Zur Ausgabe
Artikel 2 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kommunikation MOBILTELEFONE - Klassenkampf am Handy

Noch ist das UMTS-Handy, das in Zukunft in jeder Hosentasche stecken soll, so groß wie zwei Kühlschränke. Mit großem Aufwand sucht die Branche nach Anwendungen für die neue Technik, die - auf handliches Format geschrumpft - das Leben am Netz lebenswerter machen soll.
Von Jürgen Scriba
aus DER SPIEGEL 12/2001

In der Zukunft wäre mir das nicht passiert: Um halb fünf aufstehen, zum Flughafen fahren, nur um zu hören, dass während der Nacht bei der Flugzeugwartung ein Problem aufgetaucht ist und sich der Start um zwei Stunden verzögern wird. Das hätte mein Wecker doch gewusst und mir den Schlaf gegönnt.

Ich wäre auch nicht auf die Idee gekommen, in Nizza einen Mietwagen zu reservieren: Das Buchungssystem hätte mich gewarnt, dass die Odyssee über die Flugplatzbaustelle zum Autovermietersammelparkplatz länger dauert als die Fahrt ans Ziel. Und erspart geblieben wäre mir auch das halsbrecherische Manöver, ein knappes Dutzend dicht befahrener Spuren vor der Autobahnmautstelle zu durchkreuzen auf der Suche nach dem einzigen Bezahlhäuschen, das Scheine annimmt - mein Handy hätte die Gebühr per Funkimpuls entrichtet.

Vielleicht fand der »3GSM World Congress«, eine jährliche Leistungsschau der Mobilkommunikation, vergangenen Monat nur deshalb in Cannes statt, damit den Teilnehmern die Unzulänglichkeiten der unvernetzten Welt noch einmal eindrücklich vor Augen geführt würden.

»3G« - die dritte Generation der Funknetze - macht das Leben lebenswerter, lautete die zentrale Message der Schau, verkündet von zahllosen Postern auf der Palmenallee an der Riviera: »3G heißt Showbiz«, lächelten Models für Nokia von den Plakaten. »Die mobile Internet-Revolution ist etwas ganz Alltägliches«, behauptete die Firma Ericsson mit Bildern von entspannten Sandalenträgern. Das widerspricht sich zwar, aber meint wohl dasselbe: 3G muss sein.

Die Branche steht unter Hochspannung. Allein die 3G-Netzbetreiber in Deutschland haben jeder rund 16 Milliarden Mark für die Funklizenzen hingeblättert. Ähnliche Summen werden sie in die Technik stecken müssen, damit die zugehörigen Funknetze Realität werden. Nun darf kein Tag mehr ungenutzt verstreichen, bis die erste Mark mit den neuen Mobilfunkdiensten verdient werden kann.

Wie Erzählungen aus dem Schützengraben klingen die Geschichten von den endlosen Verhandlungen, in denen die diversen Telekommunikationsgremien erfolglos versuchten, sich auf einen einheitlichen Standard für das künftige Funksystem zu einigen: wie die Amerikaner das Verfahren »CDMA 2000« gegen das europäische »W-CDMA« in Stellung brachten, wie UMTS dann doch die Option »TDD« enthielt, wie »Edge« und »HSCSD« die schnelle »Migration« zur nächsten Technologiegeneration erleichtern sollen.

Das Messefernsehen in Cannes macht sich den subversiven Spaß und fragt die Fachbesucher nach Übersetzungen der ins Kraut geschossenen Akronyme. »GPRS? - das heißt global - äh ...«, stammelt einer in die Kamera, und die Wissenden vor dem Bildschirm klopfen sich auf die Schenkel. Wie die geheimnisvolle Technik im Detail funktioniert, ist aber auch nicht so wichtig, denn das Handy der Zukunft, versichern die Techniker, werde dank ausgefeilter Software mit jedem dieser Verfahren irgendwie zurechtkommen. Auf jeden Fall wird in den nächsten Jahren mit diversen Zwischenschritten, großen und kleinen Umbaumaßnahmen das Netz geknüpft, dessen Krönung UMTS heißt, das universale mobile Telekommunikationssystem, das schnöde »Telefon« zu nennen eine Beleidigung wäre.

