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Briefe

»Mit weiteren Anschlägen ist zu rechnen«
aus DER SPIEGEL 35/1977

»Mit weiteren Anschlägen ist zu rechnen«

»Beinahe noch größer« nennt Generalbundesanwalt Rebmann laut »Welt am Sonntag« die Zahl der Sympathisanten. Dieser unsichere Ausdruck deutet an, daß er Genaues nicht weiß.

Wenn Rebmann, laut »Welt am Sonntag«, fortfährt, die »Verunsicherung der Terrorszene« habe noch nicht erreicht werden können, so bestätigt er nur sein Nichtwissen.

In einem Punkt hat Rebmann allerdings recht: mit weiteren Anschlägen ist zu rechnen.

Als ich noch im Amt war, habe ich mich schon über die unbedachte Rederei von der »Sympathisantenszene« und ähnliche Floskeln ("Herr von 5.") geärgert. Ich wußte doch: Wer so faselte, dem fehlten sowohl fundierte Kenntnisse als auch Sprachgefühl.

Wer ist Sympathisant, was heißt Szene? Wer Wohlgefallen an etwas hat, der ist Sympathisant, wenn er sich zum Beispiel klammheimlich über den Buback-Mord freut. Wer dagegen für Terroristen eine Wohnung mietet, ist weit mehr als Sympathisant: Helfer. Szene heißt Schauplatz. Wer meint Schauplatz, wenn er von Terrorszene redet? Keiner.

Die Sprachsehluderer meinen den Hintergrund der Terroristen, ihr Umfeld. Warum werden weitere Anschläge gelingen? Weil hinter den Terroristen Tausende von Helfern stehen? Sicher haben die Terroristen Helfer. Wie viele das sind, weiß keiner. Allen Schätzungen fehlt die Tatsachenbasis.

Das war schon so, als ich mir amtlich über das Problem Gedanken zu machen hatte. Heute ist es nicht anders. Es gibt aber Indizien, aus denen zu schließen ist, daß die Terroristen in kleinen, isolierten Gruppen agieren.

Ein solches, wie mir scheint, gravierendes Indiz trat nach dem Buback-Mord hervor. Bei der Tat war ein Suzuki-Motorrad benutzt worden, das ein junger Mann einige Tage vorher in Düsseldorf gemietet hatte. Die Angaben des Vermieters halfen, einen der Täter zu identifizieren. Hätten die Mordplaner über einen Kreis von Helfern verfügt, so wäre die Maschine wohl von einem solchen gemietet worden, der mit der Tat nicht das Geringste zu schaffen haben sollte.

Nein, die Morde sind nicht gelungen, weil »die Terrorszene wieder Tritt gefaßt« hat, wie eine Zeitung ("Münchner Merkur") Ostern 1977 sprachdumm schrieb, sondern:

Terrorakte können ungestört geplant und frech ausgeführt werden, weil die Täter aus kleinen Gruppen von Fanatikern bestehen, in die Staatssicherheitsbeamte nur anfänglich in Berlin (Festnahmen Mahlers und Baaders) haben eindringen können.

Lengries (Bayern) DR. GÜNTHER NOLLAU

* Nollau war von 1972 bis 1975 Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

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