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Vietnam »MIT VERGNÜGEN NACH VIETNAM«

aus DER SPIEGEL 53/1966

Seit den blutigen Massakern, die der Unabhängigkeitserklärung des einst belgischen Kongo 1960 folgten, ist Siegfried Müller, 46, der prominenteste weiße Söldner auf dem Schwarzen Kontinent. In seinem jetzt erschienenen Buch »Kongo-Müller oder Die Freiheit, die wir verteidigen« analysiert SPIEGEL-Kolumnist Otto Köhler die Weltanschauung des in Krossen an der Oder geborenen Söldner-Chefs*. Dem Buch ist auszugsweise ein Interview entnommen, das zwei DDR-Fernsehreporter mit Siegfried Müller führten.

FRAGE: Wofür kämpften Sie im Kongo?

MÜLLER: Wir haben für Europa gekämpft im Kongo, für die Idee des Westens, und zwar, um es genau zu sagen, für Liberté, Fraternité und so weiter. Sie kennen diese Sprüche. Dafür habe ich gekämpft, nichts anderes, denn Afrika ist für mich nichts anderes als die Verteidigung des Westens in Afrika.

FRAGE: Es gab in Ihrer Nachbarschaft einen Leutnant Mazy, er ist dafür bekannt geworden, ein Spezialist für das Herstellen von Schädeln zu sein -

MÜLLER: Ei-ja-ja-ja, die Geschichte kenne ich. Da darf ich Ihnen eins sagen, der Leutnant Mazy ist ein ausgezeichneter Offizier. Ich kann mich erinnern, daß vor unseren Stellungen Hunderte von rebellischen Kongolesen abgeschossen wurden. Mazy hat Totenköpfe, die abgefressen waren von Insekten, von Würmern und so weiter, hat er abgewaschen, nicht ausgekocht ... Er hat sie nicht ausgekocht, sondern er hat sie in Wasser getaucht, mit Seife, und hat sie saubergemacht. Das ist alles. Als die Presseleute zurückkamen, kamen sie mit Totenköpfen auf Spießen und lachten und haben sich amüsiert. Käptn Müller, hier haben wir einen für Sie, heben Sie sich den auf. Und dann hat er mir einen Totenkopf gereicht, ich habe ihn auf 'nen Blumenständer gestellt, da stand er. Er sagt, nein, nein, nein, mein Lieber, das ist nicht für'n Blumenständer, und dann hat er ihn mir schön in meine feuerrote Decke eingepackt und in meine Kiste gelegt. Ich hab' ihn nicht mitgenommen, ist ganz klar.

FRAGE: Warum?

MÜLLER: Ich glaube, der deutsche Zoll hätte sich wahrscheinlich gewundert, wenn da einer mit 'nem Totenkopf ankommt.

FRAGE: Herr Major, Sie sind ein Veteran, ja! Sie haben auch so etwas wie eine antibolschewistische Tradition bereits ...

MÜLLER: Richtig.

FRAGE: ... aber die jungen Leute doch nicht. Was hat die nach dem Kongo geführt?

MÜLLER: Als wir in Johannesburg waren, wurde gesagt, aber wir machen eine Jägerjagd - eine - eine Jagd auf Neger oder so etwas - wir machen eine dolle Sache - keine Gefahr - alles okay - es ist nur gegen die - gegen die Rebellen.

FRAGE: Herr Major, war nun alles »okay«? Denken wir mal an einen der jungen Deutschen, den Sie in Ihrem Kommando hatten. Das war der Fritz Kötteritzsch?

MÜLLER: Kötteritzsch ist gefallen, als ich versuchte, Buende zu nehmen. Er war - hm, militärisch hatte er einige Erfahrung -

FRAGE: Ja, wie war sein Ende?

MÜLLER: Ein Brustschuß, ein Herzschuß.

FRAGE: Er kann dann auch nicht eine, Sekunde mehr gelebt haben, denke ich.

MÜLLER: Ja, er wär sofort weg, gab's gar keinen Zweifel.

FRAGE: Das war also das Ende von Fritz Kötteritzsch. Es gibt andere Namen: Köhlert, Nestler. - Welcher stand Ihnen am nächsten? Was ging in Ihrem Kopf vor, sofern Sie einen Deutschen zur letzten Ruhe begleitet haben?

MÜLLER: Ja, ich habe - um es ehrlich zu sagen - ich habe um jeden Soldaten getrauert, ob er Deutscher ist oder ein anderer, ich habe jeden als Mensch genommen, wie ich ihn vorher kannte, und ich muß ehrlich sagen, mich hat der frühere Bundeswehr-Unteroffizier Köhlert genauso gedauert wie irgendein anderer Soldat. Und Köhlert war für mich ein Soldat des Westens, und Nestler war ein Soldat des Westens ...

FRAGE: Trotzdem ist mit diesem Handwerk eben das Risiko verbunden, zu sterben. ...

MÜLLER: Selbstverständlich. - Das hätte ich ja auch erleben können ... es war mehr oder minder Zufall ...

FRAGE: ... daß Sie überlebt haben?

MÜLLER: Ja.

FRAGE: Herr Major, was haben Sie so gesagt, wenn es galt, einen Gefallenen aus Ihrem Kommando unter die Erde zu bringen?

MÜLLER: Ich habe eine Predigt gehabt, die mir ein belgischer Missionar gegeben hat, als ich in Karnina war ...

FRAGE: Was sagte der?

MÜLLER: ... da hat er mir einen bestimmten Text gegeben, und den habe ich überall angewandt. Ich bin - ich bin kein Prediger, Sie werden das verstehen. Aber ich habe ein kameradschaftliches Gefühl gehabt für diesen Mann, den das Pech getroffen hat, es hätte mich genauso treffen können, morgen hätte man meinen Kopf durch die Stadt von Buende tragen können ...

FRAGE: So wie auch Kopf und Gebein Ihren Jeep zierten ...

MÜLLER: Wenn Sie's so nehmen, ja.

FRAGE: Könnten Sie sich vorstellen, daß in Ihrer Tätigkeit, Sie bezeichnen doch Ihre Arbeit als Tätigkeit, auch Namen wie Magdeburg oder Leipzig oder Dresden und so weiter eine Rolle spielen könnten?

MÜLLER: Richtig.

FRAGE: Könnten Sie sich vorstellen, daß Sie gegebenenfalls einem Ruf folgen würden, um Ihre Erfahrungen ... auch eines Tages in Deutschland zur Verfügung zu stellen?

MÜLLER: Jedem Land, das dem Westen zugewandt ist, nicht nur dem Kongo, jedem Land.

FRAGE: Aber könnten Sie sich auch denken, daß Sie möglicherweise auf Gegner treffen würden, die nicht nur mit Pfeil und Bogen ausgerüstet sind?

MÜLLER: Allerdings, allerdings. Sehen Sie, ich beschäftige mich sehr mit diesem Problem in Südvietnam, und ich habe den Eindruck, die deutsche Presse, die den schmutzigen Krieg propagiert, sie ist da irgendwie auf dem Irrweg. Dieser Krieg ist nicht schmutzig, jeder Krieg ist schmutzig, wenn man es so nehmen will. Wir haben in Südvietnam keinen schmutzigen Krieg, sondern wir haben denselben Krieg, den wir eines Tages vielleicht in Europa erleben. Wenn wir heute nicht oder wenn die Amerikaner nicht Südvietnam verteidigen, warum sollten sie den Eisernen Vorhang verteidigen? In Südvietnam wird die westliche Kultur verteidigt, aber wenn wir nicht stark sind, wird uns niemand am Eisernen Vorhang verteidigen.

FRAGE: Herr Major, die Bundesregierung unterstützt das amerikanische Vorgehen in Vietnam. Machen Sie mit in einer »Legion Vietnam«?

MÜLLER: Ah, mit allem Vergnügen. Das ist genau das, was ich brauche!

* Otto Köhler: »Kongo-Müller oder Die Freiheit, die wir verteidigen«. Verlag Bärmeier & Nikel, Frankfurt; 112 Seiten; sechs Mark.

* Söldner-Major Müller

»Liberté, Fraternité und so weiter«

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