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KRIEGSERINNERUNGEN Mit Shakespeare-Englisch

aus DER SPIEGEL 2/1951

Otto Skorzeny, der Mann, der nicht nur Mussolini befreite, nicht nur Horthy jun, verhaftete und nicht nur den Auftrag bekam, New York von U-Booten aus mit V 1 zu beschießen, brach in seinen Memoiren*) den Schweigeeid über die Panzerbrigade 150 und das Unternehmen »Greif« und plauderte Hitlerworte aus:

»''Ich erzähle Ihnen das so genau, damit Sie sich wirklich einfühlen können und wissen, daß wir alles genauestens überlegt und durchgearbeitet haben'', fuhr Adolf Hitler (bei einer Lagebesprechung über die Ardennenoffensive) fort. ''Ihnen und den Ihnen unterstellten Einheiten wird eine der wichtigsten Aufgaben der Offensive zugewiesen:

* ''Sie werden als Vorausabteilung eine oder mehrere Maasbrücken zwischen Lüttich und Namur in Besitz nehmen. Sie werden diesen Auftrag getarnt, und zwar in britischen und amerikanischen Uniformen, ausführen.''

* ''Außerdem'', fuhr Adolf Hitler weiter fort, ''soll durch Voraussenden kleinerer Kommandos in Tarnuniform, die falsche Befehle geben, Nachrichtenverbindungen

*) Otto Skorzeny: Geheimkommando Skorzeny, Hansa Verlag Josef Toth, Hamburg, 420 Seiten, DM 16,80. stören und feindliche Truppen irreleiten, in den Reihen der Alliierten Verwirrung gestiftet werden.''«

Der ehemalige Feldwebel Heinz Rohde, jetzt Kinobesitzer in Ahrensböck/Holstein, erinnert sich, daß wegen Bruchs der Schweigepflicht bei den Vorbereitungen dieses Unternehmens »Greif« in Grafenwöhr ein Soldat erschossen wurde, der im Feldpostbrief seinen Eltern gegenüber unvorsichtig geplappert hatte. Ein zweiter wurde, zur moralischen Abgewöhnung, an sein eigenes Grab geführt, worauf man ihn wieder laufen ließ.

Heinz Rohde, Teilnehmer der Aktion »Greif«, fühlte sich seit damals ganz selbstverständlich an das Schweigegebot gebunden, zumal er befürchtet, daß die Amerikaner heute noch Ueberlebende des Unternehmens »Greif« zur Rechenschaft ziehen. »Auch Skorzeny hätte den Mund halten müssen, wie er das von uns verlangt hat.«

»Um so mehr, als Skorzeny selbst keinen Fuß hinter die feindlichen Linien gesetzt hat.« Eine Tatsache übrigens, die Skorzeny auf Seite 283 seines Buches zugibt (Hitler persönlich habe es ihm untersagt).

Rohde, der sich nun seinerseits für verpflichtet hält, auszupacken, will zeigen, »wie leichtfertig man uns damals in den fast sicheren Tod geschickt hat«.

Soweit Rohde unterrichtet ist, sind von der Kommando-Kompanie keine drei Mann mehr am Leben. Wer nicht in den Ardennen fiel oder gefangen wurde (was dasselbe bedeutete), ist in der letzten Kriegsphase bei der Verteidigung des Brückenkopfes Schwedt an der Oder unter Skorzeny geblieben.

Daß Heinz Rohde selbst heimgekehrt ist, schreibt er - abgesehen von dem Umstand, daß er bei Schwedt nicht mehr zum Kampfeinsatz kam - dem Foto der blondlockigen Eloyse aus Tulsa (Oklahama) zu, das er, ausstaffiert als amerikanischer Sergeant Morris Woodahl, der Echtheit wegen sozusagen als Talisman in seiner Brusttasche trug.

Ob der echte Woodahl, dessen Papiere Rohde während des Ardennenangriffes trug, inzwischen zu Eloyse heimgefunden hat, »was ich ihm von Herzen wünsche«, kann Rohde nicht sagen. Die Militärpapiere und Erinnerungsfotos, die den Angehörigen der Team-Kompanie ausgehändigt wurden, stammten teils von Gefangenen, teils aber auch von Toten.

