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INDIEN Mörderische Tradition

600 000 Mädchen pro Jahr werden nach medizinischen Geschlechtsbestimmungstests abgetrieben. Ein Bundesstaat hat das nun per Gesetz verboten.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Warscha Rani - der Name bedeutet Königin des Regens - lebt mit ihrem Mann Hans Radsch in einem bescheidenen Häuschen in Ramesch Nagar im Westen Neu-Delhis.

Hans Radsch verkauft in seiner Bleibe Reis, Zucker und Weizen und verdient damit knapp 200 Mark im Monat, ein Einkommen der unteren Mittelklasse. Seine Frau ist 35, sie haben vier Töchter, 16, 14, 10 und 5 Jahre alt, ein weiteres Kind wird erwartet - kein freudiges, eher ein furchterregendes Ereignis.

Denn das Paar ist in die Klinik des Dr. K. K. Lumba gegangen. Dessen Kunst, Gewißheit zu verschaffen, hat das Familienoberhaupt 1100 Rupien, drei Viertel seines monatlichen Einkommens, gekostet: Das Kind wird ein Mädchen.

Sein Schicksal ist ungewiß. Dr. Lumbas »Klinisches Labor und Genetik-Zentrum« nämlich bietet nicht den Service, den hundert andere solcher Labors und Privatkliniken allein in Delhi, Tausende in ganz Indien bieten: Abtreibung als Anschlußleistung für neun Mark aufwärts, wenn es ein Mädchen wird.

Seit über zehn Jahren wird in Indien, aber auch in anderen asiatischen Ländern, eine an sich segensreiche Erfindung der Labormedizin exzessiv und fast ausschließlich zu etwas genutzt, was indische Frauenrechtlerinnen drastisch selektive Abtreibung oder »female infanticide« (Mädchenmord) nennen: die Amniozentese.

Bei dieser medizinischen Prozedur wird Schwangeren mit einer Punktionsnadel durch die Bauchdecke hindurch Fruchtwasser entnommen. Eine Analyse der Zellen erlaubt die Voraussage über eventuelle genetische Schäden, aber auch über die Beschaffenheit der Geschlechts-Chromosomen.

Es ist ein Test, der vor allem in Asien häufig das pränatale Todesurteil für weibliche Babys bedeutet und dem die Mütter unter übermächtigem familiären Druck zustimmen. In Indien ist der Abortus bei ähnlichen Indikationen wie in der Bundesrepublik legal, dazu aber auch noch, wenn »Empfängnisverhütung versagt« hat.

Besonders in der traditionsgebundenen Hindu-Gesellschaft des Subkontinents - 645 Millionen von insgesamt 800 Millionen Einwohnern - gelten weibliche Nachkommen als Unglück.

Im Alter versorgen Söhne die Eltern. Ein Sohn muß es sein, der dem Hindu-Vater nach dessen Tod bei der rituellen Kremation den Holzstoß anzündet, sonst kommt der Tote nicht in den Himmel.

Töchter dürfen häufig nur essen, was am Familientisch übrig bleibt, erfahren rundherum weniger Fürsorge als Söhne. Sie gelten schlichtweg als Familienbürde dank der Mitgift, einem Brauch, der nach dem Gesetz verboten ist, aber von den meisten Hindu-Familien weiter praktiziert wird.

Anders als bei Indiens über 100 Millionen Moslems, nach deren Tradition die Bräute verkauft werden, schachern bei den Hindus die Familien-Arrangeure einer Heirat um den Preis des Bräutigams.

Und der ist so horrend, daß zwei, drei Töchter und kein einziger Sohn tatsächlich den totalen Ruin einer Familie bedeuten können: Als Faustregel gilt, daß ein männlicher Ehekandidat auf Mitgiftgaben im Wert von bis zu fünf Jahreseinkommen des Schwiegervaters in spe spekulieren darf.

Weil viele Familien die Mitgift nicht auf einmal zum Hochzeitstermin aufbringen können, Raten vereinbaren und säumige Zahler bleiben, hat Indien den traurigen Ruhm erlangt, ein Land mit einem ganz spezifischen Mord-Phänomen zu sein, dem »Mitgift-Mord«.

Tausende junger Frauen, deren Familien zahlungsunfähig sind, verbrennen jährlich beim Zubereiten einer Mahlzeit an ihren Kerosin-Kochern. Angeblich fingen ihre Saris Feuer, meist jedoch hatten Angehörige der geldgierigen Familie des Mannes die Kleider mit dem Brennstoff getränkt und angezündet (SPIEGEL 28/1980), um nach dem Tod der Frau freie Bahn zu haben für eine neue Heirat samt neuer Mitgift.

