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HAUPTSTADT Mit schmutziger Vorhand

Freund und Feind halten Klaus-Rüdiger Landowsky für den womöglich mächtigsten Mann Berlins. Er ist nicht rechts oder links, sondern ein Populist, der beziehungsreich vom Müll und den Ratten in der Stadt redet, aber auch die Love-Parade gut findet. Von Matthias Matussek
Von Matthias Matussek
aus DER SPIEGEL 20/1997

Es muß Liebe sein. Niemand wird von Berlins Linken so theatralisch ausgeleuchtet wie Klaus-Rüdiger Landowsky, der Fraktionschef der Berliner CDU. Sein Sündenregister ist jetzt sogar als Buch erschienen*. Da hat er doch tatsächlich öffentliche Mittel für den Stadionausbau seines Tennis-Vereins »Rot-Weiß« beschafft, der dieser Tage die »German Open« austrägt. Steuergelder also auch für ein paar Reiche im Publikum. Pfui!

Dabei ist die schlimmste Tennis-Sünde Landowskys noch gar nicht erwähnt: seine Vorhand. Ein krummes Ding, verdeckt aus dem Handgelenk geballert, cross übers Netz. Am Ende eines langen Arbeitstages ist Klaus-Rüdiger Landowsky in Hochform. Er schwitzt und kämpft. Er erläuft jeden Ball. Er dehnt die Regeln. »Einen Doppelfehler pro Satz hat jeder frei«, brüllt er in die nächtliche Halle. »Das ist hier anders als in der Politik.«

* Mathew D. Rose: »Berlin - Hauptstadt von Filz und Korruption«. Droemer Knaur, München; 304 Seiten; 39,80 Mark.

Er spielt seit 17 Jahren Tennis, seit er mit dem Rauchen aufgehört hat. Natürlich ist er ehrgeizig, und natürlich läßt er sich das nicht anmerken. Er stapelt tief, um den Gegner in Sicherheit zu wiegen. Und dann kommt er mit dieser stilistisch völlig verkorksten Vorhand, die ihm jeder Tennislehrer sofort verbieten würde.

Das Dumme ist nur: Er gewinnt mit ihr. »Schönes Spiel«, sagt er nach zwei Stunden, schweißgebadet und eine Spur gönnerhaft. »Mit Schönbohm werde ich leichter fertig, der hält nicht so lange durch.«

Jörg Schönbohm, der CDU-Innensenator, gilt als einziger anderer Politstar Berlins. Doch Schönbohm kommt von außen, aus Bonn, während Landowsky Berliner Betonriege ist, so sehr Frontstadt wie das Brandenburger Tor. Schönbohm sorgt in der Stadt für Ordnung. Doch Landowsky, 54, führt politisch Regie.

Er sitzt in Dutzenden von Stiftungsräten, Förderkreisen und Vereinen. Er ist politisch bestens vernetzt. Er hat tausend Gesichter, gefällt sich als feinsinniger Kunstmäzen und gleichzeitig als Kerl fürs Grobe, als Königsmacher und Dschungeltreter, Galaredner und Politprolet. Die Berliner Politik, ein farbloser Eimer Wasser, hat in ihm den Tintenklecks. Sein Geld verdient er als Banker. Aus Gründen der politischen Hygiene verzichtet er auf sein Gehalt als Fraktionschef, und er tut es lässig. Das macht ihn unabhängiger.

Eberhard Diepgen, der Regierende Bürgermeister, ist der leise Kompromiß, Landowsky die laute Schmerzgrenze.

Über die SPD, den Regierungspartner, spricht Landowsky wie über einen Pflegefall, den man nur noch quer zur Tür rollen kann, um mit ihm den Vormarsch der roten PDS-Horden zu blockieren. Tatsächlich sind die Ex-SEDler die einzigen im derzeitigen Berliner Politvakuum, die bescheidene Terraingewinne erzielen.

Im Grunde braucht Landowsky sie und die Grünen, braucht noch das verlogenste Gekreische, denn er braucht Lärm, den Kampf. Landowsky, der Spieler. Er arbeitet von der Grundlinie. Ab und zu ein Netzangriff. Und manchmal diese schmutzige, verdeckte Vorhand.

Wie bei der jüngsten Haushaltsdebatte. Da sprach er vom Müll in der Stadt, der die Ratten anziehe, und vom Gesindel, mit dem man aufräumen müsse. Es gibt keine Großstadt-Mutter, die nicht noch härtere Wörter finden würde für Dealer, Skins und Mafiosi, die ihr das Treppenhaus unsicher machen.

Im Berliner Abgeordnetenhaus schlabberte prompt die erwartete »Betroffenheit und Empörung« über das zynische und menschenverachtende »Nazi-Vokabular« durch die Mikrofone.