Außer dem Bildnis der Eloyse hat Rohde nur noch das Konterfei von zwei flotten Ami-Jungens aus Woodahls Hinterlassenschaft aufbewahrt. Er glaubt, daß einer dieser beiden Woodahl selbst ist.

Yes und no. Da Rohdes Vater, in Woodstock bei New York verstorben, amerikanischer Staatsbürger war, hätte Sohn Heinz eigentlich Einsatzverbot im Westen gehabt. Aber Heinz langweilte sich als Genesender beim Ersatz in Hamburg-Horn und wollte wieder ran an den Feind. Es paßte gerade, daß Soldaten mit englischen Sprachkenntnissen für einen Sondereinsatz gesucht wurden (vgl. Auszug aus »Geheimkommando Skorzeny"), wofür sich Rohde, wohl in der Hauptsache wegen seines Yankee-Papas, weniger wegen seines mäßigen Schulenglisch, empfahl.

Anfang November 1944 ging es per Marschbefehl nach Grafenwöhr in ein Baracken-Camp, das von SS-Beutegermanen bewacht war. Alle 20 bis 30 Meter stand ein Posten. Das Soldbuch blieb an der Wache. Es sprach sich alsbald herum, daß Skorzeny die Finger dazwischen hatte. Aehnlich wie Mussolini vom Gran Sasso herunter, solle diesmal

General Eisenhower aus dem Trianon-Hotel in Paris herausgeholt werden, wurde gemunkelt.

Ganz geheimnisvoll wurde die Sache jedoch, als an amerikanischen Beutefahrzeugen, Jeeps und Panzerspähwagen, frontnaher Einsatz geübt wurde. Statt nach der eigenen Dienstvorschrift für die Panzertruppen wurden die Knochen nach der amerikanischen Felddienstvorschrift bewegt. Die war nur halb so stur. Kommandiert wurde durchweg amerikanisch, was dazu führte, daß zeitweilig angenommen wurde, es ginge mit den Amis gegen die Russen.

Rohdes teachers (Ausbilder) in Grafenwöhr waren größtenteils Leute mit hervorragenden englischen Sprachkenntnissen. Einige hatten sogar in der US-Army gedient und beherrschten amerikanischen Slang, den sie einem Mischmasch aus fast sämtlichen Dienstgraden aller vier Wehrmachtsteile eindrillen sollten.

Das führte insofern zu erheblichen Schwierigkeiten, als es bei der Masse der »Panzerbrigade 150« (so nannte sich der neue Haufen) an englischen Sprachkönnern haperte.

Vier auf einem Jeep. Zum Einsatz der Panzerbrigade, die sich im Tarneinsatz als Voraustruppe fliehenden feindlichen Verbänden anschließen und die Maas-Brücken nehmen sollte, kam es, infolge des enttäuschenden Verlaufs der Ardennenkampagne, nicht mehr. Die Brigade wurde zur Abschirmung der nördlichen Flanke der Offensive bei Malmedy als regelrechter Frontverband, deutsch uniformiert, eingesetzt.

Wohl aber kamen die Teams, die Verwirrung hinter den Feindlinien stiften sollten, zum verlustreichen Einsatz.

Die Kommando- oder Teamkompanie (auch Gang- [Banden-] Kompanie genannt), der Feldwebel Hans Rohde zugeteilt war, unterstand dem Kommandeur der Panzerbrigade direkt. Sie war nur etwa 40 Mann stark und gliederte sich in Sabotage-Teams und Aufklärungs-Teams. Führer war Hauptmann Stielau.

Jedes Team saß zu vier Mann in einem Jeep, was hernach die Ursache dafür gewesen sein soll, daß die Amerikaner Verdacht schöpften, da sie selbst in ihren Jeeps höchstens drei Mann sitzen hatten.