Vor diesem Hintergrund mag verständlicher werden, wenn Kliniken mit solchen Anzeigen für den pränatalen Geschlechtstest werben: »Besser jetzt 500 Rupien zahlen als 50 000 in ein paar Jahren.« Oder daß Mediziner wie K. K. Lumba keine moralischen Skrupel haben, Eltern mit Hilfe von Labortests Auskunft über das Geschlecht des erwarteten Babys zu geben.

»In dieser Gesellschaft«, so Lumba zum SPIEGEL, »setzen Väter 18 Monate alte Töchter aus, nur weil sie deren Heirat nicht finanzieren können, junge Mädchen hängen sich an der Decke auf, um ihren Vätern die Schmach zu ersparen, bei Verwandten betteln gehen zu müssen, junge Bräute werden lebendigen Leibes verbrannt. Was für ein Verbrechen begehe ich also, wenn ich sage, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?«

»Weiblichen Menschen ihre Geburt versagen«, nennt die US-Zeitschrift »The Progressive« die Folge solcher Prognosen. 50 000 Fälle von gezielter Abtreibung nach Geschlechtstests sind nach Expertenmeinung pro Jahr allein in der westindischen Elf-Millionen-Stadt Bombay vorgenommen worden.

Deshalb hat im vorigen Jahr die Bundesregierung des Staates Maharaschtra, dessen Hauptstadt Bombay ist, als erster indischer Bundesstaat ein Gesetz erlassen, das die Amniozentese zum Zweck der Geschlechtsbestimmung unter Androhung von Gefängnis- und Geldstrafen stellt.

Erlaubt ist nur noch, nach eventuellen genetischen Schäden zu forschen. Frauen, die sich dem Test unterziehen, müssen mindestens 35 Jahre alt sein, oder der Verdacht, das erwartete Kind könne krank oder deformiert sein, muß begründet werden.

Die Regierung in Maharaschtra, wo knapp zehn Prozent der indischen Bevölkerung leben, bietet ihr Gesetz als Modell für ganz Indien an. Seit Monaten wird ein solches Vorhaben in Neu-Delhi geprüft.

In der Hauptstadt selbst kommt es nach Schätzungen der prominenten Familienplanungsexpertin und Gynäkologin Ragini Dschain zu noch mehr Mädchen-Abtreibungen nach Labortests als in Bombay. In ganz Indien, schätzt sie, gibt es 600 000 Parallelfälle pro Jahr.

Die Methode der Amniozentese, glaubt der Gynäkologie-Professor Wira Hingorani vom Medical Research Centre in Neu-Delhi, »wird die weibliche Bevölkerung weiter dezimieren, deren Anteil ohnehin rückläufig ist«.

Indien ist schon lange eines der Länder der Welt mit dem niedrigsten Frauenanteil an der Gesamtbevölkerung, mit weiter sinkender Tendenz. 1901 kamen auf 1000 Männer 972 Frauen, jetzt sind es nur noch 933.

Der Segen wissenschaftlichen Fortschritts prallt jetzt auf fatale Traditionen und wird ironischerweise Instrument zum Rückschritt in brutale Denk- und Handlungsmuster, die mancher städtische Inder überwunden glaubt, die es aber nicht sind.

Bis heute sorgt der Fall eines Provinz-Abgeordneten der in Indien regierenden Kongreß-Partei für Schlagzeilen. An Bridschendra Singh, 37, Mitglied des Parlaments des nordwestlichen Bundesstaates Radschasthan, war aufgefallen, daß es in dessen 300 Köpfe zählender Familie seit drei Generationen keine weiblichen Nachkommen mehr gab.

Eine von der Opposition beantragte regierungsamtliche Untersuchung erbrachte vor wenigen Tagen das streng vertrauliche Resultat: »Es kam ans Licht, daß es in Bridschendra Singhs Familie seit langer Zeit Tradition ist, Mädchen zu töten«, er selbst habe zwei Töchter gehabt, die letzte vor zwei Jahren. Kurz nach der Geburt waren sie tot.

Ein Reporter der Zeitschrift »India Today« hatte sich, vom Verdacht gegen den Singh-Clan angeregt, im vorigen Herbst in weit abgelegene Wüstendörfer Radschasthans aufgemacht und war mit niederschmetternden Zahlen und Erkenntnissen nach Delhi heimgekehrt.

Beim Stamm der Bhati im Distrikt Dschaisalmer ist das Verhältnis von Frauen zu Männern - vermutlich der Weltrekord - 550 zu 1000. Im zusammenhängenden Pulk von einem guten Dutzend Dörfern mit 10 000 Einwohnern leben nur 50 Mädchen, alle unter zehn Jahren, ein Hinweis darauf, »daß die Tradition sich erst kürzlich wandelte und nicht mehr alle Bhati ihre Töchter umbringen«.

