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KARRIERE / BUNDESHOLDING VIAG Mit sanftem Druck

aus DER SPIEGEL 6/1971

Bonns Ministerialdirektor Werner Lamby, 46, bat zwei Top-Manager des bundeseigenen Strom- und Aluminium-Konzerns Viag in sein Büro. Dort eröffnete der Beamte den beiden Managern: »Sie brauchen im Viag-Vorstand einen Juristen.« Den Spitzenkandidaten für diese Position hatte Lamby bereits parat: Werner Lamby.

Der Ministerialbeamte im Bundesfinanzministerium glaubt sich derzeit seiner lang ersehnten Traum-Karriere, einem hochdotierten Manager-Posten in der Industrie, so nahe wie nie zuvor.

Denn Lamby plant, den wirtschaftlichen Besitz des Bundes in eine Holding einzubringen, deren hochdotierter Vorstand naturgemäß auch mit Spitzenbeamten des Bonner Finanzministeriums besetzt würde. Laut Lamby-Vorschlag sollen der Stahlkonzern Salzgitter AG, die Saarbergwerke in Saarbrücken, der Berliner Maschinenbau-Konzern Diag, die Bonner Industrieverwaltungsgesellschaft mbH und die 40prozentige Beteiligung am Chemie-, Energie- und Handeiskonzern Veba von einer gemeinsamen Dachgesellschaft gemanagt werden, Als Holding sollte die Bonner Vereinigte Industrie-Unternehmungen AG (Viag) diesen Bundesbesitz übernehmen und leiten.

Finanzminister Alex Möller billigte den Plan und propagierte Ihn zunächst uneingeschränkt. Würde das Vorhaben realisiert, müßte die Industrie-Abteilung VIII im Finanzministerium, deren Leiter Lamby ist, aufgelöst werden, da es dann keiner besonderen Verwaltungsbehörde für den Bundesbesitz mehr bedürfte.

Ministerialdirektor Lamby kann damit rechnen, daß die so arbeitslos werdenden Bundesbesitz-Verwalter die besten Chancen hätten, mit einem hochbezahlten Vorstandssessel In der Bundesholding entschädigt zu werden. Gleichwohl dementierte er, daß ihm an einem Job in der Viag-Holding gelegen sei: »Alles Enten.«

Freilich, schon im November 1969 bemühten sich Lamby und sein Ministerialrat Fritz Knauss um einen Manager-Posten bei staatseigenen Unternehmen, Anfang 1970 bewarb sich Lamby -- CDU-Mitglied seit Jahren -- beim Düsseldorfer Mischkonzern Veba als Nachfolger des bald pensionsreifen Veba-Chefs Heinz Kemper. Sein Referent Knauss bot sich gleich bei zwei Bundeskonzernen an. So kam er bei der Salzgitter AG und der Berliner Maschinenfabrik Diag um einen oberen Management-Posten ein, Doch Lambys Dienstherr Möller zögerte, in den Vorstandsgremien Platz für seine ambitionierten Beamten zu schaffen.

Als Möller und sein Kollege Karl Schiller sich Mitte Oktober plötzlich entschieden, auch das Bundesholding-Projekt nicht mehr In der ursprünglich von Lamby vorgesehenen Fassung zu unterstützen, schien die Manager-Karriere der beiden Bürokraten geplatzt.

Auf Schillers Drängen hatte sich Möller entschlossen, nicht mehr darauf zu bestehen, daß auch die Bundeskonzerne Salzgitter, die Diag und die Saarbergwerke In die geplante Holding eingebracht werden sollten. Dann freilich hätte die Industrie-Abteilung VIII des Ministeriums nicht aufgelöst werden können, und die Chance der Spitzenbeamten, eine Management-Karriere einzuschlagen, hätte sich verringert.

Doch Anfang Dezember letzten Jahres gelang es Lamby, seinen Minister erneut für seinen alten Plan der alles umfassenden Bundesholding zu begeistern. Lamby damals: »Meine Lösung läuft wieder.«

Den einzigen Sinn, den dieser Mammut-Konzern haben könnte, definierte Alfred Solwitsch, Betriebsratsvorsitzender einer Veba-Firma in Lübeck, so: »Die Viag-Holding soll als Karriere- Plattform für Beamte und Politiker dienen.« Denn außer Knauss und Lamby rechnet sich auch SPD-Wirtschaftssprecher Hans-Jürgen Junghans, Generalbevollmächtigter des Salzgitter-Konzerns, Chancen für einen Platz im Vorstand des neuen Giganten aus.

Auch Wilhelm Reischl, SPD-Abgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium, will Viag-Aufsichtsratsvorsitzender werden. Sein FDP-Kollege Gerhard Mertes, der wie Gerhard Kienbaum als wirtschaftspolitischer Sprecher in seiner Partei das Bundesholding-Projekt unterstützt, bot Reischl bereits im Oktober 1870 die Geschäftsführung bei einer Tochter der Industrieverwaltungsgesellschaft an. Mertes sollte die bundeseigene Fernleitungs-Betriebsgesellschaft übernehmen, die für die Nato Pipelines betreibt.

Verwunderte sich die »Frankfurter Allgemeine Zeitung": »Über die Köpfe der betroffenen Unternehmensführungen hinweg werden immer neue Sandkastenspiele veranstaltet.« Und auch der Sprecher der Deutschen Bank, Franz Heinrich Ulrich, tadelte den »blinden Eifer« der Bonner Beamten.

Lambys Abteilung indes versuchte, den Widerstand der bisher noch selbständigen Konzern-Leitungen in den Bundesunternehmen mit sanftem Druck zu brechen. Sein Ministerialrat Knauss etwa warnte die Manager der staatseigenen Forschungsfirma Prakla: »Sie müssen sich entscheiden, wo sie besser aufgehoben sind, beim Bund oder -- nach einem Verkauf -- bei Siemens oder AEG.«

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