Ein Team bestand aus dem Führer (leader), dem Fahrer, dem Sprecher und - beim Sabotage-Team - einem Mann mit Pionierausbildung, bzw. - beim Aufklärungs-Team - einem Mann mit Funkausbildung (da er ein Tornister-Funkgerät zu bedienen hatte).

Ausrüstung und Bewaffnung der Team-Kompanie waren besser als bei der Brigade. Sie hatte auch die besten Sprecher, aber jedes Team hatte doch nur einen einzigen Mann, der wirklich einwandfrei Englisch sprach. Fiel er aus, so kam das Team in arge Bedrängnis. Für solche und andere Fälle wurden deshalb Blausäure-Ampullen gefaßt, die in der Watte der Feuerzeuge versteckt waren.

Am 8. Dezember 1944 verlegte die Team-Kompanie, im Konvoy der Brigade, auf den Truppenübungsplatz Wahn südlich Köln. Eine Einweisung in die Aufgaben war vorausgegangen. Erwähnt wurde aber nicht, daß der Einsatz kleiner deutscher Trupps in alliierten Uniformen hinter der feindlichen Linie aller Wahrscheinlichkeit nach dem gegnerischen Nachrichtendienst bekannt war, nachdem der Sonderbefehl (g.Kdos) zur Aufstellung der Panzerbrigade durch eine Unvorsichtigkeit des Verteilers im Wehrmachtsführungsstab bis zum Bataillon hinunter verbreitet worden war (s. Buchauszug).

Auf dem Uebungsplatz Wahn, wo die Teams sogar von der eigenen Brigade isoliert waren, wurden dann die Freiwilligen mit amerikanischen field-jackets maskiert. Es war befohlen, nur noch Englisch zu radebrechen, was, weil zu mühselig, jedoch meist unterblieb.

Besser gefielen den Muß-Amerikanern schon die Camels und Lucky Strikes, die sie rauchen durften. Kaugummiwälzend und versehen mit nagelneuen Dollar- und Pfundblüten, die zur Tarnung erst einmal zerknittert und beschmutzt wurden, bereiteten sich die Gangs auf ihre Ausflüge ins Jenseits der HKL vor. »Mit unserem Shakespeare-Englisch war das eine verteufelte Sache«, kratzt sich Heinz Rohde, wenn er zurückdenkt, noch heute am Ohr.

Vor Angriffsbeginn am 16. Dezember wurden die Teams dann auf die Kampfgruppen aufgeteilt, von deren Spitzen sie sich abstoßen und drüben eintauchen sollten.

Di-da-did. Rohde hatte bereits in Wahn Soldbuch und Souvenirs des Sgt. Woodahl in die Brusttasche geschoben. Als am Morgen des Sechzehnten, um 05.15 Uhr, Hitlers »kriegsentscheidende Offensive« auskanoniert wurde, lag Rohde im Jeep, das Ohr am Kopfhörer des b-Geräts und nahm das »Di-da-did« der Funkleitstelle auf.

Sein Kopf war bandagiert. Mit einem Operations-Stilet hatte ihm zuvor ein Arzt eine künstliche Verwundung - einen Schmiß über die Backe, der noch heute zu sehen ist - beigebracht, damit er das deutsche Funkgerät im Liegen mit seinem Körper verdecken konnte.

Das Unternehmen »Greif« der Panzerbrigade 150 sollte im Angriffsstreifen des 1. SS-Panzerkorps (6. Panzerarmee) vor sich gehen, das die Maas zu gewinnen und die Maasbrücken offenzuhalten hatte. Dementsprechend lautete der Auftrag für die drei hier eingesetzten Aufklärungs-Teams

- darunter das, bei dem Rohde-Woodahl mitfuhr - , die Lage an den Maas-Brücken zu erkunden.

48 Stunden später entfiel jedoch die Voraussetzung für den Einsatz der bis dahin hinter den Panzertruppen herfahrenden Tarn-Brigade: die regellose Flucht des Gegners. Da der Feind sich leidlich geordnet zurückzog, blies Skorzeny »Greif« ab.

