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Mit Strauß neue Chance?

Die Nominierung von Franz Josef Strauß führte zu einem Meinungsumschwung unter den CDU/CSU-Wählern. Viele Anhänger des Niedersachsen Ernst Albrecht erklären nun den Bayern für den geeigneteren Kandidaten. Das zeigt eine Emnid-Umfrage im Auftrag des SPIEGEL, mit der vergangene Woche die politische Situation nach der Entscheidung für Strauß erforscht wurde. Umgekehrt wächst in wahlentscheidenden Gruppen -- so unter Arbeitnehmern und Jungwählern -- die Aversion gegen die Unionsparteien. Die Polarisierung pro und contra Strauß scheint der FDP zu nützen.
aus DER SPIEGEL 28/1979

Von je 100 deutschen Wählern sind 13 entschlossen, die Partei ihrer Wahl zu wechseln, weil Franz Josef Strauß der Kanzlerkandidat der CDU/CSU geworden ist.

Selten in der Geschichte der Bundesrepublik dürfte es ein Ereignis gegeben haben, das die politische Einstellung so vieler Bürger veränderte:

Vier von 100 Deutschen würden »die CDU/CSU nicht wählen, aber mit Strauß als Kanzlerkandidaten kommt diese Partei für mich wohl in Frage«.

Umgekehrt aber erklären neun von 100 Wählern, also doppelt so viele: »Ich würde sonst die CDU/CSU wählen, aber mit Strauß als Kanzlerkandidaten kommt diese Partei für mich wohl nicht in Frage.«

Ein Gewinn von vier, ein Verlust von neun Prozent durch Strauß für die Union -- diese Ergebnisse brachte eine Umfrage des Bielefelder Emnid-Instituts, das in der vergangenen Woche für den SPIEGEL die Volksmeinung über die Situation nach der Nominierung des Bayern zum Kanzlerkandidaten erforschte.

Es ist die erste Untersuchung, seit sich die Bundestagsfraktion der Unionsparteien für Strauß und gegen Niedersachsens Ernst Albrecht entschieden hat. Eine Telephonumfrage am vergangenen Dienstag für das Fernsehmagazin »Monitor« war auf je 200 Unionswähler in Bayern und in der Bundesrepublik und zudem auf zwei Fragen beschränkt.

Für den SPIEGEL schickte Emnid 201 Interviewer mit detailliertem Fragebogen am Mittwoch und Donnerstag in die Wohnungen von tausend Männern und Frauen. Deren Antworten sind repräsentativ für alle Wähler der Bundesrepublik (siehe Graphiken*).

Strauß als Kandidat für das wichtigste Staatsamt -- das ist für fast alle Deutschen ein Thema. 95 von 100 Befragten erklärten zwei oder drei Tage nach dieser Entscheidung, »davon gehört oder gelesen« zu haben. Und anders als sonst bei politischen Umfragen wollten oder konnten nur sehr wenige (ein bis zwei Prozent> keine Antwort

* Ergeben sieh im Text und in den Graphiken bei der Addition von Teilzahlen weniger als 100 Prozent, so sind »sonstige« und andere Antworten nicht ausgewiesen.

geben. Meist ist die schweigende Minderheit größer.

Mit zwei Fragen sollte Emnid feststellen, ob die CDU/CSU durch die Entscheidung für Strauß ihre Chancen nach Meinung der Wähler erhöht hat.

Die erste Frage galt den beiden Politikern, die bis zum vergangenen Montag die Gegenkandidaten innerhalb der Union waren. Das Ergebnis spricht gegen Strauß und für Albrecht:

Nur 31 von 100 Deutschen sind der Meinung, daß für die CDU/CSU die Chancen im Wahljahr 1980 mit Strauß größer sein werden als mit Albrecht. Umgekehrt glauben 40 von 100, daß die Bonner Opposition mit einem Kandidaten Albrecht bessere Aussichten gehabt hätte.

Die zweite Frage gehört seit langem zum Repertoire aller Institute, aber nun wurde zum erstenmal Franz Josef Strauß anstelle von Helmut Kohl genannt:

Was meinen Sie, wer wird die Bundestagswahl 1980 gewinnen, die SPD und FDP mit dem letzigen Bundeskanzler Helmut Schmidt oder die CDU/CSU mit Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidaten?

An einen Sieg von Strauß gegen Schmidt glaubt nur jeder Dritte (36 Prozent). 62 von 100 Befragten sind überzeugt, daß Schmidt auch nach den 1980e-Wahlen im Kanzleramt bleibt.

Ein Vergleich mit anderen Umfragen dieses Jahres zeigt nur geringe Veränderungen bei den Zahlen für Schmidt und SPD/FDP. Bei einer Infratest-Umfrage für den SPIEGEL im Februar/März 1979 ergaben sich 58, bei einer Emnid-Umfrage im März 68 Prozent.

Strauß erzielt zwar etwas höhere Werte als Kohl, dem in den letzten Monaten nur noch etwa ein Viertel der Wähler Siegeschancen gab. Aber dieser Zugewinn erklärt sich weniger aus der Person des neuen Kandidaten als vielmehr aus dem Ende des Unionszwists. Auch jeder andere Kandidat hätte mehr erreicht als Kohls kümmerliche 23 oder 25 Prozent.

Doch vor allem: Gleichviel, ob 25 oder 36 Prozent -- als potentieller Sieger präsentiert man sich weder mit der einen noch mit der anderen Zahl.