Landowsky hat genau gewußt, was kommt. Er wußte auch, daß sich die bürgerliche Mitte öffentlich empört und heimlich nickt. Allerdings, sagt er später beim Bier in seiner Stammkneipe, hat ihn die BERLINER ZEITUNG sehr getroffen. Da wurde er mit Goebbels in Verbindung gebracht.

Im Hintergrund dudelt Peter Alexander, und Landowsky fällt über Bratkartoffeln und Schultheiss-Bier her, und er redet über seinen Schmerz mit hinreißender Melancholie. »Herausgeber Schröder hat sich später bei mir für seinen Chefredakteur entschuldigt«, sagt er mit düsterem Genuß. Ist es nicht wundervoll, wenn man gleichzeitig als Täter und Opfer triumphieren kann?

Als ihm kurz darauf die Zeitungsverkäuferin den Andruck der MORGENPOST in die Hand drückt, ist der Tag perfekt. Er blättert zielsicher, bis er die Landowsky-Schlagzeile über die »glänzende Bilanz« seiner Bank findet, die er am Morgen präsentiert hatte. Er grinst: »Das ist doch der Kick!«

Ein Gewinn, sicher von der Grundlinie herausgespielt, diesmal mit blauem Maßanzug, Einstecktuch, gefönter Silbermähne. Als Vorstandssprecher kann er einen kräftigen Ergebnisschub und Sonderausschüttungen für die Aktionäre ankündigen. Die Fachjournalisten stellen lauernde Fragen und nicken schließlich ab - er gilt als solider Banker. Sein Parteibuch erleichterte ihm einst den Einstieg - den Aufstieg verdankt er seiner Kompetenz, seinem Fleiß.

Seine Seele jedoch, die hat er woanders verschlossen. In einem Zimmer, ein Stockwerk tiefer. Da steht Landowsky, kurz nach der Pressekonferenz, vor einem Bild des Malers Alexander Camaro aus dem Jahre 1961. Ein Bild der politischen Identität und Biographie viel eher als des ästhetischen Genusses. »Das ist die Mauer«, sagt er andächtig in der Stille des Raums mit seinem schwarzen Leder, dem blankpolierten Stahl, und schaut hinüber zur Wand mit der ockerfarbenen Komposition, in die das Datum »13. August« gemalt ist, schemenhaft, wie eine verwehte Spur im Sand. »Das ist heute rund eine halbe Million Mark wert.«

Die Mauer fehlt, und natürlich ist sie wesentlich mehr wert, als der Kunstmarkt hergibt. »Früher sind die Leute wegen der Mauer nach Berlin gekommen«, sagt Landowsky. »Jetzt kommen sie wegen der Kunst.« Er liebt die Kunst, und ein wenig parfümiert er sich auch mit ihr und den zahllosen Galeristen, die er seine Freunde nennt. Doch in diesem Moment spricht er über die Mauer wie über einen unvollkommenen Ersatz.

Die Mauer war grandioser Vereinfacher, eine zutiefst moralische Architektur für beide Seiten: Sie schied Recht und Unrecht, Hell und Dunkel, Gut und Böse. West-Berlin konnte nichts falsch machen mit der Mauer: Es war heldenhaft, inselfröhlich, demokratisch und demzufolge üppig beschenkt. Berlins Politik, ein schwunghafter Ablaßhandel, der fette Pfründen für alle Parteien garantierte.

Landowsky dämmerte eher als anderen, daß die Mauer wie ein Trickspiegel funktioniert hatte, der jeder der beiden Stadthälften eine Größe zuspiegelte, die sie nie einlösen konnte. Vor der Mauer wirkte noch das kleinste Licht wie eine große Leuchte. Der Mauerfall - eine Implosion. Im Grunde hat der Frontstädter und »Schandmauer«-Beseitiger Landowsky all die Jahre an seiner politischen Selbstabschaffung gearbeitet.

Landowsky lächelt darüber, weil er es insgeheim weiß. »Wird Zeit, daß die Regierung kommt«, sagt er - »dann tritt der größenwahnsinnige Berliner Abgeordnete zurück ins Glied.« Die Hauptstadt schlüsselfertig an den Kanzler übergeben und dann abtreten, das ist das Ziel.

Die Stadt braucht Landowsky, weil er die alte Klientel vertritt und gleichzeitig die neue umarmen kann, und beides drastisch. Er kennt die Stimmung in der Gropiusstadt, in Neukölln, im Tiergarten und im Wedding, wo die Arbeitslosigkeit mittlerweile höher ist als im Osten. Aber er

begeistert sich genauso für die Love-Parade und die unorthodoxe Galerieszene in der Auguststraße.