Socken und Halbschuhe. Inzwischen waren aber bereits sechs der vorausgeschickten insgesamt neun Jeep-Teams hinter der feindlichen Front. Diese Handvoll Leute hat dann eine tolle Spionenpsychose auf der anderen Seite verursacht, bei der vermutlich ebenso viele Amerikaner festgenommen und verdächtigt wurden wie Deutsche.

Die von alliierter Seite hernach genannte Zahl von 130 abgeurteilten und erschossenen Greif-Verdächtigen halten aber sowohl Skorzeny als auch Rohde für weit übertrieben, da doch, an der Zahl der eingesetzten Jeep-Teams gemessen, nicht mehr als 25 getarnte Deutsche zum Ami hinübergesickert sein konnten.

Fest steht, daß zwei Teams verlorengingen und von den Amerikanern gekillt wurden, und daß andere Verluste hatten - so daß, als sich der Team-Rest hernach auf Schloß Wallerode nordöstlich von St. Vith wieder versammelte, dem Führer dieses Restes, Korvettenkapitän von Beer, nur noch drei intakte Teams zur Verfügung standen. Das bedeutet einen Verlust von beinahe zwei Dritteln, der in dieser Höhe zweifelsohne auf die übereilte und dementsprechend mangelhafte Ausbildung in Grafenwöhr zurückging.

Aus den Berichten der überlebenden Teamleader ging hervor, daß

* ein Team bis in die Nähe der Maas bei Huy gelangt war,

* ein zweites die Maas bei Amay sogar überschritten hatte,

* ein drittes bis südwestlich Engelsdorf gekommen war.

Weitere Teams hatten lediglich, im Zuge der Angriffsoperation, den Raum um Malmedy erreicht - so auch das des Feldwebels Rohde.

Rohdes Mannschaft hatte bei dem Ort Recht einen amerikanischen Greyhound-Spähwagen erbeutet, nachdem dessen Besatzung durch MP-Feuer vertrieben worden war. Das Team, das dabei noch deutsche Feldmützen trug, kam in gefütterten amerikanischen Lederwesten und mit gelben Halbschuhen zu weißen Socken (schokoladekauend) von drüben zurück.

Eines der durchgesickerten Teams hatte ein amerikanisches Panzerregiment durch falsche Auskunft irregeleitet, so daß dieses Regiment von der amerikanischen Führung noch fast zwei Tage danach per Funk gesucht wurde. Ein anderes Team hatte zur Front führende Straßen durch Minen, Warnungsschilder und Baumhindernisse unpassierbar gemacht. Außerdem wurden ein Kabelknotenpunkt und ein Munitionslager zerstört.

Ein Team-Sprecher hatte des weiteren einen amerikanischen Kompaniechef dadurch ins Bockhorn gejagt, daß er erzählte, die Kompanie sei auf den Flügeln bereits von den Deutschen umgangen. Daraufhin setzte sich diese Kompanie schleunigst nach hinten ab.

Das Wort »wreath«. Daß Teams, wie auf amerikanischer Seite gelegentlich behauptet wurde, bis nach Paris gelangt seien, ist ein Märchen, wenngleich in Erwartung

eines solchen Unternehmens, das überhaupt nicht beabsichtigt war, General Eisenhower von seinen eigenen Leuten zu seinem Schutz fast wie ein Gefangener gehalten wurde.

Bei ihrer schnell entwickelten Methodik, durchgesickerte Deutsche zu entlarven, fühlte die amerikanische MP Verdächtigen unter anderem mit der Aufforderung auf den Zahn, das Wort »wreath« auszusprechen. An der Kombination von w, r und th zerbrach sich jeder Deutsche die Zunge, aber auch mancher schlecht akklimatisierte amerikanische Einwanderer.

In einem Fall wurde ein echter Amerikaner von der MP verwalkt, weil er ein Paar deutsche Beutestiefel übergezogen hatte, wie andererseits sicherlich auch Deutsche, die nicht zur Panzerbrigade 150 gehörten, deshalb von den Amerikanern an die Wand gestellt worden sind, weil sie die vorzüglichen amerikanischen fieldjackets über ihren Uniformen trugen.

