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»Mohammed selbst war schließlich Kapitalist«

SPIEGEL-Redakteur Wolf-Dieter Steinbauer über den Iran im fünften Kriegsjahr *
Von Wolf Dieter Steinbauer
aus DER SPIEGEL 37/1985

Vormittag in Teheran. Durch die Straßen des Basarviertels im Süden der Zehn-Millionen-Stadt schieben sich die Autos, Stoßstange an Stoßstange. Vor den Häusern der Pulsschlag orientalischer Geschäftigkeit.

Es hat den Anschein, als gebe es wieder die alte Normalität, Alltag. Ist die Gefahr eines wirtschaftlichen Infarkts durch den revolutionären Islam, durch fanatische Mullahs überwunden?

In aller Gemütsruhe bekräftigt der Händler Abbas, sein ganzes Interesse gehöre dem Verkauf von Türbeschlägen, Wasserhähnen und Schraubenziehern - alles andere kümmere ihn nicht.

Plötzlich knattern Polizisten auf schweren Motorrädern heran, riegeln die Straße ab. Aus der Ferne dringen Trompetentöne, werden lauter, überlagern den Straßenlärm.

Schnell läßt Abbas das eiserne Gitter vor seinem Laden aufs Pflaster Knallen, rammt die Verriegelungen seiner Haustür fest. Auch nebenan schlagen Türen, rasseln Gitter.

Soldaten in Marineuniform marschieren auf, ihren verbeulten Blasinstrumenten entlocken sie eine Art Trauermarsch, dissonante, schrille Töne.

Es ist ein wilder Trauerzug, der da vorüberzieht, kein Abschied von Verstorbenen, der als würdig zu bezeichnen wäre. Hinter den Musiksoldaten stoßen bärtige junge Männer unablässig die Fäuste gen Himmel, schreien »Marg bar Amrika« - Tod Amerika.

Böse mustern sie die Zuschauer am Straßenrand, und die stimmen auch sogleich in die Verdammungsrufe ein, verfluchen Amerika sowie Saddam Hussein, den Präsidenten des Kriegsgegners Irak, auch die Sowjet-Union, alles, wozu die Marschierer auf der Straße den Ton angeben.

Ihnen folgen Verwandte der Toten, die Gesichter vom Weinen geschwollen. Sie halten die Bilder zweier schnurrbärtiger, an der Front gefallener Jungen hoch, im Sprachgebrauch des Regimes Märtyrer. Ihre Körper werden am Ende des Zuges in schmutzigweißen Tüchern mitgeführt.

Sobald der schaurige Zug vorüber ist, sind zu beiden Seiten der Straße im Nu Türen und Läden wieder offen, Händler und Kunden wieder nur vom Geschäft besessen. Es ist, als sei eine dunkle Wolke weitergezogen.

Teheran im Sommer 1985: Die islamische Revolution macht eine Atempause.

Die Stadt, die in den vergangenen sieben Jahren fast ständig von der Eruption gewalttätiger Leidenschaften erschüttert wurde, hat ihren Alltag wieder.

Ferne Vergangenheit scheinen die blutigen Exzesse der Gefolgschaft des neuen Heilsbringers Chomeini, der mit unnachsichtiger Härte daranging, den Staat Allahs auf Erden zu zimmern.

Ungezählte Tausende von echten und nur vermuteten Mullah-Gegnern starben durch die Kugeln der Hinrichtungskommandos. Noch mehr wurden in die berüchtigten Gefängnisse gepfercht, wo viele noch immer einsitzen - ohne Chance auf irgendein Verfahren, geschweige denn auf ein faires.

Heute hat das Regime seinen Würgegriff sichtbar und spürbar gelockert. Zurückgepfiffen sind jene Banden junger Eiferer, die noch vor einem Jahr willkürlich Personen auf offener Straße festnahmen, Frauen als »Prostituierte« mit dem Rasiermesser anfielen, wenn sie islamischen Kleidervorschriften nicht genügten, an Männermündern schnupperten, um Alkoholdunst festzustellen.

Ganz gewiß lebt es sich heute in Teheran nicht unfreier als in Bagdad, der Hauptstadt des Gegners Irak. Und gewiß geht es auch weniger frömmelnd zu als etwa jenseits des Golfs in Saudi-Arabien. Die Stimme des Muezzins ist zu den Gebetszeiten in Teherans breiten Avenuen nirgends zu hören. Niemand verrichtet auf offener Straße seine Andacht.

