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MANAGER / ZIMNIOK Mitunter Nervenkrieg

aus DER SPIEGEL 43/1969

In Augenblicken der Bedrängnis, wenn Münchens Oberbürgermeister von seinen Stadträten wegen kommunaler Baukostenüberschreitungen attackiert wird, verläßt sich Hans-Jochen Vogel auf eine stereotype Formel: »Es gibt ja schließlich auch Gegenbeispiele, so bei unserer U-Bahn.«

Zumeist gewinnt der Oberbürgermeister damit Luft. Denn den Rathaus-Parlamentariern sind die Erfolgsmeldungen aus dem lokalen U-Bahn-Referat geläufig: Bahnhof Münchner Freiheit in 24 statt der vorgesehenen 30 Monate gebaut; Bahnhof Dietlindenstraße mit 8,1 statt der verplanten 10,4 Millionen Mark ausgeführt; Rohbau des Olympia-Bahnhofs in nur zwölf statt 20 Monaten fertiggestellt, für nur 7,4 von kalkulierten 8,1 Millionen Mark.

Hamburgs Baudirektor Gerhardt Riedel staunte: »In München baute man in zwei Jahren, wozu man in Hamburg sechs Jahre brauchte.« Man baute zudem so billig wie nirgendwo sonst bei der öffentlichen Hand: Die Vorausschätzung der Münchner U-Bahn-Planung von 1963 ist bis heute lediglich um 2,3 Prozent überschritten worden.

Verantwortlich für dieses Wunder ist Klaus Zimniok, 47, aus dem niederschlesischen Greiffenberg, den das Kriegsende gen Westen verschlagen hatte. Zimniok brauchte nur sechs Semester, um -- in Erlangen -- den doctor iuris utriusque gleich magna cum laude zu machen. Innerhalb des nächsten Jahrzehnts bewältigte er die Beamtenlaufbahn bis zum Oberregierungsrat, schrieb vier Rechtskommentare, die als Standardwerke gelten, und ließ über 100 weitere juristische Veröffentlichungen erscheinen.

1960 sprach ihn ein anderer Rechtskundiger an: Hans-Jochen Vogel von der SPD warb den parteilosen Zimniok für die Münchner Stadtverwaltung. Der Greiffenberger, für den sich gerade auch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof interessierte, entschied sich für Vogel -- der noch nicht Oberbürgermeister war und mitten im Wahlkampf stand.

Zunächst betätigte sich Zimniok stadtplanerisch. 1963 diktierte er binnen einem halben Jahr seiner Sekretärin ein sechsbändiges und siebeneinhalbpfündiges Werk »Untersuchung zur Entwicklung der Massenverkehrsmittel in der Landeshauptstadt München«. Der damalige zweite Bürgermeister Georg Brauchle: »In Indien würde er als Schreibmaschine wiedergeboren.«

Zimnioks sechster Band enthielt die komplette U-Bahn-Planung. Damit war Münchens dringlichstes Problem gelöst, Zimniok avancierte zum U-Bahn-Referenten und »begann mit sechs Personen, Sekretärin und Boten inbegriffen«.

Doch mochte der einstige Ministerialbeamte keinesfalls nach den vertrauten kameralistischen Regeln wirtschaften. Er erfand die »Münchner Tunnel-Gesellschaft mbH« (MTG), in die alle Finanziers (zunächst Land und Stadt, später auch der Bund) ihre Mittel einzahlten. 1966 hatte Zimniok drei Jahresbeiträge zu je 45 Millionen Mark abkassiert, aber nur einen Bruchteil davon ausgegeben. Es war die Zeit der Rezession: Banken verweigerten Kredite, die öffentliche Hand zog ihre Aufträge zurück, Baufirmen gingen zugrunde. Doch Zimnioks MTG hatte -- nach der Behörden-Haushaltsordnung undenkbar -- an die 100 Millionen gehortet.

Bauunternehmer, die vor Zimnioks Türe anstanden und meinten, sie hätten es mit einem Bürokraten zu tun, gerieten an einen alerten Manager, dem sie in Spezialfragen der Geologie, der Grundwasserabsenkung, der Hydraulik, der offenen oder der bergmännischen Bauweise nichts vormachen konnten. Kühl nahm der MTG-Chef ihre Kalkulationen auseinander und murmelte beiläufig, er habe gehört, andere Firmen könnten es billiger. Zimniok heute: »Preisdrückerei -- den Ausdruck schätze ich nicht. Aber auf so eine Art Nervenkrieg lief es mitunter schon hinaus.«

Im Nervenkrieg vergab Zimniok 1966 seine riesigen Rohbau-Aufträge -- jeweils gleich über mehrere Jahre und zu Festpreisen. Er sparte auch, indem er selber für Millionen Materialien einkaufte. Denn: »Falls sich irgendwo ein Auftrag abzeichnete und ich Stahlprofilträger sofort bestellte, lagen sie bereits da, wenn die Submission abgewickelt und zugeschlagen war.«