Sollten die Befragten hier möglichst unabhängig von ihrer eigenen politischen Einstellung ein Urteil über die Chancen abgeben, so zielte eine andere Frage ausdrücklich auf ihre »persönliche Meinung": Ob sie sich bei einer Direktwahl für Schmidt oder für Strauß als Kanzler entscheiden würden.

Auch hier ergab sich fast eine Zweidrittelmehrheit für Schmidt, und wieder konnte Strauß kaum mehr als ein Drittel der Antworten auf sich vereinen (59 gegenüber 38 Prozent).

Der Abstand zwischen Kohl und Schmidt war im Wahljahr 1976 zuweilen gering, gelegentlich lag der Kandidat der Opposition lediglich fünf Prozentpunkte zurück. Im Laufe der Jahre 1977 und 1978 vergrößerte sich dann der Abstand auf zuletzt 37 Prozent (Infas im Juni 1979: 60 Prozent für Schmidt, 23 Prozent für Kohl).

Auch hier ergeben sich für Schmidt nach dem Kandidatenwechsel der Gegenseite fast gleiche Werte, während Strauß immerhin um 15 Prozent besser steht als Kohl. Aber wiederum erklärt sich der Zugewinn vor allem damit, daß viele bis dahin von den Unionsquerelen verwirrte Wähler, die sich solange für einen anderen oder keinen Namen entscheiden mochten, nun auf Strauß setzen.

Werden die Ergebnisse der Emnid-Umfrage je nach Parteipräferenz aufgeschlüsselt, so zeigt sich durchgängig: Strauß als Kandidat polarisiert die Meinung der Wähler.

Viele Wähler der CDU Kohls und Albrechts haben sich auf den neuen starken Mann an der Spitze umgestellt -- »mit einer Geschwindigkeit, die selbst Fachleute verblüffen muß« (so der Emnid-Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner).

Der Meinungsumschwung in Zahlen: Noch Mitte Juni sprachen sich bei einer Umfrage der Mannheimer »Forschungsgruppe Wahlen« für das ZDF nur 33 von 100 CDU-Anhängern für Strauß, aber 42 für Albrecht und weitere 17 für Kohl aus. In der vergangenen Woche aber erklärten 46 von 100 CDU-Wählern die Unionschancen »mit Strauß für größer«, und nur noch 19 Prozent hielten Albrecht für den zugkräftigeren Kanzlerkandidaten.

Zum Vergleich die Zahlen der bayrischen CSU-Wähler: Für 71 von 100 sind die Chancen der Unionsparteien mit Strauß größer, nur für neun von 100 geringer als mit Albrecht.

Während sich die meisten CDU! CSU-Wähler auf Strauß ausrichten, würde eine Minderheit von 16 Prozent bei einer Direktwahl den SPD-Kanzler dem eigenen Kandidaten vorziehen.

Auf der Gegenseite hat sich die Distanz zur CDU/CSU erhöht, seit sie Strauß als Herausforderer präsentiert hat. Und auf die Meinungen dort kommt es stärker an als auf die Stimmung im eigenen Lager. Nur wenn die Opposition dort Stimmen gewinnen kann, darf sie auf einen Regierungswechsel 1980 hoffen,

Noch über ein Jahr liegt zwischen der Nominierung von Strauß und dem Tag der Wahl, und die Emnid-Untersuchung der vergangenen Woche kann wie jede andere Umfrage nicht mehr sein als ein Gegenwartsbild der Meinungen und Stimmungen unter den Wählern. Aber sie zeigt deutlich, welche schier unüberwindbaren Hindernisse der Kandidat Strauß auf dem Weg ins Kanzleramt vor sieh hat.

In all den Gruppen, in denen die CDU/CSU die für einen Sieg notwendigen Wähler gewinnen müßte, wirkt Strauß nach wie vor auf Mehrheiten abstoßend und nicht anziehend,

Das gilt zum Beispiel für Arbeiter und Angestellte wie für die Bewohner der nördlichen Bundesländer (Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg, Bremen) und Nordrhein-Westfalens. Und auch je höher die Schulbildung der Befragten ist und je jünger sie sind, desto größer ist ihre Distanz zu dem neuen Kandidaten der Opposition.

Mehrheiten dieser Gruppen halten von Albrecht mehr als von Strauß, schätzen die Aussichten von Strauß gegen Schmidt geringer als andere Befragte und wurden bei einer Kanzlerwahl den SPD-Schmidt dem CSU-Strauß vorziehen. In diesen Gruppen gibt es denn auch mehr Wähler als in anderen, für die eine CDU! CSU mit Strauß »wohl nicht in Frage kommt«.

Allem Anschein nach geht auch die Strauß-Rechnung nicht auf, der FDP durch die Polarisierung des Wahlkampfes das Lebenslicht auszublasen. Zwei der Indizien aus der SPIEGEL-Umfrage:

Bei früheren Umfragen zeigte sich meist, daß nur zwei von drei FDP-Wählern in Einzelfragen zur SPD tendieren, daß aber jeder dritte punktuell der CDU/CSU näher ist. Nun aber ist die SPD-nahe Mehrheit weit größer.

Und Befragte, für die eine CDU/CSU mit Strauß als Kanzlerkandidaten nicht mehr wählbar ist, erklären häufiger die FDP als die SPD zur neuen Partei ihrer Wahl.

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