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Mit Volldampf in die Sackgasse

Arbeitslose Akademiker (V): Geistes- und Sozialwissenschaftler *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Die sensationelle Nachricht stand zehn Tage vor Weihnachten in den Zeitungen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer und schockierte nicht nur die Intellektuellen:

In einem »Geheimpapier« hatte die Regierung die Schließung der geisteswissenschaftlichen Fakultäten an drei Universitäten beschlossen; und einen Aderlaß der Geisteswissenschaften an weiteren Hochschulen des Landes.

Für 1390 Professoren und Assistenten, akademische Räte, wissenschaftliche Mitarbeiter und andere Bedienstete der Forschung und der Lehre sollte, soweit sie nicht als Beamte in Brot und Lohn waren, dieser Geheimbeschluß den Verlust ihres Arbeitsplatzes bedeuten: für Germanisten und Historiker etwa an der ersten, für Romanisten und Philosophen an der zweiten, für Anglisten und Politologen an der dritten Universität.

Das Szenario sah einen exakten Zeitplan des Kahlschlages vor und diktierte ihn in einem ebenso autoritären wie monetarischen Ton:

Die Regierung »fordert das Kultusministerium auf, bis zum 31. Dezember 450 Stellen zur Streichung zu benennen. Weitere 450 Stellen sind bis zum 1. September des nächsten Jahres zur Streichung zu benennen. Die restlichen 490 Stellen sind dem Finanzministerium (!) bis zum 1. März des übernächsten Jahres zu benennen. Diese Stellen bleiben dann bis auf weiteres gesperrt«.

Der Widerspruch gegen den »Todesstoß mit dem Rechenstift« artikulierte sich erst nach einer Atempause ungläubigen Staunens: Die Rektoren der neun Universitäten, die von den Plänen des Staates betroffen waren, zeigten sich »völlig konsterniert« und drohten mit Rücktritt; die Studenten riefen zum Streik; die liberale Presse legte Proteste ein; und die politische Opposition sprach von einem »Skandal«.

Diese Proteste waren Solidarität mit den für die kalte Verbannung vorgesehenen Dozenten. Aber energischer noch als gegen den in Zahlen ausdrückbaren Skandal richtete sich der Protest gegen das Attentat auf den kritischen Geist.

Denn es war natürlich kein Zufall, daß sich der Staat mit den Philosophen und Politologen anlegte, und es gehörte nicht viel Phantasie dazu, um zu erkennen, daß er den »Brutstätten des Freisinns« den Garaus machen wollte. Hinter dem Finanzminister mit dem Rotstift stand der Schatten des Polizeiministers.

Die Episode klingt wie Überlieferung aus dem Zarenreich, und niemand würde sich wundern, wenn sie im absolutistischen Preußen gespielt hätte. Aber sie fand in der Bundesrepublik Deutschland, in Baden-Württemberg, statt und wurde am 16. Dezember 1976 von der »Stuttgarter Zeitung« und »Frankfurter Rundschau« bekanntgemacht.

Der Regierung in Baden-Württemberg stand 1976 der Ministerpräsident Hans Filbinger vor, und wie man sieht, war er nicht nur ein »furchtbarer Jurist«. Als Kultusminister sekundierte ihm der ordentliche Professor Wilhelm Hahn. Wenn ihnen das Parlament nicht ins Handwerk gepfuscht hätte, wären die geisteswissenschaftlichen Fakultäten tatsächlich geschlossen worden: in Karlsruhe, Mannheim und Stuttgart. Und zur Ader lassen wollten sie unter anderem die Fakultät in Tübingen - der Stadt Hölderlins und des Studenten Hegel und des damals noch lebenden Ernst Bloch.

Diese Anfeindungen haben in Deutschland Tradition. Und so kommt, wer die Arbeitslosigkeit der Geistes- und Sozialwissenschaftler darstellen und erklären will, um diese (sie miterklärende) Tatsache nicht herum:

Seit es die Geistes- und Sozialwissenschaften gibt, hatten und haben sie es mit zwei Gegnern zu tun: mit den Technokraten, die sie als überflüssige »Spinnerei« belächeln, und mit den Reaktionären, die sie für gefährlich halten und darum ihre Freiräume beschneiden wollen. Nur wird gedankenlos oder böswillig vergessen, daß auch der Augenspiegel _(Kundgebung mit Apo-Führer Rudi Dutschke. )

und die Röntgenstrahlen im Freiraum des Spinners entwickelt und entdeckt worden sind.

»Sie sehen hier«, sagt die 27jährige Romanistin Heidrun Schneider, Dr. phil. et Magister Artium, und imitiert die leiernde Stimme einer Museumsführerin, »den unaufhaltsamen Untergang des Abendlandes.«

Mit dem Zeigefinger deutet sie auf drei schüchtern lächelnde junge Männer und zwei Frauen, die neben ihr in Hamburgs City buchstäblich auf der Straße sitzen. Alle sechs sind Geisteswissenschaftler, die seit mehr als einem Jahr ohne Arbeit und Einkommen sind.

Heidrun Schneider und ihre Freunde waren an diesem grauen Tag im Mai 1985 zur Kundgebung der 55 norddeutschen Erwerbsloseninitiativen in die Hansestadt gekommen. Doch obwohl drei der sechs Gelehrten von der Sozialhilfe leben und die übrigen als Dienstboten und Kellner jobben, fordern sie kein »Recht auf Arbeit«, sondern demonstrieren mit einem Plakat gegen die »Vernichtung der Kultur durch den Arbeitsmarkt«.

Soll heißen: Wenn Philosophen und Philologen, wenn Geistes-, Seelen- und Gesellschaftsanalytiker für ihre Denkanstrengungen keine Entschädigung mehr erhalten, dann verliere die Gesellschaft »ihre kulturelle Identität« und verkomme zur »politkulturellen Provinz«, glaubt Holger F., Linguist und Teilnehmer des Hamburger Arbeitslosentreffens.

Diese Ansichten sind keineswegs abgehoben oder antiquiert. Sie werden inzwischen selbst von Amts- und Würdenträgern geäußert: Wenn inmitten unseres Wohlstands so viele Geistes- und Sozialwissenschaftler auf der Straße stehen, dann sei die Gesellschaft »in den Sog einer einseitigen Technologieorientierung geraten«, verkündete der Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK), Theodor Berchem, während der diesjährigen WRK-Tagung, und er fügte hinzu: Die Bedeutung »eines Volkes hängt nicht allein davon ab, gute Computer bauen zu können«.