Sollte den Mullahs plötzlich am Herzen liegen, die Qualität des Lebens zu verbessern, es auf ein weltliches Niveau der Erträglichkeit für jedermann zu liften?

»Die Mullahs«, urteilen westliche Diplomaten, »sind nicht anders geworden,

aber es gibt andere Prioritäten.« Die drückendste Last für den Iran ist der Krieg mit dem Nachbarn Irak, der das Land bis heute mehrere hunderttausend Opfer gekostet hat.

Auf ihn konzentriert sich der religiöse Eifer der Mullahs, sie haben keine andere Wahl, als den Gegner zu besiegen - sonst würden sie schiitischem Selbstverständnis widersprechen. »Ihr Christen«, sagt ein Geistlicher, »versteht uns Schiiten nicht, weil es Teil eurer Philosophie ist, die andere Wange darzubieten. Wir aber schlagen zurück, immer und immer wieder.«

Solch kriegerischen Geist wachzuhalten ist zur Zeit das vorrangige politische Ziel im Iran. Alles andere muß diesem Anliegen untergeordnet werden.

Vor allem wollen die Mullahs den Gedanken fest im Volk verankern, daß der Tod nicht nur im westlichen Sinn »süß und ehrenvoll« ist, sondern geradezu Ziel des Lebens. Nirgendwo ist diese Ideologie so sehr zu spüren wie auf dem Heldenfriedhof der Nation, auf dem Behescht-i-Sahra in der südlichen Teheraner Vorstadt Rey. Er wurde gewissermaßen seelischer Mittelpunkt der Nation, die seit bald fünf Jahren Krieg führt.

Viele Quadratkilometer sind inzwischen von Gräberreihen bedeckt, immer neue, von Sträuchern umsäumte Gevierte, je 10 000 Gräber, werden angelegt.

Trauernde und fromme Schaulustige kommen täglich zu Tausenden, in Bussen, zu Fuß. Im älteren, etwas beschaulicheren Teil des Friedhofs, unter schattigen Bäumen und Sträuchern, sitzen Großfamilien beim Picknick. Über Gasflammen brutzeln Fleischstückchen in der Pfanne, kocht das Teewasser.

Offenkundig genießen sie, was der Friedhofsalltag an Abwechslung bietet: eine junge Frau, die sich schreiend neben die Leiche ihres Mannes ins offene Grab wirft und von den Verwandten herausgezerrt werden muß, ein gebeugter Mann, der vor Kummer zusammenbricht.

Der berühmte Blutbrunnen, dessen gefärbtes Wasser über Betonstufen herabrinnt, ist heute nur noch zeitweilig in Betrieb - wenn sich genügend Gläubige an den Grabfeldern der berühmten Märtyrer eingefunden haben.

Zu jenen prominenten Toten zählt der Ajatollah Beheschti, ehemals Mullah in der Hamburger Moschee. Er war 1981 mit 73 anderen bei einem Bombenanschlag der Volksmudschahidin ums Leben gekommen. Bewegt küssen junge Männer seinen Grabstein.

Der Märtyrer-Ideologie der Mullahs entspricht es, das Leben, das dem gottgefälligen Tod vorangeht, nicht unnötig zu erschweren, die Bereitschaft zum Widerstand gegen die Ungläubigen nicht etwa durch innere Unruhen auszuhöhlen.

Die Teheraner, deren weltstädtische Urbanität ohnehin nur unterdrückt, nie ausgerottet war, sind wieder voll aufs Leben programmiert. Wer Geld hat, wagt vorsichtig seinen Reichtum wieder zu zeigen.

Es sind erstaunlich viele Reiche übriggeblieben. Denn jenen Begüterten, die sich während der Schahzeit nicht exponiert hatten, wurde ihr Eigentum belassen. Und auch neue wohlhabende Nutznießer des Regimes schämen sich der Attribute ihres Reichtums nicht: Mullahs im Mercedes oder BMW erregen kein Aufsehen.

»Mohammed selbst war schließlich Kapitalist - ein wohlhabender Kaufmann«, weiß ein Geschäftsinhaber. Er stammt aus einer altreichen Familie und hat sich mit dem Regime nicht nur abgefunden, sondern bejaht die Ajatollah-Herrschaft voll und ganz.