Der fahrlässig vorbereitete und im Grunde auch fahrlässig durchgeführte Einsatz der Team-Kompanie hat, summa summarum, mehr Wind gemacht, als an der Sache dran war.

Auf Schloß Wallerode sprach man denn auch ganz offen von einer Pleite - weshalb später, im Januar 1945, als die Fronten bereits wieder erstarrt waren, der zweite, bisher völlig unbekannt gebliebene Team-Einsatz in kleinem, verbessertem Rahmen stieg.

Der damalige Team-leader Rohde berichtet über diesen Einsatz zum erstenmal:

In die Hose. Vorausgegangen war eine Vervollkommnung der Sprachkenntnisse, die durch Unterhaltungen mit gefangenen Amerikanern erreicht werden sollte. Zusätzlich wurden Jiu-Jitsu-Griffe geübt.

Der Auftrag lautete: Angenommene feindliche Bereitstellungen zu der erwarteten Gegenoffensive des Gegners bei St. Vith festzustellen und zum Zwecke eigener Gegenmaßnahmen zu beobachten. Die deutsche Luftaufklärung war zu diesem Zeitpunkt bereits k.o.

Aus dem Rest der Team-Kompanie von 16 oder 17 Mann wurden die Teams, eines zu vier und zwei zu je drei Mann, zusammengestellt. Team-leader waren Kapitänleutnant Schmitt, Hauptmann Stielau und Feldwebel Rohde, alias Morris Woodahl. Um den 10. Januar herum sagte von Beer: »So, Jungs, es ist so weit.«

Zum Team Rohde gehörten der Unteroffizier (in Tarnung: Sergeant) Moorhaupt als Sprecher, sowie der Oberleutnant (in Tarnung: Private first class) Petter, im Zivilberuf Archäologe. Jeder dieser drei besaß ein amerikanisches Rifle 7,6 mm und eine deutsche Walter-Pistole 7,65 mm. Außerdem waren Antischlaftabletten und wiederum die obligaten Blausäureampullen empfangen worden.

Schallgedämpfte Maschinenpistolen, die durch ihr hohes, pfeifendes Zwitschern verräterisch gewirkt hätten, lehnte das Team ab.

Zur Aufnahme des Teams nach Erfüllung des Auftrages war der Leutnant Kocherscheidt zu den Vorposten abgestellt worden. Der Auftrag selbst wurde, im Gegensatz zum ersten Team-Einsatz, der räumlich weit entfernte Ziele hatte, diesmal zu Fuß durchgeführt. Die Ziele lagen dicht hinter den feindlichen Linien.

Rohde erzählt aus der Erinnerung: »Etwa um Mitternacht wurden wir in einem Lastwagen bis dicht hinter die Front gebracht. Bei einem hohen, massiven

Gebäude, in dem ein Bataillonsstab lag, wurden wir ausgeladen. Zuvor hatte sich ein Zwischenfall ereignet: Beim Aussteigen aus dem Fahrzeug war Moorhaupts Gewehr losgegangen und hatte ihn leicht am Kopf verletzt.

Wir gingen etwa 600 Meter weit durch einen Wald. Rechts floß ein Bach. Soviel ich mich erinnere, war es die Ruth. Wir kamen dann zum Bataillonsgefechtsstand. Der Bataillonskommandeur Appel und dessen Adjutant, dabei Kocherscheidt, sollten uns von hier bis zu den Horchposten führen.

Sobald wir drüben seien und angehalten würden, sollten wir, so war uns eingeschärft worden, erklären, wir hätten einen Auftrag für Captain Keatner von der E-Kompanie der 81. Airborn Division (Luftlande-Division). Als Kennwort zum

eigenen Gebrauch hatten wir das englisch anklingende Doppelkennwort »Haus-Maus« (house-mouse) mitbekommen. Das amerikanische Kennwort besaßen wir nicht.