Damit erwirtschaftete er nicht nur Zeit, sondern zugleich die Verdienstspanne für Materialien, die sonst der Bauunternehmer einsteckt. Und: »Auf diese Weise konnten sich auch kleinere Firmen an den Wettbewerben beteiligen, die normalerweise die Millionen für die Materialien nicht aufzubringen vermochten.«

Kleine aber schaffen zuweilen billiger. Zimniok genießerisch: »Da war ein Los in der Innenstadt, zwei Arbeitsgemeinschaften großer Firmen bewarben sich darum etwa zum gleichen Preis, außerdem ein kleineres Unternehmen, das mit 6,5 Millionen weniger auskommen wollte, dessen technische Voraussetzungen jedoch möglicherweise nicht genügten.« Es begann eine gerüchtereiche Nervenschlacht à la Zimniok, und alsbald löste sich aus einer der Arbeitsgemeinschaften ein potenter Riese, um sich mit dem Zwerg zu verbünden. Zimniok: »Es war erreicht, mit der Technik des Großen und zum Preis des Kleinen -- 6,5 Millionen auf einen Schlag gespart.«

Was Zimniok an Geld nicht gerade benötigt, wandert an die Börse -- mitunter 60 oder 80 Millionen Mark. Gelegentlich erwischte er Achtprozenter und noch bessere Papiere -- die gleich drei bis vier Millionen Zinsen im Jahr einbrachten.

Seine unkonventionelle Wirtschaft sicherte Jurist Zimniok so gründlich ab, daß noch niemand seine Bücher beanstanden konnte. Ausdrücklich lobte der Präsident des Bayerischen Obersten Rechnungshofes, Gotthard Brunner, MTG und U-Bahn-Bau vor dem Münchner Landtag.

Eigene Überlegungen brachten Klaus Zimniok eines Tages auch zu der Überzeugung, daß die MTG eigentlich von der Mehrwertsteuer befreit werden müsse, und die Finanzbehörden sahen das ein: 24 Millionen bereits abgeführte Mehrwertsteuer werden der MTG demnächst rückerstattet.

Als etliche Passagen im Personenbeförderungsgesetz des Bundes dem Münchner Referenten für seine Lokalbahn nicht angemessen erschienen, brachte der Vorsitzende des Arbeitskreises »Rechtsfragen im unterirdischen Bahnbau« des Deutschen Städtetags Zimniok es fertig, das Bonner Parlament ("Man hat so seine Wege") lautlos zu entsprechenden Änderungen zu bewegen.

Den Bau-Manager, der über ein finanzielles U-Bahn-Volumen von 895 Millionen Mark gebietet, füllt das alles freilich nicht aus. Als Lehrbeauftragter an der Technischen Hochschule München liest er über Bauverwaltungsrecht und Bauvertragsrecht, als Dozent an der Hochschule für politische Wissenschaften lehrt er »querbeet durch alle rechtlichen Gebiete, um nicht berufsblind zu werden«.

An seinen Wochenenden schließlich arbeitet er Vorträge aus, schreibt über juristische Themen und hält seine Kommentare auf dem laufenden. Mitunter vergnügt den vorwiegend heiteren Niederschlesier lautes Kreischen: Zimnioks Eigenheim beleben neun Papageien aus Afrika und Brasilien.

Haben sich Vater, Mutter, Sohn und Tochter Zimniok an den Abendtisch gesetzt, erheben sich aus dem Schoß des Münchner U-Bahn-Referenten die fünfviertel Meter langen Echsen »Tejus« und »Teja« und langen nach Hack mit Ei. Der sparsame Zimniok: »Sie sind recht verwöhnt.«

Sieht er fern, ringeln sich neben ihm zwei Pythonschlangen ("Ohne Rufnamen, Pythons hören ja nicht"). Zwischendurch zieht es Zimniok zu seinem Terrarium« in dem 20 Nattern züngeln.

Doch beanspruchen Pandekten und Reptilien Klaus Zimniok durchaus nicht so sehr, daß er nicht als Nothelfer einspringen könnte, wenn die Landeshauptstadt nicht mehr weiter weiß. Nachdem der Umbau des Stachus, eines der verkehrsreichsten Plätze Europas, in der Regie des städtischen Baureferats zum kommunalen Eklat gediehen war, die Kostenanschläge aus den Fugen gerieten und alle Zeitpläne durcheinanderkamen, wurde das Projekt zu Zimnioks U-Bahn-Referat geschlagen.

Die Erstphase seiner Untergrundbahn (16,16 Kilometer) muß Zimniok bis zu den Olympischen Spielen im Sommer 1972 erledigt haben. Mit den nächsten Stadien hat er bis zu seiner Pensionierung zu tun. Wie die Vergangenheit ist längst auch die Zukunft bewältigt: »Eine fehlgeleitete U-Bahn-Strecke ist nicht schlimm. Spätestens in zehn Jahren liegt sie richtig.«

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