Leute wie er müssen auf nichts verzichten, nicht mal auf Alkohol. Jeder weiß, daß Wagenladungen von Trauben, an den Villentoren angeliefert, gekeltert werden. Mit den islamischen Eiferern, den Pasdaran und Komitee-Mitgliedern, hat man sich stillschweigend geeinigt.

Polizisten legen manchmal sogar grüßend die Hand an die Mütze, wenn beschwipste Party-Gäste an ihnen vorbei auf die Straße treten. Diskussionen um das Thema: »Ist eine islamische Republik nicht ein Widerspruch in sich?« sind in den Kreisen des alten Geldadels beliebt, und niemand wird deswegen eingesperrt.

Im Teheran des fünften Kriegsjahres fällt auf, daß sogar geschimpft werden darf, ohne daß gleich ein Spitzel die unbotmäßigen Worte weitermeldet und die Geheimpolizei einschreitet wie in Bagdad. Dort macht sich ein Einheimischer schon verdächtig, wenn er mit einem Ausländer gesehen wird. In Teheran ist derzeit weder Fremdenhaß noch Fremdenfurcht zu spüren.

Die islamische Republik ist sich ihrer selbst sicher geworden. Sie steht offenbar zu fest, als daß sie befürchten müßte, von einzelnen Querulanten erschüttert zu werden. Im Gegenteil: Wer schimpft, schimpft innerhalb des Systems, stellt es nicht in Frage.

Dennoch sind Pasdaran und andere revolutionäre Islam-Eiferer wachsam geblieben. Als ein westlicher Besucher zu dem ehemaligen Außenminister Jasdi vordringen wollte, der zur legalen Opposition gehört, wurde er sogleich von Polizei umringt und lange befragt. Jasdi durfte ihn nicht empfangen.

Noch immer verschwinden Menschen ohne Prozeß, ja, ohne daß auch nur die Behörden wüßten, wer das Opfer in Gewahrsam hat. Rund zehn verschiedene islamische Organisationen, so behaupten westliche Diplomaten, sind auch heute noch berechtigt, zu verhaften, wen sie wollen.

Wer sich indessen um Politik nicht kümmert, kann relativ unangefochten leben. Unter diesen Umständen entsteht gar so etwas wie eine neue Urbanität in Teheran: Elegante Boutiquen bieten modische Kleidung und Toilettenartikel an. Ihre Auslagen könnten in jeder westlichen Großstadt bestehen.

Inzwischen haben Teherans Frauen auch gelernt, mit unendlicher Vorsicht auf der Linie islamischer Sittsamkeit genau bis zur Grenze dessen zu gehen, was die Mullahs noch eben als schicklich tolerieren.

Statt im tristen, die ganze Gestalt einhüllenden Tschador wagen sich immer mehr Frauen im bunten Hedschab auf die Straße. Sie verhüllen kaum noch die Gesichter, in denen oft die sorgsame Arbeit mit Lippenstift, Wimperntusche und Rouge zu sehen ist.

Manche Iranerin findet eine solche Aufweichung islamischer Sitten beklemmend: »Der nächste Rückfall kommt bestimmt«, fürchtet eine ehemalige Lehrerin, die unter dem Tschador unverkennbar westliche Jeans trägt. »Bald werden wieder Pasdaran und andere Mitglieder der verschiedensten Komitees Jagd auf uns Frauen machen.«

Für eine gewisse Zeit pflegt nach solchen Rückschlägen die Teheraner Weiblichkeit

unter dem Tschador zu verschwinden, bis das Spiel von neuem beginnt und die ersten es wieder wagen, ein buntes Tuch zu tragen und der Öffentlichkeit einige Quadratzentimeter Gesichtshaut zu zeigen.

Obgleich es für Männer keine Bekleidungsvorschriften gibt, sind diejenigen, die dem islamischen Regime kritisch gegenüberstehen, leicht schon an ihrem Äußeren auszumachen: Wer glatt rasiert ist und Krawatte trägt, gehört nicht zu den Scharfmachern. Die bevorzugen den Einheitslook: Hose, verwaschenes Hemd, am Hals zwei Knöpfe tief geöffnet, und einen Stoppelbart.

Überhaupt scheint ein unrasiertes Gesicht ständige revolutionäre Bereitschaft zu signalisieren. Ehrensache, daß alle Beamten des Regimes das Rasierwerkzeug verschmähen. »Der Prophet hatte auch keinen Rasierapparat«, erklärt einer aus dem Ministerium für religiöse Führung.

