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REGIERUNG »Möglichst nützlich sein«

Fußballfieber und Saar-Patriotismus werden Verkehrsminister Reinhard Klimmt wohl einen satten Strafbefehl einbringen. Belässt Kanzler Schröder den Teamspieler dennoch im Kabinett?
Von Petra Bornhöft, Ulrich Deupmann und Wilfried Voigt
aus DER SPIEGEL 44/2000

Reinhard Klimmt braucht kein Manuskript, als er die schwarzafrikanischen VIPs zum Nationentag Nigerias auf dem Expo-Gelände offiziell begrüßt. Aus dem Stand hält der heimatverwurzelte Sozialdemokrat vergangenen Donnerstag in Hannover eine Eloge auf die Blüte der nigerianischen Hochkultur, als »bei uns nur Sümpfe waren«. Ein halbes Dutzend nigerianischer Stämme zählt er dem staunenden Publikum auf. Klimmt ist Kenner afrikanischer Geschichte, sein Haus in Saarbrücken zieren afrikanische Masken und Bronzeskulpturen.

Dies ist ein Vormittag, an dem der Bundesminister für Verkehr und Wohnungsbau sein Amt mal wieder Spaß macht. Für einen Moment scheint der Saarländer sogar die nagende Vorstellung zu vergessen, die ihn seit Wochen umtreibt: dass seine Tage als Minister gezählt sein könnten.

Das Schicksal des 58-jährigen Berufspolitikers liegt in den Händen der Koblenzer Staatsanwaltschaft. Spätestens Mitte November will sie das Ergebnis ihrer 13-monatigen Ermittlungen gegen Klimmt wegen »Beihilfe zur Untreue« bekannt geben. In Justizkreisen ist die Rede von einem Strafbefehl in Höhe von 90 Tagessätzen, also in etwa drei Netto-Monatsgehältern.

Wenn Klimmts Anwälte die Ermittler nicht noch in letzter Minute gnädiger stimmen, wird dem Minister eine Affäre zum Verhängnis, zu welcher der Begriff »Untreue« am allerwenigsten passt. Im Gegenteil, fanatische Treue zum Fußballverein 1. FC Saarbrücken trieb Klimmt, vor einigen Jahren persönliche Prinzipien wichtiger zu nehmen als Recht und Gesetz.

Seit 1962, als er als 20-jähriger Geschichtsstudent im Saarland heimisch wurde, pilgert Klimmt in den Ludwigspark, das Saarbrücker Fußballstadion, »und auch meine Frau Christa war schon als kleines Mädchen beim 1. FCS«. Als dem Zweitligaclub 1995 die Profi-Lizenz verweigert wurde und der Konkurs drohte, fühlte Klimmt sich in jener Pflicht, die ihm sein Vater, ein Dorfschullehrer aus der Nähe von Osnabrück, eingeschärft hatte: »möglichst nützlich zu sein«.

So übernahm der SPD-Fraktionschef im Saarbrücker Landtag, allen Warnungen seiner Parteifreunde zum Trotz, den Vorsitz des maroden Clubs. »Mit bloßen Händen habe ich den Verein aufgefangen«, sagt Klimmt. »Wir fanden zuerst nicht einmal eine Bank, die uns ein Konto eröffnen wollte. Bei einem Konkurs drohte der Absturz bis in die Kreisliga.«

Klimmt trieb Mitstreiter auf und gewann Klaus Meiser, damals CDU-Bürgermeister von Quierschied, heute saarländischer Innenminister, als Vizepräsidenten. Klimmt: »Wenn wir den Wiederaufstieg in Angriff nehmen wollten, mussten wir den Verein aus parteipolitischen Diskussionen heraushalten.«

In der »Saarbrücker Zeitung« brachte Klimmt die Stimmung im deutsch-französischen Grenzland auf die Formel: »Über alle Empfindlichkeiten und Rivalitäten hinweg gibt es bei uns im Saarland doch eine übergeordnete Solidarität, die Gräben zuschüttet.« Nach dem Zechen- und dem Stahlwerkesterben hätte der Untergang des 1. FCS »verheerende materielle und vor allem psychologische Folgen« gehabt, beteuert er: »Da hängt einfach alles dran bei uns.«

