überrascht von diesem Ergebnis waren selbst die Sieger, und es gab dann eine simple, doch plausible Erklärung: Offenbar hatte Gewinner Cyz viele Stimmen von den Niederlausitzern erhalten, und die hatten das meiste an Wahlreden und programmatischen Erklärungen gar nicht mitbekommen. Kongreß-Sprache war nämlich zunächst nur Obersorbischgewesen, und das verstehen die Untersorben inzwischen noch schlechter als ihr eigenes Idiom. Es war wohl so, als hätten bayerische Delegierte einen plattdeutsch daherredenden Mann wählen sollen.

So ganz mißlang die Revolution dann doch nicht. Die sorbische Volksversammlung brachte eine starke Gruppe in den Vorstand, und das sind, sagt Jan Malink, »nun dort die aktiven Leute«. Es muß so sein, denn was sie inzwischen an Forderungen präsentieren, sieht nach Zündstoff aus.

Als müßten sie den tausend Jahren Gängelei noch diesen Sommer ein Ende machen, haben die Sorben nun eine Art Rundumversicherung entworfen. Lothar de Maizieres Kabinett soll ein »Gesetz zum Schutz und zur Förderung des sorbischen Volkes« akzeptieren, daß der Minderheit »Achtung« und »Entfaltung« der nationalen Identität garantiert sowie ein »Recht auf Schutz« ihres Siedlungsgebietes.

Der deutsche Staat, so der Entwurf, sichert »die autonome Verwaltung von sorbischen Kultur- und Bildungseinrichtungen« zu, und nicht zuletzt sollen »die sorbische Fahne Blau-Rot-Weiß« und die sorbische Hymne »Rjana Luzica« (Schöne Lausitz) im deutsch-sorbischen Gebiet staatlichen Symbolen gleichgestellt werden.

»Mindestens« zwei sorbische Abgeordnete sollen in der Volkskammer und wohl auch in einem gesamtdeutschen Parlament vertreten sein, selbst dann, wenn es mit den Wahlstimmen nicht gereicht hat. Ein Staatssekretariat für Sorbenfragen wird erwartet, und im übrigen enthält das Domowina-Papier so ziemlich alles, was man sich in Politik, Kultur oder Bildung nur wünschen kann - bis hin zu einem Recht »auf sorbischsprachige Medien durch die Unterhaltung oder Unterstützung entsprechender journalistischer, druck- und sendetechnischer sowie Vertriebseinrichtungen«.

So manches, was die Sorben da in ihren Katalog geschrieben haben, nimmt sich naiv aus - ein nationaler Überschuß, der sich in ihrer immerzu fremdbestimmten Vergangenheit angesammelt hat. Die eine oder andere der Forderungen würde den Spieß herumdrehen: Privilegien für die Sorben - und das dürften sie sich eigentlich nicht wünschen.

Denn zu den Bürden ihres Volkes haben immer auch Spannungen von Tür zu Tür gehört, mindestens, seit Martin Luther die Wenden kurzerhand zu Gesindel erklärte. Dem deutschen Gerede, die Sorben seien falsch und untreu, ging später Theodor Fontane nach und fand eine Erklärung:

Die Erzählungen der Chronisten machen uns die Antwort auf die Frage leicht; in rühmlicher Unbefangenheit erzählen sie uns die endlosen Perfidien der Deutschen, (die diese) als gerechtfertigt ansahen. Dagegen war wendischer Verrat einfach Verrat und stand da, ohne allen Glorienschein, in nackter alltäglicher Häßlichkeit. Der Wende war ein »Hund«, ehrlos, rechtlos, und wenn er sich unerwartet aufrichtete und seinen Gegner biß, so war er untreu.

Nickeligkeiten, auch Haß, gab es immer mal zwischen den Volksgruppen. Zu den Zeiten der SED standen dann zwar Ausfälle gegen Sorben unter Strafe - was aber ihrem Ansehen nicht unbedingt zustatten kam. Die kostspieligen Festivals, mit denen vor allem das Regime sich schmückte, lösten Mißgunst bei den Deutschstämmigen aus; die Domowina schließlich galt als Organ der Einheitspartei. Noch immer, sagt Jan Malink, »sind die Sorben für die Deutschen eine Art Aushängeschild der SED, und manche glauben, daß die Sorben von der SED erfunden worden sind«.