Die im Glauben weniger gefestigten Iraner rasieren sich offenbar nach Opportunität: Die aus der iranischen Hauptstadt in Frankfurt ankommenden männlichen Passagiere der Iran Air sind beinahe alle wohlrasiert. Jene hingegen, die in Frankfurt auf den Flug nach Teheran warten, tragen fast ausnahmslos einen Dreitagebart.

Während der Irak seinen Bürgern schon seit langem Auslandsreisen nur in seltenen Ausnahmefällen gestattet, steht es jedem Iraner frei, sich ein Flugticket zu kaufen. Jeder Iraner hat sogar einmal im Jahr Anspruch auf ein staatliches Reisegeld von 300 Dollar, bis vor einigen Wochen betrug es noch 500 Dollar.

Im vergangenen Jahr sind rund 450 000 Iraner ins Ausland gereist, und weitaus die meisten kehrten wieder zurück. Den Staat hat das rund 100 Millionen Dollar gekostet. Regelmäßig fliegt die Iran Air ins arabische Emirat Dubai, zweimal pro Woche laufen iranische Fährschiffe das Scheichtum Schardscha an.

Angesichts derart günstiger Bedingungen stehen immer Hunderte von Iranern für Visa vor den Konsularabteilungen der ausländischen Botschaften Schlange, viele übernachten dort sogar auf offener Straße, um sich einen Platz nahe am Eingangstor zu sichern.

Am großzügigsten erteilt die festungsartig gesicherte Vertretung der Bundesrepublik an der Firdausi-Avenue Visa für Iraner: rund 450 pro Tag. »Wir sehen es gern, wenn möglichst viele Iraner in die Bundesrepublik reisen«, erläuterte ein deutscher Diplomat die Politik Bonns.

Ein deutscher Industrieller in Teheran weiß, warum das so ist. »Wir erwarten, daß der Iran in den nächsten Jahren wieder zu einem wichtigen Wirtschaftspartner der Bundesrepublik wird.«

Davon ist der Ajatollah-Staat zur Zeit noch weit entfernt. Nur wenige Prozent ihres Ölbedarfs decken die Deutschen im Iran. In der Exportstatistik der Bundesrepublik steht der Iran an 15. Stelle, beim Import an 38. Stelle. Der Ölexport ist unsicher geworden, seit die Luftangriffe der Iraker auf die Öltanker im Golf den Öltransport zu einem riskanten Unternehmen gemacht haben.

Auf maximal wieder 1,5 Millionen Barrel pro Tag schätzen westliche Fachleute den täglichen Ölexport der Iraner, 1979 erreichte er noch 2,7 Millionen Barrel. Er bringt dem Staat, nach Abzug von rund 30 Prozent für Tauschgeschäfte Öl gegen Ware, etwa 15 Milliarden Dollar ein.

Für die Kriegskosten - 300 bis 400 Millionen Dollar pro Monat - reicht das gerade aus, auch noch für den täglichen

Reis der Iraner. Für notwendige Investitionen aber fehlt das Geld.

Nicht immer sind Tauschgeschäfte Öl gegen Ware möglich. Ein Pool badenwürttembergischer Firmen verhandelt derzeit mit der iranischen Regierung über einen solchen Handel mit einem Umfang von etwa 1,3 Milliarden Mark.

Die persische Wirtschaft leidet noch immer an den Nachwehen des Umsturzes. Damals gingen die für die iranischen Bauern hochwichtigen Märkte für Trockenfrüchte, Pistazien und Rosinen verloren. Viele Exporteure flohen aus Angst vor der Zukunft ins Ausland.

Den Mullahs, die seinerzeit die Verantwortung für den Export übernahmen, war es wichtiger zu klären, zu welchen Zeiten und unter welchen Bedingungen die Arbeiten fürs Gebet unterbrochen werden sollten, als daß sie sich um die Wünsche ohnehin ungläubiger Importeure im Westen kümmerten: etwa Qualitätskontrollen, saubere Verpackung, pünktliche Lieferung.

»Fürs Marketing wird überhaupt nichts getan«, klagt ein Teheraner Kaufmann, ein gelernter Ökonom alter Schule. »Die Verantwortlichen verstehen nicht einmal die Probleme, geschweige denn, daß sie etwas zu ihrer Lösung beizutragen hätten.«

Unzufrieden sind auch die in Teheran ansässigen ausländischen Firmen. Sie müssen mit dem künstlich hochgehaltenen Kurs des iranischen Rial fertig werden, das heißt, sie sind gezwungen, Waren, die sie zu realistischen Preisen erstellen, zum etwa sechsfachen offiziellen Kurs für den Export anzubieten.