Im Saarland, wo beinahe jeder mit jedem beim Fußball oder Skat verkehrt, traf Klimmt auch Hans-Joachim Doerfert, den Präsidenten des Regionalliga-Konkurrenten Eintracht Trier. Doerfert verdiente sein Geld als Chef der Caritas-Trägergesellschaft Trier (CTT). Seit über einem Jahr sitzt er in Untersuchungshaft und muss sich vor der Wirtschaftsstrafkammer des Koblenzer Landgerichts wegen Untreue zu Lasten der CTT in Höhe von 20 Millionen Mark verantworten.

Klimmt und Doerfert waren einander in vielerlei Hinsicht nützlich. Sie tauschten sich über die Gehälter ihrer Spieler aus und verhinderten, dass die Kicker sie bei Vertragsverhandlungen ausspielten. Auf Drängen von Klimmt und CDU-Mann Meiser, so Doerfert, habe er den klammen Saarbrückern auch finanzielle Unterstützung angeboten. Die laut Satzung »selbstlose« und »mildtätige« CTT überwies Klimmts Club zwischen 1996 und 1999 in monatlichen Raten insgesamt 614 991 Mark.

Weil die Caritas-Trägergesellschaft als gemeinnützige Vereinigung keine Sportvereine finanzieren darf, tarnten die Unterhändler von CTT und 1. FC die Sponsorengelder als Beratervertrag. Darin verpflichtete sich der Fußballclub, den Krankenhausträger CTT, der 40 medizinische und soziale Einrichtungen betreibt, »physiotherapeutisch« und »sportmedizinisch« zu beraten.

Das war eine Luftnummer. Vor Gericht räumte der Ex-Caritas-Chef ein, die Förderung der Saarbrücker Konkurrenzkicker sei ihm herzlich gleichgültig gewesen. Ihm sei es darum gegangen, Fürsprecher in der Politik für die Anliegen der CTT zu bekommen, die im Saarland mehrere Kliniken betreibt. Klimmt und sein CDU-Kollege Meiser seien »Nothelfer und Türöffner« gewesen. Doerfert half dem kulturbegeisterten Klimmt zudem bei der Völklinger »Prometheus«-Ausstellung, mitorganisiert von der Stiftung Industriekultur, mit einem Zuschuss von 348 000 Mark aus der CTT-Kasse. Das Geld floss aber nicht direkt, sondern über die SPD-Wahlkampfagentur.

Tatsächlich machte sich das Engagement für ihn bezahlt, berichtete Doerfert vor Gericht. So habe er den drohenden Bettenabbau in den CTT-Kliniken im SPD-regierten Saarland in letzter Minute abgewendet. Klimmt hatte ihm »von jetzt auf sofort« Termine beim Staatssekretär und bei der zuständigen Sozialministerin besorgt. Die gynäkologische Abteilung in der CTT-Klinik in Lebach durfte den Betrieb fortsetzen.

CTT-Vorstandsmitglied Bernhard Veit belastet Doerfert und Klimmt in einem als »streng vertraulich« deklarierten Vermerk der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG schwer. Im »Gegenzug« für die CTT-Zahlungen an den 1. FC Saarbrücken habe das Saarland »auf die geplante Bettenkürzung verzichtet«. Diese »Gegenleistung« sei »nur mündlich vereinbart worden«.

Klimmt weist jede Einflussnahme bei den Krankenhäusern von sich. Er habe »in gutem Gewissen und mit bester Absicht gehandelt«. Über die »rechtliche Gestaltung« der Beraterverträge mit der CTT sei er »im Einzelnen nicht informiert« gewesen. Er sei doch Historiker, kein Jurist.

Klimmt gab sich wohl unwissender, als er war. Die Koblenzer Ermittler stellten Dokumente sicher, aus denen hervorgeht, dass der SPD-Politiker stets in die Verhandlungen mit der CTT eingeschaltet war. So faxte Klimmt, laut Geschäftsverteilungsplan des Fußballclubs für Marketing und Sponsoring zuständig, den Entwurf des ersten Beratervertrags am 8. Januar 1997 an einen 1.-FCS-Manager.