Auserwählte dürfen die neuen UMTS-Handys schon bewundern. Mit den schicken Geräten aus der Werbung - chromglänzenden Puderdosen mit Bildschirm oder handschmeichlerischen Lifestyle-Objekten, die an Erotikhilfsmittel erinnern - hat die real existierende Technik derzeit wenig gemein. »Vorsicht, mit zwei Personen anheben!«, steht auf dem roten Warnaufkleber, der in Cannes das Siemens-Mobiltelefon ziert: Zwei kühlschrankgroße Schaltkästen, 70 und 80 Kilogramm schwer, bergen die nötige Elektronik.

»Das ist ganz normal«, versichert Siemens-Sprecher Florian Kreutz, »unsere ersten D-Netz-Handys waren doppelt so groß.« Zur Cebit gibt es vielleicht schon Telefone im Kofferformat zu sehen, und in einem Jahr wird der Inhalt jedes Elektronikschranks auf zwei bis drei Chips geschrumpft sein.

Eines der Schranktelefone rumpelt auf einem Kleintransporter durch die Altstadt von Cannes, ein weiteres ist an Bord einer Yacht installiert, die immer wieder vom Pier hinter der Kongresshalle ins Meer sticht. »Da kann keiner mehr behaupten, es wären irgendwo Kabel versteckt«, erläutert Kreutz. Im Kreditkartenformat ruckeln drahtlos übertragene Videobildchen über die PC-Monitore, die an die Telefonkisten angeschlossen sind. Mit verwischten Bewegungen winken die Bootsfahrer in die Kamera, Besucher am Messestand halten kleine Plüschfrösche in die Linse.

Dass die Mobilfunkfirmen im Milliardentaumel der Lizenzjagden gern verkündeten, mit dem Handy der Zukunft könne man fernsehen, lässt Experten nur die Köpfe schütteln. Die dazu erforderlichen Datenübertragungsraten von mehreren Megabit pro Sekunde wird UMTS nur in so genannten Picozellen erzielen, Funkstrecken über einige Meter, zum Beispiel auf einem Firmengelände. In gut ausgebauten Großstadtnetzen wird das Dreifache der ISDN-Geschwindigkeit zu erreichen sein, am Rand der gut versorgten »Hot Spots« deutlich weniger.

Was sich damit anfangen lässt, wird derzeit fieberhaft untersucht. Nokia denkt an Rund-umdie-Uhr-Nachrichten und allgegenwärtige Börsenticker. Ebenso könnte beim normalen Telefonieren ein Foto des Anrufenden auf dem klingelnden Telefon erscheinen. Auch die Zielgruppe hat Nokia schon definiert: »Wohlhabende ungeduldige 20-bis-30-und-ein-bisschen-Jährige.«

Damit die neuen Dienste funktionieren, müssen die Funknetze gründlich umgekrempelt werden. Während heutige Handys beim Druck auf die Wahltaste eine Verbindung zum Gesprächspartner herstellen, werden 3G-Geräte »always on« sein: Nach dem Vorbild des Internet tauschen sie ständig Datenpakete mit dem Netz aus. So könnte das Telefon zum Beispiel die in der Umgebung geltenden Busfahrpläne auf mögliche Verspätungen hin überwachen.

In einem komplexen Bit-Ballett verschmelzen Handys und Funkstationen zu einem elektronischen Organismus. Je nach örtlicher Benutzerballung »atmen« die Funkzellen und verteilen die Datenkapazität zwischen den Anschlusssuchenden - ein technisches Abenteuer, dessen Ausgang sich theoretisch kaum vorhersagen lässt.