Deshalb schließen viele Auslandsfirmen ihre iranischen Niederlassungen oder beschränken sich darauf, nur noch eine Repräsentanz zu unterhalten.

Zum Ärger der Ausländer trägt auch bei, daß im Staat der Mullahs, der die »Korruption dieser Erde« vertilgen wollte, selbst nach Ansicht mancher iranischer Fachleute die Bestechlichkeit der Offiziellen auf allen Ebenen gelegentlich Ausmaße angenommen hat, die an die Zeiten des Schahs erinnern.

Wohlplacierte dicke Geldbündel ebnen die unübersichtlichen Pfade einer Bürokratie, deren Sturheit nicht mal Anweisungen von Ministern immer zu brechen vermögen. Denn riesige Scharen meist total ignoranter staatlich besoldeter Müßiggänger, die teetrinkend und rauchend in Ministerien und anderen Behörden herumsitzen, müssen wenigstens nach außen ihre Existenzberechtigung beweisen.

Sie versuchen dies durch endlose Rückfragen und Kontrollen selbst in banalen Routine-Angelegenheiten.

Vor allem aber zeigen sich Irans Beamte erfinderisch im Erheben immer neuer Gebühren. Eine beliebte Methode ist derzeit, von Auslandsfirmen ein Mehrfaches der sonst üblichen Sozialbeiträge zu verlangen.

Es scheint indessen, als ob sich inzwischen auch in Mullah-Kreisen ein etwas realistischerer Geist ankündige. Vor kurzem warnte Ajatollah Montaseri, der wahrscheinliche Chomeini-Nachfolger in der geistlichen Hierarchie, davor, den Staatsapparat allzusehr aufzublähen.

In Teheran wird von manchem Mullah als Alarmzeichen gedeutet, daß heute längst nicht in allen Läden und Gewölben des Basars ein Bild des Ajatollah hängt. Hier, unter einem riesigen Geflecht überwölbter Ladenpassagen im Süden der Stadt, schlägt der wirtschaftliche Puls des Iran. Zwischen Teppichen, Röstkaffee, Silber, Tand und Trödel wird seit je auch über Politik geredet.

Die Basari sind verstört. Bisher hatten sie freiwillige Abgaben geleistet, die nach ihrer Ansicht schon hoch genug waren. Inzwischen haben sie sich mit einem »staatlichen Recht auf Steuern in Notzeiten« abgefunden.

Notzeiten stehen offenbar bevor: Dem Industrieminister bleiben dieses Jahr für rund 4000 Projekte, von denen 1000 als »besonders wichtig« eingestuft sind, statt der benötigten 2,7 Milliarden nur 250 Millionen Dollar. Um 20 Prozent waren auch die Aufwendungen für den Import zur Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern im vergangenen Jahr gekürzt worden. Mit weiteren Abstrichen am Lebensstandard und mit einem weiteren Ansteigen der Inflationsrate,

derzeit auf über 50 Prozent geschätzt, müssen die Perser auch dieses Jahr rechnen.

Der Krieg, aber auch die Unfähigkeit der regierungsunerfahrenen Führung, so urteilen einflußreiche Iraner, sind Ursache für die wirtschaftliche Misere. Mahmud Kaschani, einer der Mitbegründer der regierenden Islamisch-Republikanischen Partei (IRP), distanziert sich von seinen Gesinnungsfreunden.

Obwohl er keine Chance besaß, bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Monat gegen Chomeinis Favoriten Chamenei zu siegen, ließ er sich vom allmächtigen Rat der religiösen Wächter nominieren.

Kaschani benutzte die Gelegenheit, seinen Landsleuten unangenehme Wahrheiten zu sagen. Unverhüllt forderte er die Rückkehr von Fachleuten in Wirtschaft und Politik. Auf die Frage, welches Regierungsmitglied nach seiner Meinung denn auf seinem Posten bleiben könne, antwortete er: »Kein einziges.«

Gewiß denkt Kaschani nicht allein so. Viele Iraner erwarten eine Machtübernahme durch Haschemi Rafsandschani, den Parlamentspräsidenten und häufigen Führer des Freitagsgebets in der Teheraner Universität.