Für Bremens Wissenschaftssenator Horst-Werner Franke (SPD) sind die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nichts Geringeres als der »wesentliche Träger unseres kulturellen Bewußtseins«. Und sogar Bayerns Kultusminister Hans Maier (CSU) hält die Geisteswissenschaften gerade heute, da Gen-Manipulation, Retortenbabys und Sterbehilfe vor neue Probleme stellen, für besonders nötig, weil sie Antworten geben auf »Fragen nach ethisch begründeten Grenzen menschlichen Handelns«.

Schöne Worte, denen keine Taten mehr folgen. Zwar sollen etwa in Bayern ein paar neue, freilich befristete Professorenposten eingerichtet werden. Doch diese Mini-Maßnahme sollen die bereits Bediensteten mit »Abstufungen« bezahlen. Sie ändern also nichts an der Tatsache, daß der Staat die Akademiker nicht zu beschäftigen weiß, die er zur Sicherung des geistigen Wohls der Nation für so unentbehrlich hält.

Früher fanden rund 85 Prozent der Geistes- und Sozialwissenschaftler aus Steuermitteln bezahlte Anstellungen. Der kleine Rest etablierte sich freiberuflich oder kam in der Privatwirtschaft unter. Heute beschäftigen weder die Bundespost noch die Bundesbahn auch nur einen einzigen Soziologen.

Mitte der 70er Jahre verordneten die Landesregierungen zuerst den Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, später auch den Stellenabbau, um den Staatshaushalt zu sanieren. Zum Spar-Objekt wurden vor allem die Geisteswissenschaften, obwohl gerade sie im Zuge der Hochschulreform ihre Tore besonders weit geöffnet hielten.

Damals meldeten sich 1140 Geisteswissenschaftler bei den Arbeitsämtern als stellenlos. Fünf Jahre später hatte sich die Zahl verdoppelt, inzwischen ist sie auf das Achtfache angeschwollen. Der gleiche Trend, mit niedrigeren Zahlen, zeichnet sich bei den Psychologen, Politologen und Soziologen ab.

Ohne Stelle sind derzeit 320 Professoren und Dozenten. Unentgeltlich räsonieren 550 Philosophen und Religionsforscher. 3835 Erziehungswissenschaftler, 1496 Germanisten und Anglisten finden keine bezahlte Arbeit.

Hinzu kommt die steigende Zahl derjenigen, die erst gar nicht auf Arbeitssuche gehen, sondern ein Zweitstudium beginnen - manchmal aus neu erwachtem Interesse, meistens aber, »weil man als Student noch unter dem Schutz der Uni steht«, und: »Studenten kriegen eher einen Job als die Arbeitslosen.«

Im Vergleich zu den 2,5 Millionen in Westdeutschland erwerbstätigen Akademikern ist die Schar arbeitssuchender Geistes- und Sozialwissenschaftler gewiß klein. Aber im Vergleich zu den Erwerbstätigen des jeweiligen Faches ist die Zahl erschreckend groß.

Vor drei Jahren errechnete das bundeseigene Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung die Erwerbslosenquote für Psychologen mit 8,8, für Soziologen und Politologen mit 9,9 Prozent, während für die vielzitierten Lehrer lächerliche 2,2 Prozent, bei den Ärzten 1,3 Prozent ermittelt wurden.

Seither hat sich die Lage verschlimmert. Im vergangenen Jahr konnten die Fachvermittlungsdienste den 3835 stellensuchenden Diplom-Pädagogen gerade 32 Angebote machen. Bei den Politologen wetteiferten 360 Bewerber um eine Stelle, kaum anders ist es bei den Soziologen und Kunstwissenschaftlern.

Die Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit weisen denn auch für erwerbslose Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler mit knapp zwölf Monaten die durchschnittlich längste Erwerbslosenzeit aus. Mediziner warten durchschnittlich knapp acht, Juristen rund neun Monate, bis sie wieder eine Anstellung gefunden haben.

Und Jahr für Jahr spucken die Hochschulen zwischen 8000 und 9000 neue Geistes- und Sozialwissenschaftler aus, die das Heer der brotlosen Akademiker weiter anschwellen lassen; einerseits

weil der Staat keine bezahlten Denkplätze mehr anbieten mag - und andererseits weil die Studiengänge der fraglichen Fächer keine Berufsausbildung für kommerzielle Tätigkeiten offerieren.

Zwar investieren Bund und Länder derzeit noch knapp eine Milliarde Mark pro Jahr in die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer. Aber das reicht kaum mehr für die 22 000 Wissenschaftler und 8000 Mitarbeiter, die an 48 Hochschulen und 135 sonstigen Instituten lehrend und forschend tätig sind.

Weil diese Wissenschaftsbereiche vom Staat nicht ausgebaut, sondern zusammengestrichen werden, können selbst frei werdende Stellen oftmals nicht wieder besetzt, sondern müssen »umgewidmet« werden - meist zugunsten des derzeitigen Boom-Fachs Informatik. Der durch frei werdende Stellen gegebene Ersatzbedarf an Akademikern, immerhin noch 15 Prozent, könnte über 3000 Wissenschaftlern zu Einkommen verhelfen. Tatsächlich aber, so schätzen Universitätsplaner, kommen pro Jahr in Westdeutschland höchstens noch 2000 Hochschulabsolventen, etwa ein Viertel der jährlichen Abgänger, in Lehre und Forschung unter. So steigt die Zahl derjenigen, die keine ihren Kenntnissen entsprechende Tätigkeit finden, jedes Jahr um mehr als 6000 Akademiker an.

Die Hamburger Universität zum Beispiel, mit mehr als 40 000 Studenten eine der größten in der Bundesrepublik, schleust pro Jahr zwischen 400 und 430 Geistes- und Sozialwissenschaftler durch die Magister- und Diplom-Abschlußprüfungen. Doch lediglich fünf Prozent der Neu-Akademiker fanden wenigstens eine Teilzeitanstellung an der Hochschule. Ab 1985 werden es noch weniger sein, weil die vom Hamburger Senat verordnete Sparübung »zum Streichkonzert gerade in der Nachwuchsförderung« führe, erläutern die Sachbearbeiter im Planungsstab der Universität.

An anderen Hochschulen sieht es noch düsterer aus, und nicht selten artet der Kampf um eine frei werdende Assistentenstelle zum ideologischen Intrigenspiel aus, bei dem Qualifikation weit weniger gefragt ist als die »Anpassungsleistung an die herrschende Meinung«. So jedenfalls nennt es die Berliner Philosophin Barbara Zehnpfennig.

