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I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN: 2. Auflösung der Kolonialreiche Modell Habsburg?

Von Brigitte Hamann
aus DER SPIEGEL 47/1998

Von Brigitte Hamann

Der Staat der Habsburger hat längst, wenn auch in Miniaturform, Victor Hugos Traum der ''Vereinigten Staaten von Europa'' verwirklicht.« Dieser Satz des Kronprinzen Rudolf wird heute in Österreich gern zitiert nach dem Motto: Die Europäische Union tue gut daran, sich den multinationalen Habsburgerstaat als Modell zu wählen.

Es wäre ein bizarres Modell. Die Donaumonarchie war um 1910 der zweitgrößte Staat Europas, mit über 50 Millionen Einwohnern: Deutschen, Ungarn, Tschechen, Polen, Ruthenen, Slowaken, Serben, Kroaten, Slowenen, Italienern und Rumänen. Der Staat bestand seit 1867 aus zwei sich immer weiter voneinander entfernenden Teilen, Cisleithanien (Österreich mit Nebenländern) und Ungarn.

Da sich die Nationen auf keinen gemeinsamen Namen einigen konnten, schon gar nicht auf den deutschen Namen Österreich, wurde dieser merkwürdige Staat meist »Doppelmonarchie« oder »k. u. k. Monarchie« genannt. Er hatte zwei Hauptstädte, zwei Ministerpräsidenten, zwei Außenminister, zwei Parlamente und als Klammer eigentlich nur Franz Joseph I., der von Wien aus als Kaiser in Deutsch zu seinen Untertanen sprach und als ungarischer König von Budapest aus in Ungarisch. Doch Deutsche wie Ungarn, die sich seit 1867 die Macht teilten, stellten jeweils nicht mal ein Viertel der habsburgischen Bevölkerung.

Während die Ungarn alle Minderheiten, insbesondere die Slowaken und die Südslawen, hart zu magyarisieren suchten, kam es in Cisleithanien zu einem immer aggressiver werdenden Nationalitätenkonflikt. Vor allem die kraß benachteiligten Tschechen kämpften erbittert um mehr Rechte. Der nationalistische Zeitgeist, der ganz Europa beherrschte, drohte das multinationale Donaureich von innen zu zersprengen. Die vielgelobte Völkerharmonie, so es sie jemals gab, wich einer wachsenden Aggressivität aller gegen alle.

Eine Staatskrise löste die andere ab. Der verzweifelte Versuch des Kaisers, die Nationalitätenkämpfe einzudämmen, brachte 1906 die Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts für Männer in Cisleithanien. Das neue, weitgehend demokratisch gewählte Parlament wertete die nichtdeutschen Völker auf und minderte damit den Einfluß der Deutschen. Das wiederum verschlimmerte die nationalen Rivalitäten. Da die meisten Landtage bereits wegen fortwährender Krawalle geschlossen waren, entluden sich nun alle nationalen Konflikte im Wiener Parlament.

In dem hellenistischen Prachtbau an der Ringstraße gab es Schreiduelle, Prügeleien und Faustkämpfe. Tintenfässer flogen, Kindertrompeten kreischten mit Donnermaschinen aus dem Theater um die Wette.

Nationalistische Lieder wurden gegrölt, natürlich auch »Die Wacht am Rhein«, das Lieblingslied der Deutschnationalen, die für den Anschluß an das Hohenzollernreich waren. Außerdem öffnete eine absurde parlamentarische Geschäftsordnung den Krakeelern Tür und Tor: Da Cisleithanien keine Staatssprache hatte, durfte jeder Abgeordnete laut Grundgesetz in seiner Muttersprache reden. Doch die Stenographen protokollierten nur in Deutsch, und Dolmetscher gab''s nicht. Dieses Tollhaus-Parlament kannte zudem keine Redebeschränkung, so konnten unverständliche Dauerreden - ob in Ruthenisch, Slowenisch, Kroatisch oder wie auch immer - die Parlamentsarbeit über Wochen blockieren.

Die Gesetzgebung stockte. Rasch wechselnde Regierungen versuchten es mit Notverordnungen, immer wieder mit Schließung des Parlaments und Neuwahlen. An der Wiener Ringstraße sammelten sich Arbeitslose und Invaliden zu Demonstrationen gegen die Verschleppung der Sozialgesetze in einer Zeit großer Teuerung und beschimpften die Parlamentarier.

Unter den zahlreichen Wienern, die im Parlament von der Galerie aus das skandalöse Treiben wie im Theater miterlebten, war auch der 19jährige Adolf Hitler. Hier erhielt er eine einprägsame Lektion, wie Demokratie nicht funktioniert. Er sah dies als Beweis dafür, daß eben den »Sklavenvölkern« nicht dieselben Rechte gebührten wie dem »deutschen Herrenvolk«.

Die vielbeschworene, aus der Geschichte erwachsene Brückenfunktion der Österreicher zwischen Ost und West ist mithin ein Mythos. Wie wäre sonst zu erklären, daß laut Umfragen heutzutage der Nationalismus in Österreich stärker ist als in den anderen europäischen Staaten ebenso wie der Fremdenhaß? Eine breite Volksstimmung gegen die EU-Osterweiterung macht deutlich, daß die gemeinsame Geschichte offenbar weniger die Solidarität stärkt als vielmehr alte Feindschaften offenlegt.

Übrigens ist das eingangs zitierte Wort des Kronprinzen Rudolf unvollständig. Denn der reformfreudige Thronerbe meinte im Nachsatz, daß der Vielvölkerstaat »im liberalen Sinn Harmonie und Gleichgewicht sichern müßte«. Das aber gelang nie. Der gegen sein eigenes Haus rebellierende einzige Kaisersohn resignierte. Zermürbt vom Kampf gegen Nationalismus, politischen Katholizismus und Antisemitismus, erschoß der 30jährige sich und seine 17jährige Geliebte Mary Vetsera im Januar 1889 in Mayerling.

Hamann, 58, Historikerin in Wien, Biographin von Sisi und Kronprinz Rudolf, Autorin von »Hitlers Wien«.

DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DES SOZIALEN WANDELS; VI. ... DER MEDIZIN; VII. ... DES KAPITALISMUS; VIII. ... DES KOMMUNISMUS; IX. ... DES FASCHISMUS; X. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; XI. ... DER MASSENKULTUR; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND

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