Rafsandschanis lächelndes Konterfei ist immer öfter neben dem finsteren Gesicht des Ajatollah Chomeini zu sehen, blickt nicht nur in Amtszimmern, sondern auch in vielen Wohnstuben von der Wand. Keiner zweifelt mehr: Nächst dem Ajatollah ist er der mächtigste Mann im Iran. Rafsandschani wirkt zurückhaltend, fast schüchtern, wenn er sich einer Schar von Anhängern unvermutet gegenübersieht.

Es ist ein anderer Rafsandschani, der im Rund der Madschlis, der Volksvertretung, vor den Abgeordneten thront: unumstrittener Star in dem Saal mit seinen halbrund ansteigenden Rängen.

Geduldig lauscht er auch den langatmigsten Ausführungen eines Mullah, der die iranfreundliche Politik Syriens zwar grundsätzlich lobt, aber dennoch vor allzu niedrigen Freundschaftspreisen fürs Öl warnt.

Mit einer leichten Bewegung seiner rechten Hand winkt er einen Helfer heran, der ihm beflissen Auskünfte ins Ohr raunt. Als er nur die Fingerspitzen hebt, ohne den Handteller vom Pult zu bewegen, zieht sich der Mann sogleich mit einer Verbeugung zurück.

Sitzungspause. Lange hat eine Delegation Teheraner Lehrerinnen gewartet. Die meisten jungen Frauen haben sich wie eine Schar schwarzer Vögel in einem der Wandelgänge niedergelassen.

Die Frauen beginnen, schüchtern erst, dann immer lauter und schriller nach Rafsandschani zu rufen: »Komm, du Gepriesener des Islam, ach, komm doch nur für eine Minute«, skandieren sie. Schließlich kommt er.

Er sieht aus, als sei er vor Verlegenheit errötet. Ganz leise richtet er das Wort an seine Anhängerinnen, sucht aber den Blickkontakt eher mit den Männern im Hintergrund. In den letzten Reihen ist er nicht mehr zu verstehen.

Jedenfalls weiß keine der Frauen hinterher zu berichten, was der Herr Parlamentspräsident eigentlich gesagt hat. Doch feuchten Auges und mit entzückten Gesichtern rufen die Damen Allahs Namen ganz so, als sei ihnen zumindest der Prophetenschwiegersohn Ali erschienen.

Eine verkündet, daß nichts über den Islam gehe - in Teheran gewiß keine überraschende Erkenntnis -, eine andere erklärt, daß dank des Islam auch ein Mangel an Arzneimitteln leicht zu verkraften sei, eine neue Erfahrung immerhin.

Es scheint nicht so sehr darauf anzukommen, was Rafsandschani sagt. Wenn er spricht, beflügelt er die Phantasie seiner Zuhörer. Zu Hunderttausenden strömen die Menschen in ein scharf abgesperrtes Areal der Teheraner Universität. Aber jeder, der hier eintrifft, hat

mindestens vier oder fünf Kontrollen und Leibesvisitationen hinter sich. Sogar Kugelschreiber von Journalisten werden einbehalten, ein Kriegsversehrter muß seine Krücke auf verborgenen Sprengstoff untersuchen lassen.

Straßenweit ist Rafsandschani zu hören. Voll und kräftig und doch variationsreich in der Sprachmelodie tönt seine Stimme aus dem Lautsprecher - er verdammt gerade die Rassenpolitik Südafrikas. Die Menschen lauschen ergriffen. Schwerbewaffnete Pasdaran starren von überall her auf die am Boden Hockenden.

Rafsandschani verbreitet Optimismus. Die Radikalen glauben, er werde härter durchgreifen, sobald er die Macht übernimmt, die Progressiven und Reformer halten ihn für einen der Ihren. Die Basari und die ausländischen Geschäftsleute glauben gleichermaßen, Rafsandschani bedeute Kontinuität, »vielleicht einige Jahrzehnte Stabilität«, wie ein in Teheran ansässiger britischer Industrieller meint.

Hoch in Ansehen steht er auch bei den Soldaten. Rafsandschani trauen sie zu, daß er ein Ende des Golfkrieges findet und die Nation zum endgültigen Sieg führt.

Dahin ist der Weg noch unabsehbar weit, wie sich ausländische Journalisten gelegentlich überzeugen können. Im Gegensatz zu den übervorsichtigen Frontexpeditionen der Iraker führen ihre Gegner die Besucher in die vorderste Linie.