Nach dem Magister-Examen promovierte sie vor eineinhalb Jahren mit einer Schrift über den Altgriechen Platon und den Neudeutschen Fichte. »Dieser Vergleich endete 1:0 für Platon«, resümiert die in den Augen des Philosophie-Establishments konservativ eingestellte Frau Zehnpfennig - und damit auch 1:0 gegen die Verehrerin des Altgriechen, die sich immer wieder vergebens um Mitarbeiterstellen an der Berliner FU beworben hat und nun das ironische Grinsen des Arbeitsamt-Beamten erlebt, wenn er auf die Frage nach dem Beruf die Bezeichnung »Philosophin« notiert.

In der Zeit staatlich verordneter Arbeitslosigkeit »pflanzen sich in der Hochschule die universitär etablierten Denkweisen inzestuös fort«, resümiert Frau Zehnpfennig ihre Studienerfahrung. Die Folge: »Technokraten und profillose Wissenschaftsverwalter beherrschen mehr und mehr die Szene, der Wissenschaftler aus Leidenschaft wird zum Exoten.«

In diesem Resümee kommt nicht so sehr Verbitterung über das eigene Schicksal als über den Zustand einer Wissenschaft zur Sprache, die doch eigentlich gesellschaftliche Krisen analysieren und ins Bewußtsein bringen, mithin »kritisch« statt anpasserisch sein sollte. Doch das kritische Denken ist unrentabel. Und es findet in den binär operierenden, auf Computer-Algorithmus programmierten Hirnen der Hochschulplaner immer weniger Raum.

Arbeitslos zu sein ist darum unter Geistes- und Gesellschaftswissenschaftlern kein Stigma, das mindere Qualifikation oder überzogenes Anspruchsdenken signalisiert, sondern das »individuell zu tragende Merkmal einer gesellschaftlich verdrängten Bewußtseinskrise«, definiert Rainer Dosenbach, _(Name von der Redaktion geändert. )

ein Politikwissenschaftler, diesen Zustand. Dosenbach weiß, wovon er redet, denn er ist seit 20 Monaten ein arbeitsloser Hochschullehrer.

Nach zehn Jahren Lehrtätigkeit war sein Zeitvertrag nicht mehr verlängert worden. Und bei Berufungen landete er trotz bester Qualifikation regelmäßig nur auf dem zweiten oder dritten Rang. Denn Rainer Dosenbach gilt als kritischer Denker, ist manchmal auch ein eigenwilliger Zeitgenosse und darum im Lehrbetrieb ein Störfaktor.

Eine ähnliche Erfahrung hat auch der Kulturhistoriker und Germanist Stephan Oettermann aus Marburg gemacht, der 1980 mit dem Monumentalwerk »Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums« summa cum laude promovierte und nach der Veröffentlichung des imposanten Regalbiegers auch von der Kritik hochgelobt wurde. Seither gilt Oettermann als einer der begabtesten deutschen Kulturhistoriker, und er hat dieses Urteil auch mit anderen Büchern gerechtfertigt: zum Beispiel mit seinem Buch »Zeichen auf der Haut. Die Geschichte der Tätowierung in Europa« oder mit seiner ebenso geistreichen wie witzigen »Elephantographia Curiosa«, die von der Darmstädter Jury im April 1983 zum »Buch des Monats« gekürt wurde.

Aber sich an einer deutschen Universität an einen Lehrstuhl zu bewerben hat Oettermann nach mehreren Fehlschlägen aufgegeben. Denn ihm ward stets dasselbe Erlebnis beschieden: Die Rechten wollten ihn nicht, weil er ihnen zu links ist. Die Linken vermissen an dem zwischen allen ideologischen Stühlen sitzenden Kandidaten den »astreinen materialistischen Ansatz« und halten ihn für einen »verkappten Rechten«. Und die beamteten Posteninhaber fürchten den genialischen Wilden im Schmuddellook, der zu allem Überfluß auch noch über rhetorisch-didaktische Fähigkeiten verfügt, als ein Talent, das ihrem Mittelmaß die Schau stehlen könnte.

So sitzt Oettermann, der gern seine mehrbändige »Geschichte des Vergnügens« fertigstellen würde, seit geraumer

Zeit daheim in Marburg und schreibt Klappentexte für die Bücher anderer - oder verdingt sich am Heimbildschirm als Setzer, denn »die Miete bezahlt mir schließlich nicht der Hausbesitzer«.

Professor Peter Grottian von der FU Berlin, der über Arbeitslosigkeit und Alternativkultur forscht, findet die Situation von Wissenschaftlern wie Oettermann »alles andere als nur für diese Leute selber tragisch«. Grottian nennt sie auch tragisch im Hinblick auf die Zukunft der geisteswissenschaftlichen Fakultäten: »Wenn diese eifersüchtige Ausgrenzungspolitik Schule macht, dann ist in zehn Jahren, biologisch und geistig, das professorale Altenheim Realität.«

Grottian selber und mit ihm gleichgesinnte Kollegen haben darum den (von ihm bereits praktizierten) Vorschlag gemacht, das Job-sharing auch für die Professoren einzuführen: »Wir selber kämen zu mehr eigener Weiterbildung und Forschung, und für die jungen Kollegen wüchse die Chance auf eine Universitätslaufbahn.«

Solche Initiativen könnten den überfälligen Einstellungswandel unter den besitzständlerischen Hochschullehrern beschleunigen - und so auch zur Linderung eines Übels beitragen, unter dem der Hochschulnachwuchs besonders leidet: die staatlich sanktionierte Ausbeutung der Privatdozenten.

Als Privatdozenten lehren an den westdeutschen Universitäten derzeit knapp 300 Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler. Es sind dies Akademiker, die mit einer Habilitationsschrift die »Venia legendi« erworben hatten und nun unentgeltlich Vorlesungen halten. Viele von ihnen fanden zwar eine Anstellung per Zeitvertrag, doch der wurde dann vom Kultusminister aus Spargründen - oftmals gegen den Protest vieler hundert Studenten - nicht erneuert.

Um ihre »Venia legendi« nicht zu verlieren, müssen die Privatdozenten weiterhin lesen - je nach Bundesland eine oder zwei Wochenstunden. Aber schon eine einstündige Lehrverpflichtung koste mit Vorbereitung und Studentenbetreuung fast einen Arbeitstag, ermittelten Berliner Dozenten. Doch der Staat entschädigt die Lehrverpflichtung nur mit 300 Mark pro Semester, also 50 Mark im Monat.