Es war eine mondlose, frostklare Nacht. Auf der Stellung lag gegnerisches Granatwerferfeuer, weshalb wir eine Zeitlang am Waldrand Deckung suchten.

Dann stakten wir über eine unbewaldete Fläche, überquerten den Bach auf einem vereisten Balken und kamen wieder in Wald. Die deutschen Vorposten hatten wir bereits passiert und waren nun auf dem Weg zu den vorgeschobenen Horchern. Die horchten aber nicht, sondern pennten wie die Ratten. Der Bataillonskommandeur Appel zog die beiden Burschen förmlich am Kragen aus ihrem Loch.

Wir gingen die ganze Zeit hintereinander. Die Spitze hatte Stielau, den Schluß machte ich. Es war verabredet, daß wir uns nach Passieren des ersten amerikanischen Postens trennen wollten, und zwar sollte das Team Stielau geradeaus weitergehen, Schmitt sollte sich nach rechts, ich mich mit meinen Leuten nach links entfernen.

Es war 00.15 Uhr. Wir waren bei einer kleinen Tannengruppe angelangt. Da sah ich, wie Hauptmann Stielau in die Knie ging und sich in den Schnee legte. Stielau erhob sich dann wieder und ging mit seinen Leuten auf einen etwa 60 Meter entfernten dunklen Streifen, einen Kusselstrich, zu.

Gleichzeitig wurde ich angerufen: »Who is that?« Wir waren alle in Deckung gegangen. Moorhaupt, unser Sprecher, erhob sich sofort und ging auf den amerikanischen Vorposten zu, der sich wenige Meter rechts von uns befand: »Who are you?«

Antwort: »Who are you?«

Moorhaupt erklärte, daß wir ein Spähtrupp der 81. Luftlandedivision seien und unsere Einheit suchten.

Darauf der Amerikaner: »81.? 82.«

»No, 81.«, sagte Moorhaupt. (In Wirklichkeit gab es nie eine 82. - so ungenau war das Team vorbereitet.)

Wir sahen jetzt, daß zwei Amerikaner in dem Vorpostenloch steckten. Sie zeigten uns den Weg zu einer Straße, die in kurzer Entfernung vorüberführte. Dort schlug sich Moorhaupt erst einmal in die Büsche. Es war ihm in die Hose gegangen.

Dort sind die Deutschen. An die Straße reichten die Ausläufer des Waldes heran, den wir zuvor verlassen hatten. Aus einem solchen Waldstück wurden wir dann ein zweites Mal angerufen: »Passeword, please!« Moorhaupt erklärte, daß wir Vorposten seien und uns verirrt hätten.

Nach einer halben Stunde Marsch kamen wir in eine kleine Ortschaft. Davor sahen wir zu beiden Seiten der Straße aufgefahrene Panzer. Auch im Dorf selbst standen Panzer. Die Besatzungen lagen in Schlafsäcken neben den Raupenketten am Boden. Einige Soldaten, die einen Jeep anschleppten, schauten dumm zu uns her. Wir waren allzu akkurat feldmarschmäßig.

Etwa in der Mitte des Dorfes war eine sumpfige, jetzt allerdings gefrorene Niederung, darüber waren Panzerbrücken gelegt. An den Rändern dieser Niederung standen Geschütze in Stellung. Während wir uns das Gesehene einprägten, rief uns wiederum ein Posten an: »Hallo, zu welcher Einheit?« »Zur E-Kp., Captain Keatner«, rief Moorhaupt zurück. »Gut, ihr könnt passieren.«

Hinterm Dorf wiederum Panzer, die wie Figuren auf einem Schachbrett standen und sich offenbar zu einem Angriff bereitstellten. Wie schon zuvor bei der Artilleriestellung im Dorf, sahen wir, daß die

Einschläge der eigenen Artillerie, die das Dorf und dessen Umgebung unter Feuer genommen hatte, durchweg zu kurz lagen. Das konnten wir hernach, nach unserer Rückkehr, korrigieren.

Drei Viertelstunden weiter kam ein einzelnes Haus an der Straße, die amerikanische Divisionsfeldwache. Der Posten ging sofort in Anschlag, als wir das Kennwort nicht wußten. Moorhaupt trat auf ihn zu und erklärte ihm, daß wir aus dem hinter uns liegenden Dorfe kämen und uns verfranzt hätten. Wir wollten auf alle Fälle der Straße nachgehen. Er ließ uns dann auch vorbei.

Auf der Straße begegnete uns gleich darauf ein einzelner Amerikaner, den wir nach dem Namen des nächsten Ortes fragten. Er tat ganz erstaunt. »Dort sind die Deutschen,« sagte er.

Wir gingen daraufhin von der Straße herunter und schlugen uns in ein kleines, lichtes Gehölz, wo wir uns den ganzen Tag aufhielten. Aus Furcht, von einem mehrfach in niedriger Höhe über uns dahinbrummenden amerikanischen Artillerieflieger gesehen zu werden, wagten wir nicht, uns zu bewegen.

In der darauffolgenden Nacht, gegen 23 Uhr, machten wir uns wieder auf den Rückweg. Es war sternenklar. Der Schnee warf Reflexe. Wir kamen wieder zu der Feldwache, die wir in der Nacht zuvor passiert hatten, als plötzlich drei Gestalten vor uns auftauchten:

»Halt, wer seid ihr.« Moorhaupt, erschrocken, stotterte seinen Namen: »Sergeant Morris.« Darauf die Aufforderung von der Gegenseite, sich auf 10 Yards zu nähern. Es waren, wie wir nun sahen, ein Sergeant und zwei Privates von der Divisionsfeldwache.

»Woher?«

Moorhaupt: »Aus dem Wald!«

Wir mußten weitere 5 Yards näherkommen.

»Einheit? Division?« fragte der Sergeant.

Dann: »Kommt mit zu meinem Offizier!«

Let me go. Während Moorhaupt und ich von dem Sergeanten in das Haus geführt

wurden, mußte Petter mit den beiden Privates draußen bleiben. Wir wußten, daß er kaum Englisch sprach. In der Wachstube wurden wir abermals nach unserer Einheit gefragt.

Moorhaupt nannte den Namen des Captain Keatner wie er überhaupt, nachdem er sich wieder gefaßt hatte, alle Fragen sehr sicher und mit amerikanischem Idiom beantwortete. Moorhaupt war in Amerika aufgewachsen.

Es wurde uns dann ein weiteres Gebäude bezeichnet, in dem unser Kompaniechef Keatner zu finden sei. Gleichzeitig bekamen wir, damit wir nicht wiederum angehalten würden, das Kennwort. Es hieß: »Ranger orange.«

Ich selbst machte, während Moorhaupt Rede und Antwort stand, den Stummen. Mir ging nur im Kopf herum, was wohl inzwischen mit dem armen Petter geschehen sein könnte. Ich wartete jeden Augenblick darauf, daß es draußen bumste.

Um so angenehmer waren wir überrascht, als wir Petter, der sich von den beiden Privates etwas abgesetzt hatte und zu einem Gebüsch austreten gegangen war, noch wohlbehalten vorfanden.

Petter kam sogleich auf uns zugeschossen. Er erzählte dann später, daß ihn einer der beiden Soldaten gefragt habe: »Wo kommt ihr denn her?«

Petter: »From the wood.« Das hatte er kurz vorher von Moorhaupt gehört.

Darauf wieder der Soldat: »Was macht ihr denn noch so spät hier auf der Straße?«

Petter, unwirsch: »Let me go.«

Er ging dann rasch abseits und ließ sich die Hosen herunter. Einer der Soldaten sagte noch hinter ihm her: »Du sprichst mal ein ulkiges Englisch.«

Wir kamen wieder in den Ort mit der Artilleriestellung. Von dort sahen wir den Abschuß einer deutschen V 2, auf die die Amerikaner wie wild schossen. Wir gingen dann am Rand der Straße weiter, als zwei Jeeps hinter uns her kamen. Wir dachten schon: nun holen sie uns zurück. Aber die beiden Jeeps fuhren vorbei.