Dieses Mißverständnis und wohl auch der allenthalben in der DDR aufkeimende Nationalismus scheinen die alte Reiberei zu verschärfen. »Deutsch reden, deutsch reden«, hört nun der Bürgermeister Paul Tillich im Niederlausitzer Dorf Panschwitz, wenn er mal etwas auf sorbisch vorträgt, und in den Straßen von Bautzen wurden arglos plaudernde Sorben angemacht: »Hier wird deutsch gesprochen.«

Jan Malink hat es auch nicht gewundert, daß nach dem Bekanntwerden der fixen Autonomie-Idee »die Deutschen hier die Messer schleifen«. Und als neulich eine sorbische Schauspielerin starb, erzählt Jurij Koch, bekam ein Freund von ihm einen Brief: »Gott sei Dank, daß diese wendische Hexe gestorben ist, wir hoffen, daß noch weitere folgen.«

Wie es weitergeht mit den Sorben, hängt wohl nicht so sehr davon ab, ob ihre Fahne rechtlich geschützt ist oder wie hoch denn die druck- und sendetechnischen Einrichtungen subventioniert werden. Entschieden wird darüber vor allem in den sorbischen Wohnstuben, dort, wo ihre Sprache lebt oder untergeht.

Daß sich das Sorbische unter den Lebensumständen dieses Kleinvolks bis heute gehalten hat, zählt sicherlich auch zum Erstaunlichen neuzeitlicher Geschichte. Diese Sprache, plädierte in den zwanziger Jahren der Publizist Maximilian Harden, müsse »schon als ein Kulturdenkmal« gehütet werden, und: »Warum sollen die Bleibsel der Wendennation nicht ihre Sprache wahren, nicht die Sonderheit ihres Kulturerbes pflegen? Deutschlands Regierer, Parlamente, Preßdespoten haben der ihnen oft gestellten Frage niemals geantwortet.«

Wenn es gegen die Sorben ging, dann immer auch gegen ihre Sprache. 1293 wurde sie zum erstenmal gerichtlich verboten, und Fontane erlebte es bei einer Trauerfeier im Spreewald, daß nur die Predigt noch auf sorbisch gesprochen wurde, nicht aber die anschließenden kirchenamtlichen Bekanntmachungen: »Der Staat, der bloß mit deutschem Ohre hört und nicht Zeit hat, in aller Eil auch noch Wendisch zu lernen, tritt mit der nüchternsten Geschäftsmiene dazwischen.«

Die Nazis setzten den Schlußpunkt: Um sie fürs Leben zu schützen und weil es sowieso verboten war, brachten sorbische Eltern ihren Kindern in der NS-Zeit die Muttersprache erst gar nicht bei. Eine ganze Sorbengeneration blieb gleichsam stumm - und ihre Nachkommen mußten das Sorbische dann in der Schule als Fremdsprache erlernen.

Die sozialistische Schutzmacht hat dem Germanisierungsdruck wenig entgegengehalten. In Betrieben und Behörden und ebenso in den LPGs war Deutsch zu reden. Und die mit Zuschüssen bedachten sorbischen Medien - die Tageszeitung Nowa Doba, ein Wochenblatt, zwei Rundfunkstudios - waren so langweilig und beschränkt wie der ganze Einheitsstaat.

Die Sprache selbst macht es ihren Leuten allerdings nicht leicht. Zwar ist sie, wie Forscher von Bose erkannte, von »großer Biegsamkeit« und »Mannigfaltigkeit des Ausdrucks«, von archaischer Eigenart und daher für den Wissenschaftler von hohem Wert. Unbestreitbar ist das Sorbische, wie Maximilian Harden schrieb, ein »Medium zur Erlernung einer anderen slawischen Sprache« - wenngleich die Verständigung mit den benachbarten Polen oder Tschechen mühsam und eine flüssige Unterhaltung überhaupt nicht möglich ist.

Doch als Belastung erweist sich schon die Vielfalt der sorbischen Idiome. Niedersorbisch und Obersorbisch sind ziemlich verschieden, und sprachliche Differenzen gibt es auch in den Siedlungsregionen. Vor allem aber mißlang es, diese ständig befehdeten Mundarten den Bedürfnissen des Industriezeitalters anzugleichen.

Sorbisch war Verständigung für den bäuerlichen Alltag, für Feld und Hof; Technik und soziale Entwicklung gingen darüber hinweg. Der »Mähdrescher« wurde zwar noch übertragen, aber die Kernkraft etwa und deren Vokabeln können auf sorbisch nicht artikuliert werden, schon gar nicht so neuartige Worte wie »Stichwahl«, mit denen ja selbst die DDR-Deutschen noch nicht viel anzufangen wissen.

Im Schul- und Bildungsbereich, sagt nun der Erneuerer Jan Malink, »müssen die Schwerpunkte unserer Arbeit liegen« - und das heißt auch: die Schwerpunkte öffentlicher Unterstützung. Ob die aber überhaupt zustande kommt, hängt davon ab, welche Wertschätzung den Sorben im Gefüge des großen Deutschland zuteil wird.