»Der Senat spart auf dem Rücken der Arbeitslosen rund 25 Professorenstellen«, errechnete der Sozialphilosoph Günther-Matthias Tripp, Sprecher der Privatdozenteninitiative Berlin für den Bereich der Geisteswissenschaften. Die Initiative war vor sechs Jahren mit dem Ziel gegründet worden, den betroffenen Hochschullehrern zu einem angemessenen Einkommen zu verhelfen. Von diesem Ziel aber ist die Initiative heute entfernter denn je.

Günther-Matthias Tripp lehrte sechs Jahre lang als Professor, ehe ihn der Senat im Rahmen seiner Haushaltskürzungen entließ. Doch als Privatdozent gehört Tripp weiterhin zum Lehrkörper und nimmt auch Nebenfachprüfungen ab. Für den mehrstündigen Aufwand einer Prüfung bekommt Professor Tripp 5,30 Mark Entschädigung. »Der Bus hin und zurück zur Uni kostet mich bereits 4,20 Mark.«

»Privatdozenten müssen bereits berufsfremd jobben, damit sie sich den Luxus einer Dozentur leisten können«, bestätigt Initiativen-Mitbegründer Jürgen Hoffmann, 44, einer der beiden habilitierten Theaterwissenschaftler Westdeutschlands. Obwohl gut ausgewiesen, wurden ihm bei Bewerbungen regelmäßig fachfremde, aber gut angepaßte Konkurrenten vorgezogen.

Hoffmann ("Ich bin ein optimistischer Typ") verlegte sich aufs Bücherschreiben. Seiner Arbeitslosigkeit ist darum das »Theaterbuch Berlin« zu verdanken, ein Theaterstück steht vor der Vollendung.

Solche alternativen Berufsperspektiven zur Hochschulkarriere entdecken gerade die phantasievoll gebliebenen Wissenschaftler.

Der 37jährige Joseph Huber, vor acht Jahren Mitbegründer der Berliner Alternativen-Selbsthilfe »Netzwerk«, habilitierte sich 1981 zum Dozenten für Sozial- und Volkswirtschaftslehre, fand aber keine Professorenstelle. Da machte er seine Neigung fürs Alternative zur Profession und mutierte zum gefragten grünrosa Sachbuchautor über Freud und Leid der Ökologie (neuestes Buch: »Die Regenbogen-Gesellschaft").

Inzwischen ernährt sich Huber, Mitgenosse einer bürgerlich patinierten WG in Berlin-Wilmersdorf, von Tantiemen und Vortragsreisen. Und das nicht einmal schlecht. Gleichwohl will sich der agile Öko-Fachmann für alle Fälle »die akademische Option offenhalten«.

Andere haben sich zur Emigration ohne Rückkehr entschlossen. Einer von ihnen ist Walter Schenker, 42, angesehener Germanistikprofessor in der braven Stadt Trier, nebenbei auch Romanschriftsteller ("Eifel").

Nach elf Jahren Lehrtätigkeit wurde dem Sprachgelehrten - für ihn »absolut unerwartet« - der Vertrag nicht mehr erneuert. »Man erwartete, daß ich mich wortlos aus dem Staub mache.« Doch in einem Anflug trotziger Verzweiflung gab Schenker im »Trierischen Volksfreund« eine Anzeige auf: »Stellenloser Trierer Professor sucht Arbeit.«

Das einzige konkrete Angebot, erinnert sich Schenker, kam von einer Gutsbesitzerin aus der tiefsten Eifel: Der Professor solle auf ihrem Bauernhof nach dem Rechten sehen. Schenker lehnte »nach langer Bedenkzeit« ab. Es folgte eine Aktion der »Bild«-Zeitung, die den Gelehrten als spektakuläres, von der Kohl-Wende in Bonn unberührtes Einzelschicksal abfeierte. Ertrag: ein

Angebot einer Import-Export-Firma sowie ein Vertreterposten für Surfbretter. Auch für diese Offerten mochte sich der Sprachgelehrte nicht erwärmen, zumal er »vom Surfen nichts versteht«.

Schließlich entschloß sich Schenker, seine Gelegenheits-Schriftstellerei zum Beruf zu machen und alle Hochschulträume fahrenzulassen. »Seither geht es mir wieder besser«, sagt er - und meint damit nicht etwa sein Einkommen (das reicht vorerst kaum zum Leben), sondern »das Gefühl, eine ganz und gar selbstbestimmte Tätigkeit ausüben zu können«. Derzeit arbeitet Schenker an einem Hörspiel, Arbeitstitel: »FKK«.

Die geisttötende Bürokratisierung der Studiengänge degradiere den Professor zum Verwaltungsangestellten, urteilt Schenker rückblickend: Universitäre Bildung, einst Anliegen der Philologie, sei unter die Fuchtel des Ausbildungsmanagements geraten. »Und dahin will ich nicht zurück.«

Während die Geisteswissenschaften im Zeitalter der Technokratie an der Verbürokratisierung leiden, waren sie dem Obrigkeitsstaat als Satanspech der Demokratie suspekt. Nicht von ungefähr diagnostizierte Bismarck im Jahre 1890: _____« Ein Hauptübel unseres höheren Schulwesens liegt in » _____« der Überzahl gelehrter Schulen und in der künstlichen » _____« Verleitung zum Besuch derselben, so daß wir gelehrte » _____« junge Männer weit über den Bedarf und über die » _____« Möglichkeit ihrer entsprechenden Unterbringung hinaus » _____« züchten. Unsere höheren Schulen werden von zu vielen » _____« jungen Leuten besucht, welche weder durch Begabung noch » _____« durch die Vergangenheit ihrer Eltern auf einen gelehrten » _____« Beruf hingewiesen werden. Die Folge ist die Überfüllung » _____« aller gelehrten Fächer und die Züchtung eines » _____« staatsgefährlichen Proletariats Gebildeter. »

Aber die Geisteswissenschaft hatte sich nicht nur der Angriffe des Staates zu erwehren, sie zeigte auch selber stets ein Doppelgesicht: Sie war »deutsche Universität« im berühmten und berüchtigten Sinn des Wortes.

Einerseits war gerade sie das Parkett, auf dem sich wissenschaftliche Glanzleistungen von europäischem Rang entfalten konnten: Die Entwicklung der klassischen Altertumswissenschaften und der »Germanistik« hatte Modellcharakter für den Aufbau der Philologie neuer Sprachen auch in anderen Ländern.