Landowsky ist ein Paradox. Er stammt aus stramm sozialdemokratischem Elternhaus, sozial engagiert. Nach dem Ungarn-Aufstand der Schwenk nach rechts, und mit dem Mauerbau war sein politisches Lebensziel definiert. Seine schwärzeste Stunde? Ganz klar, als die Mauer fiel, und nicht er und Diepgen das Volk grüßten, sondern Walter Momper mit seinem roten Schal. »Die Einheit ist uns in Berlin von den Sozis geklaut worden.«

Nach dem Wahldebakel zog Landowsky durch 90 CDU-Ortsvereine und leistete Abbitte. »Wir mußten unsere Lektion in Demut bekommen, wir waren zu selbstgefällig geworden.« Er erinnert an die 750-Jahr-Feier, an diese »Scampi-Stimmung« in der Stadt - »das war plötzlich zuviel München«.

Sein Herkunftsmilieu ist nicht die Unternehmer-CDU, sondern die der kleinen Leute, der Malocher mit antikommunistischem Programm. Er lebte in Kreuzberg, in Neukölln, mit Außenklo und Kohleofen. Das sind seine »Landsergeschichten«. Landowsky, ein anderer Alternativer.

Eine Berliner Gegen-Biographie: In den frühen Sechzigern war er Burschenschafter, dann Aktivist gegen Dutschke. Aber natürlich lief auch er mit Hippie-Sonnenbrille durch die Gegend, und er sagt stolz, als habe er mit Rainer Langhans in der Kommune 1 gesessen: »Wir haben die Erziehung der Spießerkinder aus Baden-Württemberg übernommen.« Vor allem aber war er es, der 1973 Flugblätter der Jungen Union auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz verteilte und damit mehr Courage zeigte als alle Charlottenburger Wohlstandskommunarden zusammen.

Er ist nicht links oder rechts, er ist Populist. Er glaubt an die Kunst der Vereinfachung. Seine Vorliebe für den Expressionismus, für die afrikanische Primitivkunst rührt daher. »Das Wesentliche herausarbeiten, keine Ziselierungen.« Wenn er durch die Kunstsammlung führt, die er für die Bank erwirbt, ist er stolz. Um so mehr, weil er selbst seine Kunstbegeisterung als Sieg über die Sozis feiern kann.

Den Sozis ist die Kunst Wurscht. Die entscheiden sich eher dazu, ein Theater dichtzumachen als ein Hallenbad. »Die verstehen nicht, daß Kunst ein Abenteuer ist.«

So irrlichtert Landowsky zwischen Arbeiterbezirk und Vernissage, zwischen Kneipenauftritt und Klub-Plauderei.

Berlin tut sich schwer damit, stilvoll oder glamourös zu sein. Hier gibt es kein altes Geld wie in Hamburg, das sich exklusiv feiert, und kein neues Geld wie in München, das tanzt. Es greift ständig zu hoch oder zu tief und hat dabei stets gegen die mißtrauische linke oder rechte Bulettenklientel zu kämpfen.

Das Korruptionsbuch über Berlin ist eine entlarvende Lektüre. Nicht weil es politische Machenschaften aufdeckt, sondern den eigenen alternativen Muff. Es spiegelt die kleinen Karos eines intellektuellen Biotops, das die Mauernische schmerzlicher vermißt als jeder Partei- Kanalarbeiter. Ein Buch auf dem Argumentationsniveau der Siebziger-Jahre-Wohngemeinschaften.

Es rechnet etwa zu den politischen Sünden des von Landowsky einst geförderten privaten Radiosenders »Hundert,6«, daß der eine amerikafreundliche Position im Golfkrieg gegen Saddam Hussein vertreten habe. Es vermutet außerdem, daß die Berliner Medien die Olympiabewerbung deshalb unterstützten, um »neue Märkte im Osten« zu gewinnen. Nur logisch, daß dem Buchautor der »Internationale Club« am Funkturm als Tränke der prassenden Elite politisch anrüchig ist.

Der frühere britische Offiziersklub war von Landowsky mit führenden CDU- und SPD-Politikern gegen günstige Pacht übernommen worden, um einen exklusiven Treff für Spitzenpolitiker, Unternehmer, Botschafter zu schaffen. Seitenlang führt das Buch empört die Mitglieder und ihre Funktionen auf, als sei es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, nicht beim Griechen an der Ecke zu essen.

Natürlich hat es Landowsky mit solchen Gegnern einfach. Zu einfach. Sein Format ist, bisweilen, ein optischer Trick: Wer so verschrumpft attackiert wird, dem wächst eine Größe zu, die er sich nicht selber verdient hat.

