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RUSSLAND »Mörder der ,Kursk'«

Moskaus Admiräle logen: Die Besatzung des untergegangenen Atom-Unterseeboots »Kursk« war nicht sofort tot. Der volle Text des aufgefundenen Abschiedsbriefs wurde zurückgehalten. Über die Ursache des Unglücks gibt es immer neue Gerüchte.
Von Jörg R. Mettke
aus DER SPIEGEL 44/2000

Im Morgengrauen lichteten das Rettungsschiff »Altai« und das Vermessungsschiff »Deschnjew« ihre Anker. Unter der Küste suchten sie im Sturm Schutz vor Wellen, die bis zu fünf Meter hoch schlugen.

Aber es war auch wie die Flucht vor der furchtbaren Nachricht aus einem Meeresgrab: der soeben gemachten Entdeckung, dass nach der Havarie des russischen Atom-U-Boots »Kursk« am 12. August dieses Jahres wenigstens 23 der 118 Menschen an Bord überlebt hatten - für ein paar Stunden wohl, bis sie erstickten.

Über dem Meeresgrab der »Kursk« blieb am vorigen Donnerstag die norwegische Rettungsplattform »Regalia« zurück und dicht dabei das Flaggschiff »Admiral Tschabanjenko« der russischen Nordmeer-Flotte. Fünf Tage lang hatten norwegische und russische Taucher in gut hundert Meter Tiefe unter der »Regalia« arbeiten können.

Die hoch spezialisierten Gastarbeiter schweißten am Heck der »Kursk« ein Einstiegsloch in die titanharte, mit kaum trennbarem Gummi überzogene U-Boot-Haut. Ins Wrack eindringen durfte danach nur der russische Marine-Taucher Sergej Schmygin.

Ehe er kurz nach Mitternacht von Mittwoch zu Donnerstag auf die Plattform zurückbefohlen wurde, weil es in dem von Bodenwellen durchgerüttelten Schiffsrumpf zu gefährlich wurde, hatte Schmygin außer drei weiteren Toten den Leichnam des Kapitänleutnants Dmitrij Kolesnikow geborgen. Der hatte die Turbinengruppe im siebenten Segment befehligt.

In seiner Hosentasche fand sich der Abschiedsbrief an Olga, die er erst ein Vierteljahr zuvor geheiratet hatte: »Es ist 13.15 Uhr«, stand auf dem aus einem Heft gerissenen Blatt. Alles Personal aus den Segmenten 6, 7 und 8 habe sich in das neunte Segment begeben. Und: »Es sind 23 Leute hier. Wir haben diese Entscheidung nach dem Unfall getroffen. Keiner von uns kann nach oben aussteigen.«

Der Kassiber aus dem Totenboot schließt mit der Feststellung »Ich schreibe blind« und einer noch nicht enträtselten Zahlenangabe: 13.5.

Das bedeutet: In völliger Dunkelheit nach dem Ausfall des elektrischen Notsystems erwarteten die Überlebenden Hilfe, die nicht kam, oder den Tod. Es brannte an Bord, auch die Luftfilterung versagte, denn die Taucher maßen hernach nur noch acht bis neun Prozent Sauerstoff, sonst nur Kohlenmonoxid und Kohlendioxid.

Doch der vom Stabschef der Nordflotte bekannt gegebene Text ist nur ein Fragment des Kolesnikow-Zettels. Dessen Rückseite ist mit noch unbekannten Mitteilungen an seine Ehefrau beschrieben. Dort soll auch stehen, dass einige der Eingeschlossenen doch noch den Versuch unternommen haben, das Boot durch die Not-Ausstiegsluke zu verlassen.

Damit wird nun endgültig die Version eines jähen Erlöschens allen Lebens auf der »Kursk« hinfällig, mit der sich die russische Admiralität mehr als zwei Monate lang herausgeredet hatte. Nach anderthalb Wochen hilfloser Rechtfertigungsversuche hatte die Moskauer Marineführung erst am 18. August zwei Explosionen an Bord des Unglücksbootes eingeräumt. Die seien so stark gewesen, dass alle Besatzungsmitglieder »binnen zwei Minuten umkamen«.

Für viele Hinterbliebene war diese Botschaft vom angeblich raschen Tod ein Trost. Hatte unmittelbar nach der Katastrophe die Mehrzahl der Angehörigen noch kompromisslos und in leidenschaftlichen Ausbrüchen auf einer Bergung der Leichen bestanden, so war in den letzten Wochen die Stimmung umgeschlagen. Immer häufiger war die Mahnung zu hören, die Ruhe der verunglückten Seeleute dürfe nicht gestört werden, das stählerne Grab auf dem Grund der Barentssee solle unangetastet bleiben und nicht auch noch das Leben von Tauchern aufs Spiel gesetzt werden.