Und die deutsche Universität gab einem Historiker wie Ludwig Quidde Lohn und Brot, der 1894 mit seiner antimilitaristischen Satire »Caligula« Aufsehen erregte, die in der kaum getarnten Form einer gelehrten Monographie über den Cäsarismus des römischen Kaisers einen Florettangriff auf Wilhelm II. führte. Nur war diese Majestätsbeleidigung des mutigen Mannes auch das Ende seiner Karriere.

Andererseits nämlich gelangte die universitäre Geisteswissenschaft erst in der »Gründerzeit« zur vollen Blüte, und dies lud ihr von Anfang an das Erbe nationalen Sendungsbewußtseins auf.

So etablierte sich die »Deutsche Literaturgeschichte« als eine wissenschaftliche Disziplin 1872 - mit der Berufung Wilhelm Scherers an die neugeschaffene Universität Straßburg, die ganz unverhohlen als eine Bastion des Deutschtums im eben erst annektierten Elsaß dienen sollte.

Und vom Schlage Scherers waren auch die Gelehrten, die im Ersten Weltkrieg in hurrapatriotischen Manifesten zu den Waffen riefen und im Juni 1940 zur »Kriegseinsatztagung deutscher Hochschulgermanisten« zusammentraten, welche - man war schließlich bildungsbewußt - in Weimar stattfand.

Kurioserweise hat diese reaktionäre Geistesverfassung der deutschen Universität große Kulturleistungen möglich gemacht. So wären die Gebrüder Grimm nicht die Gebrüder Grimm geworden, wenn Ernst August von Hannover die beiden Bannerträger der renitenten »Göttinger Sieben« 1837 nicht aus der Universität entlassen hätte. Nach diesem Rauswurf waren die Gebrüder arbeitslos, hatten viel freie Zeit und füllten sie mit einem literarischen Mammutunternehmen aus.

Karl Marx war nach einem Spitzelbericht der preußischen Polizei ein »dämonisch dreinblickender Faulenzer«, der seinen Bart nie rasierte, oft angekleidet zu Bett ging und in dessen »höhlengleicher«, von »fingerdickem Staub« strotzender Wohnung »alles zerbrochen, zerfetzt und zerlumpt« war. Dieses Ambiente war die Folge der Arbeitslosigkeit des armen Doktor Marx, und auch dieser »Faulenzer« hat sie zu einem gigantischen Werk genutzt: indem er, von seinem Mäzen Engels supportiert, dämonisch dreinblickend »Das Kapital« schrieb.

Friedrich Nietzsche sagte sich von seinem Lehrstuhl für griechische Sprache und Literatur in Basel 1879 aus freien Stücken los, und Walter Benjamin, der Genius kritischer deutscher Kunsttheorie, hat den gewünschten Lehrstuhl nie bekommen, weil eine Professoren-Null namens Franz Schultz Benjamins Habilitationsschrift über den »Ursprung des deutschen Trauerspiels« für nicht professoral genug hielt und ablehnte.

»Unter den Talaren Muff von tausend Jahren« - mit dieser Parole hatten die Studenten der Apo die Ordinarienherrlichkeit der Schultzes deutschen Geistes und ihr vergreistes Bildungsideal abschaffen wollen. Dieses Bildungsideal war im »Simplicissimus« einst in der Karikatur eines Lehrers lächerlich gemacht worden, der seine Schüler mit den strengen Worten tadelt: »Sie kennen nicht einmal jenen, wenn auch seltenen, so doch berühmten Versfuß, den Proceleusmatikus? Und Sie wollen in einigen Wochen das Gymnasium verlassen und in das praktische Leben hinaustreten?«

Die Studentenbewegung erzwang die Bildungsreform: Und sie schuf tatsächlich eine moderne Universität, in der die Anziehungskraft des Proceleusmatikus ihren unwiderstehlichen Reiz glücklicherweise und endlich verlor. Aber die Bildungsreform hat auch eine Entwicklung begünstigt, die den geisteswissenschaftlichen Humanismus unter dem Utilitarismus der Technokraten begrub.

Aus der Bildungsstätte wurde eine Ausbildungsfabrik, an die der Erlanger Professor Henning Kößler 1983 vor der Westdeutschen Rektorenkonferenz die melancholische Frage richtete: »Sie lehrt Soziolinguistik und Kommunikationstheorie,

aber was vermittelt sie von der Gelöstheit Goethescher Naturlyrik? Sie lehrt die Rotverschiebung der Galaxien im Spektrum und die Hubble-Konstante, aber was ist mit der Herausforderung, die die moderne Kosmologie für das Selbstverständnis des Menschen darstellt?«

Seit vor zehn Jahren das Hochschulrahmengesetz in Kraft trat, lavieren die Kultusminister - und mit ihnen die meisten Universitätspräsidenten - zwischen der alten Idee der Vergesellschaftung von Bildung und dem neuen Dogma der Zweckmäßigkeit fachschulischer Ausbildung hin und her.

Auf dieser Schleuderfahrt ging das klassische Selbstverständnis der Alma mater verloren: die Vermittlung eines umfassenden humanistischen Wissens. Und an die Stelle dieses Verlustes trat die für die Geisteswissenschaften abermals verheerende Aufsplitterung ihrer Fächer und Disziplinen in immer kleinere, abgekapselte Einheiten. Was der Philosoph Karl Jaspers ahnungsvoll die »Bodenlosigkeit des Spezialistischen« nannte, zeigt sich heute als Sinnverlust in den Köpfen fachsimpelnder Hochschul-Absolventen.

Der Aberwitz bestand nun gerade darin, daß diese Spezialisierung just mit der Absicht vermehrter Praxisnähe betrieben und dennoch in eine immer größere Distanz zur Praxis manövriert wurde.

Trotz des bekannten Debakels mit dem praktisch wertlosen »Diplompädagogen« liefert auch heute jede größere deutsche Hochschule Beispiele solch praxisferner Experimente mit angeblich berufsgerechten Studiengängen.

Die Hamburger Universität etwa experimentiert mit dem neuen »Neben- und Aufbaustudiengang Journalistik«, der Zeitungswissenschaftler und Medienschaffende hervorzaubern soll, aber keines von beidem zu leisten vermag. Ähnliches droht dem an der Universität Hannover ausgeheckten Studiengang »Kulturwissenschaft«, der zu einem fabulösen Kultur-Diplom führen soll.