Seit den verheerenden Verlusten bei ihren Massenangriffen Anfang des Jahres haben sich die Iraner eine neue Strategie ausgedacht, die den Irakern offensichtlich schwer zu schaffen macht: Sie arbeiten sich in vielen kleinen Operationen, die den Namen »El-Kuds« (Jerusalem) tragen, zielbewußt durch den weit über 100 Kilometer langen Sumpfgürtel östlich des Tigris an die Straße Basra-Bagdad heran.

In den Sümpfen können die Iraker ihre Überlegenheit an schweren Waffen kaum ausspielen. Den Iranern verschafft dagegen ihre größere Kampfmoral, ihre Bereitschaft zur Selbstaufopferung, unzweifelhaft Vorteile.

Etwa 15 Kilometer hinter der Grenze macht sich ein Trupp Pasdaran fertig, auf flachen Glasfiberbooten mit Außenbordmotor zu einem vor eineinhalb Tagen eroberten Vorposten namens Elidsch hinauszufahren.

Noch während die Pasdaran ihre Boote besteigen, umkreist sie auf dem Wasser ein Motorboot, mit zwei Mullahs. Sie schwenken iranische Fahnen. »Allahu akbar - Gott ist am größten«, schreien sie und brausen dann den schmalen Wasserlauf davon, die anderen Boote folgen;

aus Richtung Front kommen andere Boote entgegen, die Mullahs begrüßen sie dann per Handlautsprecher mit einem fröhlichen »Nieder mit Amerika«. Ein einziger Tiefflieger, ein Kampfhubschrauber der Iraker, der unvermittelt über dem Schilf auftauchte, hätte ein Blutbad anrichten können.

Schließlich streichen die Geistlichen die Flaggen und unterlassen auch das Allahu-akbar-Gebrüll. Es wäre ohnehin nicht mehr zu hören gewesen, denn der Geschützlärm schwillt ohrenbetäubend an. Irakische Geschosse lassen hohe Wasserfontänen aufspritzen. Die Pasdaran in den Booten werden nervös.

Einem der Boote ist das Benzin ausgegangen. Ein Pasdaran füllt aus einem Kanister etwas Treibstoff nach. Vor Aufregung schüttet er das meiste daneben. Dann gibt der Bootsführer Vollgas. Er streift zwei Boote der Flottille.

Auf dem eroberten irakischen Außenposten Elidsch unweit der Ortschaft El-Beida haben die iranischen Eroberer Transparente angebracht, die den USA, der Sowjet-Union und Saddam Hussein den Tod wünschen.

In den schmalen Gängen der Befestigungen liegen rund 50 Leichen gefallener Iraker. Die meisten starben in ihren Unterkünften. Sie wurden im Schlaf aus kürzester Entfernung erschossen.

Einige hatten noch den Weg zum nächsten Schießstand geschafft und waren dann, die Hand an der Waffe, zusammengesunken. Hatten die Pasdaran Kampfschwimmer eingesetzt? Die Eroberer lächeln vielsagend.

Die Pasdaran haben inzwischen einen erbeuteten Granatwerfer in Richtung Iraker gedreht. Einer der Chomeini-Streiter nimmt ihn sogleich in Gebrauch, verfeuert eine Granate nach der anderen. Plötzlich kommt Antwortfeuer aus leichten Maschinengewehren.

Mit fröhlichem Allahu-akbar-Geschrei aller steigert der Granatwerfer-Schütze sein Feuertempo, so daß die Körper der Toten erbeben, als sei noch Leben in ihnen.

Die irakischen Schützen geben schließlich Ruhe. Die Pasdaran haben es nun auch eilig, wegzukommen.

Alle sind wieder bei bester Laune, als ein paar Kilometer zwischen dem Boot und der Front liegen. Von hinten knattert ein Boot mit Verwundeten auf Tragen heran, die blutige Notverbände um den Leib haben. Beide Bootsbesatzungen begrüßen sich mit dem üblichen »Allahu akbar« und »Tod für Amerika«, schwingen alles vergessend die Fäuste.

Es war unvermeidlich: Zwei Boote stoßen so heftig gegeneinander, daß die Verwundeten schreiend von den Tragbahren kippen. Um ein Haar wären beide Fahrzeuge gekentert.

Ein westlicher Beobachter: »Mit denen kann weder Allah noch Satan einen Krieg gewinnen.«

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