Auch die Eltern des bisher einzigen identifizierten Offiziers Kolesnikow hatten solche Zurückhaltung gewünscht. Doch Witwe Olga redete sich ein, ihr Mann sei gar nicht tot: »In Gedanken habe ich immerzu mit ihm geredet.«

Als die Petersburgerin am vorigen Donnerstagvormittag per Telefon in den Club der U-Boot-Veteranen auf der Wassilewski-Insel bestellt wurde, hoffte sie auf die Nachricht, ihr Mann sei lebend aufgefunden worden. Stattdessen empfing sie dort die endgültige Todesmeldung.

Dmitrij, der zwei Tage vor dem Unglück 27 Jahre alt geworden war, hatte sein Schicksal womöglich geahnt. Ehe sein Boot auslief, gab er Olga seine Erkennungsmarke samt einem Silberkreuzchen, das sie nun um den Hals trägt.

Die Biologie-Lehrerin am Gymnasium Nr. 70 lebt in einer Einzimmerwohnung im Norden von St. Petersburg. Sie traut sich kaum mehr auf die Straße, um nicht auf ihre Entschädigung angesprochen zu werden - nach Börsenkurs 60 000 Mark, während die Witwen der in Tschetschenien gefallenen Soldaten leer ausgehen. Und weil auch Dmitrijs Eltern kein Geld bekommen haben, reden sie derzeit nicht miteinander. Die Witwe Kolesnikowa wünscht die Freigabe des Leichnams: »Ich will ihn noch einmal umarmen - er hat im letzten Moment auch an mich gedacht.« Wann ihr Mann starb, ist ungewiss.

Wer die anderen drei Leichen sind, durften Journalisten nicht auskundschaften: Alle zwei Stunden warnte sie das Militär übers Fernsehen, solche Recherchen würden »als Verbrechen« geahndet. Nach dem Unglück hatte die »Komsomolskaja prawda« die von der Flotte geheim gehaltene Namensliste der Besatzung veröffentlicht. Waren noch bislang unbekannte Personen an Bord?

Auch der genaue Zeitpunkt des Untergangs ist weiterhin unklar. Erst nach zwei Tagen hatte die russische Marine die Öffentlichkeit informiert - mit der irreführenden Mitteilung, die Besatzung habe am Vortag die Reaktoren abschalten und wegen technischer Defekte auf den Meeresboden tauchen müssen.

Erst weitere vier Tage später nannte der auf seine Weise abgetauchte russische Präsident das Katastrophendatum: den 12. August. Aber die genaue Uhrzeit nannten die Militärs noch immer nicht.

Die Seismografen westlicher Erdbebenstationen hatten an diesem Tage für das entsprechende Planquadrat der Barentssee um 11.28 Uhr eine Explosion registriert, eine zweite, mächtige 135 Sekunden später - und Kolesnikow schrieb womöglich kaum zwei Stunden nach dem Unglück, das die Marine erst um 23.30 Uhr protokollierte.

Nun entfacht Kolesnikows Brief dramatisch den Streit um die militärische Desinformation nach der Katastrophe. Und auch darüber, warum die Seemacht Russland weder über Technik noch über Fachleute für eine Soforthilfe verfügte, die Ankunft der norwegischen Helfer verzögerte, keine passende Drehkralle zum Öffnen der Luke besaß und ihre Experten nicht einmal sagen konnten, ob der Verschluss nach links oder rechts zu drehen sei.

Noch in der ersten Woche nach dem Desaster behauptete der Marinestab, mit der Besatzung der »Kursk« in Verbindung zu stehen. Klopfzeichen, SOS-Signale seien aufgefangen worden, Hilfsgüter und Sauerstoff bereits auf dem Wege.

Am 15. August, Punkt vier Uhr, so erfuhren die Offiziersfrauen in der Basis Widjajewo, würde die Evakuierung ihrer Männer beginnen. Und auch der Oberkommandierende Wladimir Putin ließ sich damals vernehmen: Das Land verfüge über alle notwendigen Mittel, um die U-BootFahrer aus ihrem Verlies zu befreien.

Alles war, wie sich nun herausstellt, bestenfalls Kopf- und Hilflosigkeit, wahrscheinlich aber Schwindel. Im Vaterland der Verschwörungstheorien verfilzen sich Dichtung und Wahrheit zum Untergang der »Kursk« so unauflöslich, dass eine genaue und glaubwürdige Rekonstruktion des Hergangs immer unglaubhafter wird. So behaupten Hinterbliebene, das Vorzeige-Boot sei »von Anfang an eine Missgeburt« gewesen: Die Schotten zwischen den einzelnen Segmenten hätten 40 Atmosphären Druck aushalten sollen, seien jedoch nur für eine 10-Atmosphären-Belastung ausgelegt gewesen.