Daß die Geisteswissenschaften selbst dort, wo sie berufsgerecht ausbilden möchten, derart realitätsfern geblieben sind, hängt wohl zu einem wesentlichen Teil mit dem Illusionismus deutscher Hochschulreformer, vor allem aber mit ihrer Ignoranz zusammen. So blieb bis vor kurzem völlig rätselhaft, ob der Diplom-Studiengang oder der 20 Jahre zuvor geschaffene Studienabschluß des »Magister Artium« eine Sprachwissenschaftlerin auch als Verlagslektorin oder einen Soziologen als Marketingexperten ausweisen und für eine Werbeagentur attraktiv machen könne.

Dämmerlicht ins Dunkel der »Berufsfindung« von Geistes- und Sozialwissenschaftlern brachten jetzt einige Studien: Laut einer in Berlin durchgeführten Befragung von Soziologen, die zwischen 1975 und 1980 diplomiert worden waren, hatten nur gerade 13 Prozent eine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit. Mehr als zwei Drittel waren erwerbslos - oder »versteckten« ihre Arbeitslosigkeit hinter einem Zweitstudium oder hinter Gelegenheitsjobs.

»Die Soziologin Karin Z., 30, hat keinen festen Job, arbeitet berufsfremd als Aushilfe, verdient 900 Mark und gilt nach überliefertem Politikverständnis als nicht übermäßig engagiert« - so sieht das Robotbild aus, das auf jeden dritten Absolventen der Gesellschaftswissenschaften in Gießen zutrifft, wie eine andere Untersuchung kürzlich feststellte.

Mit viel Akribie machte sich 1982 die Hamburger Germanistin und Bildungsforscherin Martha Meyer-Althoff auf die Suche nach den Sprachwissenschaftlern, die zwischen 1962, dem Jahr des erstmaligen M.A.-Abschlusses, und 1980 an der Hamburger Universität die Prüfung abgelegt hatten. Fast ein Drittel der befragten 120 Absolventen war ganz aus dem Beruf ausgestiegen, teils als Hausfrauen, teils unfreiwillig als Arbeitslose. Voll berufstätig waren noch 40 Prozent: jeder vierte als Lehrer oder Dozent, der Rest verteilt auf Verlagslektoren, Bibliothekare und Journalisten. Drei arbeiteten als Sekretärinnen, ein Drittel der Befragten war in Ersatzjobs untergekommen.

Seit Jahren kümmert sich Frau Dr. Meyer-Althoff darüber hinaus um die »Berufserkundung« der Studenten mit dem Ziel, das Risiko künftiger Arbeitslosigkeit zu mindern. Seit April dieses Jahres ist sie nun selber arbeitslos, weil Universitätspräsident Peter Fischer-Appelt aus Spargründen den Arbeitsvertrag nicht erneuern wollte.

Die meisten Geistes- und Sozialwissenschaftler verschieben mit der Dauer der Arbeitssuche zwangsläufig die Grenze des Zumutbaren nach unten. Oftmals hat dann die endlich gefundene Tätigkeit

mit den einst angestrebten Berufsfeldern nichts mehr gemein.

Zu solch weitreichender Kompromißbereitschaft zwang sich der Hamburger Literaturwissenschaftler Dr. Fritz Peter Dölling. Unter dem Druck, drei Kinder ernähren zu müssen, bewarb er sich als Personalbeauftragter bei der Kloster Maria Hilf Stiftung in Nürnberg. Aber nicht nur die fromme Stiftung, auch eine Firma, bei der er als Lagerarbeiter vorstellig wurde, verschmähte seine Dienste. Erst das Stelleninserat eines Hamburger Hotels, das einen zweisprachigen Nachtportier suchte, brachte Erfolg. Und wenn Herr Dölling jetzt im Dämmerlicht seinen Dienst antritt, hört er manchen Hotelgast freundlich rufen: »Herr Doktor, bitte eine Droschke!«

Der in Bremen lebende Slawist, Philosoph und Soziologe Dr. Riesenhund, _(Name von der Redaktion geändert. )

36, dagegen zählt zu den »Kompromißlosen": Riesenhund, der vom Einkommen seiner Ehefrau lebt, hofft unverdrossen auf eine »meiner Ausbildung wenigstens annähernd angemessene« Arbeit. Seit seiner Arbeitslosigkeit (auslaufende Unistelle) vor drei Jahren hat sich Riesenhund, der neben Russisch und Tschechisch noch sieben weitere Sprachen spricht, etwa 30mal vergebens beworben, so bei folgenden Institutionen: *___bei Radio Bremen als Redakteur für Zeitgeschichte; *___an der Uni Göttingen als Leiter des Akademischen ____Auslandsamtes; *___am Osteuropa-Institut in Berlin um eine ____Assistentenstelle für die Soziologie der Sowjet-Union; *___an der Volkshochschule in Dortmund, die einen ____Pädagogischen Mitarbeiter suchte; *___am Hamburger »Museum der Arbeit«, das einen historisch ____interessierten Soziologen für den Aufbau eines Archivs ____brauchte; *___an einem Hamburger Institut der Fischereiwirtschaft als ____Redakteur einer Fischereizeitschrift, die in mehreren ____Sprachen erscheint; *___bei einem Sprachverband in Mainz als Deutschlehrer für ____geflüchtete Vietnamesen; *___als Lektor for German and European Studies in ____Austin/Texas, USA.

Die Ablehnungsbescheide teilt Riesenhund in drei Gruppen ein. Kategorie 1: »Keine Antwort; der Briefträger bringt nur die Zeitung.« Kategorie 2: »Hektographierter Fünfzeiler.« Kategorie 3: »Absage wegen ''Überqualifikation''; welch ein großartiger Tag!«

Die letzte Kategorie nennt Riesenhund, der »wie mein Vorbild Danton« trotz allem nie den Humor verliert, »Klopapier mit Goldrand« oder »Kompliment mit Trauerflor«. Und aufgegeben hat er nicht: Als nächstes möchte er sich für eine seine »Sprachkenntnisse herausfordernde Arbeit« in der Dokumentation des SPIEGEL bewerben.

Künftige M.A.-Absolventen müssen zwecks Chancenverbesserung schon während des Studiums auf ihr Berufsleben vorbereitet werden, erkannten wohl als erste die Historiker. Seit vier Jahren läuft an der Gesamthochschule Essen ein von Geschichtsprofessor Justus Cobet eingerichtetes Praktikum: Wie Mediziner, Architekten und klinische Psychologen müssen die angehenden Historiker während sechs bis acht Wochen praktisch arbeiten. Anfangs hatten die Studenten Mühe, den Zweck der Übung einzusehen. Inzwischen aber nutzen sie »die Chance der Kontaktaufnahme mit der Berufswelt« (Cobet), zum Beispiel in Museen und Zeitungsredaktionen oder auch mal als Dramaturgie-Assistenten an der Frankfurter Oper.

