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Medien Mit Vollgas ins Kissen

Mit dubiosen Methoden basteln Journalisten an Horrorgeschichten aus der Jugendszene. Jüngster angeblicher Trend: Airbagging.
aus DER SPIEGEL 29/1994

Natürlich ist die Szene gestellt. Den Luftsack, neudeutsch Airbag, hat der Fotograf vorher aufgeblasen; das Auto mit der zersplitterten Frontscheibe steht seit langem auf dem Polizei-Autofriedhof in Hamburg-Wandsbek. Der Jugendliche drückt den Kopf wie bei einem Unfall ins Luftkissen.

Natürlich hat der Junge Geld bekommen für seine schöne Sommerstory. Manuel soll er heißen, 16 Jahre soll er sein und sich auskennen in der Crash-Kid-Szene am Hamburger Hauptbahnhof, wo Jugendliche für Geld fast alles tun.

Natürlich ist Bild am Sonntag (BamS) die Story zwei Seiten wert. »Airbagging«, tönt die Schlagzeile am vorletzten Sonntag, »das neue Wahnsinnsspiel der Straßen-Kids«. Er und seine Mitspieler, kann Manuel da lesen, »rasen im gestohlenen Auto mit 100 gegen einen Baum« und »wissen, daß ihr Leben von einem aufblasbaren Luftkissen abhängt«. Alles just for fun. Vorlage, so der Artikel, sei ein Video-Clip der amerikanischen Hard-Rock-Band Aerosmith, in dem Jugendliche sich mit Vollgas in die Kissen eines geklauten Wagens katapultieren lassen.

Reporter waren zwar skeptisch, doch der Konkurrenzdruck ist groß - vor allem in der Bilderwelt privater Fernsehsender, die allabendlich eine neue Sensation präsentieren müssen. Und wenn die Reality fürs TV nicht genug hergibt, werden sie auch mal virtuos virtuell.

Sommer für Sommer beglücken sie ihr Publikum mit Geschichten über die jüngsten Auswüchse in der geheimnisvollen Welt der Jugendszene. Mit der Betroffenheit eines Spanners berichten sie über Fahrstuhl-Surfer (die angeblich durch die Luke auf das Dach von Aufzügen hüpfen), von Car-Hoppern (die angeblich auf parkenden Autos umherspringen) und von Skate-Surfern (die sich angeblich auf Rollerskates von rasenden Autos schleppen lassen).

Auch Manuel und seinen Freunden stellten Journalisten vergangene Woche nach, in Berlin, in München, in Hamburg und anderswo. Jugendlichen in den Sommerferien ist schließlich alles zuzutrauen. Reportern allerdings auch.

Zwei von ihnen hat's nun erwischt. Journalisten der Kommerz-Sender RTL und Pro 7 stehen seit Dienstag vergangener Woche im Verdacht, den Kids für gestellte Crashs Geld versprochen zu haben, allerdings ohne Erfolg. Beide Sender dementieren, doch die Bild-Zeitung Hamburg, das Fachblatt für den feinen Journalismus, zweifelt. »Die Polizei ermittelt«, meldete das Boulevardblatt vergangenen Freitag, und Airbagging sei »die Sommer-Lüge des Jahres« - als habe Bild mit dem Schwesterblatt BamS rein gar nichts zu tun.

Tatsächlich sucht die Hamburger Kriminalpolizei nach Beweisen für die Schmiergeld-Story. Der Verdacht lautet auf Anstiftung zum Autoklau. Kronzeugen für Bild und Kripo: »Michael M. und Bernd B.«, zwei »Autoknacker« vom Hamburger Hauptbahnhof.

Der Ursprung der »Sommer-Lüge« läßt sich leicht zurückverfolgen. Der Autor der BamS beruft sich mit seinem »Irrsinnstrend« auf die Deutsche Presse-Agentur. Die hat am 29. Juni über einen Artikel aus der Stuttgarter Zeitschrift Auto, Motor und Sport berichtet. Deren Redakteur wiederum will einen echten Airbagger vor einigen Wochen getroffen haben. Der allerdings ist inzwischen total pressescheu geworden, echt. Carlos hieß er, 16 Jahre alt. Aufenthaltsort, na klar: die Hamburger Szene. Y

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