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AFFÄREN / BRIEFMARKENHANDEL Moneten von Meyer-Beer

aus DER SPIEGEL 44/1970

In seiner Junggesellen-Wohnung am Frankfurter Kettenhof weg gab Westdeutschlands meistgenannter Briefmarkenhändler Hartmut C. Schwenn, 29, kürzlich eine Abschiedsparty. Dann zog er sich nach Lugano/Paradiso zurück.

Als Jungmillionär hatte Schwenn oft geprahlt: »Ich halte durch meine Werbung die ganze Branche hoch und habe ihr erst ein Korsett angezogen.« Jetzt sprach er beim Abschied: »Die ganze Branche ist morsch.«

Enttäuscht legte er seinen silbernen Hammer mit dem Leitspruch »Per aspera ad astra« ("Durchs Rauhe zu den Sternen") aus der Hand. Das Zuschlag-Instrument, mit dem er auf 28 Auktionen für insgesamt 100 Millionen Mark Sammlerobjekte versteigert hatte, war ein Geschenk seines Finanzgehilfen Karl Friedrich Meyer-Beer« 39, der als Kreditvermittler für ehrgeizige, aber finanzschwache Briefmarkenhändler sein Geld machte.

Meyer-Beer wirkt seit Jahren an den Tessiner Finanzmaklerfirmen Philacredit und Teliane mit, die gegen Zinsen und Provisionen bis zu 20 Prozent Darlehen vermitteln. Zudem wurde die Kreditsumme oft nur zu etwa 80 Prozent ausgezahlt, oder die Philacredit ließ sich an dem Gewinn der vorfinanzierten Transaktionen beteiligen.

Auch Schwenn wurde nun von Meyer-Beer in die Zins-Krawatte genommen. Er bekam nach einer Pechsträhne selbst zu höchsten Zinsen keine Kredite mehr und mußte seinen ganzen Briefmarken-Handeiskonzern mut sieben Firmen und einer Holdinggesellschaft in Zürich abtreten. Wütend attackiert er Meyer-Beer jetzt mit Vorwürfen: »Seine Pokerspiele und Zinswucherei standen mir bis zum Hals. Er arbeitete ständig mit neuen Tricks.«

So endete das langjährige Zusammenspiel zweier neokapitalistischer Aufsteiger, die beide aus Ulbrichts sozialistischer DDR in den Westen kamen. Meyer-Baer war schon Anfang der fünfziger Jahre, als er noch schlicht Meyer hieß, aus dem thüringischen Arnstadt nach West-Benn übergesiedelt. Dort legte er sich den Doppelnamen zu, »der an den Opernkomponisten Giacomo Meyerbeer erinnert, obwohl ihm der Sinn mehr nach Moneten als nach Musik stand.

Als Spekulant an den Wertpapierbörsen Westdeutschlands operierte der Thüringer so geschickt, daß ihn mehrere Bankiers für ein jobberndes Naturtalent hielten. Mit Gewinn finanzierten sie seine Börsenspiele und gaben auch Geld für Briefmarken-Transaktionen und Osthandelsgeschäfte.

Der junge Multi-Geschäftsmann war derart schon saturiert, als er 1963 den aus Wernigerode geflüchteten Konditor-Gehilfen Schwenn kennenlernte. Die Tortenbäckerei hatte der Jüngling aus dem Harz nur zwangsweise erlernt, weil ihm als Sohn eines enteigneten Fabrikanten der höhere Bildungsweg verschlossen war.

Das DDR-Regime konnte Schwenn aber nicht daran hindern, sich als Philatelist zu betätigen. Vor seiner Flucht schaffte er so viel Sammlerobjekte nach West-Berlin, bis er dort 50 000 Mark auf einem Bankkonto hatte. Das Startkapital war schnell verbraucht, als Schwenn ein Briefmarken-Versandgeschäft eröffnete. Da griff ihm Freund Meyer-Beer mit Wechselkrediten unter die Arme.

Von Stund an arbeiteten die beiden Mitteldeutschen Hand in Hand. 1964 zog Schwenn in Frankfurt -- später auch in Zürich -- Auktionsunternehmen auf, deren Umsätze in Europa unübertroffen waren. Neidisch verfolgte die übrige Zunft, wie der junge Mann die ganze Branche aufmöbelte und sich dabei auch selbst immer höher hinaufsteigerte -- mit großem Werbeaufwand (zehn Prozent des Umsatzes), hochbezahlten Fachleuten, die von der konservativen Konkurrenz zu ihm überliefen, und auch mit nicht ganz feinen, aber branchenüblichen Tricks.