Sie müßten, sagt Jurij Koch, »dem künftigen deutschen Staat begreiflich machen, daß er eine historische Pflicht gegenüber den Sorben hat«. Die »Multikulturalität Europas« könne doch »nur froh sein«, hofft Pastor Malink, »über jede ethnische Insel«. Aber es läßt sich auch denken, daß deutscherseits diese Freude gar nicht empfunden wird.

Darf das Geld kosten und ein wenig Machtverzicht von Kulturverwaltern - diese Sprache, so schön sie auch sein mag, die Musik der Sorben, die noch immer slawisch gestimmt ist, ihre Literatur oder ihr Brauchtum, »eine Dorfkultur«, so Malink, »die sich ziemlich über dem erhebt, was in der DDR sonst so läuft«?

Wenn sich die Lage seiner Leute weiterhin verschlechtere, überlegt der neue Domowina-Vorsitzende Bjarnat Cyz, müsse er wohl Notsignale an die slawischen Nachbarn senden. Erika Jahn, die sorbische Lehrerin, verweist auf »das Phänomen, daß Deutsche und Sorben seit Jahrhunderten friedlich nebeneinander leben, ein Beispiel für Gesamteuropa« - denn jeder Zwist sei ja »immer nur von oben« in diese Nachbarschaft getragen worden. Sie hat aber jetzt schon einen ganz ausgefallenen Verbündeten gefunden.

Sorbin Jahn rief nämlich einfach den schwedischen Botschafter in Ost-Berlin an: weil dessen König Carl Gustaf doch nach wie vor als »Herrscher der Wenden« tituliert werde - ein Anhängsel aus dem Mittelalter. Die Schweden, die dagegen wohl nichts sagen konnten, reagierten freundlich, und demnächst wird eine Sorben-Delegation gen Norden fahren.

Noch fließen Subventionen für den sorbischen Kultur- und Bildungsbetrieb, aber »niemand weiß«, sagt Bjarnat Cyz, »wie lange wir damit noch rechnen dürfen«. Ungeklärt ist das Problem der Landvernichtung durch den Tagebau: Rund um das Kirchspiel Schleife in der Lausitz sind wieder sieben Dörfer mit hohem Sorben-Anteil von den Baggern bedroht; es fanden Demonstrationen statt, doch deren öffentliches Echo blieb erbärmlich.

Daß es kein Sorben-»Land Lausitz« geben wird, ist den Leuten in der Domowina schon klar; aber wenigstens eine »kulturelle Autonomie« sollte sein, Mitsprache und Einspruchsrechte bei der Lehrerausbildung beispielsweise. Und auch auf hinreichende Wählerstimmen für eine reguläre Vertretung in den Parlamenten kann das 60 000-Seelen-Volk kaum rechnen. Bei der Kommunalwahl Anfang dieses Monats, zu der die Domowina erstmals in der Geschichte Kandidaten aufstellen durfte, fielen nur zwei Kreistagsmandate in Cottbus-Land und Hoyerswerda ab. Immerhin präsentierten die Christdemokraten der DDR jüngst das erste Wahlplakat in sorbischer Sprache.

Ungewiß ist für die aktiven Sorben um Malink und Cyz, was ihnen die deutsche Vereinigung bringen wird. Fragen nach den Reps sind zu hören - die mit ihren Parolen die nationalistischen Regungen in der DDR anfachen könnten und dann sicher auch die artfremde slawische Minderheit entdecken. Vielleicht, so eine andere Angst, werde das Land in der nächsten Zeit nur mehr von Konsum und Karriere beherrscht, zu Lasten kultureller und damit sorbischer Bedürfnisse.

Was denn groß anders sei bei den neuzeitlichen Bemühungen, bedrohte Arten in Flora und Fauna zu erhalten, so heißt es in der Lausitz, wenn die Frage nach dem Sinn des sorbischen Überlebens auftaucht. In der Gegend um Cottbus, wo Jurij Koch siedelt, gibt es noch zwei oder drei Exemplare der Blauracke - ein schöner Vogel, dessen Dasein gefährdet ist. Und einen Essay über dieses nahe Ende meint der Dichter ganz doppeldeutig: »Eine Farbe weniger. Zunahme der Grauwerte. Ein Laut weniger, eine Sprache weniger. Zunahme des Schweigens.«

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S. 88: * In der Gemeinde Klitten bei Hoyerswerda im Januar.

S. 41: * 1987 bei der Verleihung des Ordens »Großer Stern der Völkerfreundschaft« an denSorben-Verband »Domowina«.

S. 96: * In der sorbischen Zentralschule in Ralbitz/Oberlausitz.

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