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»Mit sauberer Luft verdienen«

Die EU-Umweltkommissarin Margot Wallström, 46, über den Öko-Boykott der USA und den Bonner Klimagipfel
Von Sebastian Knauer und Sylvia Schreiber
aus DER SPIEGEL 29/2001

SPIEGEL: Die Regierung von US-Präsident George W. Bush bezeichnet weitere Öko-Auflagen als »unfair für Amerika«.

Wallström: Das ist unfair gegenüber dem Rest der Welt. Die Vereinigten Staaten haben weltweit den höchsten Ausstoß an Treibhausgasen. Der Klimawandel führt heute schon zu Überschwemmungen und Stürmen, die Auswirkungen für ärmere Länder sind katastrophal. Das nenne ich nicht fair gegenüber diesen Ländern.

SPIEGEL: Washington will sich trotzdem gegen die in Kyoto beschlossene Zielmarke sperren, den Kohlendioxid-Ausstoß in den USA bis 2012 um sieben Prozent zu senken. Glauben Sie noch an eine Wende der Amerikaner in Bonn?

Wallström: In Bonn wird es wohl keinen endgültigen Beschluss über Kyoto geben, da sind meine Erwartungen nicht allzu hoch.

SPIEGEL: Nach Ansicht der Bush-Regierung werden Indien oder China zu Unrecht von Klimaauflagen befreit.

Wallström: Diese wichtigen Schwellenländer wollen in der ersten Phase keine Verpflichtungen übernehmen, die ihre Wirtschaftsentwicklung bremsen. Deshalb müssen beim Klimaschutz die Industriestaaten vorangehen. Immerhin hat aber China in den letzten fünf Jahren seine Emissionen beträchtlich zurückgefahren.

SPIEGEL: Die US-Administration hält Klimawarnungen für Panikmache. Wie kommen Sie gegen diesen populären Standpunkt an?

Wallström: Das ist tatsächlich schwierig. Vor allem die Japaner wollen die amerikanische Wende wohl unterstützen, wie mir Gespräche in Tokio zeigten. Der Rückzug der USA darf aber keine Entschuldigung sein, das Klimaprotokoll aufzukündigen. Wenn die Bonner Verhandlungen scheitern, werden wir Europäer allein vorangehen.

SPIEGEL: Aber in einigen europäischen Ländern wie den Niederlanden wird heute mehr Kohlendioxid in die Luft gepustet als noch vor Jahren. Auch Gipfel-Gastgeber Deutschland könnte am Klimaziel scheitern. Ist die Klage über die Amerikaner da nicht heuchlerisch?

Wallström: Es stimmt, wir müssen natürlich erst mal unsere eigenen Hausaufgaben machen. Die EU hat gut 40 Maßnahmen untersucht, mit denen sich der Schadstoffausstoß senken lässt. Ergebnis: Wir können das Klimaschutzziel ohne große volkswirtschaftliche Kosten oder Ausbau der Atomkraft erreichen.

SPIEGEL: Da rechnet die europäische Industrie aber ganz anders und beklagt Wettbewerbsnachteile durch überzogene Umweltauflagen.

Wallström: Überzogen? Nach unseren Berechnungen liegt das Einsparpotenzial bei Kohlendioxid in der EU sogar doppelt so hoch wie in Kyoto vereinbart.

SPIEGEL: Das wird die Wirtschaft eher schrecken als trösten. Wird Bonn zum Anti-Arbeitsplatz-Gipfel?

Wallström: Sicher nicht. Denken Sie nur an die Wärmedämmung für Häuser oder den Aufbau eines Tankstellennetzes für Bio-Treibstoff - das alles schafft neue Jobs.

SPIEGEL: Was halten Sie vom Handel mit Kohlendioxid-Gutschriften? Ist das nicht ein Freibrief für die Reichen, weiter die Umwelt zu belasten?

Wallström: Keineswegs. Genau an diesem Punkt wollen wir Europäer den Amerikanern bald sogar voraus sein. Wir werden vorschlagen, den Handel mit so genannten Emissionsrechten, zunächst für Kohlendioxid, stärker zu fördern. Damit kann dann ein »sauberes« Unternehmen über eine staatliche Vermittlungsagentur ein Kontingent zur Luftbelastung an eine weniger saubere Firma verkaufen. Diese marktwirtschaftlichen Anreize sind auch für Amerika ganz wichtig, damit lässt sich nämlich Geld verdienen.

SPIEGEL: Bekommt dann auch der Sprit sparende Autofahrer mit dem neuesten Katalysator an seiner Tankstelle eine Gutschrift auf eine Chipkarte gebucht?

Wallström: Warum nicht? Wir können uns Abrechnungen für jeden einzelnen Autofahrer vorstellen, in denen eine umweltschonende Fahrweise Geldvorteile bringt, vergleichbar mit einer Steuerentlastung. INTERVIEW: SEBASTIAN KNAUER,

SYLVIA SCHREIBER

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