Im Flecken Deora besuchte der »India Today«-Mann die Schule mit 175 Kindern. Dschajwant Kanwar, 9, war dort die einzige Bhati von insgesamt nur zwei Schülerinnen. Sie sei die »Inkarnation einer Göttin«, sagten die Dorfbewohner, die sich ihre Frauen seit Generationen von außerhalb holen, »sonst wäre sie den Weg der anderen gegangen«.

Der Weg der anderen, laut »India Today": Kommt ein Mädchen zur Welt, verläßt die Hebamme fluchtartig den Ort. Andere Frauen setzen die Mutter unter Druck, das Neugeborene noch vor dem ersten Schrei mit einem Sandsack zu ersticken.

Hilft das nicht, folgt eine Todesdosis Opium. Versagt die Droge, wird das Kind erwürgt. Viele Mädchen, so der Bericht, verdankten ihr Leben einzig dem Umstand, daß die Mutter, die das Kind töten muß, nach der Geburt stundenlang bewußtlos war.

Nur Dorflehrer hätten sich bislang gegen diese »mörderische Tradition« gewandt. Sie setzen auf Aufklärung durch Kontakt mit der urbanen Zivilisation. Der Pädagoge Rewat Singh: »Wir brauchen eine Straße und eine Busverbindung. Die Menschen werden in die Städte fahren und eine andere Welt erleben.«

Aber in eben dieser anderen Welt der Städte greift das Grundübel der Mädchenverachtung, die Mitgift-Praxis, immer weiter aus. Die Familien des neuen indischen Mittelstandes überbieten sich gegenseitig in Preisen für junge Männer, die Mitgift ist eine Prestigefrage selbst noch in der westlich orientierten Oberschicht.

Die meisten nach höherem Lebensstandard und mehr Komfort strebenden Städter leben in kleinen Wohnungen. Wenn sie ihre Kinderzahl bereitwillig auf zwei, drei einschränken, findet jede Methode Zustimmung, die Aussicht auf wenigstens einen Sohn verspricht.

Indiens Frauenrechtlerinnen werden nicht müde, gegen die Amniozentese-Praxis zu demonstrieren. Kürzlich haben sie sogar den Industriegiganten Tata dafür gewonnen, in einer Anzeigenkampagne in den großen englischsprachigen Blättern des Subkontinents gegen die Geschlechtstests vorzugehen. Die Annonce zeigt eine bezopfte Puppe mit abgetrenntem Kopf. Text: »Zum Tode verurteilt. Für schuldig befunden, ein Mädchen zu sein.«

Das in Maharaschtra erlassene Gesetz könnten Bombays Frauen als Erfolg feiern, doch sie sind skeptisch. »Unsere Angst war, die Amniozentese-Mediziner würden einfach nur in den Untergrund gehen«, sagt Wibuthi Patel, eine Leiterin des Frauenzentrums in Bombay, »aber das Gesetz hat so viele Lücken, daß sie das nicht einmal nötig haben.«

Auch der Frauenheilkundler Scharad Gogate, der in Bombay viele der jetzt illegalen Tests vorgenommen hat, meint, es würde sie geben, solange die Inder sie haben wollen.

Gogate war auf einer Fachkonferenz in Bonn Angriffen von Kollegen ausgesetzt, die sich schockiert zeigten von der indischen Amniozentese-Nutzung. Er hielt ihnen entgegen: »Sie können Ihre Normen nicht auf unsere übertragen. Unsere Gesetze sind geändert worden, aber was haben wir unternommen, unsere sozialen Einstellungen zu ändern?«

Selbst wenn das Geschlechtstest-Verbot im Staat Maharaschtra respektiert würde, verspricht ein neuerlicher wissenschaftlicher Fortschritt sohnfixierten Hindu-Ehepaaren Erfolg.

In Bombay hat sich 1986 eine von insgesamt 50 weltweit existierenden Ericsson-Kliniken niedergelassen, die nach einem Patent des US-Biologen Ronald Ericsson Wunschkinder produzieren: Das Sperma des Mannes wird mittels einer Ultrazentrifuge in die unterschiedlich schweren X-Chromosomen (für Mädchen) und Y-Chromosomen (für Jungen) getrennt. Die Empfängerin wird dann je nach Wahl künstlich befruchtet.

Das kostet etwa 1000 Mark, gut dreimal soviel wie das jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Indien. Doch Bombays Klinikchef Dewen Mehta ist um Kundschaft nicht bange: »Besonders seit hier die Amniozentese verboten ist, wird die Nachfrage hochschnellen.«

Die Feministin Patel findet beides mörderisch: »Die sozialen Implikationen einer Auswahl nach Geschlecht sind verheerend«, sagt sie. Und: »Es steht nichts anderes auf dem Spiel als das Überleben der Frauen.«

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