»City on Air« heißt das Projekt, mit dem Siemens die Möglichkeiten demonstriert: Auf dem Display des Handy-Simulators erscheint ein Stadtplan von Cannes, ein kleines Symbol markiert die Position des verirrten Fremdlings. Auf Wunsch erscheinen Markierungen für Bars, Restaurants oder Boutiquen, ein Knopfdruck führt zur mobilen Website der Etablissements, und auch den Aufenthaltsort von Freunden, mit denen man sich spontan zum Kaffee verabreden könnte, verrät die elektronische Karte. Diverse Einstellmenüs ordnen das Big-Brother-Spiel: Wer zählt als Freund? Wer darf wissen, wo ich bin?

Nokia preist das 3G-Handy als »Life Management Tool«, als universelles Werkzeug der Lebensbewältigung. Auf die guten alten SMS-Textnachrichten, von denen im August vergangenen Jahres weltweit neun Milliarden verschickt wurden, folgte schon bald die »MMS«, die Multimedia-Nachricht, die etwa den Urlaubsgruß mit einem Schnappschuss vom Badestrand anreichert. Die Marktforscher hätten zudem ein Bedürfnis nach dem »rich call« ausgemacht, einem Telefonanruf, der zum Beispiel zwanglos in ein interaktives Bildschirmspiel übergeht.

Wie das aussehen soll, bleibt vorerst geheim. Siemens kann immerhin zeigen, wie es der Oktoberfest-Navigator 2002 den Gaudi Suchenden erlaubt, auf die HandyDisplays ihrer Freunde kleine Postkärtchen zu schicken, die je nach individueller Disposition liebesrote Lebkuchenherzen oder überschäumende Maßkrüge darstellen.

Die Köpfe der Marketingstrategen rauchen, denn die neue Infrastruktur schafft auch neue Möglichkeiten der »Vergebührung«. Bezahlt wird künftig nicht mehr nach Gesprächsdauer, sondern nach übermittelter Informationsmenge. Eine wichtige Botschaft könnte teurer sein, mobile Werbung hingegen umsonst. Vielleicht sponsert Coca-Cola das Flirten auf einem Rockkonzert, vielleicht ist die Stauvorhersage in der Rushhour besonders teuer.

»Heute sind wir am Telefon alle gleich«, meint Kreutz, »aber das wird sich ändern.« Schließlich könne heute ein Pubertierender dem Vorstandsvorsitzenden die Funkkapazität streitig machen. Im 3G-Netz dagegen kann der Nadelstreifenträger den Premiumtarif bezahlen und mit garantierter Bandbreite Milliarden an der Wall Street verschieben, während der Minderbemittelte mit Economy-Qualität vorlieb nehmen muss - Klassenkampf im 21. Jahrhundert.

Ein heikles Thema für die Netzbetreiber: Solche Tarifmodelle könnten zwar helfen, die Großinvestitionen wieder einzuspielen, aber vielleicht verärgern sie den Telefonnachwuchs, für den sich laut Nokia-Studie das Mobiltelefon zum »Personal Trusted Device« entwickelt, zum Elektronikteil seines Vertrauens, das als »Erweiterung des Selbst« das Auto entriegelt oder dezent für die Bezahlung der Waren sorgt, die sich der Impulskonsument lustvoll aus dem Warenregal greift.

Zur Cebit werden GPRS-Handys vorgestellt, die im Technikerslang zur Generation 2.5 zählen. Designer werden die Elektronik in Hightech-Formen gießen, und wieder werden Bewegtbilder über die Displays ruckeln, auch wenn Branchenkenner schon heute wissen, dass Video nicht die »Killerapplikation« der Mobiltelefonie sein wird.

»Aber was sollen wir tun«, seufzt einer, »wie kannst du sonst Bandbreite sichtbar machen?« Ein anderer bekennt: »Ich lege eigentlich keinen Wert darauf, dass mich morgens nach dem Aufstehen oder auf dem Weg ins Büro übers Handy jemand anguckt.« Zum Glück haben die meisten Designstudien ein praktisches Feature: eine kleine Plastikklappe, die die Handy-Kamera abdeckt, wenn man unbeobachtet telefonieren will. JÜRGEN SCRIBA

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel