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SPIONAGE Mit verteilten Rollen

aus DER SPIEGEL 24/1960

An dem weltweiten Spiel nach dem

Absturz des amerikanischen Spionagepiloten Powers aus dem Sowjet -Himmel ("Zeigst du meinen Spion, zeig ich deinen Spion") beteiligte sich in der Woche vor Pfingsten nun auch die Bundesrepublik.

Der sowjetische Botschafter in Bonn, Andrej Smirnow, erbat vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Aufschluß über Meldungen, wonach U-2 -Spionageflugzeuge vom Frankfurter Flughafen gestartet seien, und ersuchte um eine Interpretation des Düsseldorfer Kanzlerwortes: »Ich weiß ganz genau, daß die Amerikaner dasselbe (nämlich Spionageflüge) - glücklicherweise - über Rußland machen.«

Amtliche Bonner Sprecher mühten sich ihrerseits, den Bonner Sowjets erdgebundene Spionage und Zersetzungstätigkeit in der Bundesrepublik anzukreiden. Die Deutschen begannen ihr Spiel mit hübsch verteilten Rollen, am Montag vor Pfingsten. In der Bundespressekonferenz meldete sich zunächst der Sprecher des - für den Verfassungsschutz zuständigen - Innenministers, Dr. Gehrhardt, zu Wort und erzählte eine filmreife Spionagestory: »Der ehemalige Sowjetagent Kapustinski ... hat etwa folgendes erklärt: Er sei vor einigersZeit von dem ihm dem Namen nach unbekannten stellvertretenden Leiter des Ukrainischen Volkschors, der sich im Rahmen des deutsch-russischen Kulturabkommens in der Bundesrepublik aufhielt, aufgesucht worden.

»In diesem Manne habe er seinen früheren Chef in der russischen Abwehr erkannt. Er habe ihn aufgefordert, weiterhin für die Sowjet-Union tätig zu sein. Er solle sich aber künftig nicht

mit ihm, sondern mit dem Angehörigen der Sowjetbotschaft in Bonn, Herrn Lewinow, in Verbindung setzen. Ob diese Behauptungen des Herrn Kapustinski ganz oder teilweise der Wahrheit entsprechen, wird zur Zeit von den Verfassungsschutzbehörden noch geprüft.«

Andere Themen wurden in der Pressekonferenz behandelt, und erst am Schluß meldete sich dann Legationsrat von Hase, Vertreter des Auswärtigen Amtes, zu Wort: »Vielleicht darf ich noch einen kleinen Zusatz machen zu einer Frage, die vorhin behandelt wurde. Ich kann Ihnen Mitteilung davon machen, daß Botschaftsattaché Lewinow am Freitag einen - Reiseantrag nach Helmstedt gestellt hat. Es erübrigt sich wohl, hinzuzufügen, daß wir keine Veranlassung gehabt haben, diesem Reiseantrag irgend etwas in den Weg zu legen.«

Nach einer Zwischenfrage führte Diplomat Hase schließlich aus: »Ich möchte das (Kapustinskis Aussage und Lewinows Abreise) sozusagen offiziell nicht in irgendeinen Zusammenhang bringen. Ich stelle das hier nur fest.«

Die westdeutschen Zeitungen brachten dann den Zusammenhang aufs Papier, obwohl der Verfassungsschutz noch prüfte, ob die Story wahr sein könnte: »Roter Diplomat war Spion in Bonn.« Die Hamburger »Bild«-Zeitung spekulierte mit gewohnter Könnerschaft auf die landläufigen Vorstellungen vom Leben der Agenten: »Sowjet-Attaché N. E. Lewinow - War er jahrelang in Bonn der 'Spion im Diplomaten-Frack'?«

In der Tat hatte Attaché Lewinow als Repatriierungs-Sachverständiger in der Konsularabteilung der Sowjetbotschaft zu Rolandswerth gearbeitet. Er reiste viel in der Bundesrepublik umher, und seine Treffs mit östlichen Ausländern konnte er stets damit erklären, daß es seines Amtes sei, verschleppte Landsleute in die sowjetische Heimat zurückzuführen - womit die Sowjetbotschaft denn auch Lewinows Treffen mit dem ehemaligen Agenten Kapustinski zu erklären sucht.

Die Behauptung, Lewinow sei der Chef der sowjetischen Spionage in der Bundesrepublik gewesen, ist freilich abenteuerlich. In neuzeitlich organisierten Spionageapparaten ist es einfach unvorstellbar, daß die höchsten Spionagebeamten direkte Verbindung mit Untermännern wie Kapustinski aufnehmen, zumal er bereits mit 15 Monaten Gefängnis wegen Spionage vorbestraft war.

Immerhin, Lewinow reiste, noch bevor die Bundesregierung auf der Pressekonferenz am Montag seinen Namen mit dem Kapustinski in Verbindung brachte, über Helmstedt nach Ostberlin. Begründung der Sowjetischen Botschaft für die Abreise: eine normale Versetzung nach über vier Jahren Arbeit in Bonn. Die am Rhein zurückgebliebenen Sowjet-Kollegen Lewinows bedauerten in der vorigen Woche: »Schade, daß er schon abgereist ist. Sonst könnte er die Beschuldigungen selbst zurückweisen.«

Während die Kapustinski-Affäre am Montag vor Pfingsten von Bundesbeamten minderen Ranges publik gemacht wurde, war es der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, van Scherpenberg, der den Sowjetbotschafter Smirnow einen Tag später zu sich bestellte, um andere sowjetische Umtriebe in Westdeutschland zu geißeln. Die Bundesregierung erwarte, sagte van Scherpenberg, daß sowjetische Diplomaten nicht mehr auf Veranstaltungen sprechen werden, die »als gegen die Grundlagen der Politik der Bundesrepublik gerichtet empfunden werden müssen«.

Der Staatssekretär spielte damit auf die ausgedehnten Vortragstourneen des Gesandten Timoschenko und des Presseattachés Sergejew an, die verschiedentlich vor linksstehenden Kriegsdienstverweigerern und ähnlichen Gruppen für die Sowjetpläne geworben hatten.

Ein paar Wochen vorher, am 3. Mai, hatte Scherpenberg - in seiner Antwort auf eine entsprechende Kleine Anfrage von CSU-Abgeordneten - das Treiben der beiden Diplomaten noch sehr viel nachsichtiger bewertet: »Zur diplomatischen Tätigkeit im Ausland gehört heute auch ein gewisses Maß an Öffentlichkeitsarbeit.«

Damals, vor der Pariser Gipfel -Explosion, war der Bundesregierung von befreundeter Seite nahegelegt worden, keine Verschlechterung in den Beziehungen zwischen Bonn und Moskau zu provozieren. Jetzt, in der vergangenen Woche, holte AA-Staatssekretär van Scherpenberg die aufgeschobene Gelegenheit nach, an den diplomatischen Diskussionsrednern Timoschenko und Sergejew Anstoß zu nehmen.

Die Sowjetmenschen, die mit Vortragseinladungen eingedeckt werden, tragen sich nun mit der-Absicht, von der Bundesregierung Aufklärung zu erbitten, welche Veranstaltungen gegen die Grundlagen der Bundesrepublik gerichtet sind und welche nicht, damit sie nur noch vor rechtgläubigen Gremien sprechen.

Noch bei seiner Unterredung mit Scherpenberg wegen Timoschenkos und Sergejews Vortragsreisen tat Botschafter Smirnow den ersten Gegenzug und fragte nach den Frankfurter U-2-Starts

- und ob Konrad Adenauer diese Flüge

gebilligt habe. Amtsbewußt wies der Staatssekretär den Botschafter zurecht: Das gehöre nicht zu den Gesprächsgegenständen. Immerhin könne er aber sagen, daß die Bundesregierung solche Flüge nicht billige, weil sie nicht in Übereinstimmung mit der Regierungspolitik stünden. Die erwähnten gegenteiligen Äußerungen des Bundeskanzlers seien ihm überhaupt nicht bekannt.

Wenige Stunden nach diesem Gespräch ließ Smirnow im Auswärtigen Amt eine Note abgeben, in der er nunmehr wieder die Kapustinski-Lewinow -Affäre aufgriff und dagegen protestierte, daß sein abgereister Attaché ein Spion geheißen werde.

Nach Scherpenbergs Versicherung, die Bundesregierung mißbillige Spionageflüge, führte nun aber auch Smirnow seinen Part versöhnlich zu Ende. Treuherzig versicherte er, daß alle seine Botschaftsmitglieder angewiesen seien, sich jeder Agententätigkeit zu enthalten.

Sowjet-Vortragsreisende Sergejew, Timoschenko: Öffentlichkeitsarbeit in der Bundesrepublik

Abgereister Sowjet-Attaché Lewinow

Spion im Diplomatenfrack?

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