Noch heute wissen nur wenige Eingeweihte, daß Schwenns höchster Rekordzuschlag 1964 -- angeblich 620 000 Mark für einen Originalbogen der roten Drei-Pfennig-Marken des Königreichs Sachsen aus dem Jahre 1850 -- ein fauler Zauber war. Als ein amerikanischer Kunde, der zunächst schriftlich 550 000 Mark geboten hatte, seine Zusage zurückzog, besorgte Meyer-Beer einen Ersatzmann vom Kurfürstendamm, den Wohnungseinrichter Peter Strunk. Der Stilmöbelhändler ließ sich in einem dramatischen Bietgefecht die roten Sachsen, die zu den Perlen der Philatelie gehören, für 620 000 Mark zuschlagen. Tatsächlich liegt dieser Markenbogen noch heute in einem Banksafe als Sicherheit für einen Schwenn-Kredit.

Um auf jeder Auktion Knüller präsentieren zu können, erwarb Schwenn auf ausgedehnten Weltreisen große Sammlungen und Tausende von Spezialitäten. Bei der Vorfinanzierung half immer Meyer-Beer. Insgesamt schoß er als Bevollmächtigter der Philacredit acht Millionen Mark in Schwenns Geschäfte ein,

In seinem stürmischen Expansionsdrang kaufte Schwenn auch ganze Firmen auf -- wie das älteste deutsche Briefmarken-Auktionshaus Heinrich Köhler -- und legte sich für 1,2 Millionen Mark eine Villa am Staffelsee zu, die der Kammersängerin Erna Sack gehört hatte.

Außerdem investierte Schwenn mehrere Millionen Mark in ein neugegründetes Versandhaus »Mauritius«, das Sammler-Utensilien -- von Alben bis zu vergoldeten Pinzetten -- sowie Marken und Münzen in Katalogen offerierte. Als Briefmarken-Neckermann überhob er sich jedoch zum erstenmal. Da sich der große Lagerbestand nur langsam umschlagen ließ, warf »Mauritius« in zweieinhalb Jahren vier Millionen Mark Verlust ab.

Noch schlimmer endete seine Aktion »Briefmarken am Bankschalter«. In seiner Überschätzung der bunten Postschnitzel als Spekulationsobjekt hatte er für rund 15 Millionen Mark alle erreichbaren Sonderausgaben der ersten Nachkriegsjahre, wie Freiheitsglocke I, Berliner Gedächtniskirche, Lortzing und ERP-Sondermarken, systematisch aufgekauft.

Aus diesem Fundus stellte er Wertpapierpäckchen her, die je nach Inhalt für 500 bis 10 000 Mark an Bankschaltern angepriesen werden sollten. Schwenn gelobte schriftlich, daß die Käufer die Spezialeffekten innerhalb von zwei Jahren an ihn zurückgeben könnten, falls sie nicht die erwartete Wertsteigerung -- etwa zehn bis 15 Prozent -- im freien Verkauf erzielten.

Für jedes halbe Jahr dieser Garantiezeit wurden den Käufern drei Prozent Zinsen zugesichert. Diese Rendite war allerdings nicht mehr attraktiv, als Anfang 1970 das allgemeine Zinsniveau immer höher stieg. Nachdem mehrere Privatbanken für 1,5 Millionen Mark Schwenn-Päckchen abgesetzt hatten, stellten sie im Februar dieses Jahres den Verkauf ein.

Seinen Geldgebern hatte Schwenn für 20 Millionen Mark Briefmarken als Sicherheit in die Tresore gelegt, darunter sechs renommierten Kreditinstituten wie der Frankfurter Bank und der Hamburger Sparcasse von 1827. Schließlich aber mußte der zu schnell groß gewordene Auktionsstar dem Druck seiner Gläubiger weichen und die Firmengruppe gegen eine Abfindung von 1,5 Millionen Mark an Meyer-Beer und die Kreditgeber abtreten. Die große Schwenn-Oper zur Musik Meyer-Baer ist verklungen.

Unterdes versucht Finanzartist Meyer-Beer, den Briefmarkenkonzern auf seine Art zu kurieren: Er verkaufte das Auktionshaus Köhler in Wiesbaden für nur 200 000 Mark. Mit dem Slogan »Schwenn unter neuer Regie mit neuem Konzept« wirbt er jetzt für die nächste Frankfurter Auktion.

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