Damit sieht die Staatsanwaltschaft als erwiesen an, dass Klimmt auch wusste, dass die Vereinbarung auf den 1. Juli 1996 zurückdatiert war. Grund der Manipulation: Die CTT hatte bereits Abschlagszahlungen an den 1. FCS geleistet.

Klassischer Fall von »Saar-Filz": Freunde in Not erfahren Hilfe, ohne dass zunächst jeder Paragraf im Gesetzbuch gewälzt wird. So verschwimmen politisch-moralische Grenzen. Klimmt wehrte sich nicht, als dankbare Bürger ihm wertvolle Skulpturen und antiquarische Bücher schenkten oder eine üppige Geburtstagsfeier ausrichteten.

Die fortwährenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gehen Klimmt an die Nieren. Nie hätte der Sozialdemokrat sich träumen lassen, wegen seines damaligen Vorgehens mit der Justiz in Konflikt zu geraten. Immer hat er sich als Mannschaftsspieler und Brückenbauer verstanden.

Klimmt ist bodenständiger Regionalpolitiker. Ausflüge in die weite Welt unternimmt er vorwiegend mit Hilfe seiner 15 000 meist antiquarischen Bücher. Ins »Reich«, wie sie im Saarland bis heute sagen, und dann noch in die Hauptstadt, wagte er sich als Bundesverkehrsminister nur mit einem Trupp Vertrauter aus Saarbrücken. Ein Mann, der stolz die Protokolle aller SPD-Parteitage gesammelt hat und nach 36 Jahren Parteialltag inbrünstig erklärt, die SPD sei »Quelle der Kraft und ein Kompass« - so einer kann sich unter den trendigen Dampfmachern kaum heimisch fühlen.

Klimmt weiß, dass er im Fall Doerfert einen schlimmen Fehler gemacht hat. Auf Fragen dazu gibt er sich ausgesprochen kleinlaut. Doch wiegt für ihn die prinzipielle Rechtschaffenheit gegenüber einem zum Untergang verurteilten Club, an dem die Herzen seiner Klientel hingen, »der kleinen Leute an den Resopaltischen«, schwerer. »Vom Grundsatz her würde ich mich in einer vergleichbaren Situation wieder genauso verhalten wie damals«, erklärt er daheim in Saarbrücken. Und nur weil das im »Reich« nicht gut ankommt und er gern Bundesverkehrsminister bliebe, redet Klimmt in der Hauptstadt etwas anders: »Mit dem Wissen von heute würde ich es natürlich nicht noch einmal so machen.«

Natürlich hat er mit Kanzler Schröder schon das Rücktrittsszenario durchgespielt, falls ihn der Strafbefehl der Koblenzer Ermittler ereilt. Seine Verteidigungslinie lautet: »Das hat nichts mit meiner Amtsführung als Verkehrs- und Bauminister zu tun, ich war damals Vereinsmeier und Abgeordneter im Saarland.«

Schröder will sich nur vor Klimmt stellen, falls der Strafbefehl und die Reaktion von Opposition und Presse milde ausfallen. Ansonsten stünde Wirtschaftsstaatssekretär Sigmar Mosdorf bereit. Die CDU, hofft Klimmt, werde schon stillhalten - schließlich hängen auch die Christdemokraten mit dem saarländischen Minister Meiser und einer nicht deklarierten Parteispende von insgesamt 51 000 Mark im rheinland-pfälzischen CDU-Landesverband mit in der Doerfert-Affäre.

Klimmt fürchtet den erzwungenen politischen Vorruhestand, wie ihn sein einstiger bester Freund Oskar Lafontaine erleidet. »Ich bin jemand, der sich mit seinem Leben der Politik verschrieben hat«, sagt er. »Ich ziehe den Karren, solange der Karren es will.«

Vielleicht nur noch ein paar Tage.

PETRA BORNHÖFT, ULRICH DEUPMANN,

WILFRIED VOIGT

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