Dann gingen wir wieder in Richtung auf die deutsche Front, und zwar ziemlich eilig und quer durch ein Minenfeld, das wir beim Herweg umgangen hatten. Kurz davor begegnete uns noch einmal ein Amerikaner, der auf Moorhaupts Frage nach dem Woher antwortete, er habe einen Offizier nach vorne gebracht.

Auf Höhe des deutschen Horchpostens riefen wir vergeblich unser Kennwort »Haus - Maus«. Es rührte sich nichts. Kocherscheidt sollte uns dort erwarten. Er war nicht da. Als wir ein paar Schritte weitergingen, fanden wir am Boden einen toten deutschen Soldaten. Der Horchposten war also in der Zwischenzeit ausgehoben worden.

Wir kamen wieder an den Bach. Petter balancierte als letzter über den schlüpfrigen Balken. Plötzlich hörten wir einen Plums hinter uns. Petter war ausgerutscht und in das eiskalte Wasser gefallen. Er watete dann heraus, rannte aber auf einmal wie gehetzt an uns vorbei, während er zugleich alles, was er in der Hand hatte, von sich warf. Wir hinter ihm her.

Als wir ihn einholten, schrie und tobte er, daß wir Mühe hatten, ihn zu beruhigen. Die starke Anspannung unseres Marsches hinter die feindliche Linie löste sich bei ihm in einem Weinkrampf.

Gleich darauf sahen wir vor uns drei Gestalten sich vom Waldrand ablösen. Schon hielten wir für möglich, daß es Amerikaner seien, aber ich erkannte noch rechtzeitig, daß einer dieser drei einen

weiten deutschen Fahrermantel anhatte. Zur Vorsicht rief Moorhaupt »Halt!« mit englischer Betonung. Als verabredetes Erkennungszeichen setzten wir unsere Stahlhelme ab. Dann war allen klar, daß wir die eigene Linie wieder erreicht hatten.

Das ist ein Pole. Ebenso wie wir, war auch das Team Stielau mit wichtigen Erkundungsergebnissen und ohne Verluste zurückgekehrt. Dagegen war das Team des Kapitänleutnants Schmitt, das nach unserer Begegnung mit dem ersten amerikanischen Posten rechts weggegangen war, in eine Gefechtshandlung geraten, als die Amerikaner einen Ort, der von den Deutschen angegriffen wurde, verteidigten.

Ein amerikanischer Feldwebel hatte Schmitt angesprochen. Als der nicht gleich antwortete, deutete der Feldwebel auf eine Hauswand und schrie: »Da hin mit euch, ihr seid Deutsche!« Schmitts Sprecher wollte dem Feldwebel erklären: »Das ist ein Pole, der kann nicht Englisch ...« Da hatte der Amerikaner aber bereits geschossen, worauf Schmitt zusammenbrach.

Bei der sich anschließenden Verfolgung bekam ein Leutnant der Luftwaffe von Schmitts Team einen Hüftschuß. Er kroch in das Unterholz eines Waldes, aus dem er dann später durch einen deutschen Spähtrupp herausgeholt wurde.«

Soweit die Enthüllungen des Feldwebels Rohde.

Es folgten ruhige Tage auf Schloß Wallerode. Die Team-Leute durften die amerikanische Schale, in der es ihnen, begreiflicherweise, nie recht wohl gewesen war, wieder abwerfen und rechtmäßig Deutsche sein.

Mit Skorzeny traten sie dann den Opfergang zum Brückenkopf Nieder-Krönig bei Schwedt an der Oder an. Dort ist die Mehrzahl von ihnen geblieben.

Für den Ardenneneinsatz wurde Feldwebel Rohde mit dem Deutschen Kreuz in Gold ausgezeichnet. Obersturmbannführer Skorzeny, der bei Malmedy verwundet worden war, bekam die Ehrenblattspange.

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