Das Essener Beispiel hat inzwischen Schule gemacht. Endlich könnten Studenten und Arbeitgeber »die nützliche Rolle der Geschichtswissenschaften im Produktionsbereich erkennen«, sagt Professor Joachim Huhn von der Gesamthochschule Kassel, wo nun auch ein solches Praktikum eingerichtet wurde.

Diese frühzeitigen Berufszuwendungen mindern wohl die Barrieren, die sich den Absolventen in den Weg stellen. Wegräumen lassen sie sich nicht. Und sie sollen vielleicht auch gar nicht verschwinden, weil sonst der letzte Rest selbstbestimmter Bildungsarbeit bei den

Geistes- und Sozialwissenschaften dem Anpassungswunsch geopfert würde.

Überraschend ist dabei, daß ausgerechnet die Studenten solchen Berufsanbahnungen nicht selten mißtrauen und wieder vermehrt zweckfreie Bildung verlangen, egal wie nach dem Studium das Erwerbsleben aussehen wird.

Plötzlich füllen viele hundert Studenten die Literaturvorlesung, drängeln sich Studienanfänger in Seminare über Kunstgeschichte, schreiben sich ein für Archäologie und Orientalistik - obwohl mit diesen »Orchideenfächern« bestimmt kein Brot zu verdienen sein wird.

Zweifellos gibt es auch das wachsende Heer der schicken Langeweil-Studenten im Popper-Look, die den Universitätsbetrieb kaum anders konsumieren als ihre Videochips. Doch inmitten dieser neubürgerlichen Sonntagsgesichter taucht ein vergleichsweise schräger Typ auf, leise und eher introvertiert, offen für die Themen, aber auch ganz verschlossen gegenüber der Universität als Institution. Studentisches Engagement interessiert ihn nicht.

1978 und dann wieder 1983 befragten die Forscher des Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover westdeutsche Studenten nach ihren Studienmotiven. Ergebnis: Die Geistes- und Sozialwissenschaftler interessieren sich in erster Linie für die Studieninhalte und geben Karrierewünschen deutlich weniger Gewicht als die übrigen Studenten. Vor allem: Sie sympathisieren mit der Alternativszene, nehmen Selbstausbeutung für den Gegenwert selbstbestimmter Arbeit hin. »Die Vermutung, die schlechten Berufsaussichten könnten zu einer Radikalisierung führen, aber läßt sich nicht ablesen«, berichten die Forscher.

Hören die Studienanfänger des Jahres 1985 die »Einführung in romantische Stilformen« just for fun? Was bringt es ihm, wenn der junge Student seine Wahl für ein Seminar über Max Weber mit der Auskunft begründet: »Das bringt mir was!« - und auf die Frage nach dem Studienziel ratlos mit den Achseln zuckt, obwohl er sich die Wahrscheinlichkeit künftiger Arbeitslosigkeit an fünf Fingern ausrechnen kann und keinesfalls schlecht beraten wäre, möglichst früh auf ein eigenes Taxi zu sparen?

Der SPIEGEL hat aus den Antworten der zu ihren Motiven befragten Studenten sieben Typen zusammengesetzt:

Die Fatalisten: »Ich studiere Politologie, weil ich den düsteren Prognosen einfach nicht traue. Vor der gegenwärtigen Situation verschließe ich keineswegs die Augen, aber ich tröste mich mit ihrer Vergänglichkeit. Wer will denn heute sicher wissen, ob die Lage für unsereins in fünf Jahren nicht wieder besser aussieht. Als die Geisteswissenschaften in der politischen Reformphase plötzlich Konjunktur hatten, hat diese Entwicklung ja auch vorher kein Mensch geahnt.«

Die Hedonisten: »Nicht daß ich etwas gegen Arbeit hätte, aber die Schule hing mir zum Halse heraus. Mit der Soziologie habe ich mir ein Studium angelacht, das mir ein einigermaßen freies Lernen ermöglicht. Denn wir wollen uns doch nichts vormachen. Wenn du es richtig anstellst, verbringst du als Soziologe vier bis sechs Semester eine vergleichsweise streßfreie Zeit, kannst dir den Wind um die Nase wehen lassen und legst dich erst ein Jahr vor den Prüfungen richtig in die Riemen. Diese Lebensqualität kennen die Naturwissenschaftler nicht einmal aus ihren kühnsten Träumen; die haben nicht einmal Zeit, ihre verbilligten Studentenkarten fürs Kino zu nutzen.«

Die Mathe-Nieten: »Mit dem Studium der Germanistik und Soziologie habe ich natürlich auch aus einer gewissen Neigung begonnen. Aber entscheidend war, daß ich mir diese Fächer ausgesucht habe, weil ich hoffte, dann nie mehr in meinem Leben mit Mathematik und ähnlichen linkshemisphärischen Denkanstrengungen zu tun zu haben. Denn auf diesen Gebieten war ich eine meist vor Angst schlotternde Niete. Daß so etwas wie Mathe unter dem furchtbaren Namen Statistik im Rahmen der Empirischen Sozialwissenschaft nun doch gefordert wird, war für mich ein noch größerer Schock als der Mittelhochdeutsch-Sadismus in der Germanistik.«

Die Sozialingenieure: »Mit dem Psychologie- und Soziologiestudium habe ich mir einen Kinderwunsch erfüllt. Psychologie - das war meine ''elektrische Eisenbahn''. So wie meinetwegen einer Chemie studiert, weil ihn schon als 12jährigen Reagenzgläser faszinierten, oder Elektrotechnik, weil es ihm Glühbirnen angetan haben, so studiere ich Soziologie und Psychologie, weil ich es spannend finde, die Funktionsweise der Gesellschaft durchschauen zu lernen. Nach dem Diplom würde ich am liebsten eine therapeutische Praxis aufmachen: Da kommt einer zu mir rein, ist kaputt, und ich repariere ihn.«

Die »Klassiker": »Ich bin ein konservativer Mensch, und es hört sich vielleicht geschwollen an: Ich studiere Philosophie, um mir eine möglichst gründliche Bildung zu verschaffen. Was mich am meisten anödet, das ist die Fachidiotie. Meine Eltern sind beide Ärzte; aber sie haben seit Jahren kein Theater mehr von innen gesehen, kennen die alte Literatur nur aus der Erinnerung und die neue allenfalls vom Hörensagen. Dann lieber brotlose Kunst, oder sagen wir es so: Philosophie ist für mich nicht Beruf, sondern Lebensform.«

