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SCHWEDEN Mit Stolz

An die Stelle des kämpferischen Intellektuellen Palme tritt der in sich gekehrte Carlsson. Schweden wird außenpolitisch kleiner. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

»In einer Wolke von Weihrauch und Lobgesang« seien die wahren Dimensionen von Olof Palme verschwunden, stellte Professor Knut Ahnlund irritiert fest. In Stockholms »Svenska Dagbladet« prophezeite das konservative Mitglied der Schwedischen Akademie, es werde »lange Zeit dauern«, bis die wahren Umrisse Palmes wieder deutlich gemacht werden könnten.

Tatsächlich stieg der ermordete schwedische Ministerpräsident bereits wenige Tage nach seinem Tod in den Rang eines schwedischen Nationaldenkmals auf, das über jede Kritik erhaben ist.

Noch eine Woche nach Palmes Beisetzung häufen sich rote Rosen an der Mordstelle, künden selbstgebastelte weiße Papiertauben mit der Aufschrift"Wer erschoß unsere Friedenstaube?« von der Anteilnahme der Menschen, ziehen die Schweden in langen Reihen am blumenüberhäuften Grab des Toten auf dem Friedhof der Adolf-Fredrik-Kirche vorbei.

Unweit des Tatortes kleben auf einem Container, der Arbeitern einer nahen Baustelle als Unterschlupf dient, improvisierte Plakate mit der Aufschrift »Danke, Olof, für deine Friedensarbeit und deine Solidarität. Die Bauarbeiter.« Unzählige

spontane Unterschriften von Passanten bekräftigen die Huldigung.

Bereits zwei Tage nach der Beisetzung beschloß der Stockholmer Stadtrat, einen Teil der zur Mordstelle führenden Straße Tunnelgatan in »Olof-Palme-Straße« umzubenennen.

Die Beisetzung des erschossenen Regierungschefs am Sonnabend vorvergangener Woche hatte den Schweden das größte Aufgebot internationaler Politprominenz in ihrer ganzen Geschichte beschert.

So viele Staatsoberhäupter und Regierungschefs Waren im Stockholmer Stadthaus vor dem weißen Sarg Palmes versammelt, daß an diesem Tag »unmöglich ein Weltkrieg ausbrechen konnte«, wie das Massenblatt »Expressen« mit unverkennbarem Stolz meldete.

Ein führender Regierungsbeamter will noch »nie einen so gesunden Nationalismus« im Lande festgestellt haben: »Die schwedische Flagge wird mit Stolz gehißt.«

Im 20-Minuten-Takt empfing der neue Ministerpräsident Ingvar Carlsson am Sonntagmorgen nach der Trauerfeier zwischen neun und elf die Ministerpräsidenten und Delegationschefs aus Simbabwe, Pakistan, Griechenland, Tansania, Äthiopien und Nicaragua. So oft erschien das längliche Gesicht des neuen Mannes im Fernsehen und in den Zeitungen, daß den Schweden mittlerweile der Palme-Nachfolger ein vertrauter Anblick geworden ist.

Carlsson ließ kaum eine Gelegenheit aus, um zu versichern, daß er die Politik seines Vorgängers ohne Abstriche fortsetzen wolle. Für die Innenpolitik mag das zutreffen, denn während sich Palme vorwiegend seinem außenpolitischen Hobby widmete, baute der heute 51jährige Carlsson als »Zukunftsminister« am schwedischen Modell des Wohlfahrtsstaates mit seinen hellen und dunklen Seiten: *___In Schweden gelang es, durch staatlichen Eingriff die ____Einkommensunterschiede stärker zu nivellieren als in ____jedem anderen Staat des Westens, ohne daß etwa die ____Wirtschaft an Dynamik einbüßte. *___In Schweden will der Staat auch dem schwächsten und ____ärmsten Bürger Geborgenheit und Freiheit von Not ____bieten. *___In Schweden führt die von einer übermächtigen ____Bürokratie praktizierte Anteilnahme am Wohl der Bürger ____aber auch zu mehr Bevormundung als sonstwo im Westen.

Wie Palme sieht Carlsson diese Negativ-Seite durch die positiven Errungenschaften als ausgeglichen an. Der Freiheitsbegriff des neuen schwedischen Ministerpräsidenten ist denn auch überwiegend passiv geprägt. In einer Rede vor Göteborger Arbeitern definierte er am 26. März 1983, welche vier Freiheiten er besonders verteidigen wolle: die Freiheit von materieller Not, von Arbeitslosigkeit und Unsicherheit, von den »Pestbeulen der Gesellschaft« und sogar »von der Machtlosigkeit«.

Außenminister Sten Andersson, der fast 20 Jahre lang den Sozialdemokraten als Parteisekretär diente, rühmt die starke ideologische Verankerung« seines neuen Chefs, der gleichwohl ein »Resultatpolitiker« sei. »Ingvar und Olof waren politische Brüder«, meint Staatssekretär Pierre Schori vom Außenministerium, »wenn es um Politik geht, wird Carlsson genauso hart sein wie Palme.«

In der Außenpolitik hat Carlsson zwar auch Kontinuität versprochen, doch wird es ihm schwerfallen, Palmes hohes internationales Ansehen zu erreichen und seinem Lande auch weiterhin jenen Status einer moralischen Großmacht zu sichern, dem es wirtschaftlich und militärisch nicht entspricht.

Vor Palmes Zeit standen die Schweden der Weltpolitik meist distanziert gegenüber. »Wir haben uns eingebildet«, so Außenminister Andersson. »daß uns nichts geschehen kann« Erst Palme habe seinen Landsleuten klargemacht, daß Schweden zum eigenen Nutzen eine aktive Rolle in der weltpolitischen Diskussion spielen müsse. Andersson: »Dieser Richtlinie werden wir auch in Zukunft folgen.«

Schon jetzt steht fest, daß Carlsson nicht alle internationalen Funktionen

übernehmen wird, die Palme innehatte. Zwar wird er sich zum Vizepräsidenten der Sozialistischen Internationale wählen lassen und auch in die Nord-Süd-Kommission von Willy Brandt sowie in die Initiative aus fünf Kontinenten für ein Kernwaffen-Moratorium einrücken. Doch ist noch unklar, welches Gewicht er in der »Palme-Kommission« für Abrüstungs- und Sicherheitsfragen haben kann. Palmes erfolglose Rolle als Friedensstifter der Vereinten Nationen im Krieg zwischen Iran und Irak will er jedenfalls nicht übernehmen.

In seiner Regierungserklärung vom 13. März vor dem schwedischen Reichstag widmete Carlsson knapp drei von insgesamt 13 Manuskriptseiten den Problemen der Außenpolitik. Anders als der zuweilen demagogische Redner Palme wirkt Carlsson zurückhaltend. An die Stelle eines kämpferischen Intellektuellen tritt ein in- sich gekehrter, beinahe gehemmter.

Weil der neue Mann sich nicht so scharf artikulieren kann wie sein Vorgänger, wird Schweden so der Präsident der Stockholmer Investitionsbank, Harry Schein, »in Zukunft weniger gehört werden in der Welt als vorher«.

Für die Zeitung »Falu-Kuriren« ist die »Zeit der internationalen Größe« des Landes vorbei. Im ganzen Reichstag gebe es keinen Politiker, der Olof Palmes internationales Engagement weiterführen könne.

Und ein deutscher Diplomat urteilt über die Zukunft Schwedens: »Einige Monate lang wird Kontinuität großgeschrieben, dann dominiert die Innenpolitik. Schweden wird ein ganzes Stück kleiner werden.«

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