Wie die verfilzte Berliner SPD war auch die CDU nach ihrer Machtübernahme 1981 in Bau- und Bestechungsskandale verwickelt. Landowskys Name wurde stets am Rande mitgenannt, nachgewiesen wurde ihm nie etwas. »Bei mir finden sie nichts«, sagt er lächelnd. Möglich, daß er einfach zu schlau war, um sich Blößen zu geben. Möglich, daß er ein Politiker mit Skrupeln ist, der »auch vor der eigenen Familie Vorbild zu sein hat«. Wahrscheinlich trifft beides zu.

Die Familie ist sein Korrektiv, wenn er abzuheben droht. Vor allem nach seiner »Rattenrede« gab es Kritik, besonders von der 24jährigen Tochter, die mittlerweile allein wohnt. Mit Frau Karin und Sohn Thorsten bewohnt er die beiden oberen Etagen eines Häuschens im Grunewald. Bürgerlich ja, luxuriös nein. Viel warmes Holz, viel Ziergrün, Messinglampen, Perserbrücken und Biedermeier-Kommoden, natürlich eine Hausbar - alles eben, was in den frühen siebziger Jahren als »Schöner Wohnen« galt. Über Wände und freie Flächen ist Kunst gestreut, kleinformatige Gemälde, Skulpturen, afrikanische Plastiken. Seine Frau kennt er noch aus der Schulzeit. Was ihr an ihm imponiert hat? »Er hat sich gegen alle durchgesetzt, immer.«

Sie trägt eine Trachtenjacke mit Hirschhornknöpfen. Auf der bestickten Bluse darunter kümmert sich eine Ente um ihre Jungen. Irgendwann hat sie sich entschieden für diesen Mann und ein Lebenswerk als Hausfrau, gutaussehend, selbstsicher, ausgleichend. Wahlkampfauftritte vermeidet sie. Erst vor wenigen Jahren trat sie der CDU bei. Mit den politischen Zielen ihres Mannes ist sie weitgehend konform, doch längst nicht immer mit seinem Stil. »Er konfrontiert, wo immer er kann - ich wäre vorsichtiger.«

Ein paar Tage später ist Landowsky, der Mann der Netzattacke, gefragt. In der Kreuzberger Kneipe Zur Blume in der Friedrichstraße spricht er zum CDU-Parteivolk. Rund 150 Leute drängen sich im qualmgeschwängerten Saal, einige herausgeputzt, andere im blauen Anton, rauchend und trinkend unter pergamentgelben Lampen, die an Ketten von dunklen Deckenbalken hängen: Kreuzberg, Chaotenhochburg und Klein-Ankara, mit 29,2 Prozent Arbeitslosigkeit das Armenhaus Berlins.

Landowsky prescht vor, mit der Umarmungsoffensive. Er freut sich, unter »normalen Leuten« zu sprechen und nicht bei den »Zehlendorfer Pinkeln«, in seinem eigenen Wahlkreis. Der Ball kommt zurück. »Dort oben redet der sicher anders«, sagt einer laut. Man mißtraut Politikern hier, selbst solchen, die man wählt.

Es sind kleine Leute, die da wütend und verzweifelt von zu hohen Mieten und zu kleinen Löhnen reden, und andere, die von EU-Mitteln und Lohnnebenkosten und Shareholder-value-Kapitalismus stottern - die Not hat alle zu Wirtschaftsspezialisten gemacht, die Not zu begreifen, warum sie ihren Arbeitsplatz nicht halten können.

Eine turbulente Versammlung. Jeder hier weiß, was er mit »Gesindel« gemeint hat, und natürlich halten es alle, wie Landowsky, für »Irrsinn, wenn die SPD halbwüchsige Totschläger mit Erlebnispädagogik in der Karibik belohnen möchte«. Doch dann nimmt er den Fuß vom Gas. »Wir dürfen aber auch die Buntheit der Lebensstile in dieser Stadt nicht kaputtmachen«, sagt er. »Berlin lebt davon.«

Das Erstaunliche an ihm ist, daß er zuspitzt und doch am Ende der Abwiegler ist. Er harkt rechts und zieht in die Mitte.

»Ick glaube, die haben mich verstanden«, sagt Landowsky am Ende beglückt. Spaß an der Macht über Menschen und Spaß am Spiel - das ist Politik für ihn. Er streift sein Boss-Jackett über und verschwindet in seiner schwarzen Dienstlimousine in der Nacht. Zurück in den Grunewald, mit einem Satz-Gewinn.

* Mathew D. Rose: »Berlin - Hauptstadt von Filz undKorruption«. Droemer Knaur, München; 304 Seiten; 39,80 Mark.* Oben: in der Kreuzberger Gaststätte Zur Blume; unten: Szeneaus dem Film »Mondo di Notte«, Anfang der sechziger Jahre.

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