Die Darwinisten: »Ich studiere die Fächer, in denen ich auf der Schule Klassenprimus war: Deutsch (Germanistik) und Soziologie. Von den miserablen Berufsaussichten habe ich natürlich gehört, aber haben sie nicht auch eine positive Seite? Für mein Gefühl fördern Berufsgarantien nur die Beamtenmentalität und schläfern die Kreativität ein. Ich weiß, daß ich mich damit unbeliebt mache: Aber so wie mich als Schüler hohe

Leistungshürden besonders gereizt haben, so spornt mich nun das Berufsrisiko zu besonders guten Leistungen an. Natürlich, für das blanke Mittelmaß sind die Aussichten traurig, aber ich werde meinen Weg schon machen.«

Die Kritiker: »Ich bin ein nachgeborener 68er und habe schon in der Schule Adorno und Marcuse gelesen. Nun studiere ich Geistes- und Sozialwissenschaften ohne klare Fixierung auf ein Fach - um kritisches Denken zu lernen. Dabei fühle ich mich doppelt einsam. Im Uniseminar bin ich von lustlos angepaßten Leuten umgeben, für die die Apo Geschichte ist: so weit weg wie Pippin der Kleine. Und in der Alternativbewegung außerhalb der Uni wird kritisches Denken leider oft durch ideologische Identifikationen oder gemütliche Harmoniebedürfnisse ersetzt. Aber vielleicht hat der Dornröschenschlaf der Linken an der Uni ja irgendwann ein Ende. Ein Beruf? Ich versuche es wohl als Journalist.«

Ein verbreitetes Vorurteil sagt, diese Orientierungslosigkeit der Geisteswissenschaftler habe ideologische Gründe und damit zu tun, daß sich von der Soziologie und Philosophie vor allem politische Verweigerer angezogen fühlen, für die ein bürgerlicher Beruf schon darum nicht in Frage käme, weil er ihre hartgesottenen politischen Überzeugungen kompromittieren würde.

Aber dieses Vorurteil aus dem Arsenal der ordentlichen Deutschen, in dem der Soziologe als Bürgerschreck und der Philosoph als Faulenzer lebt, stimmte nicht einmal für die wilde Zeit, in der es Konjunktur hatte: Auch gemünzt auf die radikalen Studenten der Außerparlamentarischen Opposition spiegelt es nur die (vorübergehende) Kompromißlosigkeit von Minderheiten.

Im dritten Semester noch nicht sagen zu können, was nach dem achten oder zehnten sein wird - diese Ungewißheit beschrieb stets eine Not der überwiegenden Zahl aller Geisteswissenschaftler, ganz gleich, ob sie Konservative oder Liberale, politisch Indifferente oder Linke waren. Ein Beruf würde sich schon finden. Und wenn es nicht der gewünschte war, dann war es die »sichere Bank« eines akademischen Auswegberufes.

Für den arbeitslosen Geisteswissenschaftler der 50er und 60er Jahre war diese sichere Bank der Lehrerberuf. Ein Germanist, der nicht Professor, ein Romanist, der nicht Kulturattache oder wenigstens Übersetzer, ein Theaterwissenschaftler, der nicht Dramaturg werden konnte, der sattelte eben auf »Studienrat« um.

Noch Anfang der 70er Jahre bestand diese Möglichkeit auch für die Sozialwissenschaftler. Ein Soziologe mit Examen in Nordrhein-Westfalen konnte sein Diplomzeugnis an das Kultusministerium in Düsseldorf schicken und bekam es mit Unterschrift und Stempel zurück: als die amtliche Berechtigung zum Unterricht im Fach Gesellschaftslehre an den höheren Schulen des Landes.

Diese Lebensversicherung der Lehrer-Perspektive ist heute Makulatur. Das Rätsel, warum die Geisteswissenschaftler ihr Studium trotzdem riskieren, läßt sich am leichtesten für die »Orchideenfächer« lösen: für die Studenten etwa der Sinologie, Byzantistik, Archäologie. Die »Orchideen« nämlich entscheiden sich normalerweise nicht erst nach dem Abitur für ihre exotische Disziplin, sondern machen ihr Spezialinteresse oder Hobby zum Studium. Und so wie ein Briefmarkensammler nicht mit dem Briefmarkensammeln aufhört, wenn die Philatelie in die Krise gerät, verabschiedet sich ein Archäologe nicht von der Archäologie, nur weil man ihm versichert, daß Heinrich Schliemann heutzutage wohl ein Hungerleider wäre.

Aber auch die Soziologen und Philosophen, Historiker und Psychologen erleben die miserablen Berufsaussichten offenbar nicht als ein so furchterregendes Damoklesschwert, daß sie den Bettel hinschmissen. Sie studieren trotzdem, um »Denken zu lernen«. Sie studieren trotzdem, um ein paar Jahre lang selbstbestimmt arbeiten (und lesen) zu können. Sie studieren trotzdem, um etwas über sich und ihre Umwelt zu erfahren.

Denn schon immer haben die Studenten der Geistes- und Sozialwissenschaften versucht, aus ihrer Not eine Tugend zu machen. Schon immer interessierten sich für diese Fakultäten vorwiegend Leute, die ein Gefühl für die exklusive Beziehung von Arbeit (= Studium) und Freiheit (= kulturelle Betätigung) hatten. Und schon immer verteidigten die Engagiertesten von ihnen das »Überflüssige« ihrer Kunst gegen das »Flüssige« des saturierten Bürgers.

Studiert wird, um das Angenehme der relativen Freiheit mit dem Nützlichen des selbständigen Lernens zu verbinden. Studiert wird, um sich möglichst breit zu orientieren, ohne dabei das »Leben« vernachlässigen zu müssen.

Für den Fall ihrer Arbeitslosigkeit trösten sich auch die Studenten der 80er Jahre mit einem Auswegberuf. Dieser Ausweg lautet: Journalismus.

Nur bietet die Presse, anders als der Staat, für die wenigsten feste Verträge. Und genau dies zeigt die schwarze Lage: Selbst unter den Auswegberufen ist aus der »Lebensversicherung« eine Lotterie geworden.

Im nächsten Heft

Ingenieure: umworbene Praktiker ohne Prestige? Physiker: neue Aufgaben in der Industrie? Arbeitsplätze für Biologen durch verbesserten Umweltschutz?

Kundgebung mit Apo-Führer Rudi Dutschke.Name von der Redaktion geändert.Name von der Redaktion geändert.

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