Nach einer anderen Version wurde das Boot von der eigenen Flotte versenkt: Der Kreuzer »Peter der Große« habe eine scharfe Rakete auf ein feindliches Spionage-U-Boot im Manövergebiet abgefeuert und dabei auf Grund falscher Berechnungen die in Periskop-Tiefe fahrende »Kursk« getroffen. Besser als dieses Gerücht, welches der Marineführung mangelnde Wachsamkeit unterstellt, gefällt den Generälen schon die Lesart, ein neuartiges Jagd-U-Boot der Briten habe die Havarie verursacht.

Er sei »zu 80 Prozent sicher«, tönte Flottenchef Wladimir Kurojedow, »dass der Grund für den Untergang des Schiffes der Zusammenstoß mit einem ausländischen U-Boot gewesen ist«. Binnen zweier Monate, versprach Kurojedow, werde er den »Mörder der ,Kursk'« nennen können.

Der Kommandant des russischen Rettungstauchboots aber hat gesehen, dass der ganze Bug der »Kursk« weggeschlagen ist. Das passiert nicht durch eine Kollision, sondern würde eher für die Theorie von Norwegens Vizeadmiral Einar Skorgen über eine Gasexplosion an Bord sprechen (SPIEGEL 35/2000).

Gleichwohl schürt General a. D. Andrej Nikolajew, einst Kommandeur der russischen Grenztruppen und heute Vorsitzender des Duma-Verteidigungsausschusses, den Argwohn in Richtung Westen: Nicht zufällig hätten Washington und London die Bitte des russischen Parlaments abgelehnt, verdächtige amerikanische und britische U-Boote durch eine gemischte Abgeordneten-Kommission aller drei Länder inspizieren zu lassen.

Nikolajew: »Das stärkt nicht gerade das Vertrauen.« Schärfer warnt der Duma-Abgeordnete Alexej Arbatow: »Russland muss sich auf wachsende Spannungen mit dem Westen einstellen.«

Die belebt der US-Amerikaner Edmond Pope, der bei russischen Wissenschaftlern militärtechnische Informationen en gros eingekauft und sich dabei besonders für eine fortentwickelte Version des Hochgeschwindigkeits-Torpedos »Schkwal« interessiert haben soll.

Diesen Torpedo-Typ hatte die »Kursk« offenbar an Bord - und ebenso wenigstens zwei Spezialisten der Herstellerfirma in Russlands Kaukasusrepublik Dagestan, welche die neuen Raketen unter Manöverbedingungen testen sollten. Ebendiese kaukasischen Techniker lieferten denn auch den Stoff für Spekulationen über eine angebliche tschetschenische Spur.

Edmond Pope, der seine Marine-Akquisitionen im Auftrag eines Laboratoriums für angewandte Forschungen der Universität von Pennsylvania betreibt, wurde in Russland verhaftet. Er hat zugegeben, früher kurzfristig für einen US-Geheimdienst gearbeitet zu haben. In Russland jedoch sei er als Geschäftsmann gewesen, ohne jede Spionageabsicht.

In seinem Prozess wird ein Wissenschaftler aus dem Entwicklungsteam für den Torpedo »Schkwal« aussagen, Professor Genrich Uwarow. Sein Arbeitsbereich fällt in die Zuständigkeit des staatlichen Waffenhandels-Konzerns »Roswooruschenije«, der vor Jahren russische »Kilo«-U-Boote nach Iran lieferte - und womöglich nun drauf und dran gewesen sein könnte, Teheran die Nachrüstung der veralteten Submarines mit supermodernen Torpedos anzubieten.

Freilich: Mögliche amerikanische Anstrengungen, um jeden Preis an Moskaus neue Unterwasser-Waffe zu gelangen, können kaum den Unmut in Russland über militärisches Versagen, Verschweigen und Verschleppen dämpfen.

Vizepremier Ilja Klebanow schwört, auch im Lichte der neuen Erkenntnisse habe »es keine Rettungschancen für die ,Kursk' gegeben«.

Die »Kursk«-Hinterbliebene Nadjeschda Tylik setzt dagegen: Statt ihres hysterischen Ausbruchs beim ersten Angehörigen-Treffen, als ihr - auf Wunsch ihres Mannes, wie sich herausgestellt hat - eine Beruhigungsspritze verabreicht wurde, hätte sie »besser dem Admiral Kurojedow die Schulterstücke herunterreißen« sollen.

Wladimir Putin, der auf die Katastrophe im August zu spät, zu lässig reagierte, hat jetzt aber einen Trumpf: Er hatte das Bergungsunternehmen gegen alle Einwände durchgesetzt. Der Präsident kann heute für sich verbuchen, dass sonst die Wahrheit über den vielstündigen Todeskampf der allein gelassenen Männer nie offenbar geworden wäre.

Für sein nun wieder bekräftigtes Versprechen, die Aufklärung »absolut offen« fortzusetzen, hat er nur einen Gegner: sein eigenes Militär.

JÖRG R. METTKE, ANNA SADOWNIKOWA

Anna Sadownikowa
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